08.07.2020

Stagnierende Arbeitsproduktivität – eine ignorierte Herausforderung

Von Alexander Horn

Titelbild

Foto: Steve Jurvetson via Flickr / CC BY 2.0

Keine Volkswirtschaft sei gut beraten, sich mit der Verlangsamung des Produktivitätswachstums einfach abzufinden schreibt der Sachverständigenrat. Die Bundesregierung tut dies dennoch.

Zumindest in den Wirtschaftswissenschaften ist völlig unumstritten, dass der Trend des sinkenden und inzwischen stagnierenden Wachstums der Arbeitsproduktivität „eine der zentralen wirtschaftspolitischen Herausforderungen“ darstellt. So sieht es auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der den gesetzlichen Auftrag hat, die Bundesregierung in wirtschaftspolitischer Hinsicht zu beraten. Erst November letzten Jahres hatte das aus fünf Ökonomen bestehende Gremium einen „Nationalen Produktivitätsbericht“ vorgelegt. Im Anschluss daran wurde mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ein „Nationaler Produktivitätsdialog“ initiiert. Inzwischen sind, bedingt durch die Corona-Pandemie, viele Erkenntnisse des Sachverständigenrats in den Hintergrund gerückt, obwohl sie für das langfristig erfolgreiche Überwinden der Corona-Krise von entscheidender Bedeutung sein werden.

Das Produktivitätswachstum, so der Sachverständigenrat, sei „langfristig der entscheidende Faktor für materiellen Wohlstand“ sowie die „individuellen Entfaltungsmöglichkeiten“, denn die Verbesserungen der Arbeitsproduktivität können in kürzere Arbeitszeiten und mehr Freizeit umgemünzt werden. Es bestehe „wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf“, denn obwohl der Rückgang des Produktivitätswachstums ein internationales Phänomen darstelle, sei keine Volkswirtschaft „gut beraten, sich mit dem Verweis auf den gemeinsamen Trend mit der Verlangsamung des Produktivitätswachstums einfach abzufinden“. Das gilt erst recht für Deutschland, das inzwischen ein Vorreiter für diesen Negativtrend geworden ist.

Trotz aller Warnungen ist aus der Politik bisher noch keine dem Problem angemessene Reaktion erfolgt. So hatte 2017 das damals von Wolfgang Schäuble (CDU) geführte Bundesfinanzministerium (BMF) auf das Jahresgutachten des Sachverständigenrats 2015/2016 in dem die Produktivitätsschwäche ausführlich thematisiert wurde, abwiegelnd reagiert. Man halte das sinkende Wachstum der Arbeitsproduktivität „angesichts der historisch niedrigen Arbeitslosigkeit [für] vertretbar.“ Das BMF bewertete die nur noch geringen Produktivitätsfortschritte nicht als einseitig negativ, denn sie waren ursächlich für das seit der Finanzkrise 2008 einsetzende „Jobwunder“.

Bis zum Zeitpunkt der Stellungnahme des BMF waren gegenüber dem Stand von 2006 mehr als 5 Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs, darunter etwa 4 Millionen Teilzeitstellen, zusätzlich geschaffen worden. Das Jobwunder entstand, weil die stagnierende Arbeitsproduktivität die Unternehmen dazu zwang, steigende Nachfrage mit mehr Personal zu befriedigen. So gelang es, erstmals nach dem Wirtschaftswunder in den 1950er und 60er Jahren wieder in die Nähe einer Vollbeschäftigung zu kommen – obwohl das wirtschaftliche Wachstum mit durchschnittlich nur noch 1,5 Prozent pro Jahr weit schwächer war als in allen vorangegangen Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg.

"Das Jobwunder nach der Finanzkrise 2008 entstand, weil die stagnierende Arbeitsproduktivität die Unternehmen dazu zwang, steigende Nachfrage mit mehr Personal zu befriedigen."

Der Beschäftigungsaufbau hatte enorme Nebeneffekte, die dem BMF nicht verborgen blieben. Nicht nur die Sozialkassen profitierten von steigenden Einnahmen und sinkenden Ausgaben, gleiches galt für Bund, Länder und Gemeinden. Unter diesen günstigen Vorzeichen bestand die politische Abwägung des BMF darin, die sinkende und damals schon fast stagnierende Arbeitsproduktivität für „vertretbar“ zu halten.

Die Corona-Krise, die eine wirtschaftliche Rezession überlagert (die deutsche Industrie befand sich bereits Ende 2019 in einer Rezession)1, verschärft nun jedoch die Probleme, die von der Stagnation der Arbeitsproduktivität ausgehen. Die Unternehmen erreichen nur noch spärliche Produktivitätssteigerungen, weil es ihnen kaum noch gelingt, produktivitätssteigernde technologische Innovationen einführen. Das jedoch schwächt ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit, sofern sie nicht andere Möglichkeiten finden, diese dennoch zu erhalten.

In den 1990er Jahren gelang dies durch umfangreiche Produktionsverlagerungen vor allem nach Osteuropa und die Nutzung der dortigen Lohnkostenvorteile. So konnten die Unternehmen kostspielige und riskante Innovationen umgehen und sind daher technologisch kaum vorangekommen. Seitdem spielen die in Deutschland „ausgeprägte Lohnmoderation […] seit Anfang/Mitte der 2000er Jahre bis in die Gegenwart hinein“, die Hartz-Reformen und die Zuwanderung vor allem aus Ost und Mitteleuropa eine ähnliche Rolle.2 Das niedrige Lohnwachstum erhält die Wettbewerbsfähigkeit, obwohl die auf lange Sicht entscheidenden Arbeitsproduktivitätssteigerungen ausbleiben. Diese Situation birgt ein Dilemma für die Erwerbstätigen: Einerseits besteht die Gefahr, dass der Erhalt von Arbeitsplätzen mit Lohnzugeständnissen erkauft werden muss, andererseits können steigende Löhne zum Verlust vieler Arbeitsplätze führen. Die stagnierende Arbeitsproduktivität lässt letztlich keine Reallohnsteigerungen zu, ohne die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu untergraben.

"Von der Stagnation der Arbeitsproduktivität eine erhebliche Wohlstandsbedrohung für die Erwerbstätigen aus: Neben das nur noch geringe bzw. sogar stagnierende Wachstum der Reallöhne treten nun möglicherweise erhebliche Job-Verluste."

Anders als zuletzt nach der Finanzkrise ist nun das auf niedrigen Arbeitsproduktivitätssteigerungen basierende Wachstumsmodell ernsthaft in Frage gestellt. Der schleichende Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit – vor allem im Vergleich zu Schwellenländern, die durchaus noch Arbeitsproduktivitätssteigerungen erzielen – ist weiter vorangeschritten. Die Corona-Krise und die sie begleitende Rezession haben das Potenzial, diese Probleme offenzulegen.

Die Corona-Krise schwächt die Erwerbsmöglichkeiten vieler Menschen weltweit und beeinträchtigt so den Massenkonsum, der in den letzten Jahrzehnten ein wichtiger Wachstumstreiber war. Das wiederum schwächt die globale Nachfrage und trifft viele Unternehmen zusätzlich, denn sie leiden infolge der Corona-Krise unter Liquiditätsproblemen und der Aufzehrung ihrer Kapitalbasis. All das wird die globale Wettbewerbssituation verschärfen und viele Unternehmen in existenzielle Not bringen. In dieser veränderten wirtschaftlichen Situation geht von der Stagnation der Arbeitsproduktivität eine erhebliche Wohlstandsbedrohung für die Erwerbstätigen aus: Neben das nur noch geringe bzw. sogar stagnierende Wachstum der Reallöhne treten nun möglicherweise erhebliche Job-Verluste.

Trotz der schleichenden Erosion von Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand ist die von der Politik ausgehende Krisenreaktion darauf gerichtet, das vor der Corona-Krise existierende Wachstumsmodell wiederherzustellen. Die nun mobilisierten Billionen sollen vermeiden, dass sich eine Krise manifestiert, die vor allem weniger wettbewerbsfähige Unternehmen zur Aufgabe zwingen würde und zu deutlich steigender Arbeitslosigkeit führen könnte. Die wirtschaftspolitische Ausrichtung in Deutschland besteht daher darin, die Wirtschaft so umfangreich zu stützen und zu stimulieren, dass der tiefe wirtschaftliche Einbruch, ähnlich wie nach der Finanzkrise 2008, schnell überwunden werden kann. Effekte, die von der Stagnation der Arbeitsproduktivität ausgehen, sollen möglichst unterdrückt bleiben.

"Die Experten und folglich auch die Politik tappen im Dunkeln, worin die Ursache der Stagnation des in den Worten des Sachverständigenrats „langfristig entscheidenden Faktors für materiellen Wohlstand“ liegt."

Die für die deutsche Wirtschaft bereits aufgespannten Rettungsschirme und Konjunkturprogramme, wie auch die EU-Krisen- und Hilfsprogramme, fallen so üppig aus, weil sie nicht nur die Corona-Krise möglichst folgenlos zu überwinden helfen sollen, sondern auch den konjunkturellen Abschwung umzukehren. Die Absicht eine Krise, die fundamentale wirtschaftliche Probleme offenlegen würde, um jeden Preis zu vermeiden, bestand schon, bevor sich die Corona-Pandemie überhaupt abzeichnete. So wies Bundesfinanzminister Olaf Scholz bereits im Sommer letzten Jahres darauf hin, dass man über die Feuerkraft verfüge, um mit „vielen, vielen Milliarden“ und „gelebtem Keynesianismus“ erfolgreich gegen die herannahende wirtschaftliche Krise anzukämpfen. Im Zuge der Corona-Krise stellte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier gar in Aussicht, dass deswegen kein Arbeitsplatz verlorengehen müsse und der Staat die Reserven habe, um das zu verhindern. Das nun beschlossene Konjunkturprogramm wurde so umfangreich, um, wie Scholz verkündete, mit „Wumms“ aus der Krise zu führen.

Diese einseitige Ausrichtung billionenschwerer wirtschaftspolitischer Maßnahmen auf die Aufrechterhaltung statt auf die Überwindung eines Wachstumsmodells, das keine Wohlstandsgewinne mehr generiert, ist ein ernstes Problem. Noch problematischer ist jedoch, dass dieser Umstand nicht einmal in der Politik adressiert wird, sondern als „hinnehmbar“ gilt. Das Ganze liegt sogar noch etwas tiefer. Im Nationalen Produktivitätsbericht des Sachverständigenrats weist Achim Truger, eines seiner Mitglieder, darauf hin, dass es nicht einmal dem Sachverständigenrat – schließlich das nationale Expertengremium zu Produktivitätsfragen par excellence – gelingt, eine „überzeugende Erklärung“ für die Produktivitätsschwäche zu liefern. Es ließen sich daher „kaum klare wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen […) ableiten“, wie dieses Problem zu überwinden sei.3

Diese Erkenntnis ist nicht weniger wichtig, als die Feststellung, dass es ein eklatantes Produktivitätsproblem gibt. Die Experten und folglich auch die Politik tappen im Dunkeln, worin die Ursache der Stagnation des in den Worten des Sachverständigenrats „langfristig entscheidenden Faktors für materiellen Wohlstand“ liegt. Würde die Politik dieses Problem ernst nehmen, müsste sie darauf dringen, dass die wissenschaftliche Ursachenanalyse rapide vorangetrieben wird, um zumindest wirtschaftspolitische Handlungsoptionen abwägen zu können. Denn wie heißt es im Gutachten: „Keine Volkswirtschaft wäre gut beraten, sich […] mit der Verlangsamung des Produktivitätswachstums einfach abzufinden.“