29.01.2018

Wie Fortschritt in Afrika gelingen würde

Von James Woudhuysen

Titelbild

Foto: diaznash via Pixabay / CC0

Bundesentwicklungsminister Müller will einen Marshall-Plan zur Entwicklung Afrikas. Stattdessen muss der Kontinent sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und kann dabei gar nicht ambitioniert genug denken.

Donald Trump hat ein oder zwei Pläne für Afrika, größtenteils abgekupfert von Barack Obama. Auch China hat Pläne. Die EU gibt ungefähr 100 Milliarden Euro aus, um Migration, Grenzen und Sicherheit zu organisieren: in Libyen, der wichtigen Sahel-Zone, in Mali, Mauretanien, Niger, Burkina Faso und dem Tschad. Deutschland hat währenddessen eigene, bekanntere Pläne. Gerd Müller (CSU), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben diese bereits verlauten lassen.

Aber was sind Afrikas Pläne für Afrika? Über Zusammenarbeit lässt sich nicht streiten. Als Minister Müller im Januar 2017 die 34-seitige Broschüre „Afrika und Europa: Neue Partnerschaft für Entwicklung, Frieden und Zukunft“ herausbrachte, klang der Untertitel „Eckpunkte für einen Marshall-Plan mit Afrika“ vielversprechend. Auf dem G20-Gipfel in Hamburg beantragte Bundeskanzlerin Merkel erfolgreich die G20-Partnerschaft der 20 reichsten Staaten der Welt mit Afrika. Dabei gratulierte sie Afrika zu seinem ersten Entwurf eines Plans zur eigenen Entwicklung. Sie fügte hinzu, dass Deutschland an der 2015 erschienenen „Agenda 2063: The Africa We Want“ seine eigenen Ziele orientieren könne. Afrika würde damit nicht bevormundet und Projekte, die Afrika nicht als wichtig erachtet, müssten nicht angestoßen werden.

Pläne der Afrikanischen Union und Deutschlands

Die deutsche Regierung ergänzt, dass Afrika selbst mit der Afrikanischen Union (AU), wie die G20, für die Zukunft planen soll. Die AU wurde 2001 von Libyens Muammar Gaddafi gegründet und 2015/16 von Zimbabwes Robert Mugabe geleitet. Die Pläne zweier Diktatoren für Afrikas 1,25 Milliarden Menschen sollten gründlich geprüft werden.

„Bei Wirtschaftswachstum werden Natur und Frauen ‚mitbedacht‘.“

Tatsächlich sollten Afrikaner, die nach Fortschritt streben, sich nicht an den Plänen der AU orientieren. Diese sind, sehr offensichtlich, auch von westlicher Taktik geprägt. Die westlichen Führer, die nicht wollen, dass Afrika sich finanziell zu hoch verschuldet, schulden dem Kontinent jetzt Ideen. „Inklusives Wachstum und nachhaltige Entwicklung“ ist das erste „Bestreben“ der Agenda 2063. Auf dem Kontinent, der bekannt ist für Mugabes Korruption, sollen Südafrikas Jacob Zuma und die anderen Machthaber auf magische Weise zu „geteiltem Wachstum“ bewegt werden. Die Tierwelt und Natur sollen durch „klimaresistente Wirtschaftssysteme“ geschützt werden. Die Vision der AU ist ein Afrika mit „ausgeprägter kultureller Identität, gemeinsamem Erbe, Werten und Ethiken“. Bis 2063 – da hat man ja Zeit – ist dieses Afrika „fürsorglich“ und die „Bevölkerung steht im Mittelpunkt“. Frauen werden emanzipiert sein und Macht innehaben, damit sie mindestens die Hälfte der Führungspositionen in Staat und Unternehmen besetzen und die „gläserne Decke sprengen“.

Sagenhaft: Ob sie nun Despoten oder rechtmäßig gewählt sind, importieren Afrikas Führer, abgesehen von westlichen Produkten und Schund, auch deren Weltsicht: Bei Wirtschaftswachstum werden Natur und Frauen „mitbedacht“. Die afrikanischen Machthaber sind dabei nicht mal in der Lage, die Produkte ihrer eigenen Länder in den Markt der EU zu exportieren. Nicht grundlos ist Afrikas Einbezug „grüner Ideen und politischer Identitäten“ der Punkt, auf den sich Merkel bezieht. Ihre Ansichten sind auch deutlich in die Entwicklung der Agenda 2063 eingeflossen.

Beim Lesen des Berliner Marshall-Plan 2017 könnte einem schlecht werden. Man könnte meinen, er sei von der grünsten, linkesten NGO, die man sich vorstellen kann, verfasst worden. So stellt sich heute die traditionell konservative Partei Deutschlands, die CDU/CSU, dar.

Geschichte und Geopolitik

Begonnen wird mit Selbstbezichtigungen. Wir erfahren, dass Europa auf einer Konferenz in Berlin 1885 die Grenzen Afrikas „mit dem Lineal“ gezogen hat. Und auch „noch heute gründet der Wohlstand der Industrieländer teilweise auf der ungeregelten Ausbeutung von Menschen und Ressourcen des afrikanischen Kontinents“. Europas Afrikapolitik war „über Jahrzehnte […] häufig an kurzfristigen Wirtschafts- und Handelsinteressen ausgerichtet. Es fehlte an einer konsequenten und zielgerichteten Politik aus einem Guss und an der hierfür erforderlichen Struktur zur Umsetzung.“

In Wahrheit war Europas Afrikapolitik über Jahrzehnte erstaunlich konsequent und strukturiert. Militärische Besetzung, Staatsstreiche, das Anfachen von Teilungsbestrebungen und die Unterdrückung afrikanischer Exporte und Industrien fanden statt. Der neue Marshall-Plan weiß jetzt ganz genau, was Afrika von seinen nordischen Nachbarn erwartet: lediglich eine langfristige, umfassendere und zudem paneuropäische Politik.

„Das ist der Diktatsgeist Berlins. Er könnte auch von Donald Trump stammen.“

Wie könnte sich diese Politik gestalten? Es ist so einfach wie verwirrend: Wir haben gelernt, dass Afrika reich an natürlichen Ressourcen ist. Es soll aber „mehr sein als der Kontinent der Rohstoffe“. Gleichzeitig sieht man „die natürlichen Ressourcen als Grundlage für Wirtschaft und Wohlstand in der Zukunft“. Trotz all der Klischees und Widersprüche lässt der Plan keine Zweifel daran, dass die Beziehungen zwischen Afrika und der EU künftig auf gegenseitigem Respekt basieren. Afrika soll ein wichtiger Punkt der EU-Agenda sein. Es soll einen EU-Kommissar für Afrika geben und Afrika soll einen Sitz im UN-Sicherheitsrat erhalten. Gleichzeitig soll die AU, die ihren eigenen Friedens- und Sicherheitsrat hat, ihre Frühwarnsysteme für Krieg und ihre militärische Unterstützungstruppe wappnen, um in einigen Jahren „Konflikte selbst zu befrieden“.

Um derart hochgesteckte Ziele zu erreichen, müsste Deutschland, wie auch immer, „Sicherheitspartnerschaften“ entwickeln und die „Befähigung von [lokalen] Sicherheitskräften fördern“. Aus diesem Grund sind jetzt schon deutsche Hubschrauber in Mali, von denen einer im Juli verunglückte. Damit die AU irgendwann im 21. Jahrhundert ihre Konflikte selbst lösen kann, existieren heutzutage deutsche Ausbildungslager in Burkina Faso. Auch der Verkauf von Kriegsgerät im Wert von einer Milliarde Euro an Algerien wird damit gerechtfertigt, genau wie die Unterstützung der fünf hochgeschätzten Regierungen der Sahel-Zone mit Waffen, Munition und Militärfahrzeugen für eine gemeinsame Truppe.

Deutschlands zwar zurückhaltende, aber schleichende Militarisierung Afrikas wird natürlich mit der Bekämpfung des Terrorismus begründet. In Nigeria arbeiten deshalb deutsche Truppen mit französischen, britischen und amerikanischen Soldaten zusammen. Deutschlands Agenda ist jedoch sehr viel mehr als Terrorismusbekämpfung. Sie macht Afrika Vorschriften. Der Marshall-Plan betont, dass Berlin „Klartext statt diplomatischer Zurückhaltung bei Reformverweigerern sehen will“. Das ist der Diktatsgeist Berlins. Er könnte auch von Donald Trump stammen.

Deutsche Interessen

Unter dem dritten Punkt, um dem Plan zu folgen, wird Afrika eingelullt. Kulturelle und religiöse Vielfalt werden hochgehalten, obwohl diese angebliche Tugend häufig zu blutigen Kriegen führte. Aus diesem Grund muss aus Deutschland „Druck auf Regierungen“ ausgeübt werden, „die religiösen Extremismus in Afrika finanzieren“. Ferner wird die afrikanische Jugend und ihr Unternehmergeist als größtes Vermögen gepriesen – obwohl die Arbeitslosenquote unter den 15–24-jährigen im Subsahara-Afrika bei 10,8 Prozent liegt, in Nordafrika gar bei 29,3 Prozent. Und Startups junger Leute sind dort kaum vorzufinden. Der Plan – fixiert auf IT – informiert uns weiter über die neuen „Innovations-Cluster, beispielsweise das ‚Silicon Savannah‘ in Kenia, Herz des Afrikanischen [sic!] High-Tech-Booms“. Dass dies kaum zur Minderung der Arbeitslosigkeit, von der bald 40 Millionen Personen betroffen sein werden, beiträgt, findet keine Erwähnung.

„Afrika wird es eher alleine schaffen als mit der gütigen Unterstützung der Berliner Bürokraten.“

Die Hymne auf die afrikanische Vielfalt, Jugend und Technologie überzeugt kaum. Es klingt an, Deutschland könne Afrika dabei helfen, was es selbst versäumt hat zu tun – Rivalen zu Amazon, Apple, Baidu und Alibaba (China), Facebook, Google usw. zu etablieren. Auch wenn es ein Kunststück sein wird, wird Afrika dies eher alleine schaffen als mit der gütigen Unterstützung der Berliner Bürokraten.

Viertens muss Afrika seine ‚grüne Medizin nehmen‘. Zunächst ist das Bevölkerungswachstum eine „epochale Herausforderung“: Es wird Druck auf die Nahrungsmittelversorgung, den Umweltschutz und den Klimawandel ausüben. Deshalb strebt der Plan „frühzeitige und umfangreiche Sexualaufklärung“ und „Ausbildung […] zur Familienplanung“ an. Als wichtigste Frage muss der Plan beantworten, wie man 20 Millionen Jobs für junge Leute schafft, „ohne dabei die Umwelt zu zerstören“.

Ebenso sollten die EU und Afrika die „Förderung erneuerbarer Energien“ vorantreiben. Afrika soll mit Deutschland also den kometenhaften Erfolg der Energiewende teilen. Überfischung und Abholzung müssen gestoppt werden; ländliche Regionen müssen mit dezentraler Energieversorgung auskommen. Die Subventionierung fossiler Energiequellen muss beendet werden. Für die Afrikaner, die darauf angewiesen sind, werden die Kraftstoffpreise steigen. Gleichzeitig müssen Umweltsteuern und Verschmutzungsgebühren erhoben werden. Die Inflation der Energiepreise: für Berlin der Schlüssel zum Fortschritt.

Zuletzt – und wahrscheinlich am interessantesten – unterstreicht der Marshall-Plan Berlins Vorhaben, deutsche Privatinvestoren zu stärken. Das Dokument wird mit der freimütigen Ansicht eingeleitet, „die Zeit der ‚Entwicklungshilfe‘ und die Zeit von ‚Geber und Nehmer‘“ hinter sich zu lassen. Später wird angemerkt: Deutsche Staatszuschüsse können, neben multilateralen Entwicklungsbanken und öffentlicher Entwicklungshilfe, „eine verstärkte Mobilisierung des Privatsektors zu erreichen“. So sinke das Risiko: „Jeder Steuer-Euro hebelt ein Vielfaches an privatem Kapital“. Darüber hinaus sollte Deutschland neue Fonds und Bonds für private Investoren schaffen.

„Weder ‚Respekt‘ noch Profitgier motivieren Deutschlands Vorgehensweise in Afrika so sehr wie die Angst vor afrikanischer Massenimmigration.“

Das ist alles schön und gut. Eine Reportage berichtet, dass bereits 600 deutsche Firmen in Afrika aktiv sind. Und Frau Merkel gelobt, 280 Millionen Euro in Afrika zu investieren. Der Fokus liegt dabei auf der Elfenbeinküste, Marokko, Ruanda und Tunesien. Jedoch sollte niemand dem Glauben erliegen, Deutschland engagiere sich nur wegen der alten imperialistischen Interessen an Rohstoffen, Arbeitskraft und den lokalen Märkten in Afrika. Im Vergleich zu den politischen Verpflichtungen, die der Marshall-Plan festlegt, spielen private Investitionen jedoch kaum eine Rolle.

Deutschland will vornehmlich eine politische Einstellung in Afrika durchsetzen – mehr als Profit oder Militärmacht. Gerd Müller selbst sagte im Juni 2017, dass bald 100 Millionen afrikanische Flüchtlinge vor der Haustür stehen könnten, wenn Deutschland nicht handelt. Weder „Respekt“ noch Profitgier motivieren Deutschlands Vorgehensweise in Afrika so sehr wie die Angst vor afrikanischer Massenimmigration.

Für Afrika ist es an der Zeit, im Geiste der Demokratie und Autonomie, eigene detaillierte Pläne für seine über 50 deutlich unterschiedlichen Staaten aufzustellen. Den Prinzipien der Innovation folgend, die in „Big Potatoes: the London Manifesto for Innovation (2010)“ umrissen werden, stelle ich unter Beachtung der Perspektive neuer High-Tech-Produktion und langfristiger Arbeitsplätze sechs Prinzipien auf. Diese entsprechen nicht der vorherrschenden – westlichen – Weisheit:

1. Je größer, desto besser

Wie sehr Mobiltelefone Afrika verändern, hören wir täglich. McKinsey, der Jesuit des Kapitalismus, ist der Auffassung, dass digitale Technologien – angefangen bei Mobiltelefonen – Hemmnisse des Wirtschaftswachstums durch elektronisches Geld überwinden können. In Kenia verwendet M-Kopa Solar ein Pay-As-You-Go Model, das über die Geldplattform M-Pesa abgewickelt wird. Dadurch können 375.000 Häuser in Ostafrika mit Solarenergie versorgt werden. Es gibt nahezu 88 Millionen Haushalte in Ostafrika. Die Versorgung einer verschwindend geringen Anzahl an ostafrikanischen Haushalten (0,4 Prozent) mit einer winzigen Energiemenge als Erfolg zu feiern, zügelt die leistungsstarke, aber kleingemachte Technologie. Dies entspräche dem „Small is beautiful“ -Ansatz von Ernst Schumacher, Low-Tech, lenkbar, einfach, „alles zu seiner Zeit“, den wir im Silicon Valley erwarten würden.

„Fortschritt gibt es in Afrika nur im großen Maßstab oder gar nicht.“

Das Mobiltelefon hat Afrika verändert, aber es hat den Kontinent nicht auf einen komplett neuen Weg, den Weg des Wachstums, geführt. Das kann Informationstechnologie nicht alleine leisten. Wo sorgt Informationstechnik (IT) sonst noch für Veränderungen? Im kenianischen Nairobi gibt es unzählige 3D-Druck-Läden, in Ruanda und Tansania werden Drohnen zum Transport von Medizinbedarf eingesetzt. Während Informationstechnologie mehr als der Auslöser moderner Wertschöpfungsketten ist, kann die subatomare Sphäre der Elektronen Afrika nicht alleine entwickeln.

Pessimisten spekulieren, IT-getriebene Automatisierung würde negative Effekte auf das Arbeitsplatzangebot, vor allem in Entwicklungsländern wie Äthiopien und Angola, zeitigen. Mehr noch als im Westen Afrikas. Aber wir sollten keine Angst vor IT in Afrika verbreiten. Das diskutierte Prinzip handelt viel mehr von großen, physischen Systemen der Energiegewinnung, der Landwirtschaft und Infrastruktur. Auf Massenmärkte für Produkte, Häuser und Medizin zusammen kann Afrika für seine Zukunft weniger verzichten als auf Informationstechnologie. IT-Träume werden es nicht richten; nur umfassende Zielsetzungen. Fortschritt gibt es in Afrika nur im großen Maßstab oder gar nicht. Die Mikro-Welt der IT ist ein Teil davon, aber auch nur ein Teil.

2. Stromanschlüsse nicht nur für Haushalte, sondern auch für Organisationen

Die UN und die Internationale Energieagentur teilen das Ziel der nachhaltigen Entwicklung 7 (SDG 7). Dieses strebt an, jedem einen erschwinglichen, verlässlichen und nachhaltigen Anschluss an die Stromversorgung zu garantieren – bis 2030. Aber dieses Vorhaben ist nicht nur kleingeistig, sondern falsch; seine Prinzipien sind falsch. Es zielt auf Haushalte ab und vergisst dabei die Energie, die zur Wohlstandsproduktion benötigt wird.

Für das subsaharische Afrika gilt, dass zwei von drei Haushalten – das betrifft mehr als 620 Millionen Menschen – keinen Zugang zu Elektrizität haben. Das macht die Region zu der mit dem weltweit schlechtesten Anschluss an die Energieversorgung. Subsahara-Afrika ist die Region, die das SDG 7 mit der geringsten Wahrscheinlichkeit erreichen wird. Aber eine größere, der Logik folgend vorrangige Aufgabe, geht über die Versorgung der Haushalte hinaus. Die Nachfrage nach häuslicher Elektrizität liegt in Afrika bei ungefähr 100 Terrawattstunden pro Jahr. Die Nachfrage der industriellen und gewerblichen Kunden hingegen erreicht nahezu 500 Terrawattstunden pro Jahr. Der Strombedarf ist in Industrie und Handel deutlich größer und dringender als in den ländlichen Haushalten. Müllers Plan merkt in einem kurzen Moment der Ehrlichkeit an, dass verlässliche Energieversorgung rund um die Uhr „essentiell“ für Unternehmen ist. Die Energieversorgung ist so unsicher, dass fast die Hälfte aller subsaharischen Firmen gezwungen ist, auf Dieselgeneratoren zurückzugreifen.

„Der Zugang zu Elektrizität muss sichergestellt sein.“

Ohne Energie, die Fabriken und Computer antreibt, können sich die afrikanischen Haushalte auf dauerhaftes Elend freuen. Anstatt die nahezu 200 Millionen subsaharischen Haushalte aus der Armut zu führen, verschaffen Maßnahmen wie die Versorgung mit Solarenergie nur Linderung: Sie verstärken dabei den Opferstatus der Afrikaner, die die Hilfe des Westens benötigen. Im Gegensatz dazu erkennt jeder ernsthafte afrikanische Plan– mehr als es jeder Westliche getan hat – für den Kontinent den Bedarf der Industrie an Wärmeenergie, Wasser und den erheblichen Bedarf an Elektrizität für die Maschinen des staatlichen und des privaten Sektors an. Der Zugang zu Elektrizität muss für öffentliche oder private afrikanische Organisationen – egal ob etabliert oder im Aufbau – sichergestellt sein, damit diese zu mehr in der Lage sind als nur zum nackten Überleben.

Effizienteres Wassermanagement würde Afrikas Energiesektor helfen. Umgekehrt: Die Entsalzung und das Abwasserpumpen sind energieintensive Prozesse. Für Nordafrika, wo Wasser knapp ist, sagt die Internationale Energieagentur (IEA) einen Anstieg des Wasseranteils am Gesamtenergieverbrauch von gegenwärtig 10 Prozent auf 14 Prozent im Jahr 2040 vorher. Nach Schätzungen der IEA werden 2040 alleine für Entsalzung in Afrika und dem Nahen Osten zusammen 250 Terrawattstunden Energie zusätzlich benötigt. Das liegt zehnmal über dem gegenwärtigen Verbrauch und weit über der Hälfte der in Deutschland erzeugten Energiemenge.

Das SDG 7 der UN greift in Sachen afrikanischer Wasserbedarf, vor allem bei den der Bauern, genauso zu kurz wie Herr Müllers Plan, den afrikanischen Energiesektor mit „Fokus auf Erneuerbare Energien“ umzubauen. Afrika verdient Besseres und wird dies eines Tages auch erreichen.

3. Automatisierter Bergbau

Aufmerksamkeit erlangen Afrikas Rohstoffe weder durch ihr hohes Vorkommen, noch durch ihre wettbewerbsverzerrende Menge (den sogenannten „Ressourcenfluch“). Die Gefahren beim Abbau fossiler Brennstoffe, Metalle und Minerale ist der Grund dafür. Das muss sich ändern.

„Afrika muss sich der Etablierung international wettbewerbsfähiger Produktion zuwenden.“

Das australische Bergbauunternehmen Rio Tinto hat die Sicherheit seiner Arbeitsabläufe durch fahrerlose Loren erhöht. In Amerika sind Horizontalbohrungen nach Schieferöl und -gas äußerst produktiv. Daraus hat sich eine IT-intensive Industrie entwickelt, die, wie die gesamte Öl- und Gasförderung in den USA, sehr ungefährlich ist. Diesen Beispielen kann und sollte Afrika nacheifern.

4. Neue Produktionssektoren

Afrika muss vom Rohstoffexport Abstand nehmen und sich der Etablierung international wettbewerbsfähiger Produktion zuwenden – sowohl für den Export als auch für den heimischen Markt. Wenn es dies nicht tut, werden Industriestaaten wie Deutschland Afrika weiterhin beherrschen. Weil die Produktion das afrikanische Bruttoinlandsprodukt im letzten Jahrzehnt nicht über zehn Prozent steigen ließ, erklärt der Internationale Währungsfonds, das subsaharische Afrika sei „nicht in der Lage, sich durch Produktion so zu wandeln, wie es Asien die letzten 20 Jahre getan hat“. Derartiger Fatalismus entbehrt jeder Grundlage. Ja, der Produktionsanteil im afrikanischen Export ist etwas von 25,6 Prozent (2005) auf 23,9 Prozent (2016) gesunken. Afrikas Produktionsleistung stieg aber zwischen 2005 und 2014 von 62 Milliarden Euro auf 133 Milliarden Euro. Das entspricht einem effektiven Wachstum von 3,5 Prozent pro Jahr. Ebenso verdreifachten sich die subsaharischen Exporte zwischen 2005 und 2015 auf mehr als 240 Milliarden US-Dollar. Die Löhne im afrikanischen Produktionssektor liegen höher als die in Bangladesch. Dabei beschränken sich die rosigen Aussichten nicht nur, wie viele glauben, auf Äthiopien: Wenn Fabriken entstehen, stellen Löhne, auch in Afrika, einen geringen Anteil der Gesamtinvestitionen und des Gesamtoutputs dar.

Ebenso wie sie die Effizienz des Einzelhandels, des Bankwesens und anderer Dienstleistungen steigert, hebt die IT auch die Produktivität des afrikanischen Produktionssektors. Das Weltwirtschaftsforum, in dem Deutschland die Idee einer IT-basierten Industrie 4.0 propagiert hatte, verkündet in der üblichen einfältigen und verächtlichen Manier, Afrika sei „nicht gerüstet für den Übergang in eine Wirtschaft der Vierten Industriellen Revolution“. Auf die Weltmächte aber ist dies in gleichem Maße anwendbar. Diese sind Jahre davon entfernt, das Internet der Dinge einzuführen, von den Industrie-4.0.-Traumtänzereien westlicher Experten ganz zu schweigen.

„Afrika muss neue Produktionssektoren voranbringen.“

Solange westliche und chinesische Firmen in Afrika unbegrenzten Einfluss genießen, bleibt es problematisch, den Kontinent als erwachenden Riesen auf dem Gebiet der Produktion oder als die nächste Fabrik der Welt 1 darzustellen. Viel wichtiger ist jedoch, dass Afrika nicht versucht, den Rest der Welt bei der Herstellung etablierter Güter auszustechen. Sondern es muss neue Produktionssektoren voranbringen. Dort existieren noch keine etablierten Rivalen, die Vorteile haben. Vier Beispiele für solche Möglichkeiten:

Aus dem kleinen Lesotho exportieren chinesische und taiwanesische Firmen Bekleidung von Levi’s und Reebok in die USA. Was in Lesotho und anderswo benötigt wird, ist eine Textilproduktion, die auf Elektronik basiert. In Kombination mit IT könnte fortschrittliche Kleidung – durch geschmeidige Graphen-Batterien – den Körper von Menschen in tropischem Klima wie dem Afrikas kühlen oder in kälteren Regionen der Erde wärmen. Die Technik kann als modische Ausstellungsfläche dienen oder medizinische Daten über ihren Träger zu sammeln. Sie könnte auch bei der Positionsbestimmung in Innenräumen helfen, wo GPS-Signale nicht durchdringen, etwa in afrikanischen Krankenhäusern oder bei Großveranstaltungen.

Zur Beförderung von Wasser, Abwasser, Öl und Gas sowie für Strom- und Breitbandkabel muss Afrika mehr, größere und klügere Rohre installieren. Diese Rohrleitungen könnten neueste Sensortechnik zur Erkennung von Flüssigkeitsströmen, Druck, Korrosion, Rissen, Lecks und Verunreinigung enthalten. In der südafrikanischen Provinz Westkap sind berstende Abwasserleitungen ein großes Problem: Obwohl Kapstadt das Auftreten verringern konnte, sind die Leitungen nach offiziellen Zahlen circa jeden dritten Kilometer gebrochen. Die spanische Firma Molecor, die in Südafrikas Region KwaZulu 8000 Tonnen Rohre pro Jahr austauscht, hat einen hohen Qualitätsanspruch an ihre Rohrverbindungen. Auf eine solche Qualität hat Afrika gewartet.

In Zusammenhang mit den bereits genannten automatischen Abbaumethoden stellt die Förderung von Rohstoffen, die unter dem Meer liegen, eine neue Möglichkeit dar. Die afrikanische Küstenlinie erstreckt sich über 30.000 Kilometer. Marine Aquakulturen könnten die Landwirtschaft an Land unterstützen. Tansania und Sambia haben mit genetisch verändertem Tilapia schon bedeutende Schritte nach vorne gemacht. Auch die Unterwasserförderung muss angegangen werden: Gegenwärtig ist kaum abschätzbar wie groß die Öl-, Gas- und Mineralvorkommen sind, die sich vor Afrikas Küsten befinden.

„Afrikas Bevölkerung hat modernste Räume zum Leben, Lernen und Arbeiten verdient.“

Die höchste Priorität hat jedoch die Massenproduktion von Fertighäusern – und anderen Gebäuden. Junge Familien finden nur eine angemessene Unterkunft, wenn die Slums ausgebaut werden. Mit der Anwendung fortschrittlicher Konstruktionstechniken gelänge es dem Kontinent gegen das große Ausmaß des Elends anzugehen. Eine große Zahl an Wohnungen und ganze Häuser zu hohen Stückzahlen entstünden damit in Fabriken. In Ghana und Südafrika werden bereits Fertighäuser und Hausmodule produziert. Was es noch braucht, sind ausgefeilte Fertigungsanlagen und komfortablere Produkte.

Vorgefertigte Hütten sind nicht gut genug. Zwölf Quadratmeter große Klassenzimmer aus recycelten Containern ebenso nicht. Afrikas Bevölkerung hat modernste Räume zum Leben, Lernen und Arbeiten verdient. Es ist Zeit, diese durch High-Tech-Produktion einzurichten.

5. Landwirtschaft: bewässert, mechanisiert und digitalisiert

65 Prozent des kulturfähigen Lands in Afrika werden nicht bewirtschaftet. Darin liegt einer der Gründe, weshalb der Kontinent jährlich Grundnahrungsmittel im Wert von 21 Milliarden US-Dollar importiert. Sicher sind Afrikas Böden weniger fruchtbar als asiatische und Böden wie Feldfrüchte sind vielgestaltig; aber der Getreideertrag liegt deutlich unter dem Asiens. Schätzungen zufolge gehen im subsaharischen Afrika 30 Prozent der Gesamtproduktion nach der Ernte verloren. Afrikas zentrales Problem der Landwirtschaft kann nur durch die Vielfalt neuer Technologien gelöst werden.

Weil in der Landwirtschaft große Mengen Wasser benötigt werden, braucht es mehr und bessere Dämme, Entsalzungsanlagen und vor allem moderne Bewässerung. Zurzeit werden lediglich sieben Prozent der bestellten Flächen in Afrika bewässert; im subsaharischen Afrika sogar nur die Hälfte dessen. Die übrigen Bauern sind zur Bewässerung ihrer Flächen auf Regen angewiesen.

„Synthetische Biologie, Genom-Editierung und Durchbrüche in der Mikrobiologie könnten die Produktivität steigern.“

Dabei stehen der Landwirtschaft so viele Möglichkeiten offen wie noch nie. Die Synthetische Biologie, Genom-Editierung und Durchbrüche in der Mikrobiologie könnten die Produktivität steigern. Ebenso die IT: Nicht nur auf den Bereichen des digitalen Geld- und Versicherungswesens durch Lieferung zusätzlicher Marktdaten wäre sie hilfreich. Sie könnte die Landwirtschaft durch Sensoren zur Erfassung von Temperatur, Düngung, Bewässerung, Pestiziden und Bodenbeschaffenheit auch präzisieren. An Traktoren angebracht, werden über GPS standortbezogene Daten gesammelt und die Ergebnisse zusammen mit Wettervorhersagen über Satellit versandt. Die Daten können anschließend zur Analyse und Entscheidungsfindung herangezogen werden (wo wird was wann gepflanzt?). Zusätzlich werden bereits verschiedenste Landwirtschaftsroboter zur Unterstützung afrikanischer Bauern eingesetzt: fahrerlose Traktoren, Melkmaschinen, automatische Erntemaschinen und Drohnen.

6. Kontinentale Transportverbindungen und innerstädtische Zustellung via Drohnen

Abschließend: Auch im 21. Jahrhundert gibt es keine einfache Lösung, Menschen oder Güter von einer Seite Afrikas auf die andere zu befördern. Das Schienennetz Afrikas ist sogar von beinahe 66.000 Kilometern in den 1980er-Jahren auf weniger als 60.000 Kilometer geschrumpft.

Abbildung 1: Das Schienennetz im sub-saharischen Afrika in Tausend Kilometern, Quelle: Weltbank

Afrikas Eisenbahn erzielt aber auch Fortschritte. In Kenia wurde eine neue, 470 Kilometer lange, 2,7 Milliarden Euro teure Schnellbahnlinie zwischen der Hauptstadt und der Hafenstadt Mombasa gebaut. Im Mai – und damit 18 Monate früher als geplant – wurde sie eröffnet. Obwohl chinesische Technologie dabei im Spiel war und die Bahn von chinesischen Investoren betrieben wird, sind Economy-Tickets billiger als ein Busticket. Der Zug verkürzt die neunstündige Busfahrt auf 4,5 Stunden.

Es besteht die Hoffnung, dass unter Chinas „One Belt, One Road“-Initiative der Südsudan, der Osten der Demokratischen Republik Kongo, Ruanda, Burundi und Äthiopien verbunden werden. Das Vorhaben ist lobenswert, aber nicht schnell genug. Es wird zudem zu keinem guten Ergebnis führen, wenn der Güter- und Personenschienenverkehr Kenias und der anderen Nationen von Chinas Wohlwollen abhängig sind.

Afrika braucht mehr als die Schiene. Nur ein Drittel der Bevölkerung ist über geteerte Straßen erreichbar. Afrika braucht Straßen, Tunnel, Brücken, Flug- und Seehäfen, möglicherweise gar Elon Musks Hyperloop-Konzept (Magnetschwebebahnen in Röhren). Dubai und Indien interessieren sich schon ernsthaft dafür. Auch die diskutierte Technik des chinesischen Rivalen Flying Train ist für Afrika interessant.

„Afrika muss selbst mit seinen Ressourcen haushalten und hart mit den Überseemächten verhandeln.“

Afrika muss nicht nur sein Langstreckennetz ausbauen, sondern auch kurze Verbindungen zwischen den aufstrebenden Städten. Im Westen wird die massenhafte Nutzung fahrerloser Autos noch nicht für die nächsten Jahre erwartet. In der vom Verkehr überlasteten Hauptstadt Nigerias, Lagos, könnten von Chinesen auf den Markt gebrachte Technologien zur sicheren Verteilung von Nahrungsmitteln und anderer Güter beitragen. JD.com Inc., Chinas zweitgrößte E-Commerce-Firma, testet dort kleine, fahrerlose Vans mit elektrischem Antrieb, die mit Radar und Sensoren ausgestattet sind. Auch JDs größerer Rivale Alibaba plant, mehr als eine Million ähnlicher Fahrzeuge auf Chinas Straßen zu bringen. Dieses große Denken braucht Afrika, um Fortschritte zu erzielen.

Von der Afrikanischen Union bis hin zu Deutschlands Marshall-Plan greifen sich die Eliten Afrikas Schwächen – sei es die Natur, Frauen oder die Jugend – heraus und bestehen darauf, erst diese Symbole der Opferrolle anzugehen vor anderen Zielen. Tiere, nicht die Afrikaner; Frauen, nicht Männer, die Jugend und nicht die afrikanischen Erwachsenen. Dies ist ein karitativer und dafür besonders problematischer Ansatz.

Afrika braucht bessere Elektrizitätswerke, Straßenbeleuchtung, Bohrmethoden, Werkzeugmaschinen, digitale Entwurfsmodellierung und Landwirtschaftstechnik. Kapitalintensive Projekte werden Afrika den Fortschritt bringen – nicht nur IT-Projekte, sondern auch Energie-, Maschinen- und Bauingenieurwesen, Rohstoffe, hochentwickelte Landwirtschaft und Transportsysteme. Im 20. Jahrhundert sind solche Projekte in Afrika oft gescheitert, aber das bedeutet nicht, dass sie im 21. Jahrhundert nicht erfolgreich sein können. Die Technologie hat sich weiterentwickelt und seit 2000 wird Afrika immer selbstbewusster. Eine Herausforderung wird der Aufbau leistungsfähiger Labore. Zurzeit wendet Afrika weniger als 0,4 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung auf.

Afrika muss selbst mit seinen Ressourcen haushalten und hart mit den Überseemächten verhandeln. Handelsanliegen, Verbindlichkeiten und zufließende Investitionen müssen gegeneinander ausgespielt werden. Ausgespielt werden müssen nicht nur Deutschland und die EU, sondern auch Amerika (welches die größte Anzahl an Versuchsprojekten in Afrika aufzubieten hat) und, sehr bedeutend, China. Von dort fließen fast 40 Prozent des gesamten ausländischen Investitionsaufwandes nach Afrika. Keine Zweifel, es wird bei der Umsetzung der oben genannten Prinzipien viele Rückschläge geben. Selbst wenn diese Prinzipien utopisch klingen, sind sie weniger utopisch als die Vorstellung, Deutschlands Marshall-Plan könne Afrika in gleicher Weise voranbringen.