16.12.2011

Wer hat Angst vorm Dunkelmann?

Essay von Johannes Richardt

Verschwörungsdenken hat Konjunktur. Das ist Ausdruck eines traurigen Welt- und Menschenbildes. Auch die wachsende Akzeptanz von Rauchverboten und anderen Regulierungen persönlicher Verhaltensweisen speist sich daraus. Selbst Verbotsgegner sind nicht frei davon

„Warnung: Manche Leute behaupten alles, bloß um Zigaretten zu verkaufen.“ Dieser Hinweis findet sich unter dem Bild eines Mannes, das mit Hilfe von Fotomontagetechniken zu einer teuflischen Fratze verzerrt wurde. Der Warnhinweis richtet sich an die Teilnehmer eines Kongresses von Gesundheitsaktivisten. Der Mann auf dem Bild heißt Nick Naylor. Er ist Pressesprecher der amerikanischen Tabakindustrie. Und für viele seine Gegner scheint er tatsächlich den Leibhaftigen zu verkörpern. So zumindest kann man das in Christopher Buckleys später auch verfilmtem Roman Thank You for Smoking nachlesen – einer Satire auf den in den 90er Jahren in Washington tobenden Kampf der Tabak- gegen die Gesundheitslobby um die öffentliche Meinung in den USA. Erfrischend ist dieses Buch nicht zuletzt auch deshalb, weil es nach allen Seiten austeilt. Durch die vielen herrlich klischeehaften Überspitzungen zeigt sich, dass die auch in der Realität zu beobachtende Dämonisierung der Tabaklobby genauso verfehlt ist wie die Verklärung der Antitabakkämpfer als die „Guten“. Im Buch kochen beide Seiten nur mit Wasser.

Durch diese eigentlich relativ banale Einsicht wird das Buch – ob nun intendiert oder nicht – auch zu einem Statement gegen das aktuell so weit verbreitete Verschwörungsdenken. Buckely hält der Gesellschaft einen satirisch gebrochenen Spiegel vor. Die Geschichte karikiert das inzwischen weitverbreite Vorurteil, unsere Gesellschaft und das politische Leben funktionierten irgendwie ganz ähnlich, wie wir es aus vielen Hollywoodfilmen kennen: Nichts geschieht dort aus Zufall. Hinter den Kulissen der öffentlich wahrnehmbaren politischen Arena ziehen überaus mächtige und zumeist auch überaus böswillige Gestalten die Strippen. Und die naiven und etwas dümmlichen Bürger kriegen gar nicht mit, was eigentlich mit ihnen geschieht.

Gerade die Tabaklobby galt und gilt immer noch vielen bis weit in die berühmte Mitte der Gesellschaft hinein als Inbegriff solch einer anonymen Macht. Wahrscheinlich weiß heute jedes Kind, dass diese Dunkelmänner der Öffentlichkeit durch Manipulation irgendwie ihren Willen aufzwingen möchten und dies in der Vergangenheit – dank unser aller Gutgläubigkeit, natürlich, und trotz ständig steigender Tabaksteuern und flächendeckender Rauchverbote, Werbeverbote etc. – auch recht erfolgreich getan haben. Überall – man muss nur mal kurz googlen –,  in Zeitungsartikeln, Websites und Büchern mit Titeln wie „Das Geschäft mit dem Tod“ oder „Verneblung – Wie die Tabakindustrie die Wissenschaft kauft“ kann man über diese sehr bösen und vor allem sehr ungesunden Machenschaften lesen. Die Welt gepresst ins übersichtliche Schwarz-Weiß-Schema. Auch wer sich noch nie mit der Thematik auseinandergesetzt hat, weiß sofort, wer hier der Böse ist.

Wenn es um das Thema Rauchen geht, werden vom gegenwärtigen Konsens abweichende wissenschaftliche Meinungen, etwa zum Thema Passivrauchen, fast schon reflexartig von vielen Kommentatoren mit dem moralischen Bannspruch belegt, dass diese doch irgendwie mit der Tabaklobby unter einer Decke stecken müssten; gleiches gilt natürlich auch für Journalisten, die die gegenwärtige Verbots- und Regulierungspolitik in Frage stellen oder für Aktivisten, die sich öffentlich gegen Rauchverbote engagieren. Entweder man werde von der Lobby finanziert oder man sei deren Lügen aufgesessen, heißt es dann schnell (ganz ähnlich übrigens wie bei Personen, die sich für Atomenergie oder Gentechnik oder gegen vorherrschende Auffassungen zum Klimawandel aussprechen). Dieses Klima eines unreflektierten Generalverdachts gegenüber moralisch, warum auch immer, nicht als opportun erachteten Meinungen führt letztlich zu einer Deformierung des öffentlichen Lebens. Es geht dann nicht mehr um die unvoreingenommene Klärung wissenschaftlicher, moralischer oder politischer Differenzen. Die Öffentlichkeit verkommt zu einer Art Tribunal zur Aufdeckung böswilliger Handlungen, wenn hinter öffentlich vorgetragenen Argumenten reflexartig ein im Verborgenen liegender Hintersinn unterstellt wird, statt sich auf eine echte inhaltliche Auseinandersetzung einzulassen. Ein kurzer Blick in Diskussionsforen großer Zeitungen wie Spiegel, Süddeutsche oder Welt  zu den oben erwähnten Themen Atom, Gen, Klima und Rauchen genügt, um einen ersten Einblick in diese Form degenerierter Debattenkultur zu bekommen.

In diesem Trend zum inflationären und oft reflexartigen Gebrauch des Lobbyismusvorwurfs bei heiklen politischen Fragen zeigt sich ein Verschwörungsdenken, das statt kritischer Diskussion vor allem auf simplifizierende Vorverurteilungen im einfachsten Gut-Böse-Schema setzt. Es darf nicht mit den eher paranoid anmutenden Verschwörungstheorien im eigentlichen Sinn verwechselt werden. Solche finden sich aktuell im Internet als Dutzendwaren – man denke etwa an die von Zeitgeist-Movement oder Infokriegern gestreuten Theorien über 9/11 und eine von Superreichen und Bankern geplante Neue Weltordnung oder eher klassisch rechte Wahnphantasien von einer jüdischen Weltverschwörung, wie sie in den „Protokollen der Weisen von Zion“ herbeifabuliert werden, oder neuerdings auch von einem Komplott zur Islamisierung des Abendlandes. Was sich im Ressentiment gegen die Machenschaften der Tabaklobby oder anderen Lobbisten ausdrückt, ist etwas anderes als solche wohl doch eher randständigen Verirrungen.

Klassische Verschwörungstheorien liefern Gesamterklärungen für die missliche Lage der Menschheit samt Prognosen darüber, wie es weitergeht. Es handelt sich meistens um relativ geschlossene Weltbilder vereinzelter Spinner oder marginalisierter Sekten, die an jeder Ecke das Wirken bösartiger Mächte wittern – nicht zuletzt auch, um sich so einen Reim auf ihre eigene als ungenügend empfundene Situation zu machen. Die Vorstellung, hinter den Kulissen des sichtbaren öffentlichen Lebens würden mächtige Lobbys die Politik auf schändliche Art und Weise lenken, kommt für gewöhnlich ohne diesen allumfassenden Anspruch aus. Es geht hier oft nur um begrenzte Teilbereiche des politischen Lebens, in denen verdeckte Einflussnahme gewittert wird. Und natürlich enthält diese Idee auf gewisse Weise auch einen „wahren Kern“, da es in unserer Demokratie ja tatsächlich vielfältige Interessengruppen gibt, die um Einfluss auf die Entscheidungsfindung von Regierungen und Parlamenten streiten – nicht selten auch mit unmoralischen und illegalen Mitteln, wie jeder weiß.

Dennoch zeigt sowohl der verkürzte Fokus auf das Wirken einiger weniger Böswichte (Wo liest man etwa mal was von der milliardenschweren Arbeit der Solarlobby?) und die völlig unverhältnismäßige Machtfülle, die gerade diesen ganz bestimmten Erzgaunern heute sehr schnell zugeschrieben wird, was für eine reduzierte und deprimierende Auffassung von Politik mit diesem Verschwörungsdenken einhergeht. Die da oben stecken ja eh alle unter einer Decke, und wir können nichts dagegen tun! Tatsächlich gibt es diese Vorstellungen bis weit in die Mittelschichten hinein. Sie sind heute gesellschaftlicher Mainstream und ein Beispiel dafür, wie sehr sich Verdacht und Misstrauen inzwischen normalisiert haben, so sehr, dass Sozialwissenschaftler, wie der Brite Frank Furedi, inzwischen von einer regelrechten „Verschwörungskultur“ sprechen. [1]

Heute erscheint es sehr vielen Menschen normal und plausibel, erst einmal das Wirken versteckter Kräfte hinter subjektiv als unschön wahrgenommen Entwicklungen anzunehmen. Ob sich dieses Misstrauen nun gegen böse Industrielobbys richtet, die mich irgendwie – z.B. mit Hilfe von Zigaretten(passiv)rauch - vergiften wollen, gegen korrumpierte Eliten, die mich irgendwie ausbeuten wollen, oder gegen meinen eigenen Nachbarn, der auch irgendwie nichts Gutes gegen mich im Schilde führt, ist dabei erst mal zweitrangig. Es scheint auch nur eine Pointe unter vielen zu sein, dass sich dieses Klima des Verdachts politisch aktuell vor allem in Gesundheits- und Umwelt- bzw. Technikfragen artikuliert. Daran, dass hier die Ängste nicht ausgehen, von atomarer Verstrahlung bis zu unnatürlichen Geschmacksverstärkern, hat eine unüberschaubare Vielzahl von selbsternannten Verbraucherschutzorganisationen, Umwelt- und Gesundheits-NGOs sicherlich einen nicht unwesentlichen Anteil. Die Misstrauenskultur ist aber bei Weitem nicht nur auf diese Themen beschränkt. Alle Bereiche des öffentlichen Lebens und zunehmend auch des Privatlebens werden heute angezweifelt. Das geht vom Wahrheitsgehalt der TV-Nachrichten bis zu Fragen von Partnerschaft und Kindererziehung (Man denke hier nur an den enormen Erfolg unzähliger „Experten“, die den Menschen auf eine Million verschiedene Arten erklären, wie sie jede noch so selbstverständliche Alltäglichkeit zu meistern haben). Aber heute erscheint für viele kaum noch etwas alltäglich.

Dieser umfassende Vertrauensverlust, Unsicherheit und Verletzlichkeit durchdringen heute viele Bereiche unseres Lebens. Natürlich gibt es auch eine Vielzahl wirtschaftlicher, politischer und moralischer Profiteure dieser Angstkultur: vom Bio-Laden um die Ecke, der von weit verbreiteten Sorgen profitiert, industriell hergestellte Lebensmittel seien „irgendwie giftig“, über Law-and-Order-Politiker, die unterschwellige Kriminalitäts- oder Terrorängste für ihre politische Agenda instrumentalisieren, bis zu den oft skurril daherkommenden Antitabakaktivsten, die ihren bigotten Gesundheitskreuzzug im gegenwärtigen Klima als gesellschaftlich nützlich aufwerten können. Auch wenn solche Leute (NovoArgumente hat dafür den Begriff „Angstindustrie“ geprägt) natürlich ein starkes Eigeninteresse daran haben, die gegenwärtige Verschwörungs- und Misstrauenskultur weiter anzuheizen (trotz subjektiv wohl meistens durchaus integerer und lauterer Absichten), sollte man nicht dem Kurzschluss erliegen, zu meinen, diese letztendlich nur mit interessengeleiteter Panikmache und Desinformation bereits hinreichend erklären zu können.

Vielmehr scheint es so zu sein, dass sich im gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft viele Faktoren zu einer sehr unschönen Gemengelage verbinden, in der sich die Menschen mehr und mehr als machtlos und schutzbedürftig empfinden. Ein kulturelles Unbehagen breitet sich aus, das den Nährboden für ein verändertes Selbstverständnis der Bürger gelegt hat. Die Ursachen hierfür sind in den großen gesellschaftlichen Umbrüchen der letzten Jahrzehnte zu suchen – insbesondere seit dem Ende der bipolaren Weltordnung mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die historische Phase nach dem vom US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama so bezeichneten „Ende der Geschichte“ ist gekennzeichnet vom weitestgehenden Verlust jeglicher glaubwürdiger Perspektiven für nennenswerte Wohlstandssteigerungen für breite Gesellschaftsschichten und Visionen für eine bessere Gesellschaft. Heutzutage erscheint es bereits als höchstes der Gefühle, wenigstens den allerorten beschworenen Weltuntergang, sei es nun durch den Klimawandel, Überbevölkerung, endliche Ressourcen oder was auch immer, abwenden zu können.

Immer wieder hören wir, dass wirtschaftlich die fetten Jahre schon lange vorbei sind und uns zwangsläufig Zeiten des Verzichts bevorstehen. Wohl erstmals in der Moderne ist es in unseren Breiten allgemein akzeptierter Gemeinplatz, dass es nachfolgenden Generationen schlechter gehen wird als heute. Tatsächlich herrscht auf der ökonomischen Makroebene bestenfalls Stagnation vor, für die Einzelnen berufliche Unsicherheit. Dazu kommt, dass klassische Institutionen wie Kirchen oder Gewerkschaften ihre Bindungskraft weitestgehend verloren haben und den Menschen keinen moralischen Halt mehr bieten. Auch die politischen Parteien quer durchs Farbenspektrum hindurch agieren zunehmend isoliert von der Gesellschaft und vermögen es heute nicht mehr, Konzepte und positive Visionen zu entwickeln, hinter die sich die Leute bereitwillig scharen würden. Die Vereinzelung nimmt zu, und ein Gefühl von Machtlosigkeit, Verwirrung und Zukunftsangst breitet sich aus. Alte Werte und Überzeugungen wurden nicht durch positive neue Bedeutungssysteme ersetzt. Es fällt den Menschen heute zunehmend schwer, sich noch einen Reim auf die Welt zu machen – es fehlt an Orientierung und mangels positiver ökonomischer Perspektiven und Zukunftsentwürfe von Seiten der Politik auch an einem optimistischen Selbstverständnis der Gesellschaftsmitglieder, sich selbst als aktive Gestalter ihrer Lebensumstände zu begreifen. Im Gegenteil: Heute wird den Menschen von Politikern, NGOs, Umwelt-, Verbraucher-, Tier- oder Kinderschützern immer wieder aufs Neue eingehämmert, wie destruktiv, asozial oder dekadent sie selbst, die moderne Welt oder am besten gleich unsere gesamte Spezies doch seien.

Der wachsende Einfluss der Idee, dass anonyme Mächte außerhalb unserer Kontrolle unser Leben in erheblichem Maße bestimmen würden, ist letztlich ein Ausdruck dieses gesellschaftlichen Unbehagens. Die Menschen glauben nicht mehr wirklich daran, dass sie durch politische Zusammenschlüsse im Großen oder durch autonome Entscheidungen im Kleinen ihr Leben in eine bessere und freiere Zukunft lenken können und neigen deshalb dazu, sich selbst als machtlos, verletzlich und schutzbedürftig zu empfinden. So fußt auch die erhöhte Bereitschaft nicht unerheblicher Teile der Bevölkerung, die Kontrolle über allerpersönlichste Bereiche der eigenen Lebensführung der Leitung und dem Urteil anderer zu überlassen – insbesondere da, wo man sich selbst besonders unsicher fühlt, also z.B. bei Gesundheitsfragen –, auf dem gleichen negativen Menschen- und Weltbild, das auch die Ausbreitung des Verschwörungsdenkens bedingt hat. Wenn man glaubt, sich selbst und seinen Mitmenschen nicht mehr richtig trauen zu können, sehnt man sich nach Sicherheit und einfachen Antworten.

Am Beispiel der Rauchverbote wird das deutlich. Neben einer weit verbreiteten passiven Duldung gibt es auch eine große Bereitschaft in der Bevölkerung, sich tatsächlich von Seiten des Staates vorschreiben zu lassen, wie man sich richtig zu verhalten habe. Dies zeigt z.B. der Erfolg des Volksbegehrens für „Für echten Nichtraucherschutz“ in Bayern oder das weitgehende Fehlen von Protest gegen die bundesweit immer rigoroser werdenden „Nichtraucherschutzgesetze“. Eine Politik, die den Bürgern pauschal selbst in banalsten Bereichen der alltäglichen Lebensführung, wie etwa bei der Frage, wann und wo man sich eine Zigaretten anzünden sollte, Weisungsbedürftigkeit unterstellt und ihnen die Fähigkeit abspricht, als gesellschaftliche Akteure auch ohne staatliche Zwangsandrohung zu einvernehmlichen Kompromissen zu gelangen, kann eben tatsächlich nur dann ohne nennenswerten Widerstand durchgesetzt werden, wenn sie auf verunsicherte Bürger trifft, die den negativen Prämissen einer solchen Politik aufgeschlossen gegenüberstehen.

Die heutige Politik und die Nutznießer der Angstkultur können auf ein pessimistisches Selbstbildnis der Gesellschaft zurückgreifen und es in Gesetze, Verwaltungsakte, Aktionspläne und „Aufklärungskampagnen“ gießen, um sich dann als große Kümmerer aufzuspielen. Dahinter steht kein böswilliger Plan zum Ausbau eines autoritären Polizei- und Überwachungsstaats – selbst wenn die Effekte dieser Politik am Ende auch autoritäre Züge aufweisen sollten. Letztlich ist diese Politik sogar wiederum selbst ein Ausdruck der Schwäche und Orientierungslosigkeit der politischen Eliten, ein Ausdruck des schmerzlichen Mangels tatsächlicher Politik. Das oben beschriebene Unbehagen macht nämlich auch vor Politikern nicht halt – sie teilen das negative Menschenbild mit dem Rest der Gesellschaft. Die Parteien haben es schon lange aufgegeben, die Bürger zu neuen Ufern führen zu wollen. Es herrscht ein technokratischer Politikstil vor, der ganz auf das kleinteilige Management „alternativloser“ Sachzwänge setzt. Die traurige Vorstellung des Menschen als bedürftig, vereinzelt und unmündig dient hier als Grundlage politischen Handelns und rechtfertigt Interventionen in immer weitere vormals als persönlich oder privat erachteter Lebensbereiche.

So erleben wir aktuell eine nie dagewesene Politisierung des Privaten. Die zunehmenden Interventionen und das Hineinregieren in höchstpersönliche Fragen der eigenen Lebensführung – sei es nun auf dem Feld der Gesundheits-, der Familien- oder der Bildungspolitik – lassen die Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft zunehmend verschwimmen. Dieses moderne Mikromangement nimmt immer mehr Züge obrigkeitsstaatlicher Menschenverwaltung an. Es gibt kaum noch Bereiche in der Gesellschaft, wo Menschen „staatsfern“ ohne den Einfluss irgendeiner Institution, salopp formuliert, einfach ihr eigenes Ding machen können.

Bedauerlicherweise findet man auch auf einigen Blogs und kritischen Websites zu Rauchverboten oder gegen die Regulierung von Ess-, Trink- oder Erziehungsgewohnheiten Stimmen, die genau dieses negative Menschen- und Weltbild, das die Grundlage der heutigen Verbotskultur ist, mit allzu einfachem Verschwörungsdenken weiter anfeuern. Die Pharma- oder Gesundheitslobby, oft im Verbund mit Organisationen wie der WHO (World Health Organisation) und weiteren zweifelhaften „neo-puritanischen“ oder „sanitaristischen“ Organisationen wird dann zu einem ähnlichen einfachen Feindbild aufgebaut, wie es die Tabaklobby bei den Befürwortern von Rauchverboten und Tabakprohibition ist. Letztlich trage der dunkle Einfluss dieses „medizinindustriellen-Komplexes“ die alleinige Schuld (oder zumindest einen erheblichen Teil) daran, dass Raucher heutzutage unter diesem diskriminierenden und ausgrenzenden Klima zu leiden haben. Der reichlich enge Fokus vieler Kommentare und Blogbeiträge auf die Machenschaften der „Gesundheitsfaschisten“ oder der „Anti-Tabak-Taliban“ scheint diese Deutung zumindest nahezulegen. 

Es soll hier nicht darum gehen, Aufklärungsarbeit über das mit Sicherheit auch kritikwürdige Handeln mächtiger Interessengruppen in Frage zu stellen – die Pharmaindustrie muss sich hier natürlich ebenso kritische Fragen gefallen lassen, wie etwa die Tabak- oder Autoindustrie. Wenn aber die Trennlinie zwischen legitimen Enthüllungen über tatsächliche Manipulationen und der simplen Vorannahme, die Welt durch das Prisma eines Geheimplans verstehen zu können, zu verschwimmen beginnt, besteht die Gefahr, dass man unter anderen Vorzeichen das gleiche Spiel betreibt, das die eigenen Gegner so virtuos zu spielen vermögen. Statt auf kritische Analyse der Gesellschaft und öffentlichen Kampf der Argumente zu setzen, hilft man mit, ebenjenes Misstrauen zu beschwören, das die zunehmend freiheitsfeindliche Atmosphäre im Lande und die Regulierung immer weiterer Lebensbereiche ermöglicht.

Gesundheitslobbyorganisationen wie die WHO können noch so viele Aktionspläne für die „Denormalisierung“ des Tabakrauchens auf den Weg bringen, mit Millionenkampagnen dafür werben und Politiker zu Kongressen in teure Luxushotels einladen. Alle ihre Maßnahmen vermögen es nicht, aus Menschen Marionetten zu machen, die dann auch nach ihren Plänen handeln. Menschen handeln aus sich selbst heraus, nicht zuletzt weil sie selbst bestimmte Dinge einfach richtig oder falsch finden. Deshalb kann es nur darum gehen zu erklären und Überzeugungsarbeit zu leisten, wieso der große Trend zur Regulierung immer weiterer Bereiche der persönlichen Lebensführung, der ja von so vielen Menschen so unkritisch hingenommen wird, falsch ist und nicht im allgemeinen Interesse liegt.

Man bekämpft die gegenwärtige Regulierungspolitik nicht, indem man sich der gleichen Angst- und Misstrauensmechanismen bedient, die die Verbots- und Regulierungsbefürworter im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima so erfolgreich agieren lassen, sondern indem man dem Misstrauen zukunftsweisende Ideale und ein positives Menschenbild entgegensetzt und den Menschen begriffliches Werkzeug in die Hand gibt, das ihnen hilft, die Dinge zu verstehen, wie sie sind, und so selbst Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Es geht also vor allem darum, neben dem gesellschaftlichen Verständnis der Situation für eine starke Idee von Freiheit und individueller Autonomie zu streiten: Menschen sind moralische Wesen, die fähig sind, ihre eigenen Belange und ihr solidarisches Zusammenleben mit anderen ohne Anleitung von Oben selbst in die Hand zu nehmen.

Mit anderen Worten: Erwachsene Menschen sind viel mehr als leicht zu manipulierende Opfer böser Lobbys – egal ob nun der Tabak-, Solar- oder Gesundheitslobby. Jeder von uns ist mit Vernunftbegabung, Urteilskraft und Verständnisfähigkeit begabt. Das Verschwörungsdenken und die aktuelle Regulierungsdiskussion verneinen gleichermaßen diese grundlegenden Eigenschaften des Menschseins. Sie stehen für ein fatalistisches Menschenbild, das den Menschen die Kontrolle über ihre Handlungen abspricht und sie so zu Opfern anonymer Mächte degradiert. Statt auf die gleichen allzu einfachen Schuldzuweisungen der Regulierungsbefürworter zu setzen und somit das gegenwärtige Klima von umfassendem Misstrauen und Verdacht weiter zu befeuern, sollten Menschen, die an mehr gesellschaftlichen Freiräumen interessiert sind, dafür eintreten, dass die Regulierungsfrage als das erkannt wird, was sie ist: eine Freiheitsfrage, die jeden etwas angeht und letztlich etwas sehr Grundlegendes über unser eigenes Selbstverständnis als Menschen aussagt.