08.06.2017

„Wir müssen elterliche Entscheidungen respektieren“

Interview mit Jan Macvarish

Titelbild

Foto: Valeria Zoncoll via Unsplash / CC0

Eltern werden mit neurowissenschaftlichen Ratschlägen überhäuft. Die Einmischung von Experten und Staat gefährdet ihre Selbstbestimmung.

Marco Visscher: Sie sind Autorin des Buches „Neuroparenting: The expert invasion of family life“. Was haben Sie gegen die Einmischung der Neurowissenschaft in die Erziehung?

Jan Macvarish: Man suggeriert, dass wir nun endlich wüssten, wie wir unsere Kinder erziehen müssen. Bisher haben wir wohl nur vor uns hingewurschtelt, jetzt ist endlich nachgewiesen, wie wir gute Eltern werden. Das lässt sich offenbar alles an unserem Gehirn ablesen.

Halten Sie die Neurowissenschaft für überschätzt?

Ja, und es bereitet mir Sorgen, dass Experten und Behörden eine neurowissenschaftliche Erkenntnis auf dem Gebiet der Kindesentwicklung einfach übernommen haben, dass nämlich die Erfahrungen in den ersten Lebensjahren – oder gar -stunden – unser späteres Leben als Erwachsene bestimmen. Das hat dazu geführt, dass Eltern ihr Tun und Lassen für einen bleibenden, unauslöschlichen Einfluss halten, als wären sie geradezu Architekten ihrer Kinder.

Müttern wird gesagt, dass sie stillen müssen und wie lange. Sie müssen in den ersten Tagen möglichst viel Hautkontakt aufnehmen. Sie müssen mit ihrem Baby reden und Lieder singen, am besten schon, wenn es sich noch in der Gebärmutter befindet. Sie müssen Geschichten vorlesen. Die Liste geht endlos weiter und ist auffällig detailliert. In den ersten tausend Lebenstagen müssen sie sich sehr intensiv kümmern und Aufmerksamkeit spenden. So entwickle sich das Kind zu einem verantwortungbewussten Menschen.

„Man geht davon aus, dass Eltern alles verkehrt machen.“

Sind das denn keine nützlichen Ratschläge?

Nein, das ist eine Beleidigung der Eltern. Man geht davon aus, dass Eltern alles verkehrt machen und man ihnen erklären muss, was sie zu tun haben. Warum sonst sind einige dieser Ratschläge so banal? Selbstverständlich ist es gut, mit seinem Baby zu sprechen. Das zu tun, ist auch völlig normal. Muss man das jemandem erst mitteilen? Sobald so etwas wegen seiner großen Wichtigkeit zur amtlichen Empfehlung wird, schließt sich unwillkürlich die Frage an: „Wieviel denn?“

Junge Eltern bemühen sich, alles richtig zu machen und nehmen ihre neue Aufgabe oft sehr ernst. Studien zufolge treten bei Müttern, denen man die Bedeutung des Hautkontakts kurz nach der Geburt vermittelt hatte, Sorgen und Unsicherheiten auf, wenn dieser nicht herzustellen war – weil das Baby oder die Mutter anfänglich erkrankt war und beide deshalb voneinander getrennt werden mussten. Die Mütter haben Angst, einen als magisch und prägend beschriebenen Moment verpasst zu haben.

Wie mir eine befreundete Hausärztin berichtete, kommen täglich Frauen zu ihr, die sich depressiv fühlen und für mangelhafte Mütter halten. Das wundert mich überhaupt nicht. Frauen reagieren auf Schwangerschaft, Entbindung und die neue Mutterrolle oft komplex und ambivalent. Diese Reaktionen ändern sich auch ständig, aber die Frage, ob man sich richtig verhält, bleibt. In einer solchen Situation dürfte es ihrem Selbstvertrauen kaum gut tun, ihnen ständig Ratschläge zu erteilen; erst recht nicht solche, die im Brustton der Überzeugung vor langfristigen Folgen warnen.

„Die Experten verderben die Freude am Elternsein.“

Ihrer Meinung nach sollten wir Eltern also mehr Vertrauen entgegenbringen.

Ja. Junge Eltern verbringen Zeit mit ihrem Baby. Das wollen sie so und sie handeln dementsprechend. Diese gemeinsame Zeit verliert aber schleichend ihre Bedeutung, wenn Eltern mit allen möglichen Expertenratschlägen vollgestopft werden. Etwas so Selbstverständliches wie mit seinem Kind reden und spielen kriegt auf einmal einen instrumentellen Charakter. Dann geht es nicht mehr um Geborgenheit und Spaß, sondern um die Stimulierung der Entwicklung. Die Experten verderben die Freude am Elternsein.

Aus Sicht der Neurowissenschaftler bringen solche Erkenntnisse und Ratschläge aber sehr wohl einen Nutzen.

Nein, deren Ratschläge sind völlig unwissenschaftlich. Bisher haben Menschen ihre Kinder auf ganz unterschiedliche Weise erzogen. Die Unterstellung, sie hätten dabei versagt, scheint mir doch arg realitätsfremd. Man denke an das Vorlesen. Das steht neuerdings auf der Liste. Als ich Mutter wurde, hat mir niemand das empfohlen. In vielen früheren Generationen hat man Babys nie etwas vorgelesen. Sind aus diesen Kindern allesamt asoziale Erwachsene geworden?

Wenn man zehn Erwachsene nebeneinander stellt, können Sie mir dann sagen, wer von ihnen gestillt worden ist und wer nicht? Oder welchen von ihnen man was vorgesungen hat, als sie noch in der Gebärmutter waren? Dass sich solche Aktivitäten im späteren Leben in prägender Weise zeigen, ist eine groteske Vorstellung. Das hat auch nichts mit präziser Wissenschaft zu tun, sondern mit magischem Denken.

„Erkenntnisse der Neurowissenschaft dienen als Vorwand für mehr Überwachung und Beeinflussung.“

Das hieße, die Neurowissenschaftler versauen alles?

Nein, so ganz trifft das nun auch nicht zu. Neurowissenschaftler haben sich schon vor einer ganzen Weile von der Vorstellung verabschiedend, dass es eine allesbestimmende, prägende Periode im Leben eines Kindes gäbe. Das war zu deterministisch, und deshalb wurde behauptet, dass in einer solchen Periode eine gewisse Form der Sensibilität bestünde. Aber auch das erwies sich schließlich als wissenschaftlich unhaltbar. Heute spricht man von einer „sich bietenden Möglichkeit“ oder einer Periode mit Chancen.

Neurowissenschaftler agieren im Allgemeinen viel vorsichtiger und differenzierter als die ganzen Erziehungsexperten, Familienhelfer und politischen Entscheidungsträger, die deren Werk nutzen, um ihre eigene Agenda durchzusetzen. Für sie sind die ersten Elternjahre in erster Linie eine Möglichkeit für mehr Überwachung und Einflussnahme. Die sogenannten Erkenntnisse der Neurowissenschaft – und deren Aura akademischer Autorität – dienen ihnen als Vorwand, um Kurse für werdende Eltern anzubieten, um regelmäßige Hausbesuche abzustatten und einzugreifen, wo es ihnen nötig scheint. Es sind diese Kreise, die uns ständig weismachen wollen, wie anfällig junge Gehirne sind, wie sie geformt werden müssen, und dass Eltern davon keinen Schimmer haben.

Offenbar übt das Gehirn auf uns heute eine gewisse Faszination aus.

Ja, die Experten zeigen uns in ihren Hochglanzbroschüren und Power-Point-Präsentationen, wie fantastisch die Gehirne kleiner Kinder sind, mit ihren vielen Milliarden Neuronen und den ganzen Synapsen, die die ganze Zeit aufleuchten. Dem stellen sie dann einen Haufen statischen, grauen Breis entgegen, der das erwachsene Gehirn darstellen soll. Eine ziemlich deutliche Metapher, um zu suggerieren, wie toll Kinder sind, und dass Erwachsene, also auch Eltern, irgendwas ganz falsch machen, oder?

Man suggeriert also: So ein fantastisches Kindergehirn gehört beschützt.

Genau. Man müsse alles tun, um es zu beschützen in einer Welt voller Stimuli, die es stark in Mitleidenschaft ziehen, so wie es offenbar bei uns geschehen ist. Wer das nicht tut, dem fehle der Respekt vor dem Kind. Wer nicht sein Bestes tut, um ein gesundes Entwicklungsumfeld zu optimieren, lasse die Chance verstreichen, das Kind zu einem glücklichen und erfolgreichen Erwachsenen heranwachsen zu lassen … Was für ein Unsinn! Einen so großen Einfluss üben Eltern überhaupt nicht aus. Die Annahme, wir wären dazu in der Lage, ist illusorisch. Wenn wir Familie gesellschaftlich wichtig finden, müssen wir hohe Hürden für die Einmischung von Staat und Experten aufstellen. Sonst verliert die Familie nämlich ihren besonderen Status.

„Die spezifische Elternliebe wird durch eine unpersönliche Liste von Verhaltensmaßregeln ersetzt.“

Kann in bestimmten Situationen ein Eingreifen gerechtfertigt sein?

Zweifelsohne. Aber auch solchen Situationen – wenn etwa Kinder zu Opfern dauerhafter physischer oder sexueller Gewalt werden – muss man mit größtmöglicher Umsicht und unter Würdigung der Umstände begegnen. Ich kann mir Situationen vorstellen, wo es für das Kind besser ist, bei seiner liebevollen Mutter zu bleiben, selbst wenn der Vater bzw. Ehemann zur Gewalttätigkeit neigt. Zu häufig werden in solchen Fällen die Kinder aus der Familie genommen. Ich verstehe, wie furchtbar und stressig so eine Konstellation ist, aber die einzigartige Mutterliebe genügt manchmal, damit das Kind das überstehen kann.

Weshalb ist es Ihnen so wichtig, dass die Eltern in Ruhe gelassen werden?

Auch wenn die Eingriffe auf absolute Ausnahmefälle begrenzt bleiben, rütteln wir am Familienleben überhaupt. Wenn solche Interventionen zum Normalfall werden, greift das die einzigartige Rolle an, die die Eltern einnehmen. Dann entsteht die Vorstellung, dass Eltern nur „Erzieher“ sind, als ob man die Kindererziehung auf eine Beherrschung von Risikofaktoren reduzieren könnte. Eltern sind weit mehr: Sie dienen als wesentlicher Anker für die Entwicklung unserer Identität. Die Liebe innerhalb einer Familie ist nicht zufällig den Familienmitgliedern vorbehalten. Eltern erleichtern den Übergang in die große Erwachsenenwelt, indem sie eine kleine Welt schaffen, die sich ausdehnt, je älter das Kind wird.

Diese Welt ist nicht immer perfekt.

Das muss sie auch nicht. Diese Welt muss aber einzigartig sein und Schutz bieten. Deshalb ist es auch so schwierig, in einer anderen Konstellation elterliche Liebe nachzuempfinden. Darin liegt zudem das Problem der übertriebenen Aufmerksamkeit, die die Neurowissenschaft der elterlichen Erziehung zuteilwerden lässt: Die spezifische Liebe eines Elternteils für sein Kind wird durch eine Art verallgemeinerte, unpersönliche Liste von Verhaltensmaßregeln ersetzt. Kinder brauchen aber eine besondere Verbindung mit ihren Eltern. Auf dieser Grundlage finde ich, dass die Rolle und die Selbstbestimmung der Eltern geschützt sein müssen. Wir müssen für elterliche Entscheidungen Respekt aufbringen und akzeptieren, dass diese Entscheidungen den Eltern zukommen und niemandem anders.