11.04.2019

Wo der Fortschritt landet

Von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Official SpaceX Photos via Flickr

Heute soll die israelische Raumsonde „Beresheet“ auf dem Mond landen. Die Initiatoren hoffen auf einen „Apollo-Effekt“. Der Gegenentwurf zum Ausstiegs-Weltmeister Deutschland.

Am heutigen Abend soll die israelische Raumsonde „Beresheet“ auf der Mondoberfläche aufsetzen. Das Projekt ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Eine Landung auf dem Mond ist bisher nur den Schwergewichten USA, Russland und China gelungen. Im Gegensatz zu den Missionen dieser Länder steht hinter Beresheet keine riesige staatliche Raumfahrtagentur, sondern die gemeinnützige Organisation SpaceIL. Das Projekt wird zwar von der israelischen Raumfahrtbehörde ISA unterstützt, ein Großteil der Kosten wird jedoch von privaten Spendern getragen. SpaceIL wurde 2011 gegründet, um am „Google LunarX Prize“ teilzunehmen. Der Wettbewerb endete 2018 ohne Gewinner, da keinem Team vor der gesetzten Deadline ein Start gelang. SpaceIL machte trotzdem weiter. Inzwischen ist die Mission für Israel zum nationalen Projekt geworden.

Die waschmaschinengroße Sonde Beresheet heißt auf Hebräisch wie das erste Wort der Bibel „Am Anfang“/„Neubeginn“. Sie wurde am 22. Februar 2019 von einer Falcon-9-Rakete des privaten amerikanischen Unternehmens SpaceX in die Erdumlaufbahn gebracht und schraubt sich seitdem in vielen Schleifen immer näher an den Mond heran. An Bord trägt Beresheet unter anderem eine digitale Version der hebräischen Bibel, eine Kopie der israelischen Unabhängigkeitserklärung und die Erinnerungen eines Holocaustüberlebenden. Die wissenschaftliche Nutzlast besteht im Wesentlichen aus einem Magnetometer, mit dem das Magnetfeld des Mondes untersucht werden soll, und einem Laserreflektor, der genaue Messungen der Entfernung zwischen Erde und Mond ermöglicht.

Die kleine Mission wird wohl keine bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse bringen, aber darum geht es auch gar nicht. Die Initiatoren erhoffen sich nach eigenen Angaben einen „Apollo-Effekt“. Junge Menschen in Israel und der ganzen Welt sollen durch das Projekt inspiriert werden, die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu studieren und auf diesen Feldern etwas zu leisten.

„Ein Fortschrittsoptimismus, wie ihn die Beresheet-Mission verkörpert, ist uns in Westeuropa fremd geworden.“

Ein Fortschrittsoptimismus, wie ihn die Beresheet-Mission verkörpert, ist uns in Westeuropa fremd geworden. Hier orientieren sich die gesellschaftlichen Eliten zunehmend an den vermeintlichen Imperativen einer „Weltrisikogesellschaft“. Der Begriff geht auf den verstorbenen, aber nach wie vor einflussreichen deutschen Soziologen Ulrich Beck zurück, der bereits 1986 schrieb: „Es geht nicht mehr um die Nutzbarmachung der Natur, um die Herauslösung des Menschen aus traditionalen Zwängen, sondern […] wesentlich um Folgeprobleme der technisch-ökonomischen Entwicklung selbst. Der Modernisierungsprozess wird ‚reflexiv‘, sich selbst zum Thema und Problem.“ 1

Die Globalisierung und der technologische Fortschritt haben nach Ansicht tonangebender Kreise eine Welt unkalkulierbarer Risiken geschaffen, in der große Würfe nicht mehr wünschenswert oder möglich sind. Letztlich scheint es unseren Entscheidungsträgern nur noch darum zu gehen, die bisherigen gesellschaftlichen Errungenschaften angesichts „entfesselter“ Finanzmärkte, „bedrohlicher“ Klimaveränderungen und „unabwendbarer“ Migrationsprozesse wenigstens halbwegs halten zu können. In Deutschland wollen viele sogar den Rückwärtsgang einlegen und im Rahmen einer Energie-, Verkehrs- oder Agrarwende aus effizienten Technologien auszusteigen, die angeblich die ökologische Stabilität bedrohen.

Eine solche fatalistische, fortschrittsfeindliche Haltung konnte sich Israel nie leisten. Von Anfang an musste sich das kleine, trockene Land ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen nicht nur gegen feindselige Nachbarn behaupten, sondern auch gegen die Widrigkeiten der Natur. Zunächst stellte die Sicherstellung der Wasserversorgung eines der drängendsten Probleme dar. Durch ambitionierte Pipeline-Projekte, innovative Entsalzungsanlagen, die revolutionäre Tröpfchenbewässerung und die Züchtung trockenheitsresistenter Pflanzen brachte man die Wüste zum Blühen. Seit der Staatsgründung im Jahr 1948 hat sich die Bevölkerung Israels mehr als verzehnfacht. Trotzdem verfügt das Land heute über einen Wasserüberschuss, der es ihm sogar erlaubt, den kostbaren Rohstoff an seine Nachbarn zu exportieren.

„Israel hat am wissenschaftlichen Fortschrittsglauben festgehalten, und greift nun nach den Sternen.“

In wenigen Jahrzenten wandelte sich Israel vom armen Agrarstaat zum High-Tech-Standort. Zu Beginn des neuen Jahrtausends machten Produkte der Hochtechnologie mehr als drei Viertel der israelischen Exporte aus. 2009 nahm das Land bei der Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen pro Kopf weltweit den vierten Platz ein. Im Jahr 2010 war Israel das Land mit dem weltweit höchsten Anteil an Naturwissenschaftlern und Technologen in der Erwerbsbevölkerung. Israel meldete pro Kopf die fünfthöchste Anzahl an Patenten an und gab 4,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aus – mehr als jedes andere Land der OECD.

2017 stufte der „Global Competitiveness Report“ des Weltwirtschaftsforums Israel als zweitinnovativstes Land der Welt ein. Der kleine Staat hat heute den höchsten Lebensstandard im Nahen Osten und Wachstumsraten, von denen die meisten westlichen Industrienationen nur träumen können. Von besonderer Bedeutung ist die Startup-Szene, die mittlerweile als die größte der Welt gilt.

Die Probleme unserer Zeit seien nur noch „global“ lösbar, heißt es allenthalben, am besten von supranationalen Expertengremien, die vom demokratischen Alltagsgeschäft abgekoppelt sind. Das Beispiel Israel zeigt jedoch, welche Dynamik der klassische bürgerliche Nationalstaat auch in unserer globalisierten Welt noch entfalten kann. Das winzige, von Feinden umlagerte Land hält nicht nur Demokratie und individuelle Freiheitsrechte hoch. Es hat auch am wissenschaftlichen Fortschrittsglauben festgehalten, und greift nun nach den Sternen. Wenn Beresheet heute Abend zur Landung auf unserem Erdtrabanten ansetzt, wird die Welt zuschauen. Und hoffentlich inspiriert sein.