20.07.2020

Abschied vom autoritären Charakter?

Von Nico Hoppe

Titelbild

Foto: taniadimas via Pixabay / CC0

Im Sammelband „Konformistische Rebellen“ zur Theorie des autoritären Charakters wagen sich auch Texte an den Versuch, diesen Begriff auf den heutigen Stand zu bringen.

Das Feuilleton der letzten Jahre kannte kaum ein dankbares Thema als sich mit den Gründen für Populismus und den Aufstieg autoritärer Parteien in Europa und darüber hinaus zu beschäftigen. Genau genommen schien die Auseinandersetzung mit dem angeblichen Rechtsruck sogar deswegen so omnipräsent, weil der linksliberale Mainstream jedes Phänomen – Trump, Orbán, Putin, Erdoğan, AfD, FPÖ, Pegida und der Brexit – gleichermaßen als faschistisches oder mindestens autoritäres Erdbeben wahrnahm, bevor er es mithilfe der üblichen, klappernden Parolen in einen wohligen Rahmen einbettete: Ihre eigene Unterkomplexität auf den Gegenstand projizierende Erklärungsversuche wie „Die Autoritären liefern einfache Antworten auf komplexe Fragen und sind deswegen so beliebt“ wechselten sich ab mit küchenpsychologischen Einlassungen, die Welten von einer kritischen Analyse entfernt waren. Wer mehr als billigen Distinktionsgewinn erwartete, wurde auf  der gutmenschelnden Resterampe immer gleicher Abfertigungen einer durchaus erklärungsbedürftigen Lage nicht fündig.

Tote wiederbeleben

Angepasst wurde sich damit einem Trend, der zum theoretischen Standardrepertoire linker Bewegungen gehört: Dort klammert man sich insbesondere heute krampfhaft an festen Theoriegebäuden aus dem Kanon der als fortschrittlich geltenden Philosophen fest, um diese – manchmal mit dem Segen der Urheber, öfters aber unter Absehen von der ursprünglichen Intention – zu überzeitlichen Wahrheiten zu erheben. Bei der Theorie des autoritären Charakters in Tradition von Erich Fromm, Theodor W. Adorno und Leo Löwenthal schien dieses Unterfangen in den letzten Jahren wieder Auftrieb zu erlangen. Noch der dümmste Linke vergaß es nie, den „autoritären Charakter“ und seine zentralen Eigenschaften wie den Hang zu Vorurteilen, Fremdenhass, sowie sadomasochistischer Gehorsamkeit gegenüber Autoritäten beflissen zu erwähnen, falls es um Rechtspopulisten ging. Geübt wurde sich im Wiederkäuen des Vorgefundenen. Der Begriff verdarb so zur gefälligen Hülle, zum Verdikt, das viel postuliert, wo nichts erklärt oder wenigstens zur Erörterung freigegeben wird.

Da zudem die gesellschaftlichen Bedingungen für das Entstehen des autoritären Charakters zunehmend abstarben, stellte sich die Frage nach einer erneuten Bewertung der Theorie umso dringlicher. Ein neuer Sammelband aus dem linken Verbrecher-Verlag verfolgt nun nicht nur die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Theorie des autoritären Charakters, sondern hinterfragt – wenn schon nicht im Untertitel, so zumindest in einzelnen Texten – auch seine Aktualität.

„Autorität ist nicht verschwunden, dafür aber entweder unbewusst internalisiert oder bewusst zugunsten kollektiven, bejahenden Mitmachens liquidiert.“

Ein großer Teil der Textsammlung besitzt dennoch einführenden Charakter, beispielsweise zur Verquickung von autoritärem Charakter und Antisemitismus. Das ist angesichts der Tatsache, dass beträchtliche Abschnitte der ursprünglichen Theorie rezeptionsgeschichtlich unter dem Schutt von markanten Floskeln und verkürzenden Stichwörtern begraben liegen, auch angebrachter als es zunächst wirkt.

Das akribische Aufgreifen der Primärtexte zeigt dabei, dass die Ausführungen Fromms, Adornos und Löwenthals heute noch lesenswert sind. Sie sind nicht nur bei der Untersuchung von herrischen Demagogen, absonderlichen Verschwörungstheoretikern und völkischen Krakeelern unverzichtbar, sondern zudem entwicklungspsychologisch bemerkenswert. Nichtsdestotrotz hat sich die Realität in den letzten Jahrzehnten derart geändert, dass die Theorie des autoritären Charakters – würde sie heute unverändert publiziert werden – nur einen unzureichenden Teil der Gesellschaft und der sie bestimmenden Kräfte erfassen würde. Wenn dieses Faktum, dass sich in veränderten Familienstrukturen, Erziehungsstilen und gesellschaftlichen Idealen sedimentiert, nicht nur als Randnotiz vorkommt, entfaltet „Konformistische Rebellen“ seine Stärken.

Neujustierung und Revision

Der autoritäre Charakter ist nicht gänzlich verschwunden. Die Autoren zeichnen seine Transformation genauso nach wie das Weiterwesen oder Absterben bestimmter ihm zugehöriger Dispositionen. Dem vermehrten Übergang in den Sozialtypus des narzisstischen Charakters wird dabei besonders häufig nachgegangen: In Zeiten des postmodernen Kapitalismus, in denen traditionelle Autoritäten durch das unternehmerische Selbst, flache Hierarchien, Selbstoptimierung, sowie einen daraus folgenden Pseudo-Individualismus ersetzt werden, ist Autorität nicht verschwunden, dafür aber entweder unbewusst internalisiert oder bewusst zugunsten kollektiven, bejahenden Mitmachens liquidiert. Hörigkeit und Unterordnung fallen aus einer Zeit heraus, in der Selbstverwirklichung, Autonomie und Soft Skills das Gebot der Stunde sind.

„Das spießbürgerliche Aufbegehren sammelt sich derzeit unter der Flagge von Nachhaltigkeit, Vielfalt und dem Kampf gegen rechts.“

Autoritär wird es erst im Umgang mit denjenigen, „die sich dieser Ideologie nicht beugen wollen“, wie es im hervorragenden Text der antideutschen Gruppe en arrêt aus Berlin beschrieben wird. Dort heißt es in Bezug auf die dem Zeitgeist konformen Propheten von Fridays for future: „Existenzialistische Aufrufe zum kleinteiligen Engagement und zur Verzichtsethik – deren Folgen für Mobilität, Freizeitgestaltung und Lebensstandard primär den Niedriglohnsektor belasten – sind Ausdruck einer Generation, die sich bereits darauf einstellt, niemals das Wohlstandsniveau ihrer (Groß-)Eltern zu erreichen. Der vermeintliche Protest schmiegt sich auf diese Weise affirmativ der ohnehin fortschreitenden Tendenz an.“ Konformistische Revolten bestehen demnach fort, auch wenn sich ihre gesellschaftlichen Hintergründe und Bedingungen im fließenden Wandel befinden: War es einmal durchaus berechtigt, den autoritären Charakter vor allem in einem reaktionären, erzkonservativen Milieu zu verorten, so sammelt sich das spießbürgerliche Aufbegehren derzeit unter der Flagge von Nachhaltigkeit, Vielfalt und dem Kampf gegen rechts.

Erkenntnisabwehr und Gratismut

„Konformistische Rebellen“ verbleibt glücklicherweise nicht in der Behaglichkeit althergebrachter Denkansätze. Dass islamische Erziehung und in diesem Zusammenhang vor allem die Rolle der muslimischen Mutter, aber auch die sich durch Identitätszwang und Hass auf nicht in Kollektive sortierbare Differenz auszeichnende Identitätspolitik im Kontext des autoritären Charakters unter die Lupe genommen werden, ist eine verdienstvolle Weiterentwicklung der Theorie, die noch viel weiter gehen müsste. Allgemein fallen hin und wieder Andeutungen auf, die für die Untersuchung überaus dienlich gewesen wären. So merkt der Filmemacher Moritz Liewerscheidt beispielsweise prägnant in Bezug auf den linksliberalen Umgang mit Populismus an: „Die autoritären Implikationen der unausgesprochenen Annahme, dass große Teile der Bevölkerung durch rationale Argumentation nicht zu erreichen seien – und folglich nicht als mündige Bürger anzusprechen, sondern als durch sanftes ‚Framing‘ Anzuleitende – scheinen indes ein Milieu nicht als Widerspruch zu stören, das sich im ‚Kampf gegen rechts‘ gern als ‚Zivilgesellschaft‘ für Offenheit, Vielfalt und Demokratie ausspricht.“

Wenn dagegen in einem der zahlreichen Aufsätze des Sammelbandes grundsätzlich von einer nur leichten Modifizierung des autoritären Charakters ausgegangen wird, die sich in der mutmaßlich verbreiteten Neigung, mit Rechten oder Rechtsextremen reden zu wollen, niederschlage, dann mangelt es bereits an genug Realitätsbewusstsein, um überhaupt wahrzunehmen, dass von Nachsicht oder Wohlwollen im Umgang mit rechten Parteien oder Politikern nirgendwo die Rede sein kann. Auf die stattdessen augenfällig evidente, lagerübergreifende Volksfront-Mentalität gegenüber den Rechten – mal als ungebildete Tölpel, mal als bedrohliche Horde ausgemacht – gelte es jedenfalls hinzuweisen, wenn nach der Fortexistenz des autoritären Charakters gefragt wird. Ansonsten sind solcherlei antifaschistisch-halluzinatorische Assoziationsketten mit einem zentralen Charakteristikum des autoritären Charakters selbst zu bestimmen, nämlich der „Unfähigkeit zu lebendiger Erfahrung“, welche für ein „Denken und Handeln in starren, vorgegebenen Kategorien“ sorgt. Das Ticket-Denken hat sich universalisiert.

Immerhin stellen die allermeisten Autoren klar heraus, dass Autoritarismus eben kein ausschließlich rechtes Phänomen ist und dass der selbst ernannte Antiautoritarismus oft nicht weniger autoritär als sein Gegenteil auftritt. Gerade in der teilweise vertretenen Bereitschaft, theoretische Kontinuitäten zu durchbrechen, lebt die Kritische Theorie fort.