16.11.2020

Zombieunternehmen sind nur die Spitze eines Eisbergs

Von Alexander Horn

Wirtschaftsvertreter und Ökonomen warnen inzwischen vor den negativen Wohlstandseffekten der Zombiewirtschaft. Doch die Wirtschaftspolitik ist auf deren langfristige Erhaltung ausgerichtet.

In Deutschland wachsen die Sorgen wegen der ansteigenden Zahl von Zombieunternehmen. Viele fürchten, dass sie zu einem Massenphänomen werden könnten und die schon jetzt von ihnen ausgehenden negativen wirtschaftlichen Effekte zunehmen. Andererseits geht die Furcht vor einem Massensterben dieser Zombies um, denn das könnte nicht nur einzelne gesunde Unternehmen, sondern ganze Branchen oder die Wirtschaft als Ganzes mit in die Tiefe reißen.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing warnt, dass „jedes sechste Unternehmen in Deutschland durch Rettungsgelder und faktisch ausgesetzte Insolvenzmeldung ein Zombie“ werde und dies „gravierende Auswirkungen“ auf die Entwicklung der Arbeitsproduktivität habe. Das Problem: Zombieunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie über Zeiträume von mehreren Jahren keine Gewinne machen. Daher sind sie kaum in der Lage, ausreichend zu investieren, um Produkt- oder Prozessverbesserungen zu erreichen. Sie lähmen das Produktivitätswachstum und behindern zudem andere Unternehmen, da sie knappe Ressourcen wie etwa Fachkräfte an sich binden, die dann innovativeren Unternehmen fehlen. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung der Arbeitsproduktivität, der wichtigste Indikator für die gesellschaftliche Wohlstandentwicklung und die Basis für Reallohnsteigerungen, kommt dann immer langsamer voran.

Obendrein bekommt eine Volkswirtschaft, in der die Arbeitsproduktivität nicht mehr steigt, auf Dauer ein Wettbewerbsproblem. Zu den stagnierenden Reallöhnen tritt dann steigende Arbeitslosigkeit hinzu. Da die Unternehmen nicht mit Hilfe innovativer Produkte und produktivitätssteigernder Prozesse wettbewerbsfähig bleiben, sind sie gezwungen, auf Behelfslösungen auszuweichen: Etwa indem sie versuchen, den entstehenden Kostendruck zu Lasten der Beschäftigten oder Lieferanten zu lösen oder durch das Verlagern der  Wertschöpfung in andere Regionen.

Zombieunternehmen kein neues Problem

Das von Sewing befürchtete Szenario ist in Deutschland längst traurige Realität. Vor dem Beginn der Corona-Pandemie waren die Unternehmenszombies ein eklatant unterschätztes Problem. Ein OECD-Arbeitspapier kam zu dem Ergebnis, dass in Deutschland bereits im Jahr 2013 mehr als zwölf Prozent des Kapitalstocks in Zombieunternehmen gebunden waren. Eine Untersuchung der unabhängigen Wirtschaftsauskunftei Creditreform ging – anders als staatliche Institutionen wie Bundesbank1, KfW2 und sogar die Bundesregierung, die dieses Problem verneinen – davon aus, dass 2016 bereits 15,4 Prozent, also etwa jedes sechste Unternehmen in Deutschland, ein Zombie war.3  

Professor Steffen Müller, Leiter der Abteilung Strukturwandel und Produktivität am Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, sagt dass sogar diese wissenschaftlichen Studien die Zombifizierung der Wirtschaft unterschätzen. Das liege auch daran, dass das oft verwendete Abgrenzungsmerkmal zur Identifikation zombifizierter Unternehmen methodische Schwächen aufweise. Da Unternehmen als Zombies gelten, wenn die Erträge nicht ausreichten, um ihre Zinsen zu zahlen, werde die Zahl der Zombies zu einer Funktion des Zinsniveaus: „Sinkt der Zins, sinkt die Zahl der scheintoten Firmen.“ Müller geht davon aus, dass die Zombiequote inzwischen bei 17 Prozent liegt.

Viele dieser Zombies sind schon heute überschuldet oder wegen der anhaltenden Verluste auf dem Weg dorthin. Zudem sind infolge der Corona-Krise viele bisher profitable und gesunde Unternehmen in kurzer Zeit zu Überschuldungsfällen geworden. Creditreform schätzt, dass inzwischen 550.000 der insgesamt etwa 3,3 Millionen Unternehmen in Deutschland verdeckt überschuldet sind. Wegen der seit März ausgesetzten Insolvenzantragspflicht müssen sie ihre Überschuldung nicht öffentlich bekannt machen und sind weiterhin wirtschaftlich aktiv. Gelingt es diesen Unternehmen nicht, sich aus der Überschuldungsfalle herauszuarbeiten und gehen sie andererseits nicht unter, verschärft sich das Problem der steigenden Anzahl von Zombieunternehmen in den nächsten Jahren.

Die Zombifizierung geht von den profitablen Unternehmen aus

Dennoch ist die bereits seit Jahrzehnten schleichend und seit der Finanzkrise 2008 deutlich zunehmende Zahl der Zombieunternehmen nicht das ursächliche Problem der Zombifizierung. Ihre eigene Existenz ist nur die Folge eines noch viel größeren Problems. Schon lange, bevor die Zombieunternehmen einen maßgeblichen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung ausüben konnten, gelang es den besser aufgestellten Unternehmen immer weniger, sich durch innovative Prozess- und Produktinnovationen von ihren Wettbewerbern abzusetzen. Sie haben es nicht vermocht, die bis Anfang der 1970er Jahre noch extrem hohen Investitionen und die damit verbundenen Steigerungen der Arbeitsproduktivität fortzuführen. Daher gelang es ihnen immer weniger, technologisch stagnierende Unternehmen aus dem Markt zu drängen.

„Die Diffusion neuer Technologien in das Mittelfeld bleibt weitgehend aus, so dass dies die technologische Entwicklung insgesamt hemmt."

Dieses Problem hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verschärft. Inzwischen gelingt es nur noch wenigen hochprofitablen Unternehmen, sich bei der Arbeitsproduktivität von der Masse der mittelmäßigen abzusetzen. Die große Masse wiederum ist kaum in der Lage, dieser Technologie-Avantgarde zu folgen. In aller Regel bringt sie nicht genügend Finanzkraft auf, um mitzuhalten. Die Diffusion neuer Technologien in das Mittelfeld bleibt weitgehend aus, so dass dies die technologische Entwicklung insgesamt hemmt.4

Sogar die technologisch führenden Unternehmen werden dadurch zurückgehalten, denn viele Neuerungen bleiben Insellösungen und werden nicht durch eine Vielzahl von Anwendern und Wettbewerbern weiterentwickelt. Die Folge ist eine praktisch stagnierende Arbeitsproduktivität, wie sie in allen entwickelten Volkswirtschaften und damit auch in Deutschland erkennbar ist. In der Nachkriegsexpansion von 1950 bis 1973 gelang es den Unternehmen in Deutschland, die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität um jährlich 5,9 Prozent zu steigern. Ein ungebremster Fall hat dazu geführt, dass das Wachstum seit der Finanzkrise bei mageren 0,3 Prozent jährlich liegt.5 Seit einigen Jahren stagniert sie sogar.

Zombieunternehmen können in einem derartigen wirtschaftlichen Umfeld hervorragend mithalten, da sie kaum unter Wettbewerbsdruck stehen. Mittels Kostensenkungsprogrammen und Preisnachlässen können sie diesem Druck standhalten und vermeiden ihren Untergang. Sie sind nicht zu Investitionen zur Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit gezwungen, die sie sich in der Regel nicht mehr leisten könnten.

Gewinn- und Profitabilitätswüste

Der tiefere Grund für Beeinträchtigung der großen Masse der „gesunden“ Unternehmen, die letztlich die gesamte Wirtschaft lähmt, liegt in der nicht hinreichenden Profitabilität dieser besser aufgestellten Unternehmen. Darauf weist Hermann Simon, Verfasser des Buches „Hidden Champions“ und Unternehmensberater in seinem Buch „Am Gewinn ist noch keine Firma kaputt gegangen“ hin. Nur den Hidden Champions, weniger als 0,5 Prozent der deutschen Unternehmen, bescheinigt er zumindest akzeptable Gewinne und Kapitalverzinsungen. Ihre Renditen erreichen mehr als das doppelte des im internationalen Vergleich sehr schwachen deutschen Durchschnitts. Es zeige sich, so Simon „das Bild einer weitverbreiteten Gewinnschwäche deutscher Unternehmen“.6

„Der tiefere Grund für Beeinträchtigung der großen Masse der 'gesunden' Unternehmen, die letztlich die gesamte Wirtschaft lähmt, liegt in der nicht hinreichenden Profitabilität dieser besser aufgestellten Unternehmen."

Wegen ihrer niedrigen Profitabilität verfügt die große Masse der Unternehmen nicht über die finanziellen Möglichkeiten, um die Investitionen zu stemmen, die für die technologische Transformation ihrer Wertschöpfungsprozesse erforderlich wären. Mit welchen Problemen sogar profitable Unternehmen zu kämpfen haben, zeigt sich, wenn man bei der Ermittlung der Profitabilität nicht einseitig auf die Gewinne schielt. Zwar steigt die gesamte Gewinnmasse der Unternehmen in Deutschland zwar stetig an.

Die Profitabilität bemisst sich jedoch nicht einseitig auf Basis der Gewinne, sondern aus dem Verhältnis zwischen Gewinn und den dafür eingesetzten Mitteln. Das von den Unternehmen eingesetzte Kapital ist – infolge vergangener Investitionen in produktivere Wertschöpfungsprozesse, also Maschinen, Anlagen, Gebäude und Ausrüstungen – enorm angestiegen. Inzwischen ist in Deutschland pro Erwerbstätigem ein durchschnittliches Kapital von 408.000 EUR eingesetzt.7 Die Unternehmen müssen daher gewaltige finanzielle Anstrengungen unternehmen, wenn sie vorhandene Wertschöpfungsprozesse technologisch transformieren wollen. Ihre Gewinne sind im Verhältnis zu der enorm angeschwollenen Kapitalbasis zu niedrig, um diese transformieren zu können. Denn dies würde in vielen Fällen bedeuten, vorhandene Maschinen, Anlagen und Gebäude physisch zu ersetzen und die Kapitalwerte zu verlieren, sofern diese noch nicht abgeschrieben sind. Obwohl also die Gewinne der Unternehmen absolut steigen, erreichen sie wegen der angeschwollenen Kapitalbasis eine unzureichende Rentabilität. Durchschnittliche Unternehmen verfügen daher nicht über die Gewinnmasse, die es ihnen erlauben würde, hohe Kapitalverluste zugunsten technologischer Neueinführungen zu verkraften. Die aufgehäuften Kapitalwerte sind zu einer Profitabilitäts- und letztlich zu einer Investitionsbremse geworden.

Ein erster Schritt zur Verminderung dieser Werte läge darin, dass das in unprofitablen oder wenig profitablen Wertschöpfungsprozessen gebundene Kapital zu entwerten. Dazu müssten Unternehmen Teile ihrer Wertschöpfung schließen oder sogar ganz aufgeben. Das insgesamt in der Wirtschaft gebundene Kapital würde vermindert und die Gewinne stünden im Verhältnis zu einer insgesamt kleineren Kapitalbasis. Die Profitabilität der verbleibenden produktiveren Unternehmen steigt dann, so dass sie größere Investitionen stemmen können. Indem sie in neue Technologien investierten und Technologiesprünge erreichten, würden sie die verbleibenden Wettbewerber nochmals unter Zugzwang setzen. Sie müssten folgen, sonst droht ihnen der Untergang.

Die Lösung dieses Problems wird aber seit Mitte der 1970er Jahre, als das Wirtschaftswunder in Deutschland endete, vereitelt und aufgeschoben. Staat und Gesellschaft sind seit Jahrzehnten in sogar zunehmendem Maß darauf ausgerichtet, die notwendige Entwertung dieser Kapitalbasis nicht zuzulassen. „Die Profitrate des Kapitals,“ so der ehemalige Präsident des ifo-Instituts Hans-Werner Sinn, sei inzwischen „so stark gesunken“, dass selbst das billige Geld der Zentralbanken nicht mehr ausreiche, um die Unternehmen zum Investieren zu motivieren.

Der Staat – Schutzpatron der Zombiewirtschaft

Wirtschaftspolitisch ist es opportun, derartige Bereinigungen, die typischerweise die Form von Wirtschaftskrisen annehmen, zu verhindern. Typisch ist in dieser Hinsicht die Aussage von Bundeswirtschaftsminister Olaf Scholz, der schon im letzten Jahr in Anbetracht gefüllter Staatskassen versprach, bei einer ausbrechenden Wirtschaftskrise „mit vielen, vielen Milliarden gegenzuhalten“. Die Bereinigung der Kapitalwerte wird im gleichen Maß gefürchtet und verhindert wie die Bereinigung der Vermögenspreise (Immobilien, Aktien, …). Sie sind seit der Finanzkrise 2008 geradezu explodiert, obwohl die weitaus meisten Unternehmen es nicht mehr schaffen, ihre Wertschöpfungsprozesse technologisch zu transformieren. Die heutigen Aktienkurse haben keine reale Basis mehr. Anstatt staatlicherseits für eine Bereinigung zu sorgen, wird dies weder bei den Vermögenspreisen noch bei dem insgesamt in den Unternehmen gebundenen Kapital zugelassen - letztlich aus Angst vor den wirtschaftlichen und politischen Folgen einer Umkehr.

Die Zombiewirtschaft steht also unter staatlicher Protektion. Je größer die Anzahl der Zombieunternehmen ist, umso gravierender sind die möglichen Folgen einer Kapitalbereinigung. Viele Unternehmen müssten untergehen oder zumindest solche Teile ihrer Wertschöpfung verlieren, die sich nicht profitabel restrukturieren lassen. Staatliche Institutionen wie auch die Politik sind daher in zunehmendem Maß darauf ausgerichtet, die Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen sich die Unternehmen durchwursteln können. Wegen der tatsächlichen oder mutmaßlichen Folgen ihres Scheiterns dürfen die Zombieunternehmen nicht sterben.

„Die Zombiewirtschaft steht unter staatlicher Protektion."

Verbreitet unter Ökonomen ist die Fehleinschätzung, die Herausbildung einer Zombiewirtschaft in erster Linie oder gar ausschließlich auf die lockere Geldpolitik der Zentralbanken zurückzuführen. Die Staaten der entwickelten Volkswirtschaften, also auch der deutsche Staat ist in Jahrzehnten zu einer konservierenden Institution geworden, die Wandel und Veränderung eher bremst und die Stabilisierung bestehender Verhältnisse wie auch der Wirtschaft ins Zentrum rückt. Er folgt einer soziokulturellen Entwicklung, in der das Vertrauen gewichen ist, dass Gesellschaften oder auch Individuen mit rapiden Veränderungen zurechtkommen oder diese gar kollektiv gestalten können. Veränderung erscheint als Risiko, das es möglichst zu vermeiden gilt, insbesondere wenn es um tiefgreifenden technologischen Wandel geht. Die Zombiewirtschaft hat ein soziokulturelles Fundament. Die Herausbildung der heutigen Zombiewirtschaft und deren Überwindung ist daher nicht einfach ein Problem einer ungeeigneten Geldpolitik. Leider sind diese tiefen Wurzeln der gelähmten wirtschaftlichen Entwicklung bisher kaum thematisiert und erkannt worden, obwohl sich diese Orientierung zur Stabilisierung des Bestehenden in allen wirtschaftspolitischen Aktivitäten zeigt. Die Stabilitätsorientierung ist gewissermaßen zu einem Glaubensbekenntnis geworden, dem die Wirtschaftspolitik unhinterfragt folgt. Wie selbstverständlich richtet sie sich an den schwächsten der schwachen Unternehmen aus, was die Existenz der Zombiewirtschaft in Nebel hüllt.

„Die Stabilitätsorientierung ist gewissermaßen zu einem Glaubensbekenntnis geworden, dem die Wirtschaftspolitik unhinterfragt folgt."

Seit Jahrzehnten werden die Unternehmen in den entwickelten Volkswirtschaften immer abhängiger von förderlichen staatlichen Rahmenbedingungen, um wirtschaftlich zu überleben oder ihre Profitabilität zu sichern. Hierzu gehören der seit Jahrzehnten tobende globale Wettbewerb zur Senkung der Unternehmenssteuern, kontinuierlich steigende Subventionen, die in Deutschland und Frankreich zunehmend unter dem Banner moderner Industriepolitik vermarktet werden oder etwa die Geldpolitik, die die Finanzierungskosten der Unternehmen drückt. Neben diese permanenten Stützpfeiler der Zombiewirtschaft rücken noch die besonderen Hilfen im Fall von sich ankündigenden oder tatsächlichen Krisen. Dann gibt es – wie seit der Corona-Pandemie – kein Halten mehr, wenn es um die Rettung von einzelnen Unternehmen oder um die Rettung der Wirtschaft durch konjunkturelle Maßnahmen oder Rettungsschirme geht. So erhält die Zombiewirtschaft ständig neue Stützpfeiler, sobald die stabilisierende Wirkung der bereits bestehenden Stützen nachlässt.

Corona rettet die Zombiewirtschaft

Der wirtschaftspolitische Versuch, eine gelähmte Wirtschaft mit immer neuen Stabilisierungsmaßnahmen aufzupäppeln, hat ein riesiges Sammelbecken geschwächter Unternehmen geschaffen. In der Folge ist die Stabilisierung der schwächsten Unternehmen zu einer objektiven Notwendigkeit geworden. Die wirtschaftspolitischen Handlungsmöglichkeiten werden dadurch eingeengt.

In Anbetracht der großen Bedrohung, die für große Teile der Wirtschaft von der Corona-Pandemie ausgeht, bleibt der Bundesregierung kaum eine andere Wahl als die Unternehmen nicht nur vor den Folgen der Pandemie zu schützen, sondern sie auch vor den Folgen der wirtschaftlichen Rezession, die bereits im letzten Jahr über die Industrie hereinbrach, wie auch vor den Folgen der durch die Klimapolitik ausgelösten Strukturkrise zu bewahren. Viele bisher sogar profitable Unternehmen sind aufgrund dieser unterschiedlichen Problemlagen mit der Aushöhlung ihrer wirtschaftlichen Substanz existenziell bedroht, umso mehr gilt das für die geschwächten Unternehmen.

Dies hat die Bundesregierung nun veranlasst, die seit der Finanzkrise 2008 betriebene Verwässerung der Insolvenzgesetzgebung durch neue Gesetze weiter voranzutreiben. Mit den Veränderungen soll sichergestellt werden, dass sogar überschuldete Unternehmen weiter am Wirtschaftsleben teilnehmen können. In der Finanzkrise wurde der gemäß Insolvenzordnung geltende Überschuldungsbegriff durch das Finanzmarktstabilisierungsgesetz ausgehebelt. Seitdem können Unternehmen einer Insolvenzantragspflicht entgehen, sofern sie eine positive Fortführungsprognose nachweisen können. Mit dem Beginn der Corona-Pandemie wurde die Insolvenzantragspflicht für alle Unternehmen sogar ausgesetzt, weil Fortführungsprognosen aufgrund des Pandemieverlaufs unsicherer wurden. Da die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht zum Ende des Jahres auslaufen wird, ist nun ein Gesetzentwurf vorgelegt worden, der ab dem 1. Januar 2021 gelten soll. Auch zukünftig sollen überschuldete Unternehmen, die eine positive Fortführungsprognose vorlegen können – also ihre Liquidität auch im nächsten Geschäftsjahr voraussichtlich gewährleisten können – weiterhin wirtschaftlich aktiv bleiben. Die prekäre Lage zu vieler Unternehmen drängt die Politik dahin, nicht mehr zwischen Unternehmen zu unterscheiden, die tatsächlich von der Corona-Pandemie, also dem veränderten Kundenverhalten und politischen Maßnahmen, betroffen sind, und solchen, deren Probleme eher wettbewerblicher Natur sind.

„Nicht weichere, sondern härtere Insolvenzgesetzgebung die nicht auf Strukturerhalt, sondern auf Veränderung abzielt, müsste sie zur Restrukturierung oder zur Aufgabe zwingen."

Im Gespräch mit der Wirtschaftswoche betont Produktivitätsforscher Steffen Müller völlig zutreffend, dass die Corona-Krise die Zombifizierung der Wirtschaft nicht geschaffen habe, sie aber „in Deutschland einen weiteren Schub erhalte“. Er weist auf die undifferenzierte Gewährung und Ausweitung des Kurzarbeitergeldes auf 24 Monate hin. Dies sei ein „wahres Zombie-Förderprogramm“. Zudem hätten die Hilfen auf die von der Pandemie unmittelbar und die durch politische Restriktionen mittelbar betroffen Unternehmen begrenzt werden sollen. Wenn die Hilfen nicht zielgerichtet eingesetzt würden, so gebe es „auf Dauer immer stärkere Mitnahmeeffekte von Betrieben, deren Kernprobleme mit dem Virus nichts zu tun haben.“ Das stimmt. Es geht jedoch genau darum, diese Differenzierung nicht vorzunehmen. Der Staat will nämlich möglichst alle Unternehmen unter den gleichen Rettungsschirm der Corona-Hilfen bringen. Die Wirtschaftspolitik in Deutschland ist seit Jahrzehnten genau darauf ausgerichtet, die Kernprobleme der Wirtschaft zu ignorieren und stattdessen mit Subventionen, Markteintrittsbarrieren, Steuervergünstigungen, Staatseinstiegen, Rettungszahlungen und billigem Geld das schleichende wirtschaftliche Siechtum abzufedern und es dadurch noch weiter zu zementieren.

Im Hinblick auf die Insolvenzgesetzgebung müsste der Staat zwischen denjenigen Unternehmen differenzieren, die ausschließlich aufgrund der Corona-Pandemie oder den politischen Auflagen in die Bredouille geraten und den vielen Unternehmen, die trotz förderlicher Rahmenbedingungen seit Jahren Verluste machen und wettbewerblich stagnieren. Nicht weichere, sondern härtere Insolvenzgesetzgebung, die nicht auf Strukturerhalt, sondern auf Veränderung abzielt, müsste sie zur Restrukturierung oder zur Aufgabe zwingen. Die Weichen hierfür müssten jetzt gestellt werden, auch wenn der Druck auf die unprofitablen Unternehmen erst nach dem Überwinden der Corona-Pandemie erhöht werden sollte.