07.09.2015

Anti-liberaler Argwohn

Rezension von Frank Furedi

Der Gedanke der individuellen Autonomie befindet sich in einer Krise. Die Angriffe auf den Individualismus sind dafür ein Symptom. Ein aktuelles Beispiel für anti-liberalen Argwohn ist das historische Werk Individualism in the United States von Stephanie Walls.

Die Idee des Individualismus hat unter anderem deshalb so viel Verwirrung ausgelöst, weil sie seit Anbeginn von ihren Gegnern definiert wurde. Tatsächlich war schon der Begriff eine Erfindung der Gegner des Liberalismus. Wie Steven Lukes in seiner Untersuchung Individualism 1 bemerkte, ist der Begriff zuerst im Französischen – individualisme – als ein Teil „der allgemeinen europäischen Reaktion auf die Französische Revolution und ihre angeblichen Quellen, die Ideen der Aufklärung aufgetaucht.“ Für die Gegner der Aufklärung diente der Begriff „Individualismus“ als Schimpfwort für den Feind.

Im Europa des 19. Jahrhunderts dominierte im konservativen und konterrevolutionären Denken die Feindseligkeit gegenüber der Vernunft und den individuellen Rechten. Der Individualismus wurde für die Zerbröckelung der traditionellen Gemeinschaften und den Rückgang der gesellschaftlichen Solidarität verantwortlich gemacht. Diese konservative Darstellung des Individualismus als engstirnige, egoistische und selbstsüchtige Anschauung, welche die Bedürfnisse anderer in der Gesellschaft ignoriert, herrscht weiterhin vor. Das Wörterbuch Oxford English Dictionary (OED) beschreibt zum Beispiel den Individualismus als „die Angewohnheit, unabhängig und selbstständig zu leben; eine Verhaltensweise, die durch das Anstreben eigener Ziele ohne Berücksichtigung anderer charakterisiert ist.“ Für den Fall, dass der Leser hier das implizite moralische Urteil überlesen haben sollte, fügt das OED hinzu, dass Individualismus „manchmal negativ mit Egozentrik oder asozialem Verhalten assoziiert wird.“

„Der Individualismus hatte weder auf der linken noch auf der rechten Seite des politischen Spektrums viele Freunde“

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es zunehmend üblich, dem aufkommenden Individualismus einige der destruktivsten Folgen der Industriellen Revolution, besonders das Auseinanderbrechen von Gemeinschaften und soziale Unordnung, zuzuschreiben. Als Auguste Comte, französischer Philosoph und Mitbegründer der Soziologie, Individualismus als „die Krankheit der westlichen Welt“ verurteilte, verlieh er damit einem Gefühl Ausdruck, das man über die ideologische Kluft zwischen Konservativen und Sozialisten hinaus teilte. Der Individualismus hatte weder auf der linken noch auf der rechten Seite des politischen Spektrums viele Freunde. Die Darstellung des Individualismus als egoistisches, unsoziales und destruktives Glaubensbekenntnis erzeugte ein ideologisches Narrativ zur Verteufelung liberaler Gedanken.

Individualismus im Land der Freien

Die Vereinigten Staaten sind die Gesellschaft, welche die Ideen des Individualismus und der individuellen Freiheit enthusiastisch aufgenommen hat. Die liberalen Ideale der individuellen Freiheit übten einen wichtigen Einfluss auf die Väter der US-Verfassung aus. Nach wie vor beruft man sich in der amerikanischen politischen Rhetorik noch auf diese Ideale und die Rechte des Individuums.

In ihrem neuen Buch Individualism in the United States untersucht Stephanie Walls, wie sich die Bedeutung von „Individualismus“ seit dem späten 18. Jahrhundert entwickelt und verändert hat. Eines der Verdienste von Walls’ Buch ist die Erkenntnis, dass die Bedeutung politischer Begriffe der historischen Veränderung unterliegt. Einige der Kernbegriffe, die im politischen Vokabular des 21. Jahrhunderts gebraucht werden – „liberal“, „konservativ“, „marxistisch“, „demokratisch“ – haben überraschend andere Bedeutungen angenommen als in der Vergangenheit. In ihrer Untersuchung über den Bedeutungswandel des Individualismus im amerikanischen politischen Denken unterscheidet Walls zwischen dem, was sie als „politischen Individualismus“, als „wirtschaftlichen Individualismus“ beziehungsweise als „sozialen Individualismus“ charakterisiert. Sie lobt die Tugenden des politischen Individualismus, die während und unmittelbar nach der amerikanischen Revolution weit verbreitet waren. Sie ist dem Aufstieg des Wirtschaftsindividualismus Mitte des 19. Jahrhunderts gegenüber jedoch entschieden kritisch eingestellt und macht den vorherrschenden Einfluss des sozialen Individualismus für die Übel des zeitgenössischen Amerikas verantwortlich. Sie folgert, dass der soziale Individualismus „der Stabilität der amerikanischen Gesellschaft schadet und dies eine nachteilige Wirkung auf die Demokratie zeitigt.“

Walls’ Geschichte der Transformation des amerikanischen Individualismus ist stark von einem der zentralen Grundsätze des antiliberalen Denkens im 19. Jahrhundert beeinflusst; nämlich von der polarisierenden Vorstellung von Individuum und Gemeinschaft. Das bedeutet, dass das Streben nach individueller Autonomie als Gegensatz zu gemeinschaftlicher Solidarität wahrgenommen wird und die individuelle Autonomie dementsprechend als ein Problem gilt, das man in den Griff bekommen muss.

Der Hauptgrund für Walls‘ Wertschätzung des politischen Individualismus liegt in ihrem Glauben daran, dass er mit dem Ideal der positiven Freiheit und deshalb mit staatlichen Eingriffen vereinbar sei. Anders als die Vorstellung von der negativen Freiheit, wonach die Menschen vor dem Eingriff des Staates in ihr Leben geschützt werden sollen, betrachtet die positive Freiheit den Staat als eine wohltätige Einrichtung, die die öffentliche Sozialfürsorge realisiert. Walls behauptet, dass die Amerikaner im späten achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts „eine positive Vorstellung der Freiheit begrüßt haben, in der die Freiheit durch staatliche Eingriffe und den aktiven Schutz des Individuums erweitert wurde.“

„Es gibt wenig Spielraum für das Streben nach individueller Autonomie, wenn Bürger erst durch den Staat ihre Freiheit genießen können“

Es drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass Walls‘ Darstellung des frühen Amerika als ein Land, in dem Bürger das Eingreifen des Staates in ihr Leben verherrlichten, in Wirklichkeit nur als Mittel zu ihrem polemischen Ziel dient: Den zerstörerischen Individualismus des 21. Jahrhunderts zu kritisieren. „Politischer Individualismus befasst sich mit dem aktiven Schutz des Individuums, nicht damit, dem Menschen uneingeschränktes Handeln zu ermöglichen (wie negative Freiheit es verlangen würde)“, schreibt sie. Natürlich gibt es wenig Spielraum für das Streben nach individueller Autonomie, wenn Bürger erst durch den Staat leben und ihre Freiheit genießen können. Walls erkennt dies an, indem sie feststellt, dass ihr Konzept des politischen Individualismus „in Hinblick auf die individuelle Aktivität am stärksten begrenzt ist.“

Sie behauptet, dass sich der politische Individualismus im 19. Jahrhundert zu einem Wirtschaftsindividualismus gewandelt habe. Letzteren beschreibt sie als „Nullsummenspiel“, in dem sich der Konflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft verstärkt. Walls glaubt, dass die Erweiterung der amerikanischen Grenzen, die zu einer Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhalts geführt habe, eine Form des „intensiven Individualismus“ befördert hat, der sich nicht um den vorherrschenden Sinn für Bürgertugenden scherte. In Übereinstimmung mit den traditionellen antiliberalen Vorurteilen glaubt Walls, dass diese Entwicklung die Solidarität der Gemeinschaft untergraben habe. „Das Individuum verlor seinen Kooperationswillen, den es unter dem politischen Individualismus noch hatte“, heißt es bei ihr.

Während der Begriff des „Wirtschaftsindividualismus“ in Amerika – wenn auch einseitig – historische Tendenzen im 19. Jahrhundert einfängt, gewährt Walls‘ Begriff des „sozialen Individualismus“ wenig Einblick in die historische Entwicklung. Tatsächlich fungiert der Begriff des sozialen Individualismus als polemisches Instrument, das all die negative Kritik der Individualismus-Gegner zum Ausdruck bringt. Man beachte, dass Walls anhand geschichtlicher Prozesse – die Erweiterung der Grenzen, der Niedergang des Einflusses der Religion, der wirtschaftliche Entwicklung, der sich ändernden Gesellschaftsstruktur – viel einfacher den Aufstieg des Wirtschaftsindividualismus nachweisen kann, als es ihr gelingt, den Aufstieg des sozialen Individualismus in den Strukturveränderungen der Vergangenheit auszumachen.

Die meisten Argumente, die sie für eine Erklärung der Zunahme des sozialen Individualismus nutzt, sind tautologisch. An mehreren Stellen wird der Leser darüber informiert, dass ein „beschädigter sozialer Zusammenhalt“ oder ein „Niedergang“ persönlicher Beziehungen die Amerikaner zu einem Ethos des sozialen Individualismus veranlasst habe. Mit anderen Worten führe der Verlust der Gemeinschaft zum Anstieg eines Antigesellschaftsgefühls. Die Geschichte lehrt uns allerdings häufig etwas anderes: nämlich, dass in Wirklichkeit gerade der Verlust an Gemeinschaft die Suche nach menschlicher Solidarität fördert.

„Staatliche Interventionen zersetzen die Gemeinschaft mehr als Marktkräfte“

Walls greift häufig auf antipopulistische und elitäre Ideen zurück und vereinigt sie mit Theorien der Massengesellschaft, um den Aufstieg des sozialen Individualismus zu erklären. Sie argumentiert, dass es die wirtschaftlich erfolglosen und politisch am Rande stehenden Massen waren, die vom sozialen Individualismus angezogen wurden. Unfähig, die Früchte wirtschaftlichen Wettbewerbs zu genießen, übertrugen diese Opfer der äußeren Umstände die „Grundsätze des Wirtschaftsindividualismus auf den sozialen Bereich“. Sie behauptet, dass „aus dem Wunsch, einen Sinn für Individualismus aufrechtzuerhalten“ eine neue Art des Individualismus entsprang und zwar im „einzigen Bereich, den die Menschen wirklich kontrollieren konnten – ihrem Sozialleben.“ Laut dieser These übernahmen letztendlich die verwirrten Massen, in Unkenntnis darüber, welchen Schaden es ihren eigenen Interessen zufügen würde, eine Anschauung, die ihre Freiheit weiter verminderte.

Walls zufolge steht der soziale Individualismus im Gegensatz zum Fundament, aus dem der amerikanische politische Individualismus hervorgegangen ist. Anscheinend ist die echte Grundlage des sozialen Individualismus schlicht und einfach der „Eigennutz“. In ihrer Denunziation des sozialen Individualismus verwendet sie erneut die Karikaturen ihrer aufklärungsfeindlichen Vorgänger im 19. Jahrhundert: „Sozialer Individualismus ist die Anwendung der individualistischen Haltung auf den eigenen sozialen Lebensbereich. Er schließt die Zurückweisung von Vernetzung und gesellschaftlichen Verpflichtungen ein; er ermutigt zum Rückzug vom sozialen und öffentlichen Leben und lehrt die Menschen, sich gegenseitig als bedrohliche Konkurrenten wahrzunehmen, die sie an der Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse hindern, ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen.“

Dieses Portrait des zeitgenössischen amerikanischen Individualismus als groteskes, neo-darwinistisches Credo des Egoismus ist die Neuauflage von Comtes Diagnose des Individualismus als „Krankheit der westlichen Welt“ im 21. Jahrhundert.

Die Pathologisierung der moralischen Autonomie

Ein Argument spricht dafür, Individualism in the United States zu lesen: Das Buch macht viele der Haltungen explizit, die der gegenwärtigen Kritik am Liberalismus der Aufklärung zugrunde liegen. Die zwei Kerngrundsätze, die ins Visier genommen werden, sind die negative Freiheit und die moralische Autonomie.

Immer wieder kritisiert Walls die negative Freiheit mit der Begründung, dass sie die Abkehr von der Gemeinschaft und der sozialen Solidarität bedeute. Sie setzt die „Kraft der Gesellschaft“ mit einem interventionistischen Staat gleich, der das Individuum schützt. Die Geschichte zeigt allerdings, dass eine Gemeinschaft und soziale Solidarität durch die gemeinsame Erfahrung von Individuen entstehen, die miteinander kooperieren – und das häufig gegen den Staat. Tatsächlich kann behauptet werden, dass staatliche Interventionen im täglichen Leben die Gemeinschaft nicht weniger und vielleicht noch mehr zersetzen als Marktkräfte. In vielen Gesellschaften verlassen sich Menschen, die vom Staat abhängen, viel weniger aufeinander und auf ihre Gemeinschaft. Wenn es nur noch darum geht, möglichst guten Zugang zum Staat und seinen Leistungen zu erhalten, lenkt das viele Bürger davon ab, mit ihren Mitmenschen zu kooperieren und in einer Gemeinschaft zusammenzuwirken.

Der größte Wert der negativen Freiheit besteht darin, dass sie Bürger ermuntert, ihre Freiheit für sich selbst zu nutzen. Die Erfahrung, für Freiheit kämpfen zu müssen und Entscheidungen für die Zukunft zu treffen, belebt die aktive Seite der Menschen. Um die passive Stimmung, die das öffentliche Leben heutzutage heimsucht, hinter uns zu lassen, ist es von essenzieller Bedeutung, die Freiheit zu leben und die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen zu tragen.

„Es gibt heute keine Wertschätzung für die individuelle Autonomie mehr“

Walls‘ Abneigung gegen die negative Freiheit wird nur noch von ihrer Feindseligkeit gegenüber dem Streben nach individueller Autonomie übertroffen. Im ganzen Buch Individualism in the United States wird die Idee moralischer Unabhängigkeit und Autonomie als Gefahr für das Wohlergehen der Gesellschaft pathologisiert. Der Leser erfährt, dass „die Betonung der Autonomie und der Entfremdung durch den modernen Individualismus auf gesellschaftlicher Ebene Unsicherheit verursacht oder verschlimmert.“ Faszinierend an dieser Polemik gegen Autonomie ist, dass sie Gedanken ausdrückt, die über alle politischen Trennlinien hinweg geteilt werden.

Walls führt deshalb ein Scheingefecht – es gibt in unserer heutigen Kultur keine Wertschätzung für die individuelle Autonomie mehr. In Amerika vereint der Angriff auf die Autonomie sogar traditionelle Konservative und linksgerichtete Aktivisten für „soziale Gerechtigkeit“. Die konservative Juristin Mary Ann Glendon schreibt, dass „wir die sehr Jungen, die Schwerkranken und Behinderten in dem Maße vernachlässigen, wie wir die Autonomie emporheben.“ 2 Antiliberale Propagandisten der sozialen Gerechtigkeit behaupten ebenfalls, dass das Konzept der Autonomie eine Beleidigung der Unterprivilegierten sei, denen die Mittel fehlen, um überhaupt eine Wahl zu treffen.

Trotz der Behauptung, dass Autonomie völlig überhöht würde, gibt es ziemlich wenige kulturelle Zeugnisse dieses Strebens nach Autonomie. Stattdessen besteht man darauf, dass individuelle Autonomie ein Mythos sei, ebenso wie die Tatsache, dass man eine Wahl hat. Die zeitgenössische Kritik an individueller Autonomie beruht auf der Vorstellung einer verminderten Subjektivität. Von diesem Standpunkt aus werden Leute durch ihre Ohnmacht, ihre Schwäche und ihrem fehlenden Sinn, als Akteur zu handeln, definiert. Ausgehend von dieser pessimistischen Haltung ist es nur konsequent, das Streben nach individueller Autonomie aufzugeben und stattdessen an den Staat zu appellieren, eine Lösung für das Problem der menschlichen Existenz zu finden.

In einer Hinsicht hat Walls absolut Recht. Die zeitgenössische Gesellschaft hat Schwierigkeiten damit, der Gemeinschaft einen Sinn zu geben, und die soziale Solidarität ist deutlich schwächer ausgeprägt als noch vor 50 oder 60 Jahren. Allerdings geht die Erosion der Solidarität nicht mit dem Aufstieg eines uneingeschränkten Individualismus einher. Im Gegenteil: Sowohl Individualität als auch Solidarität sind geschwächt worden. Dies deutet darauf hin, dass Kooperation und Solidarität in Wirklichkeit schwächer werden, wenn Menschen den Glauben an ihr Vermögen verlieren, individuell autonom zu handeln.

„Es geht nun darum, die Selbstachtung durch den Respekt anderer und die Zustimmung durch andere aufrechtzuerhalten“

Walls behauptet, dass sich die Bedeutung des Individualismus während der letzten zwei Jahrhunderte entwickelt und geändert habe. Entgegen ihrer These besitzt die heutige Gesellschaft einen deutlich schwächeren Sinn für Individualität als in der Vergangenheit. Zweifellos sind in den Vereinigten Staaten die klassischen Ideale eines robusten Individualismus, wie Selbsthilfe, Selbstvertrauen und Selbstbeherrschung, auffallend nebensächlich für das soziale und kulturelle Leben geworden. Stattdessen wurde der Individualismus auf das Innere ausgerichtet – es geht nun darum, die Selbstachtung durch den Respekt anderer und die Zustimmung durch andere aufrechtzuerhalten. Am bemerkenswertesten am Individualismus-Diskurs ist die Verschiebung vom Ideal der Selbstbestimmung zu einer Betonung des Umstandes, dass Menschen „Unterstützung“ von Experten, Therapeuten und öffentlichen Einrichtungen bräuchten.

Individualism in the United States bietet eine schlüssige Darlegung anti-liberalen Argwohns gegenüber individueller Autonomie. Nun ist eine entschiedene Replik erforderlich – eine intellektuelle Streitschrift für das Streben nach individueller Autonomie. Ferner müssen die Bedingungen aufgezeigt werden, die ihre Verwirklichung erfordert.