11.04.2011

Wie viele Menschen kann die Erde ernähren?

Analyse von Thilo Spahl

Bald leben 7 Milliarden Menschen auf der Erde. Ihre Ernährung wird nicht durch natürliche Grenzen limitiert; sie ist eine Herausforderung für die menschliche Gestaltungsfähigkeit. Durch wirtschaftliche Unterentwicklung bedingte Armut ist heutzutage die einzige Ursache für den Hunger

2011 ist das Jahr, in dem die Weltbevölkerung die 7 Milliarden-Marke überschreiten wird. Wie im Jahr 1999, als wir die 6 Milliarden, im Jahr 1986, als wir die 5 Milliarden, und im Jahr 1974, als wir die 4 Milliarden überschritten, werden wir gewiss auch in diesem Jahr fragen: Wie lange kann das Wachstum weitergehen? Für die meisten Menschen ist das eine bange Frage. Sie können sie nicht beantworten. Aber sie sind besorgt. Zu Unrecht. Denn wenn wir die Entwicklung der letzten Jahrzehnte betrachten, haben wir allen Grund zum Optimismus. Der noch zu erwartende Anstieg auf rund 10 Milliarden Menschen bis zur Mitte des Jahrhunderts ist eine Herausforderung, die durchaus zu meistern ist.

Während sich die Weltbevölkerung seit 1950 mehr als verdoppelt hat, konnte die Getreideproduktion im gleichen Zeitraum verdreifacht werden. Pro Kopf produzieren wir heute 40% mehr Nahrungsmittel als in den 1950er Jahren. Und nicht nur bei der Ernährung geht es bergauf. Der Wissenschaftsautor Matt Ridley resümiert in seinem im Herbst auch in Deutsch erscheinenden Buch The Rational Optimist: „Vergleicht man das Jahr 2005 mit dem Jahr 1955, so verdiente der Durchschnittsmensch auf diesem Planeten (inflationsbereinigt) fast dreimal so viel Geld, nahm ein Drittel mehr Kalorien zu sich, die Kindersterblichkeit war auf ein Drittel gesunken und die Lebenserwartung um ein Drittel gestiegen.“

Trotz dieser Fakten ist das Denken noch immer von der Vorstellung einer „Bevölkerungsexplosion“, einer schon vorhandenen „Überbevölkerung“ und dem Versiegen von Ressourcen geprägt. Dabei ist die Idee, dass es auf der Erde zu eng werde, nicht gerade plausibel. Platz ist genug da.

Der am dichtesten besiedelte Stadtteil in Deutschland ist das Westend in Wiesbaden. Dort stehen keineswegs gigantische Bettenburgen, sondern ganz nette Gründerzeithäuser. Würde man das Wiesbadener Westend auf ganz Deutschland ausweiten, so könnten hierzulande 8,7 Milliarden Menschen angenehm leben. Frankreich könnte bei einer Bevölkerungsdichte wie in Paris über 16 Milliarden Menschen aufnehmen. Und die Fläche von Frankreich umfasst weniger als 0,5% der globalen Landfläche. 16 Milliarden werden wir freilich nicht werden. Voraussichtlich wird der Höchststand zwischen neun und zehn Milliarden liegen. Denn die Geburtenrate fällt global rasant. Mitte des letzten Jahrhunderts lag sie bei 4,9 Kindern pro Frau. Heute ist der Mittelwert aller erfassten Länder 2,3. Wenn die Geburtenrate die Marke von 2,1 unterschreitet, fängt die Bevölkerung wieder an zu schrumpfen.

Der Kern der Überbevölkerungsidee ist die Frage, ob die Natur genug hergibt, um all die vielen Menschen zu ernähren. Im Jahr 1798, als die Weltbevölkerung etwa eine Milliarde betrug, hat der britische Ökonom Thomas Robert Malthus die Behauptung aufgestellt, „dass die Vermehrungskraft der Bevölkerung unbegrenzt größer ist als die Kraft der Erde, Unterhaltsmittel für den Mensch hervorzubringen.“ Er begründete damit eine Sichtweise, wonach „Seuchen und Krieg“ letztlich etwas Positives seien, da sie dazu beitrügen, das wahre Übel, nämlich die Vermehrung der Massen, zu bremsen.

Natürlich konnte Malthus den Gang der Welt nicht ändern und die Menschheit nicht daran hindern, seine Vorstellung zu widerlegen. Kaum hatte der Mann dessen Ende verkündet, ging das Bevölkerungswachstum erst richtig los, und die Menschen bewiesen, dass nicht nur eine, sondern sieben Milliarden ernährt werden können und sich ein beträchtlicher Teil davon dabei eines Wohlstands erfreut, den Malthus sich nie hätte träumen lassen. Wer meint, die Überbevölkerungsidee sei damit heute vom Tisch, täuscht sich allerdings. Sie lebt wie kaum zuvor. Der britische Journalist Brendan O’Neill schrieb im Januar 2011 im Novo-Partnermagazin Spiked treffend: „Die Malthusianer vermehren sich wie die Karnickel.“

Mitverantwortlich für das bis heute anhaltende Revival des Malthusianismus ist der amerikanische Schmetterlingsforscher Paul Ehrlich, der 1968 mit dem Buch Die Bevölkerungsbombe das Denken einer ganzen Generation prägte. „Die Schlacht, die gesamte Menschheit zu ernähren, ist vorüber.“, behauptete Ehrlich. „In den 70er- und 80er-Jahren werden Hunderte von Millionen Menschen verhungern, egal welche Krisenmaßnahmen jetzt ergriffen werden.“ Seine Forderung: Durch strikte Kontrolle der Reproduktion müsse die Weltbevölkerung auf ein Niveau von rund zwei Milliarden Menschen gesenkt und dort stabilisiert werden.

Heute scheint der Malthusianismus, insbesondere in der mit Konsumkritik und Planetenrettung aufgepeppten Variante, in Deutschland Common Sense: „Die Erhöhung der schieren Zahl der Menschen, multipliziert mit dem erhöhten Anspruchsdenken des Einzelnen, das produziert die ungesicherte Bombe der Überbevölkerung.“, so der Physiker und Fernsehmoderator Prof. Harald Lesch in der ZDF-Sendung Abenteuer Forschung. Gemeint ist hier natürlich nicht die schiere Zahl der Deutschen, sondern die der Chinesen, Inder und Afrikaner.

Wer die Angst vor „Überbevölkerung“ teilt, akzeptiert für gewöhnlich auch die These, dass wir Menschen irgendwann zweifellos an natürliche Grenzen bei der Nutzung der auf der Erde vorhandenen Ressourcen stoßen müssen - wenn nicht bei 2 Milliarden, dann eben bei 7 oder 8 Milliarden Menschen. Irgendwann, so die verbreitete Intuition, müssen die Ressourcen ja zur Neige gehen. Ein Blick auf die Landwirtschaft zeigt, warum wir so nicht denken müssen.

Nahrungspflanzen sind letztlich biologische Miniaturfabriken, die Kohlendioxid (CO2), Stickstoff, Wasser und einige Spurenelemente in Eiweiß, Kohlenhydrate, Fett und Vitamine verwandeln. Dafür nutzt die Pflanze Energie der Sonne, und diese Energie gewinnen wir hinterher aus unseren Lebensmitteln wieder zurück. Von den Wasserstoff-, Kohlenstoff-, Sauerstoff- und sonstigen Atomen, die in diesem Prozess von einer chemischen Verbindung in eine andere verwandelt werden, geht kein einziges verloren. Sie befinden sich in einem immer währenden Kreislauf. Betrachten wir das Leben auf der untersten Ebene, kann von einem „Verbrauch“ von Ressourcen keine Rede“ sein. Wenn wir also etwa von drohender Wasserknappheit sprechen, dann müssen wir im Hinterkopf behalten, dass die Wassermenge auf dem Planeten konstant ist. Von der Erde tropft kein Wasser ins Weltall. Das Problem besteht darin, dass unser Aufwand dafür wächst, das Wasser an den Ort zu bekommen, wo wir es brauchen, und es wieder zu reinigen, wenn wir es verschmutzen. Oder es zu entsalzen, wenn wir die offensichtlich grenzenlose Quelle Meerwasser nutzen wollen. Mit anderen Worten: Wir haben es nicht mit natürlichen Grenzen, sondern mit Herausforderungen für die menschliche Gestaltungsfähigkeit zu tun. Und diese wächst, als kollektive Kompetenz, mit der Zahl der Menschen auf dem Planeten und der zunehmenden Kommunikation und Kooperation seit Jahrtausenden stetig. Der letztlich verbleibende natürliche Faktor ist Energie. Und obwohl bekanntlich auch „Energieknappheit“ ein großes Thema ist, bestreitet niemand wirklich, dass die auf der Erde prinzipiell zur Nutzung zur Verfügung stehende Energie je wirklich knapp werden könnte. Wenn man allerdings Energie künstlich verteuert, dann verteuert man auch Nahrungsmittel. Wer nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt ineffiziente Energieerzeugung und ineffiziente Landwirtschaft einführen will, der fordert eine Welt, in der wieder mehr Hunger herrscht.

Die Welternährung ist eine Herausforderung, die zu meistern ist. Wir müssen sie allerdings auch annehmen. Nach wie vor gibt es eine Vielzahl von Organisationen und Menschen, die der Malthus’schen Vorstellung von der Gegenüberstellung von Mensch und Natur verhaftet geblieben und der Überzeugung sind, es sei der Mensch, der hier zurückweichen müsse. Die intensive Landwirtschaft mit Hochleistungssorten, Kunstdünger, Mechanisierung, Pflanzenschutzmittel, Infrastruktur, globaler Vermarktung – allem, was in den vergangenen Jahrzehnten zur enormen Verbesserung der Welternährung beigetragen und den Anteil der Hungernden drastisch verringert hat – gilt z.B. den Fürsprechern der „ökologischen“ Landwirtschaft als problematisch. Gerade diese machen immer wieder „natürliche“ Grenzen für den Hunger verantwortlich, ohne selbst sinnvolle Lösungen für die Ernährung der Menschheit im globalen Maßstab anbieten zu können.

Die globale landwirtschaftliche Produktion kann bereits mit heute verfügbaren Mitteln noch erheblich gesteigert werden. Dafür muss noch nicht einmal die Anbaufläche ausgeweitet werden, die nach Angaben einer aktuellen Studie von heute 1,5 grundsätzlich auf bis zu 4 Milliarden Hektar erhöht werden könnte. Es müssen nur auf dem bereits genutzten Ackerland durch moderne Bewirtschaftung höhere Erträge erzielt werden. Die bleiben in vielen Regionen weit unter den Möglichkeiten zurück. Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) werden in den USA pro Kopf jährlich 1230 kg Getreide produziert, während es in China 325 und in Simbabwe gerade einmal 90 kg sind. Dabei ist die Bevölkerungsdichte in Simbabwe mit 30 Einwohnern pro Quadratkilometer nicht höher als in den USA mit 32.

Auch die Verluste nach der Ernte sind enorm. So erreichen in armen Ländern wohl 15-25% der erzeugten Nahrungsmittel nicht den Konsumenten, sondern verderben. Der Agrarökonom Vaclav Smil schätzt, dass so mindestens 150 Millionen Tonnen verloren gehen. Das ist fünfmal so viel wie nötig wäre, um der einen Milliarde Menschen, die heute Hunger leidet, die Ernährung zu sichern.

Dass es heute noch Hunger gibt, liegt nicht daran, dass wir an vermeintlich natürliche Grenzen stießen. Es liegt ausschließlich an Armut, die wiederum durch wirtschaftliche Unterentwicklung bedingt ist. In Hinblick auf die Welternährung haben wir kein Angebotsproblem, wir haben ein Kaufkraftproblem. 800 Millionen Menschen sind zu arm, um sich genug zu essen zu kaufen. Die Hungernden sind kein Beweis für knappe Ressourcen, sie sind die Folge mangelnder Entwicklung. Der britische Umweltjournalist Fred Pearce bringt es auf den Punkt: „Afrikas Problem ist schlechte Landwirtschaft, nicht zu viele Menschen.“ Die Propagandisten rückständiger Landwirtschaftsmethoden setzen sich dafür ein, dass das so bleibt. Und glauben dabei allen Ernstes, den Planeten vor der Ausplünderung durch den Menschen zu schützen.

Erschreckenderweise sind die meisten der Hungernden der Welt Kleinbauern, die aufgrund von Armut so ineffizient wirtschaften, dass sie noch nicht einmal sich selbst ausreichend ernähren können. Um ihnen die Chance zu geben, aus der Armut herauszukommen, muss man zumindest damit anfangen, ihnen die technischen Hilfsmittel zu geben, die es etwa in den USA erlauben, dass nur 0,32% der arbeitenden Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig sind, diese aber so viel produzieren, dass das Land der weltweit größte Nettoexporteur ist. Was die Landwirtschaft überall auf der Welt braucht, sind neue Pflanzensorten, die z.B. Salz und Trockenheit vertragen, effiziente Bewässerungssysteme, bedarfsgerechte Düngung, Pflanzenschutz, taugliche Anlagen für Lagerung, Verpackung und Transport, und so weiter. Der Begriff „industrielle Landwirtschaft“ wird heute von vielen als Schimpfwort gebraucht. Das ist fatal. Wir müssen Landwirtschaft als Industrie betrachten und global als solche entwickeln. Die so genannte „bäuerliche Landwirtschaft“ ist ebenso unzeitgemäß wie eine Kugelschreibermanufaktur. Keine Industrie außer der Landwirtschaft kann von sich behaupten, dass sie so viele Kunden hat, wie Menschen auf der Erde leben. Keiner Industrie stellt sich die Herausforderung der effizienten Massenproduktion klarer als der Landwirtschaft.

Wie viele Menschen kann der Planet ernähren? Die Frage ist falsch gestellt. Der Planet tut nichts für uns. Vor rund 10.000 Jahren haben die Menschen damit begonnen, ihre Nahrungsmittel mit Hilfe von Ackerbau und Viehzucht selbst zu produzieren. Damals betrug die Weltbevölkerung zwischen fünf und zehn Millionen Menschen. Die konnten sich als Jäger und Sammler von dem ernähren, was die Natur hergab. Heute ernährt uns nicht die Natur, sondern wir ernähren uns selbst!