06.09.2013

Ich ersetze kein Auto

Essay von Thilo Spahl

Im Gegensatz zu geschätzten null Prozent der deutschen Ökostromkunden oder Solardachbesitzer sind mehr als drei Viertel der Weltbevölkerung noch nie mit einem Flugzeug geflogen. Gute Energiepolitik sollte das ändern.

Ruft man die Seite www.ich-ersetze-ein-auto.de auf, erblickt man als Top-Werbeträger Umweltminister Altmaier, wie er sich etwas ungelenk bemüht, ein Gefährt zu bewegen, dessen Anspruch im Domainnamen formuliert wird, das diesem aber auf lächerliche Art und Weise nicht gerecht wird. Wer einmal versucht, zu viert mit dem dort präsentierten Elektrolastenrad in Urlaub zu fahren, wird schnell feststellen, dass es kein Auto ersetzt. Der Minister auf dem Rad ist ein Sinnbild für die Energiewende. Ein weiteres liefert uns das Bundeswirtschaftsministerium. Es hat zwei Designer als „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ ausgezeichnet. Ihr Verdienst besteht darin, ein stylisches, pedalbetriebenes Multifunktionsgerät entworfen zu haben, mit dem man unter anderem Kaffee mahlen, mixen oder auch Suppe pürieren kann. Begründung: „Mit Geräten, die umweltfreundlicher sind, weil sie konsequent stromfrei funktionieren, wollen Edgar Gerold und Christoph Thetard langfristig den Bereich Küche und Haushalt revolutionieren.“ [1]

Falls die Revolution noch weitere Werbemotive benötigt, schlage ich vor: Trabbi (ich ersetze einen Porsche), Sack Kartoffeln (ich ersetze einen Supermarkt) oder Balkon (ich ersetze einen Palmenstrand).

Surfen wir weiter im Energiewendenetz, tut sich plötzlich ein ganz anderes Bild. Auf www.unendlich-viel-energie.de scheint, wie der Name schon sagt, keine Notwendigkeit mehr für stromfreie Küchenrevolutionen zu herrschen. Nun gibt es unendlich viel Energie. Wir haben kein Ressourcenproblem und werden auch nie eines haben. Mit dieser Überzeugung wähnte ich mich stets einer Minderheit zugehörig, die die herrschende Vorstellung von den Grenzen des Wachstums und „Peak Everything“ in Frage stellt. Zu meiner Überraschung muss ich nun feststellen, dass ich meinen Optimismus in Ressourcenfragen mit der nach eigenen Angaben „zentralen Instanz für Erneuerbare Energien in Deutschland“ teile. Denn das Portal wird nicht von Atomkraftfanatikern betrieben, sondern von der Agentur für Erneuerbare Energien, unterstützt bzw. finanziert von Bundeslandwirtschaftsministerium, Bundesumweltministerium sowie 13 Ökoenergieverbänden und über 70 Firmen. Die Leitfrage der von Politik und Ökowirtschaft gemeinsam getragenen Kampagne lautet: „Kann man in Deutschland noch gegen Erneuerbare Energien sein?“

Sie ist eine rhetorische Frage, und die beruhigende Antwort folgt auf dem Fuße: „Die überwiegende Mehrheit ist dafür.“ Die 18 Beschäftigten der Agentur haben sich offenbar der nicht unbeträchtlichen Herausforderung zu stellen, Werbung für eine Sache zu machen, für die sie laut „Akzeptanzumfrage 2012“ bereits 93-prozentige Zustimmung in der deutschen Bevölkerung ermittelt haben. Weshalb man sich offenbar trotzdem noch nicht zufrieden zurücklehnen darf, wird damit begründet, dass „Sympathie allein“ nicht ausreiche. Denn viele praktische Schritte für mehr Versorgungssicherheit und Klimaschutz scheiterten noch „an einzelnen Vorurteilen, politischen Auseinandersetzungen oder ganz einfach an Wissenslücken.“ Die Kampagne versuche, „solche Defizite zu beseitigen und das Vertrauen in die Erneuerbaren Energien zu stärken.“ Die darauf folgende Auflistung der „wichtigsten Vorteile der Erneuerbaren Energien“ mag auf den ersten Blick zu ungläubigem Kopfschütteln und der Schlussfolgerung führen, die Agentur nehme ihren Propagandaauftrag vielleicht etwas übereifrig wahr. Nach kurzem Nachdenken festigt sich allerdings die ungute Vermutung, dass die Verfechter der Erneuerbaren wirklich glauben, was da aufgelistet steht: „Garant einer sicheren Energieversorgung, Wachstumswunder der Wirtschaft, Beschäftigungsmotor, Innovationsmaschine, Exportschlager, Bewahrer der natürlichen Ressourcen, Lösung für den Klimaschutz, Mittel, um die Gesamtkosten der Energieversorgung dauerhaft zu senken.“

Sie glauben es, weil sie es glauben wollen. Um in der Mitte der Gesellschaft anzukommen, musste die Ökobewegung mit etwas Optimismus aufgeladen werden. Dank einiger technologischer Fortschritte sind in der grünen Bewegung mittlerweile Strömungen entstanden, deren Anspruch weit über das in den 1980er Jahren vorherrschende Ideal des bescheidenen idyllischen Landlebens hinausgeht und die offenbar einem optimistischen Fortschrittsglauben anhängen. Voller Überzeugung rufen sie die globale solare Revolution aus, mit Erneuerbaren als Wunderwaffe zur Rettung des Planeten, Vollbeschäftigung und billigen Bereitstellung von „unendlich viel Energie“.

Unendlich viel oder unendlich wenig?

Was gilt nun? Müssen wir Autos durch Solarräder ersetzen, oder gibt’s unendlich viel Energie? Wir surfen weiter zur, ebenfalls von unserer umsichtigen Regierung geförderten, Website der „Initiative Energieeffizienz“ (www.stromeffizienz.de), auf der uns Philipp Rösler mit Videobotschaft begrüßt. „Die Energie, die gar nicht erst verbraucht wird, muss nicht produziert werden, sie muss nicht transportiert werden, sie muss auch nicht bezahlt werden“, erklärt uns der Minister. Jetzt dämmert uns, wie beides zusammenpasst. Zu der unendlich verfügbaren Energie wird natürlich auch die gezählt, die „gar nicht erst verbraucht wird“.

Setzt man die Besichtigung des ausufernden Energiewendepropagandagebäudes fort, bestätigt sich diese Entdeckung, wohin man den Blick auch wendet (www.energiewende.de, www.erneuerbare-energien.de, www.agora-energiewende.de, www.neueenergie.net, www.energiegut.de, www.thema-energie.de, www.energie-innovativ.de, www.change-energie.de, www.stiftung-neue-energie.de, www.energie-initiative.de usw. usf.). Letztlich rinnt an allen Ecken und Enden die Sparideologie durch die Ritzen des vermeintlichen Energieoptimismus. Das ideale Auto der Zukunft ist ein Fahrrad, das beste Haus ist das Passivhaus, der sparsamste Mensch ist der, der dank nachhaltiger Bevölkerungskontrolle erst gar nicht geboren wird. Die Wahrheit über die Energiewende ist, dass sie die Vision einer besseren Welt mit Wohlstand für alle Menschen auf dem Altar einer impliziten, teilweise verdrängten Verzichts- und Reduktionsideologie opfert.

Die Effizienzrevolution ist schon vorbei

Die wahre Vision der Energiewende besteht darin, möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Aber diese Energiediät wird nicht die Lösung des globalen Energiehungers bringen, denn sie hat ihre besten Zeiten bereits hinter sich. James Watt hat die Dampfmaschine nicht erfunden, aber ihre Effizienz von knapp einem auf vier Prozent gesteigert. Seither ist sie verdoppelt und wieder und wieder verdoppelt worden. Heute geht das nicht mehr. Der Wirkungsgrad der besten GuD-Kraftwerke (Kombination von Gasturbinen mit Dampfturbinen) liegt mittlerweile bei etwa 60 Prozent. Er kann vielleicht noch um drei Prozentpunkte gesteigert werden, aber dann ist Schluss. Häufig werden die Effizienzsteigerungen, die bereits erfolgt sind, unterschätzt. Der MIT-Forscher Christopher Knittel hat ermittelt, dass zwischen 1980 und 2006 der Kraftstoffverbrauch von amerikanischen Autos um durchschnittlich 15 Prozent reduziert wurde. Das klingt bescheiden. Die Energieeffizienz wurde jedoch im gleichen Zeitraum um satte 60 Prozent erhöht. Dass sie nicht mit viel weniger Sprit auskommen, liegt daran, dass im gleichen Zeitraum Gewicht und Leistung der Autos um durchschnittlich 26 bzw. 107 Prozent zugenommen haben. [2] Einer anderen Quelle zufolge sank der Verbrauch einer Oberklasselimousine von 1950 bis 2010 von 22 auf 12 Liter. Wir können sicher sein, dass er in den nächsten 60 Jahren nicht um weitere 10 Liter sinken wird. [3] Nicht anders sieht es bei Flugzeugen aus, die seit den 1970er Jahren ihre Energieeffizienz ungefähr verdoppelt haben. Es ist nicht wahrscheinlich, dass sich in den nächsten 15 Jahren, während derer sich die Anzahl der Verkehrsflugzeuge voraussichtlich ebenfalls verdoppeln wird, noch mal eine solche Steigerung realisieren lässt. Natürlich wird der Fortschritt weiter gehen. Komplett neue Technologien, etwa der Einsatz von Supraleitern, werden zu weiteren Effizienzsprüngen führen, aber letztlich setzt die Physik Grenzen. Wer um die Welt fliegen will, braucht eine Menge Energie, egal wie effizient das Flugzeug ist.

Auch die Schwellenländer arbeiten längst nicht mehr mit ineffizienter Technik aus dem 19. Jahrhundert. China hat im elften Fünfjahresplan (2006–2010) die Devise „Jieneng Jianpai“ (Spar Energie! Reduziere Emissionen!) ausgegeben. Ziel war die Reduzierung des Energieverbrauchs pro Einheit des BSP um 20 Prozent, was auch fast erreicht wurde. Im elften Fünfjahresplan (2011–2015), der als Eintritt in das grüne Zeitalter gilt, wurden weitere 16 Prozent als Zielmarke festgelegt, bis 2020 sollen es 40–45 Prozent sein. Spätestens dann werden die niedrig hängenden Früchte der Effizienzsteigerung gepflückt und weitere Fortschritte wie in den westlichen Ländern deutlich schwieriger zu erzielen sein. Pan Jiahua, Chef des Forschungsinstituts für Nachhaltige Entwicklung an der Chinesischen Akademie für Gesellschaftswissenschaften, stellte schon 2011 fest: „Die Energieeffizienz großer chinesischer Firmen ist bereits in der Nähe des weltweiten Niveaus. Die Stromerzeugung mit Heizkraftwerken ist schon effizienter als in Japan, der Verbrauch unserer Autos ist niedriger als in den USA.“ [4]

Und was passiert in Deutschland, dem Energiewendemusterland? Es hat sich kürzlich von den Zielen der EU-Energieeffizienzrichtlinie verabschiedet, weil es offenbar keine Chance sieht, wie dort gefordert, bis 2020 den Verbrauch um 20 Prozent zu senken.

Hohe Strompreise als letzte Hoffnung?

„Nach einem Jahrhundert von Verbesserungen der Effizienz verbrennen wir heute tausend mal mehr Kohle als im 19. Jahrhundert“, schreibt William Tucker in seinem hervorragenden Buch über „terrestrische“ Energie [5] und illustriert damit das nach dem englischen Mathematiker Stanley Jevons benannte „Jevons-Paradoxon“. In dem Aufsatz „The Coal Question“ warnte dieser 1865 davor, dass die englischen Kohlevorräte bald zur Neige gehen würden, da mit wachsender Effizienz und damit billigerer Verfügbarkeit der Verbrauch von Energie ständig anwachsen werde.

Wenn deutsche Effizienzenthusiasten einmal ernst zu nehmen versuchen, was sie predigen, kommen sie schnell an ihre Grenzen. Der Zeit-Redakteur Marcus Rohwetter beschreibt, dass er tut, was er kann, um Energie zu sparen, aber dennoch weit davon entfernt ist, unter dem von irgendwelchen Rechenkünstlern der ETH Zürich bestimmten Wert von 2.000 Watt (Dauerenergieaufnahme) pro Erdenbürger zu bleiben, der eine Art ökologisch korrekte Obergrenze darstellen soll. Vor allem seine 23.800 Flugkilometer im letzten Jahr machen ihm zu schaffen. Er kommt dann zu dem Schluss: „Was ich nicht glaube, ist, dass die 2.000-Watt-Gesellschaft ohne Wohlstandsverlust möglich sein wird. Zumindest nicht für Menschen wie mich. Es bleibt nur Sparen. Verzichten. Beschränken. Dinge, die wehtun. Vielleicht wird Energie eines Tages so brutal teuer, dass man es sich gut überlegen muss, zwei Scheiben Weißbrot zu toasten. Hohe Strompreise, ja, die könnten helfen. Aber gerecht sind auch sie nicht.“ [6]

Nein, hohe Strompreise sind eher Ausdruck von Selbstgerechtigkeit als von Gerechtigkeit. Und die 2.000 Watt sind der Ausgangspunkt, nicht der Endpunkt. Sie entsprechen 17.500 kWh pro Jahr und damit dem aktuellen weltweiten Durchschnittsverbrauch pro Kopf. In Hinblick auf den Energieeinsatz der Menschheit wird also kurzerhand das Jahr 2012 zum Ende der Geschichte erklärt, was wenig optimistisch ist. Das reiche, um „allen Menschen einen guten Lebensstandard“ zu ermöglichen. Gleichzeitig wird vollmundig verkündet, dass man die globale Vision mit „einem dichten Netzwerk von erfahrenen Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik“ nun „Schritt für Schritt“ zu realisieren gedenke, woran die Herrschaften von der sogenannten „Novatlantis“-Plattform in der Schweiz höchstwahrscheinlich selber nicht glauben, was aber wohl reicht, um ausreichend Sponsoren hinter sich zu scharen, die ein lupenreines Projekt brauchen, um nach Ausfüllen des Überweisungsträgers in ihrer Liste von Corporate-Social-Responsibility-Zielen mal wieder einen Haken zu setzen. [7]

Große grüne Mitmachaktion

Mitmachen kann bei der Energiewende sowieso jeder. Das Öko-Institut sagt uns, wie: „Energieeffizienz und Klimaschutz an den Einzelnen bringen und ihn (sic) in seinem Alltag zu verankern, das sind die Möglichkeiten und Ziele von lokalen Energiewende-Initiativen. Dabei geht es ganz konkret um Änderungen beispielsweise im Mobilitätsverhalten, den Ernährungs- und Heizungsgewohnheiten oder dem Kauf von Bestgeräten.“ [8] Greenpeace hat sogar einen Namen fürs Energiesparen. Es heißt hier „persönliche Energiewende“ und im Greenpeace-Blog dürfen „Erwachsene, Kinder und Jugendliche und natürlich unsere FörderInnen“ sowie sonstige Streber schreiben, wie sie es machen. Sehr ordentlich zum Beispiel eine Elke: „Wir haben in der gesamten Wohnung Energiesparbirnen, die Waschmaschine läuft immer auf Kurzprogramm (die Wäsche ist immer sauber), bei der Spülmaschine wird das Trocknen übersprungen (per Hand geht es auch). Statt elektrischer Weihnachtsbeleuchtung an Fenstern steht eine Kerze auf dem Tisch. Mittagessen wird grundsätzlich bei uns in Pfanne oder Topf und nicht im Backofen zubereitet. Wassersparender Duschkopf und kurze Duschzeiten, Licht ausschalten, wenn man das Zimmer verlässt und natürlich keine Geräte im Stand-by-Modus. So sparen wir eine Menge Strom und selbstverständlich beziehen wir Öko-Strom. Und wir trinken schon seit vielen Jahren Leitungswasser. (Ich habe das Wasser vorher untersuchen lassen.). Jeder kann etwas tun, ist gar nicht schwer.“ [9] Wer es etwas ausführlicher haben will, greift bei Amazon (gebraucht für sensationell sparsame und irgendwie tröstliche, da auf geringe Nachfrage verweisende, 9 Cent) zu Rainer Grießhammers Klima-Knigge: Energie sparen, Kosten senken, Klima schützen. Der Autor wird als Geschäftsführer des Öko-Instituts mit allen Vorschriftsmäßigkeiten bestens vertraut sein.

Praktisch für die Freunde der deutschen Energiewende ist, dass das Energiesparen mit ihrem Lebensstil als Besserverdienende besonders kompatibel ist. Denn es fällt desto leichter, je höher der Energieverbrauch ist und je mehr Geld man fürs Absenken zur Verfügung hat. „Auffällig“ sei, so der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, „dass Befragte mit höheren Einkommen und höheren Bildungsgraden oft ein stärkeres Umweltbewusstsein bekunden als sozial schlechter Gestellte.“ Korrekterweise fügt er hinzu: „Trotzdem ist davon auszugehen, dass im Durchschnitt die ärmeren Haushalte wegen ihres geringeren Einkommens- und Konsumniveaus real weniger Umweltbelastungen verursachen als wohlhabende Menschen.“ [10]

Mehr statt weniger

Im Gegensatz zu geschätzten null Prozent der deutschen Ökostromkunden oder Solardachbesitzer sind mehr als drei Viertel der Weltbevölkerung noch nie mit einem Flugzeug geflogen. Warum setzen wir uns nicht zum Ziel, anstelle des Anteils erneuerbarer Energien den Anteil der Menschen, die Flugzeuge benutzen, auf 100 Prozent zu steigern? Jeder von ihnen wird es zu schätzen wissen, fremde Länder kennenzulernen. Die Klimaerwärmung zu kontrollieren, mag ein legitimes Ziel sein. Aber müssen wir es auf Kosten anderer legitimer Ziele machen? Da ein hoher Energieverbrauch Grundlage sehr vieler menschlicher Wünsche und Bedürfnisse ist, sollten wir den Anspruch haben, Wege zu finden, die die Nutzung von „unendlich viel Energie“ mit dem sogenannten Klimaschutz unter einen Hut zu bringen. Ein schon seit Langem gangbarer Weg ist die Nutzung von Kernenergie, noch zu erschließende sind CCS-Technologien und Geoengineering. Beide setzen Mut und Vertrauen in die Unerschöpflichkeit des kollektiven menschlichen Erfindungsreichtums voraus. Deutscher Sicherheitsfetischismus und deutsches Ökostrebertum bringen uns hier nicht weiter.

Ein durch und durch humanitäres Ziel wäre es, die globale Energiebereitstellung im großen Stil auszuweiten. Der Wissenschaftsjournalist Johannes Winterhagen schreibt in seinem Buch Abgeschaltet. Was mit der Energiewende auf uns zukommt: „Der Mensch hat die Kraft, auch sehr unwirtliche Landschaften zu besiedeln. Er benötigt dazu Wasser und Energie, nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ Das ist richtig. Er benötigt eigentlich sogar nur Energie. Denn Wasser ist praktisch unbegrenzt vorhanden. Man braucht Energie, um es dorthin zu befördern, wo es benötigt wird, oder es zu entsalzen, wenn man sich in einer Region befindet, die nicht über ausreichend Niederschläge verfügt.

Mit Blick auf die Zukunft muss unser Ziel in erster Linie sein, die globale Energieerzeugung nicht um- sondern auszubauen. Wir müssen vor allem dort Kapazitäten aufbauen, wo nicht genügend vorhanden sind und gleichzeitig der Bedarf kontinuierlich steigt. Das ist in Deutschland nicht der Fall und wird bei der gegenwärtigen demografischen Entwicklung auch weiterhin nicht der Fall sein. Deshalb spielt Deutschland in Energiefragen nur die kleine, mehr oder weniger amüsante Nebenrolle des egozentrischen Missionars. Ihm zum Trost ist zu konstatieren: Beim großen globalen Ausbau finden alle Technologien ihren Platz. Das Problem sind nicht Wind- und Solarenergie. Beides sind bemerkenswerte Technologien, die ein großes Potenzial haben und der Menschheit zweifellos Nutzen bringen werden. Das Problem besteht darin, dass sie auf kindische Art und Weise dort massiv eingesetzt werden, wo es am wenigsten Sinn macht: um den fünfzigsten Breitengrad herum an einem Industriestandort namens Deutschland, der bereits über ein ausgezeichnet funktionierendes Energieversorgungssystem verfügte, das nun durch die Destruktionskraft der Energiewende zunehmend ineffizient und unsicher wird.

Erneuerbare machen dort Sinn, wo sie konkurrenzfähig sind. Weltweit werden in diesem Jahrhundert zweifellos noch erhebliche Kapazitäten aufgebaut. Man sollte es jeweils dort tun, wo man ein konkurrenzfähiges Produkt anbieten kann. Und jeder deutsche Technologieentwickler ist gut beraten, Produkte für echte Märkte zu entwickeln, statt auf den subventionierten deutschen Markt zu schauen, den es irgendwann nicht mehr geben wird. In Deutschland sind Netze und Nutzer auf eine stabile und berechenbare Stromversorgung ausgelegt. Das System ist alles andere als prädestiniert, eilig auf fluktuierende Quellen umgestellt zu werden. Wind und Sonne eignen sich insgesamt eher für Insellösungen als für die Integration in stabile etablierte Systeme. Sie spielen deshalb für Länder mit lückenhafteren Stromversorgungssystemen und großem Bedarf an zusätzlichen Kapazitäten eine sehr viel größere Rolle. Es gibt eine Menge sinnvoller Einsatzzwecke, etwa die solare Kühlung, bei der die Sonne genau dann, wenn sie scheint, dort genutzt wird, wo sie scheint, oder die solare Wasserentsalzung. In Deutschland sind solche Nischen für sinnvolle Anwendungen allerdings rar und es sind aufgrund des stagnierenden Stromverbrauchs auch keine zusätzlichen Erzeugungskapazitäten notwendig. Man muss erst mit dem Atomausstieg eine Lücke reißen, um künstlich für neuen Bedarf zu sorgen, der dann durch Erneuerbare gedeckt werden kann. In der Taz lesen wir, China stelle „immer schneller auf alternative Energien um.“ [11] Aber das ist falsch, China stellt nicht um. China baut eine Energieversorgung auf und nutzt dafür, in begrenztem Umfang, auch Wind- und Solarkraftwerke.

Der limitierende Faktor bei den Erneuerbaren sind derzeit die hohen Kosten. Falls diese noch drastisch sinken sollten, bleibt immer der unvermeidlich exorbitante Flächenverbrauch. Wachsende Weltbevölkerung und wachsender Wohlstand, der zusätzlich zur Nahrungsproduktion auch das Bedürfnis nach Naturerleben befriedigen will, sind damit schwer vereinbar. Deshalb können Fotovoltaik und Windkraft, von Biokraftstoff ganz zu schweigen, in einer wachsenden Welt nur eine Brückentechnologie bzw. ein eher kleinerer Teil des Mix sein. In Hinblick auf die Natur würde die Energiewende, wie sie heute geplant ist, nichts anderes bedeuten als die Umwandlung Deutschlands in eine einzige große Kraftwerkslandschaft. Damit könnte man leben. Man muss es aber nicht, wenn man den Ehrgeiz hat, eine bessere Lösung zu finden.

Etwas Gas geben!

Wir sollten uns zum Ziel setzen, die globale Energiebereitstellung bis zur Mitte des Jahrhunderts so zu steigern, dass der globale Pro-Kopf-Verbrauch an den moderaten, aktuellen deutschen Verbrauch von etwa 3,8 Tonnen Öläquivalent pro Person und Jahr angeglichen wird. [12] Bei prognostizierten rund 10 Milliarden Menschen im Jahr 2050 entstünde ein Gesamtbedarf von rund 38 Milliarden Tonnen Öläquivalent. Das ist rund das Dreifache des heutigen Primärenergieeinsatzes und würde ein jährliches Wachstum von knapp 3 Prozent erfordern. Die durchschnittliche Wachstumsrate der letzten 40 Jahre lag bei rund 2 Prozent. Wir müssten also etwas zulegen.

Vor diesem Hintergrund könnte man den geplanten deutschen Teilverzicht auf kostengünstige Energiequellen, insbesondere Kohle und Nuklear, wenn er denn stattfindet, als kleines Geschenk werten, das wir dem Rest der Welt machen, der von dieser geringfügigen Entlastung der Nachfrage ein bisschen profitieren kann. An der Tatsache, dass fossile Energieträger solange genutzt werden, wie dies wirtschaftlich möglich ist, wird das nichts ändern. Am damit verbundenen CO2-Ausstoß auch nicht.

Der globale Ausstoß an CO2 liegt bei rund 32 Gigatonnen, wovon Deutschlands Anteil mit 800 Megatonnen etwa 2,5 Prozent beiträgt. Rund 40 Prozent von diesen 2,5 Prozent sind durch die Elektrizitätswirtschaft verursacht, so dass der deutsche Strom heute für etwa 1 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich ist und bei gleichem Mix im Jahr 2050 dann für etwa 0,3 Prozent verantwortlich wäre. Egal wie erfolgreich die deutsche Klimawende also gemessen an den heute formulierten Zielen sein wird, das Ausmaß des möglicherweise durch CO2-Emissionen beeinflussten Klimawandels kann dadurch nur um den Bruchteil eines Prozents verringert werden. Damit sollte jedem, der sich dem sogenannten Klimaschutz verpflichtet sieht, klar sein, dass die vermeintlich ambitionierten Ziele letztlich irrelevant sind. Dafür, dass sich der deutsche Klimaschutzsonderweg als leuchtendes Beispiel erweist, dem andere Länder folgen, gibt es derzeit keine Anzeichen.

Da es für das Klima keinen Unterschied macht, kann man fragen: Was springt für den Einzelnen bei der großen deutschen Mitmachaktion namens Energiewende heraus? So einiges: Man kann (als Radfahrer) Geld sparen und (als Solardachbesitzer bzw. Solarparkentwickler) sogar Geld verdienen. Man kann sich (als Vegetarier) einbilden, gesünder zu leben. Man kann in Abgrenzung zu SUV-Fahrern und dem Amerikaner an sich ein paar Distinktionsgewinne erwirtschaften. Man ist Teil einer großen Gemeinschaft. Man kann Gut und Böse säuberlich unterscheiden. Wenn man wirklich viel Energie spart oder das reale Ausmaß des eigenen Energieverbrauchs erfolgreich verdrängt bzw. durch Ablasszahlung neutralisiert, kann man sich moralisch überlegen fühlen und mit gelegentlichem Mitleid, vor allem aber Abscheu und Verachtung, auf jene schauen, die noch nicht den gleichen Grad an Reinheit erlangt haben. Man kann die Angst vor den Asiaten rationalisieren. Je nach Veranlagung kann man auch munter um die Welt jetten, Wasser predigen und Wein trinken, aber dennoch dabei sein Sendungsbewusstsein aufs Vortrefflichste befriedigen. Man kann eine Klimaschutzinitiative gründen und dafür gesellschaftliche Anerkennung erhalten. Und so weiter und so fort. Es ist für fast jeden Geschmack etwas dabei. Nur nicht für die, die zur Überzeugung gelangt sind, dass billige Energie für alle Menschen keine Sünde, sondern ein Segen ist. Und dass wir Menschen es schaffen werden, dieses Ziel zu erreichen, ohne unsere Umwelt, die Natur oder den Planeten zu ruinieren.