20.07.2026

Zürcher Gewitzeltes

Von Andrea Seaman

Titelbild

Foto: Martin Abegglen via Flickr / CC BY-SA 2.0

Deutsche Staatsanwälte stacheln jetzt schon ihre Schweizer Kollegen an, gegen Satire strafrechtlich vorzugehen. So sollen Witze eines Arabers und eines Juden aus Zürich Diskriminierung sein.

Hamza Raya ist Schweizer Komiker aus Zürich, Muslim und entstammt einer libanesisch-irakischen Flüchtlingsfamilie. Nun hat die Zürcher Staatsanwaltschaft aufgrund einer Anzeige aus Deutschland ein Verfahren gegen ihn eröffnet. Raya soll gegen die Antirassismus-Strafnorm (Art. 261bis StGB) verstoßen haben.

Was ist geschehen? Im Januar 2024 produzierte Raya gemeinsam mit seinem Freund Sam Friedman, einem ebenfalls als Komiker tätigen jüdischen Zürcher, ein Video, das auf Rayas YouTube-Kanal erschien. Es trägt den Titel „Rassistische Witze – Jude vs. Araber”. In dem siebenminütigen Video macht Raya Witze über Juden, während Friedman, der auch Israeli ist, Witze über Araber erzählt. Hier einige der Sprüche:

Was ist der Lieblingsfeiertag eines Juden? Aschermittwoch.

Was ist der Lieblingssitz eines Arabers im Flugzeug? C4.

Wie nennt man einen Araber, der auf Frauen und Männer steht? Ali-Bi.

Warum findet in Arabien Sexualkunde- und Fahrunterricht nicht am selben Tag statt? Weil die Kamele es nicht aushalten würden.

Wie hieß die jüdische Fernsehserie aus dem Zweiten Weltkrieg? „Familien im Brennpunkt“.

Wegen dieses Videos und seines Inhalts geht die Staatsanwaltschaft nun gegen Hamza vor. Ein Strafbefehl ist zwar noch nicht bei ihm eingetroffen, doch aller Wahrscheinlichkeit nach ist damit zu rechnen.

„Das Video war ein Aufruf zu Toleranz und Freundschaft zwischen Arabern und Juden.“

Wer nun glaubt, bei den beiden Komikern sei der Rassismus ausgebrochen, liegt falsch. Das Video war ein Aufruf zu Toleranz und Freundschaft zwischen Arabern und Juden. Es entstand nur drei Monate nach dem abscheulichen Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Es zeigte gerade, dass Angehörige dieser beiden Gruppen nicht zwangsläufig verfeindet sein müssen, nur weil Krieg herrscht. Raya und Friedman gingen als Freunde in dieses Video und kamen als Freunde wieder heraus. Statt sich miteinander zu verfeinden und damit das Klischee vom Streit zwischen Muslimen und Juden zu bedienen, verspotteten sie solche groben Vorurteile, indem sie sie der Lächerlichkeit preisgaben.

Hamza Raya sagte mir persönlich, was er von der Anzeige aus Deutschland hält: „Immer dasselbe: Ein Jude und ein Muslim setzen sich zusammen, lachen als Freunde miteinander, und irgendwo sitzt ein Deutscher, der das verbieten will.” Das ist die perfekte Beschreibung dessen, was hier geschieht: Kaum tun sich zwei Menschen zusammen, um Trennendes zu überwinden, versucht jemand aus Deutschland, sie auseinanderzudividieren – unterstützt von der Zürcher Staatsanwaltschaft, die den Fall nicht als Bagatelle abtut.

Diese neuen Schergen der Zensur wollen uns offenbar sagen: Juden und Muslime beziehungsweise Araber dürfen nicht miteinander lachen, sonst bekommen sie Ärger mit der Justiz. Wobei, genau genommen, in diesem Fall nur der Muslim Ärger bekommt, denn Sam, der Jude, wurde nicht angezeigt.

Ja, ich könnte einen ganzen parodistischen Aufsatz darüber schreiben, wie Raya als Muslim von nun an durch ein strukturell rassistisches System zermalmt wird, weil dieses seine Religion und seinen familiären Flüchtlingshintergrund verachtet. Darüber, dass dieser Hass aus Deutschland kam, vermittelt durch die niedersächsische „Zentralstelle zur Bekämpfung von Hasskriminalität im Internet” (weltbekannt durch eine CBS-Sendung), und dass man in der Schweiz eifrig davor eingeknickt ist.

„Konsequenterweise müsste die Staatsanwaltschaft dann auch den Film ‚Borat‘ verbieten wollen.“

Wer glaubt, die Witze, die Raya und Friedman in dem Video machten, würden zu Recht von der Zürcher Staatsanwaltschaft verfolgt, hat seine Position vermutlich nicht zu Ende gedacht. Konsequenterweise müsste die Staatsanwaltschaft dann auch den Film „Borat” verbieten wollen. Darin zieht Sacha Baron Cohen in satirischer Weise über Juden her, und zwar mit einer Schärfe, die Raya und Friedman nicht annähernd erreichen. Cohen, selbst Jude, hat den Judenhass dabei selbstverständlich nicht verbreitet, sondern ihn (genau wie Raya) bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Hamza Raya brachte das brillant auf den Punkt, als er mir folgenden famosen Witz erzählte, der durch einen britischen Komiker im Internet bekannt geworden sein soll:

Ein Mann macht gegenüber einer Frau einen ironischen Witz. Sie fühlt sich beleidigt. Er verteidigt sich: „Es war nur ein Witz, ich habe das nicht ernst gemeint.” Trotzdem ohrfeigt sie ihn und verlangt eine Entschuldigung. Er entschuldigt sich, doch sie erwidert: „Das meinst du nicht ernst.” Der Mann lächelt: „Siehst du: Jetzt hast auch du verstanden, dass man nicht alles ernst meint, was man sagt.” Sie ist baff.

Genau das gilt es hier zu kritisieren: die wortwörtliche Auslegung von Satire, die alles für bare Münze nimmt, was jemand vorwitzelt. Raya ist weder Antisemit noch islamfeindlich. Friedman ist weder Antisemit noch islamophob. Und wenn die Zürcher Staatsanwaltschaft nun Satire und Komiker in den Kerker stecken will, dann ist sie wohl ebenso freiheitsfreundlich, wie Raya antisemitisch ist.

Zuletzt bleibt festzuhalten, dass bereits das eröffnete Verfahren eine Strafe darstellt. Raya und andere Komiker wissen nun, dass sie ihre Witze nicht frei erzählen können, ohne strafrechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen. So beginnen Zensur und Selbstzensur, und damit der Tod der Komikerkunst und der Verlust einer Gesellschaft, die noch einen Sinn für Humor hat.

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