23.07.2014

Ernährung: Es reicht! von Werner Bartens

Rezension von Christoph Lövenich

Die um sich greifenden Ernährungsvorschriften und Gesundheitsratschläge nimmt Werner Bartens, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, in einer Streitschrift aufs Korn. Christoph Lövenich rezensiert das Buch, in dem einige zeitgenössische Mythen entlarvt werden

Wenn ein Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung eine Schrift gegen „permanenten Bevormundungsterror“, „unsinnige Vorschriften, Empfehlungen und gut gemeinte Ratschläge“ veröffentlicht, lässt das aufhorchen. Schließlich steht dieses Münchner Presseorgan nicht umsonst in dem Ruf, insbesondere auch von denen gelesen und geschrieben zu werden, die man vor ein paar Jahren mal „LOHAS“ [1] nannte und dementsprechend den neuesten Moden des Gesundheitswahns und dem Zeitgeist der moralisch auftretenden Regulierung auf dem Fuße zu folgen.

Wissenschaftsredakteur Werner Bartens aber, ein Mediziner, der schon lange den weißen Kittel abgestreift und gegen weißes Papier eingetauscht hat, profiliert sich seit Jahren als Buchautor und gelegentlicher Talkshow-Gast, der nicht mit Kritik an Missständen im Gesundheitssektor geizt und gerade im Bereich Ernährung wider den Stachel löckt. So befasst sich auch sein Büchlein, das SZ-Artikeln der vergangenen Jahre in überarbeiteter Form recycelt, hauptsächlich mit diesem Bereich. Schluss mit den falschen Vorschriften – so der Untertitel – soll eine Polemik sein, geht aber darüber hinaus, indem es auf eine seriöse wissenschaftliche Fundierung setzt.

„Salzreduzierte Ernährung birgt die Gefahr in sich, mehr Herz-Kreislaus-Erkrankungen und Todesfälle herbeizuführen.“

Dass „in Gesundheitsdingen Ideologie, Bevormundung und angebliche Wissenschaft“ Hand in Hand gehen, bringt er auf hohem sachlichen und sprachlichen Niveau auf den Punkt. In Sachen Sport weist er daraufhin, dass maßvolle körperliche Betätigung durchaus lebensverlängert wirken kann, aber: „Die zusätzliche Lebenszeit geht für das Training drauf.“ Was das Essen angeht, stellt er zu Recht fest, dass auf wissenschaftlicher Basis die Kategorien gesund und ungesund nicht fundiert angewandt werden können, ein Schlag ins Gesicht des zeitgenössischen Dogmas von den guten und der bösen Ernährungsweisen. Salz, eines der Feindbilder der sanitaristischen Ernährungsprediger, ist eher Schauplatz für „eine Art Glaubenskrieg“, als dass positive Gesundheitswirkungen durch Salzverzicht wissenschaftlich gesichert wären. Eine Salzreduzierung birgt vielmehr die Gefahr sich, mehr Herz-Kreislaus-Erkrankungen und Todesfälle herbeizuführen.

Mit Nachdruck entkräftet Bartens die „Mär“, dass der verstärkte Verzehr von Obst und Gemüse die Krebsgefahr verringere. Diese propagandistische Behauptung, wie sie etwa die „Fünf-am-Tag“-Kampagnen [2] und der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums, Otmar Wiestler, von sich gegeben haben, lässt sich angesichts des Forschungsstandes überhaupt nicht halten. Bei aller Ablehnung der „Tutti-Frutti-Krebsvorsorge“ plädiert er dennoch für „mehr Grünzeug als tote Tiere“, denn solches Essverhalten „schont das weltweite Klima und die Blutgefäße, zögert die Erderwärmung wie den Herztod heraus“. Derlei Vokabular und Argumentationsmuster passen natürlich wie angegossen ins Weltbild vieler SZ-Leser, die gerne noch bis ins höchste Alter vor dem drohenden Weltuntergang zittern möchten.

Und überhaupt lässt es sich Bartens nicht nehmen, trotz seiner berechtigten Kritik an den inflationären Ratschlägen zur Lebensführung, die auf die Menschen hereinprasseln, oft selbst solche zu erteilen. Immerhin sind diese seriöser und menschfreundlicher als die üblichen Bevormundungsversuche, wenn er etwa Entschlackung und Entgiftung des Körpers als Unfug abtut und vor den Gesundheitsgefahren des Fastens warnt. Wer unbedingt abnehmen will, sollte nach seiner Auffassung nicht modischen Diäten folgen, sondern einfach weniger essen. Als falsch hat sich für ihn dabei die Dämonisierung des Fettes zugunsten der Kohlenhydrate erwiesen, wie sie Ende des vergangenen Jahrhunderts en vogue war. [3]

„Als falsch hat sich für ihn dabei die Dämonisierung des Fettes zugunsten der Kohlenhydrate erwiesen.“

Zutreffend stellt der Autor fest, dass es unter dem Deckmäntelchen der Gesundheitsvorsorge oft nur um Moralappelle geht, und sich hinter vermeintlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Regulierungsmaßnahmen rechtfertigen sollen, mehr Glaube als Wissen verbirgt und „nur der momentane Stand des Wahnsinns, getarnt als Expertenerkenntnis“. Er räumt mit falschen Vorstellungen auf, dass Laborexperimente mit Zellen oder Tierversuche gleich auf die menschliche Lebensführung übertragbare Ergebnisse erbrächten oder dass die Verdopplung eines relativen Erkrankungsrisikos bei minimalem absoluten Risiko Sorge bereiten müsse. Die multifaktorielle Epidemiologie führt zu „unzureichenden und widersprüchlichen Studien mit zahlreichen unbekannten oder kaum messbaren Einflüssen“, auf deren Grundlage dann aber trotzdem Kampagnen und Verbote in Angriff genommen werden.

Mit diesem Hintergrund könnte Bartens sich auch des Themas Tabak annehmen, aber daran will oder darf er sich nicht trauen. Ein einschlägiger SZ-Artikel verrät, dass er sich da schon in die Pflicht hat nehmen lassen, bei etwas Abseitigem wie dem „Third Hand Smoke“ ganz unkritisch selbst Angstmache zu betreiben. [4]

Dafür nimmt er es mit dem „Fetisch“ Körpergewicht und den politischen Kampagnen gegen so genanntes Übergewicht auf. Begriffe wie Normal- oder Idealgewicht führen in die Irre, gering bis mittel Übergewichtige leben am Längsten und sind seltener krank. Bartens verweist auf Studien, die ernsthafte Risiken erst ab einem Body-Mass-Index von 30 oder sogar 35 gefunden haben. Was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1996 zum Übergewicht erklärte, nämlich einen BMI ab 25, pathologisiere somit unzählige gesunde und langlebige Menschen auf gänzlich falscher Grundlage, wogegen sich Bartens nachdrücklich wehrt.

„‚Gewichtsgegensätze‘ werden zur ‚Klassenfrage‘, wenn ‚neue Abgrenzungsrituale‘ bestimmter gesellschaftlicher Milieus wie ein auf Schlankheit bedachter Ernährungsstil politisch und medial die Oberhand gewinnen.“

„Gewichtsgegensätze“ werden zur „Klassenfrage“, wenn „neue Abgrenzungsrituale“ bestimmter gesellschaftlicher Milieus wie ein auf Schlankheit bedachter Ernährungsstil politisch und medial die Oberhand gewinnen. „Die da oben erklären denen da unten, was und wie sie zu essen haben“, stratifiziert Bartens diese Milieus. Er wendet sich gegen die Stigmatisierung und Erniedrigung Dicker, wie sie in letzten Jahren auch in der Politik hoffähig geworden sind, ohne dass sich die empirische Grundlage geändert hätte. Denn im Großen und Ganzen kann von einer durchschnittlichen Gewichtszunahme in der westlichen Welt der seit den 1990er Jahren nicht die Rede sein – weder bei Erwachsenen noch bei Kindern. Das aber ficht Gesundheitsminister und Ernährungswissenschaftler auf ihrem Feldzug nicht an.

Ferner äußert sich Bartens kritisch zum Brustkrebs-Screening und lehnt Impfgegner wie Homöopathie ab. Sein Buch enthält viele klar vorgetragene Argumente gegen den herrschenden, (pseudo-)wissenschaftlich verbrämten Gesundheitswahn und die Lifestyle-Bevormundung. Auch wenn Manches nicht sehr in die Tiefe geht oder zu kurz greift, lohnt sich die Lektüre doch, um in den vielen noch kommenden Auseinandersetzungen über diesen Themenkreis besser gerüstet zu sein.