17.08.2011

Gesundheitszwang weltweit

Rezension von Günter Ropohl

Walter Wippersberg Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Freiheit und Selbstbestimmung. Diese Kulturgeschichte der Rauchverbote beleuchtet faktenreich den weltweiten Siegeszug einer vom Gesundheitsfetisch besessenen Ideologie – des Sanitarismus

Allenthalben greifen die Rauchverbote um sich. Sie werden damit begründet, dass man die Menschen vor dem „Passivrauchen“ schützen müsse, also vor dem Tabakrauch, der von Rauchern ausgeht und angeblich Tausende von Nichtrauchern tötet. Dieses engagierte Buch zeigt, dass jene Behauptung aus der Luft gegriffen ist und nur als eine Waffe im „Krieg gegen die Raucher“ dient. Walter Wippersberg, Schriftsteller, Filmemacher und Professor an der Wiener Filmakademie, hat selber erlebt, dass es diesen Krieg tatsächlich gibt. Auf einen nachdenklichen Artikel, den er 2009 in einer österreichischen Tageszeitung zum Thema veröffentlicht hatte, erhielt er Hunderte von (meist anonymen) Stellungnahmen im Internet. Wippersberg war entsetzt von der Militanz und Unduldsamkeit, die aus den Worten der Tabakgegner sprach, und so entschloss er sich, dieses Buch zu schreiben und intellektuelle Aufklärung gegen einseitige Ideologie zu setzen.

In den beiden ersten Kapiteln fasst er unter Bezug auf einschlägige Quellen die wechselvolle Kulturgeschichte des Rauchens zusammen, die sich in Europa abgespielt hat, seit der Tabak im 16. Jahrhundert aus der Neuen Welt hierher gekommen ist. Die Reaktionen waren von Anfang zwiespältig: Teils wurde das neue Genussmittel begeistert aufgenommen, und teils wurde es mit manchmal drakonischen Verboten und Strafen unterdrückt, wobei die Vorlieben der jeweils Herrschenden den Ton angaben. Als freilich die Staaten mit der Tabaksteuer eine neue Einnahmequelle entdeckten, wich die Ablehnung einer mehr oder weniger großzügigen Duldung. Allerdings gab es immer wieder Gegenbewegungen, die häufig aus genussfeindlichen, beispielsweise kalvinistisch-puritanischen Kreisen stammten. So setzte eine „Christliche Frauenvereinigung für Enthaltsamkeit“ Anfang des 20. Jahrhunderts in 14 Bundesstaaten der USA ein strenges Rauchverbot durch, das erst nach 1930 überall wieder aufgehoben wurde. Und im „Dritten Reich“ unternahm Adolf Hitler, vom starken Raucher zum kämpferischen Nichtraucher mutiert, etliche Anstrengungen, den Tabakgenuss in Deutschland abzuschaffen, ohne sich allerdings damit wirklich durchsetzen zu können; nicht einmal seine Geliebte soll er von den Zigaretten abgebracht haben.

Seit den 1970er Jahren ist nun, zunächst in den USA und dann weltweit unter der Führung der amerikanisch dominierten Weltgesundheitsorganisation (WHO), ein neuer „Kreuzzug“ ausgerufen worden; manche Protagonisten drücken das wörtlich so aus! Dieser „Kreuzzug“ wird seitdem mit allen Mitteln der Meinungsmanipulation und Interventionspolitik geführt. Wie jede Ideologie setzt auch die Tabakbekämpfung („tobacco control“) darauf, die Sprache zu erobern. Im dritten Kapitel zeigt der Autor, wie die Bezeichnungen für den Tabakgenuss planmässig verändert wurden. Was bis in die 1960er Jahre „Gewohnheit“ hiess, wurde zunächst in „Abhängigkeit“ umbenannt, um schliesslich als „Sucht“ diskriminiert zu werden; die WHO spricht inzwischen gar von einer „Epidemie“! Wippersberg bringt ernsthafte Zweifel dagegen vor, dass die Rauchgewohnheit mit so dramatischen Symptomen einherginge, wie man sie bei wirklichen Suchtdrogen (Morphium, Heroin etc.) kennt.

Hatte die Tabakbekämpfung ihre Kampagne ursprünglich nur auf blosse Meinungen gestützt, mit denen Nichtraucher gegen die Raucher aufgehetzt wurden, konnte sie ab 1980 zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen inspirieren, die beweisen sollten, wie gefährlich das „Passivrauchen“ für die Nichtraucher ist. Inzwischen kann man in wissenschaftskritischen Schriften nachlesen, dass die zahlreichen „Studien“ diesen Beweis schuldig bleiben. Misstrauen ist, so Wippersberg, schon darum angebracht, weil die statistischen Schätzungen mit Zahlenangaben aufwarten, deren Genauigkeit in krassem Gegensatz zur Unsicherheit der Datenbasis steht. So zitiert er, dass die Raucher in Österreich jährlich zusätzliche Kosten von 511,4 Millionen Euro verursachen sollen; oder, dass in Deutschland jedes Jahr (!?) 3301 Nichtraucher am „Passivrauchen“ sterben sollen. Mit derartiger Scheingenauigkeit machen sich die Tabakgegner nach Ansicht des Autors selber unglaubwürdig.

Da die „Studien“ fast nur Lebensgemeinschaften rauchender und nichtrauchender Partner untersuchen, besagen sie zudem überhaupt nichts für all die öffentlichen Orte, an denen heute mit den Rauchverboten ein angeblicher „Nichtraucherschutz“ erreicht werden soll. Wippersberg räumt ein, dass empfindliche Nichtraucher Anspruch auf abgetrennte und gut klimatisierte Bereiche haben, doch in den totalen Rauchverboten, die von den aggressiven Tabakgegnern immer wieder gefordert und in manchen Ländern längst durchgesetzt worden sind, sieht er allein die undemokratische Unduldsamkeit einer radikalen Minderheit.

Die Antitabakkampagne wäre allerdings, so Wippersberg, kaum so wirksam geworden, wenn sich nicht eine merkwürdig verengte Vorstellung von Gesundheit breit gemacht hätte, die zu einer regelrechten Ersatzreligion geworden ist, einem Sanitarismus, der dem Fetisch körperlicher Perfektion huldigt. Einst hatte die WHO auch mentales und soziales Wohlbefinden zu den Grundbestimmungen der Gesundheit gezählt, doch das haben zumindest ihre Tabakbekämpfer längst über Bord geworfen, ganz gleich, welche Lebenslust den rauchenden Menschen ihre Gewohnheit bereitet. Und sie vernachlässigen, dass die Rauchverbote mit ihrer Diskriminierung und gesellschaftlichen Ausgrenzung den rauchenden Menschen alles Andere als Wohlbefinden bescheren.

In sympathischer Selbstkritik räumt der Autor ein, dass Rauchen – nicht das „Passivrauchen“! – ein Gesundheitsrisiko ist und jeden Einzelnen vor die Frage stellt, ob er am Tabakgenuss festhalten will, auch wenn er möglicher Weise eines Tages dadurch erkrankt und auf ein besonders langes Leben verzichten muss. Wippersberg plädiert für den Genuss, und er hält es für unerträglich, dass Andere ihm das Recht auf freie Wahl streitig machen wollen. Er hat kein Verständnis für eine Politik, die aus Angst vor dem Lärm der Gesundheitsagenturen ein Drittel der Bürger systematisch in ihrer Selbstbestimmung beschränkt.

Dieses leidenschaftliche Plädoyer für die Freiheit, großartig geschrieben und gut belegt, ist allererst für Raucher bestimmt, die lernen müssen, sich gegen die Unterdrückung durch die Antitabaklobby entschieden zur Wehr zu setzen. Aber auch nicht rauchende Menschen können aus diesem Buch lernen, wie eine radikale Minderheit die öffentliche Meinung manipuliert und auf dem schlimmsten Wege ist, ihre sektiererische Ideologie der ganzen Welt aufzuzwingen. Als nächstes sind dann die Vollschlanken und die Weintrinker an der Reihe. Die Gesundheitsfanatiker denken schon darüber nach …