06.11.2015

Wie die Energiewende effiziente neue Kraftwerke verhindert

Von Rudolf Kipp

Die Energiepolitik der Bundesregierung nimmt absurde Züge an. Ein Umdenken in der aktuellen Energiewende würde sowohl den Verbrauchern als auch dem Erreichen der Klimaziele nützen, meint Rudolf Kipp. Die Uhr für den rechtzeitigen Richtungswechsel tickt bereits

Beim Energiekonzern RWE liegen Pläne für einen völlig neuen Typ eines Braunkohlekraftwerks in der Schublade. Was unter dem Namen BoAplus als „das modernste Braunkohlekraftwerk der Welt“ vorgestellt wird, hätte das Potenzial, einen signifikanten Beitrag zu der von der Bundesregierung geforderten Emissionsminderung und Einsparung von Primärenergie zu leisten. [1] „Hätte“ nicht deshalb, weil bei der Technologie noch Fragen offen wären, sondern weil bei den derzeitigen energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen völlig unklar ist, ob das Kraftwerk in absehbarer Zeit überhaupt gebaut werden kann.

Dabei wäre ein Umstieg von vielen in die Jahre gekommenen Braunkohlekraftwerken auf moderne Anlagen in vielerlei Hinsicht von Vorteil. Nehmen wir etwa den Wirkungsgrad. Dieser würde beim BoAplus bei über 45 Prozent liegen. Das bedeutet, dass so ein modernes Kraftwerk 30 Prozent weniger Brennstoff verbraucht als ältere Braunkohlekraftwerke. Wer sich für CO2-Emissionen interessiert: diese fallen dann naturgemäß ebenfalls 30 Prozent niedriger aus.

Ein weiterer entscheidender Unterschied zu Kohlekraftwerken älterer Bauart ist die schnelle Regelbarkeit. Das BoAplus kann ähnlich flexibel betrieben werden wie ein modernes Gaskraftwerk. Die Leistung kann zwischen der maximalen Kapazität von 1100 Megawatt und der Mindestlast von 350 Megawatt um 30 Megawatt pro Minute nach oben oder unten geregelt werden. Das ist in Zeiten zunehmend schwankender Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom eine unabdingbare Voraussetzung, um unser Stromnetz weiterhin stabil halten zu können.

„Bei Protesten gegen Kohlekraftwerke kam es jüngst zu fast 800 Strafanzeigen“

Weitere Pluspunkte: Das Kraftwerk wäre deutlich kleiner als vergleichbare herkömmliche Blöcke. Es hat einen geringeren Flächenverbrauch und kann bei Bedarf mit Kraft-Wärme-Kopplung betrieben werden. Dazu kommt, dass Braunkohle im Vergleich zum Erdgas deutlich günstiger ist. Und sie verringert als heimischer Energieträger Deutschlands Importabhängigkeit.

Energiewende macht neue Kraftwerke unrentabel

Dass dieses Kraftwerk jemals gebaut wird, steht jedoch in den Sternen. Ein Problem, das sämtliche Kraftwerksbetreiber in Deutschland zunehmend beschäftigt, ist der stetig fallende Strompreis. Grund dafür sind die „erneuerbaren Energien“, die vom Stromkunden über die EEG-Umlage subventioniert werden und die im Stromnetz per Gesetz Vorrang haben. Das schmälert zum einen die Gewinne der Kraftwerke im Betrieb und reduziert die Betriebsstunden der Kraftwerke, wodurch deren Profitabilität noch weiter gesenkt wird. Die einzigen Kraftwerke, die sich momentan in Deutschland rechnen, sind bereits abgeschriebene Braunkohle-Kraftwerke. Ein Kraftwerks-Neubau ist nach Aussage von RWE bei den heutigen Rahmenbedingungen nicht wirtschaftlich. [2]

Hinzu kommt, dass der Braunkohle in Deutschland von Seiten von Politik und diversen Umweltschutzbewegungen ein zunehmend starker Wind ins Gesicht weht. Nach dem Atomausstieg soll aus deren Sicht als nächstes der Braunkohle- und dann der Steinkohle-Ausstieg erfolgen. Dabei wird der Ton zunehmend rauer. Bei Protesten von Aktivisten kam es jüngst zu Festnahmen und fast 800 Strafanzeigen, unter anderem wegen Verstößen gegen das Waffengesetz. [3] Trotz dieser Grenzüberschreitungen stehen die Medien zu großen Teilen hinter den Protestierenden. Der WDR-„Energieexperte“ Jürgen Döschner nannte die Aktion der Protestierenden in einem Kommentar für die Tagesschau „nicht immer legal […] aber […] völlig legitim“. [4]

Es stimmen bereits die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht. Und bei illegalen Aktionen von gewaltbereiten Aktivisten gegen Kraftwerke muss damit gerechnet werden, dass diese von Politik und Medien sogar noch in ihrem Handeln unterstützt werden. Vor diesem Hintergrund muss sich niemand wundern, wenn kein Betreiber in neue Kraftwerke in Deutschland investiert, sondern lieber die alten ineffizienten auf Verschleiß fährt.

„Die CO2-ärmsten fossilen Kraftwerke, die Gaskraftwerke, werden durch den subventionsbedingten Preisverfall der Strompreise aus dem Markt gedrängt“

Dabei wäre eine Neuinvestition in effizientere Kraftwerke eigentlich dringend geboten. Schließlich soll nach dem Willen der Bundesregierung der Ausstoß an Treibhausgasen trotz des Ausstiegs aus der Kernkraft wie geplant verringert werden. Zur Erinnerung: Ein Hauptziel der von der Bundesregierung ausgerufenen Energiewende ist ganz klar die Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen um 40 Prozent bis zum Jahr 2020 im Vergleich zu 1990. Ein Ziel, das, wenn man sich den Trend der letzten Jahre ansieht, ganz klar verfehlt wird. Eine Einschätzung, die auch die Beratungsgesellschaft McKinsey teilt, welche in ihrem aktuellen Energiewende-Index dieses Ziel als „unrealistisch, mit dauerhaft schlechten Aussichten auf eine Trendwende bis 2020“ beschreibt. [5]

Eine schon 2009 von der Deutschen Energie Agentur dena durchgeführte Analyse der Kraftwerksplanung bis 2020 kam damals bereits zu dem Schluss, dass wegen fehlender Investitionen in hocheffiziente Kraftwerke bis 2020 eine „Effizienzlücke“ von über 14.000 Megawatt zu erwarten wäre. [6] Seitdem hat die Situation sich noch deutlich verschärft. Zum einen fehlen seit dem Beschluss, bis 2022 vollständig aus der Kernkraft auszusteigen, CO2-arme Erzeugungskapazitäten. Zum anderen werden die CO2-ärmsten fossilen Kraftwerke, die Gaskraftwerke, durch den subventionsbedingten Preisverfall der Strompreise aus dem Markt gedrängt. Hinzu kommt, dass Gaskraftwerke nur noch selten überhaupt Strom produzieren. Für einen rentablen Betrieb sind 3000 bis 4000 Betriebsstunden im Jahr erforderlich. Dank Energiewende kommen die meisten heute auf 1000 bis maximal 2000 Stunden.

Die Entwicklung nimmt bisweilen absurde Züge an. So ist unter den 57 konventionellen Kraftwerken, die bei der dena zur Stilllegung angemeldet sind, auch das modernste Gaskraftwerk in Deutschlands in Irsching. [7] Dieses von Siemens gebaute Gas- und Dampfkraftwerk stellt mit seinem Wirkungsgrad von 60 Prozent die derzeitige Spitze bei der Kraftwerksentwicklung dar. Der Betreiber Eon sieht sich allerdings aufgrund der sehr schlechten Rahmenbedingungen am Energiemarkt gezwungen, dieses erst 2010 in Betrieb genommene Kraftwerk zum 01. April 2016 abzuschalten.

Kein Klimaschutz wäre der bessere Klimaschutz

Es sieht demnach alles danach aus, dass die Bundesregierung die bis 2020 selbst gesteckten Klimaziele weit verfehlen wird. Dabei waren diese, als sie im Jahr 2000 formuliert wurden, gar nicht so ambitioniert, wie sie einem jetzt erscheinen mögen. Sie entstanden aus der Fortführung der Entwicklung der Emissionen von 1990 bis 2000 (Peter Heller hat dies in seinem Artikel „Kein Klimaschutz ist der bessere Klimaschutz“ [8] dargestellt). Diese Reduktion war zum einen in der deutschen Wiedervereinigung und dem Rückbau der maroden DDR-Industrie begründet, aber zum anderen auch in Effizienzsteigerungen in der Wirtschaft. Eine Entwicklung, die seitdem nicht stehen geblieben ist. Wäre man dem damals eingeschlagenen Weg einfach nur konsequent gefolgt, ohne einen Umstieg auf „erneuerbare“ Energien, wäre das Erreichen der 40 Prozent Emissionsreduktion bis 2020 durchaus im Bereich des Möglichen gewesen.

Man hätte dabei auch die Vision einer regenerativen Energieversorgung bis 2050 weiterverfolgen können. Nur eben nicht, indem man unausgereifte Technologien wie Photovoltaik und Windkraft per Subventionierung und Einspeisevorrang ins Netz drückt. Wenn ein Umstieg auf „Erneuerbare“ gelingen soll, dann sollte dieser zunächst durch Grundlagenforschung und vereinzelte Inselprojekte vorbereitet werden. Diese könnte man dann, sobald sie funktionieren, schrittweise größer skalieren.

„Die Energiewende in ihrer jetzigen Form wird nicht zuletzt an den Gesetzen der Physik scheitern“

So wie es bislang bei der Energiewende gelaufen ist und absehbar auch weiterlaufen wird, ist jedenfalls niemandem gedient. Nicht dem Klima, weil die Energiewende in der jetzigen Form eine Emissionsreduktion verhindert statt fördert. Nicht der Wirtschaft, weil die Energiewende bislang nur zu höheren Strompreisen geführt hat. Und nicht dem Endkunden, der neben der stark gestiegenen Stromrechnung auch noch höhere Preise bei Produkten und Dienstleistungen schultern muss, weil Produzenten und Dienstleister gestiegene Strompreise wo immer möglich an den Endkunden durchreichen.

Aufgrund der Faktenlage wäre ein sofortiges Umsteigen in der Energiepolitik, weg von der Förderung der „Erneuerbaren“, hin zu hocheffizienten modernen Kraftwerken, eigentlich die sinnvollste Lösung. Allerdings hat man sich von Seiten der Politik zum einen ideologisch an Wind und Sonne als Energieträger für die Gegenwart und die Zukunft gebunden, sodass ein Ausstieg ohne Gesichtsverlust nur schwer möglich ist. Und zum anderen ist die Zahl derjenigen, die von der Subventionierung von Wind- und PV-Strom profitieren, mittlerweile so groß, dass ein Umsteuern damit auch eine erkleckliche Zahl potenzieller Wähler vor den Kopf stoßen würde.

Einziger Trost in dieser Situation ist, dass ein Richtungswechsel irgendwann zwangsläufig kommen muss. Die Energiewende in ihrer jetzigen Form wird nicht zuletzt an den Gesetzen der Physik scheitern. [9] Es ist allerdings zu befürchten, dass dieser Umstieg von Seiten der Politik und der profitierenden Branchen so lange wie möglich verzögert wird. Und dieses Zögern wird teuer, für Deutschland als Wirtschaftsstandort, für die Umwelt und für den Verbraucher.