. . Klare Sicht nach vorn  |  RSS  |  Newsletter

Die Schweinegrippe
und die globale Angstindustrie

Während uns Gesundheitsbürokraten erzählen, dass „die gesamte Menschheit bedroht“ sei, gibt Frank Furedi Orientierung im Dschungel der Panikmacher. Ein „Handbuch zur Identifizierung der unterschiedlichen Akteure der Dramatisierung von Angst“.

Als Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Pandemie-Warnstufe von 4 auf 5 als Reaktion auf den Ausbruch der Schweinegrippe erhöhte, hatte sie keine Skrupel, sich der Sprache der Angst zu bedienen: „Die gesamte Menschheit ist bedroht“, erklärte sie. Wenn Historiker einmal auf diese Inszenierung der Angst sowie auf die durch die Schweinegrippe ausgelöste Panik zurückblicken, werden sie sich fragen: Hat Chan als Sprecher einer Gesundheitsbehörde oder als Unternehmerin in Sachen Moral gesprochen? Es muss doch verwundern, dass Chan, wie übrigens die meisten in seiner Branche, ihr Handeln nicht als unseriös oder übertrieben alarmierend betrachtet. Wie auch andere Angstmacher modifizierte sie ihre Warnung mit einer beruhigenden Aussage: „Kein Grund zur Panik!“

Diese Kombination aus Furchterzeugung und beruhigender Rhetorik stellt eine Grundmelodie moderner Angstmacherei dar. Man beachte Chans Warnung, dass die WHO voraussichtlich die Grippe-Warnstufe auf die höchste Stufe der 6-Punkte-Skala anheben und eine Pandemie ausrufen werde. Diesmal war nicht von einer Bedrohung für „die gesamte Menschheit“ und von deren Auslöschung die Rede. „Stufe 6 bedeutet keineswegs, dass wir dem Ende der Welt entgegengehen“, sagte sie, um dann klarzustellen, dass es „wichtig ist, dies zu verdeutlichen, da wir andernfalls eine unnötige Panik auslösen könnten“.

Somit rief Chan das Gespenst einer Vernichtung der gesamten Menschheit bei der Anhebung der Bedrohungsskala von 4 auf 5 auf den Plan, bewertete aber offensichtlich eine mögliche Anhebung auf Stufe 6 gelassener, was die potenzielle Bedrohung durch eine globale Katastrophe betraf. Freilich war genau dieser Versuch, beruhigend zu wirken, in eine Rhetorik gebettet, die aller Wahrscheinlichkeit nach den gegenteiligen Effekt hervorrufen muss.

Mit dem Hinweis, dass wir „jetzt nicht dem Ende der Welt entgegengehen“, wird impliziert, dass wir dieses Ende jedoch in naher Zukunft erleben würden, und es wird damit auch deutlich, dass apokalyptisches Denken nicht länger auf die Welt der Religion beschränkt bleibt. Chans säkulare Version apokalyptischen Denkens wird von einem heute weit verbreiteten kulturellen Drehbuch gesteuert, das die Bedrohungen unserer Gesundheit übertreibt und mit menschlicher Heimtücke in Verbindung bringt. Aus dieser Perspektive ist jeder Virus, jede Krankheit, jeder neue Ausbruch von Grippe eine potenzielle Waffe aus dem Arsenal des Bösen.

Den Protagonisten auf dem Jahrmarkt der Angst ist es gelungen, Grippe als eine Bedrohung der Welt zu dämonisieren und sie als denkbare Massenvernichtungswaffe erscheinen zu lassen. Das angesehene „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT) bietet schon einen Kurs „Pandemien und Bioterrorismus“ an. Man behauptet, „Schweinegrippe ist lediglich die jüngste Herausforderung seitens Bioterrorismus und globaler Pandemien“. Die Nonchalance, mit der die Bedrohung durch Bioterrorismus in die Diskussion der Schweinegrippe eingebracht wird – und zwar von einem der angesehensten Wissenschaftsinstitute der Welt –, erweckt den äußerst beunruhigenden Eindruck, dass Angstmacherei eine respektable Freizeitbeschäftigung geworden ist.

Heute begegnet uns die Angstindustrie in allen möglichen Farben und Formen. Einige ihrer Vertreter sind moralische Kreuzzügler, die im Inneresten davon überzeugt sind, dass die soziale Struktur der Gesellschaft von bösen Mächten bedroht ist. Auf der anderen Seite des Spektrums sind Verkäufer und Zuhälter auf dem Jahrmarkt der Angst unterwegs. Es ist von Nutzen, zwischen den unterschiedlichen Spezies von Angstmachern zu unterscheiden. Dafür hier ein „Handbuch zur Identifizierung der unterschiedlichen Akteure der Dramatisierung von Angst“:

Religiöse Moralprediger

Geschichtlich gesehen hat die Religion immer wieder vor den Gefahren moralischer Übertretung gewarnt. Wenn auch der Einfluss der Religion in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist, so spielen die Untergangspropheten mit ihren apokalyptischen Szenarien dennoch eine wichtige Rolle in der Gesellschaft. Religiöse Moralisten sind überzeugt, dass menschliches Unheil letztlich satanischen Ursprungs ist. Im Zeitalter des Internets kommen sie oft als virtuelle, überdrehte Propheten daher und warnen davor, dass Gott die Sünder für ihr Abweichen vom rechten Weg bestrafen wird. Manche von ihnen verbreiten die Ansicht, dass Aids die Strafe Gottes für ein unmoralisches Sexualleben sei. Große Katastrophen, wie das Geschehen am 11. September 2001 oder der Hurrikan Katrina, wurden als Vergeltung für abwegiges, sündhaftes Verhalten interpretiert. Ein christlicher Kolumnist hat Katrina als „die Faust Gottes“ bezeichnet.

Furchterzeugung und beruhigende Rhetorik bilden die Grundmelodie moderner Angstmacherei.

Im Gegensatz zu anderen Angstmachern thematisieren diese Moralprediger ganz ausdrücklich die moralische Verkommenheit der Gesellschaft. Sie greifen ganz bewusst gegenwärtige Ängste um die Zukunft des Planeten auf. Nahezu mühelos ist es ihnen gelungen, die Sprache des Umweltschutzes ihren Ansichten über Apokalypse, Armageddon und dem „Ende der Zeiten“ anzugleichen. In ihrer Zukunftsvision werden lediglich ökonomisches Wachstum und CO2-Emission durch die Triade aus Sünde, Bösem und Satan ersetzt. Ihr Lieblingswort: Sünde.

Säkulare Moralverfechter

Schon seit längerer Zeit nimmt die Sorge um moralische Korruption eine zunehmend säkulare Form an. Viele bekannte Lobbyisten haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Öffentlichkeit vor einer großen Zahl gefährlicher Ereignisse zu warnen. Auf einigen Gebieten – etwa dem Schutz von Kindern – haben sie mit Erfolg den Umgang der Generationen miteinander und die Art, wie Kinder ihr Leben gestalten, von Grund auf verändert. Sie verbreiten alarmierende Botschaften über das Ausmaß an Kindesmisshandlung, um Gelder locker zu machen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Im Gegensatz zu den religiösen Moralisten machen diese Lobbyisten Gebrauch von Umfragen und Forschungsergebnissen anstelle der Sprache des Guten und Bösen, und sie beanspruchen, dass ein bestimmtes Problem immer schlimmere Formen annehme und bald schon die Gesellschaft als Ganzes in den Griff bekomme, außer: „Wir tun etwas dagegen!“

Säkulare Moralisten nehmen ihre Anliegen mit der dogmatischen Sturheit religiöser Kreuzzügler in Angriff – mit dem Unterschied, dass ihr Kreuzzug zu keinem Ende führt. Lobbyisten für Kinder, Tiere oder Obdachlose können einfach nicht zugestehen, dass sich die Situation ihrer Schützlinge verbessert – im Gegenteil: Sie behaupten ohne Unterlass, dass die Probleme immer schlimmer werden, denn nur dies garantiert ihnen den Zugriff auf die öffentliche Meinung. Säkulare Moralisten sind ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, ihre Sache voranzutreiben, was Soziologen als „domain expansion“, Ausweitung des Einflussbereiches, bezeichnen – d.h., ein Thema von breiter Öffentlichkeitsakzeptanz wird neuen Bereichen übergestülpt.

So hat etwa die öffentliche Betroffenheit beim Thema Kindesmisshandlung die säkularen Moralisten ermutigt, den Begriff Misshandlung auch auf andere Bereiche auszuweiten: Man kämpft jetzt auch gegen die Misshandlung von älteren Menschen, von Tieren und unter Gleichgestellten. Man behauptet mittlerweile sogar, dass Menschen, die sehr grob gegen Tiere sind, mit großer Wahrscheinlichkeit auch gegenüber Familienmitgliedern ein sehr grobes Verhalten an den Tag legen. Säkulare Moralisten beflaggen häufig eine gewisse Bedrohung mit Metaphern der Unsichtbarkeit: Probleme sind versteckt, verborgen, noch nicht erkannt. Ihre Lieblingsphrase: „Die Spitze des Eisbergs.“

Modernes Expertentum

Experten spielen eine herausragende Rolle in der gegenwärtigen Kultur der Angst. Viele unserer Ängste werden durch ihre Erklärungen und Vorhersagen provoziert. Sie warnen vor einer möglichen verheerenden Auswirkung der globalen Erwärmung, bevorstehender Nahrungs- und Energieknappheit, vor dem Einschlag eines Asteroiden. Warnungen von Experten beginnen häufig mit Aussagen wie „Untersuchungen haben ergeben ...“ und enden mit der Forderung nach Geldmitteln, die man der Bewältigung dieser Bedrohung zuwenden muss, um irgendein schreckliches Szenario in der Zukunft zu verhindern. Warnungen von Experten nimmt man ernst, weil sie von der einflussreichsten Autorität des 21. Jahrhunderts untermauert werden: der Autorität der Wissenschaft.

Konsequenterweise suchen alle möglichen Angstmacher – ob religiös oder säkular – ständig die Unterstützung von Experten, um ihren Kampagnen moralische Autorität zu verleihen. In den letzten Jahrzehnten ist das Ansehen von Experten exponentiell gewachsen. Ihre Ansichten haben weit größeres Ansehen als die öffentliche Meinung. Ihre Meinung ist mehr als nur eine Meinung: Aussagen wie „Experten warnen ...“ verleihen einem Aktivisten Gewicht und Ansehen. Experten als Garanten sind in vielerlei Hinsicht die neuen Dämonologen: Eine große Zahl von Kindern wurde ihren Eltern weggenommen, nachdem Experten bezeugt hatten, dass sie physische Zeichen der Misshandlung an ihnen entdeckt hätten. Glücklicherweise wurden in einigen Fällen die Kinder ihren Eltern zurückgegeben, nachdem die Gerichte erkannten, dass die Meinung der Experten nichts anderes war als die Meinung eines weiteren Angstmachers. Und obwohl Experten sich oft widersprechen, findet es die Gesellschaft schwierig, ihre Äußerungen zu ignorieren. Die Lieblingsphrase der Experten: „Die Wissenschaft hat festgestellt ...“

Gesundheitsaktivisten

Gesundheitsaktivisten beanspruchen häufig Expertenstatus. Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Autorität erzeugen sie Beunruhigung über das physische und psychische Wohlbefinden der Öffentlichkeit. Sie bilden eine spezifische Gruppe der Angstindustrie, deren Interesse auf die Gesundheit der Menschen fokussiert ist. In den letzten Jahrzehnten haben sie ihre Angstmacherei mit der Forderung verbunden, die Menschen sollten eine „gesunde Lebensweise“ praktizieren. Gesundheitsaktivisten greifen selbst zu taktischen Mitteln der Angst – die sie „Furchtreize“ nennen –, um ihre Ziele durchzusetzen. Sie predigen, dass die Menschen immer ungesünder leben, und deswegen müssten wir umso wachsamer sein, um Krankheiten zu vermeiden. Gesundheitsaktivisten nehmen alle Bereiche unseres Lebens aufs Korn: unsere Nahrung, unser emotionales und sexuelles Leben, unsere Beziehungen – und zwar mithilfe von Schauergeschichten.

Wahrscheinlich haben Gesundheitsaktivisten den direktesten und unmittelbarsten Einfluss auf das Denken und Verhalten der Menschen. Und es ist ihnen außerordentlich gut gelungen, unser tägliches Leben „krankzureden“. Stück für Stück haben sie die Bedeutung des Begriffs „Gesundheit“ erweitert: Wir haben jetzt spezielle Kliniken für „Männergesundheit“ und „Frauengesundheit“. Dies unterstellt, dass Gesundsein nicht ein natürlicher oder normaler Zustand ist, sondern etwas, wofür die Menschen arbeiten müssen, etwas, das man nur mit der Hilfe von Gurus und Experten erreichen kann. Gesundheitsaktivisten beharren darauf, dass man bei Missachtung der von ihnen vorgeschriebenen Verhaltensmuster das Risiko einer Erkrankung erhöht. Ihre Lieblingsphrase: „Risiko für Ihre Gesundheit!“

Umweltaktivisten

Umweltschutz genießt heutzutage größten Respekt und höchste Autorität. Die Vorhersagen und Warnungen grüner Vereinigungen werden sehr ernst genommen. Umweltaktivisten kämpfen heute an der vordersten Front der Untergangspropheten. Sie beeinflussen und formen die Sprache der Angst im 21. Jahrhundert mehr als irgendeine andere Gruppe. Ihre Botschaft ist direkt und umwerfend einfach: Wenn wir unsere Lebensweise nicht ändern, wird der Planet zugrunde gerichtet. Umweltaktivisten haben eine apokalyptische Zukunftsvision, die noch alarmierender ist als die der religiösen Moralisten. Anders als beim religiösen Modell des „Jüngsten Gerichts“, wo wenigstens einige gerettet werden, bieten die Umweltaktivisten eine Apokalypse ohne die Möglichkeit der Errettung.

Ihre pessimistischen Visionen üben einen fundamentalen Einfluss auf die westliche Kultur und unser derzeitiges Verhalten aus. Umweltschutz liefert ein Motiv für jedwede moralische Regulierung. Er ähnelt der Religion nicht nur darin, dass ihre Vertreter die Apokalypse herbeireden – er teilt auch die Intoleranz der Religion für Abweichler. Wer auch immer die Lehrsätze der Umweltaktivisten zurückweist, wird als „Leugner des Klimawandels“ oder dergleichen diffamiert, angeblich angetrieben von einer bösartigen verborgenen Agenda. Wer immer behauptet, sein Verhalten nicht ändern zu müssen, und sich weigert, „grün“ oder „nachhaltig ökologisch“ zu handeln, wird als gierig und verantwortungslos gebrandmarkt.

Umweltaktivisten leisten einen wesentlichen Beitrag zur allgemein verbreiteten Sprache der Angstmacherei. Sie haben jedoch nicht nur ein oder zwei Lieblingsphrasen, um in der Öffentlichkeit Angst zu schüren. Sie haben ein virtuelles Wörterbuch der Panikmache: „Auslöschung“, „ökologische Katastrophe“, „Umweltzerstörung“ und „Ressourcenverschwendung“ sind nur einige der Begriffe, mit denen mittlerweile jedes Vorschulkind vertraut ist. Man kann sie gar nicht alle aufzählen. Um all das zu bezeichnen, was man nicht mag, wird besonders gerne benutzt: „giftig!“

Beziehungsexperten

Die Arena der menschlichen Beziehungen ist ein weiterer wichtiger Ort, an dem man Furcht und Angst befördert. Unser Beziehungsgeflecht hat man in ein Gelände verwandelt, auf dem eine Vielzahl von Gefahren lauert und eine beachtliche Armee von professionellen Beziehungsexperten. Therapeuten, Berater, Lebenstrainer und Erziehungsgurus warnen uns vor den Gefahren, die im Privatleben auf uns lauern. Es ist verblüffend, dass im 21. Jahrhundert viele der gefürchtetsten Verbrechen mit zwischenmenschlichen Beziehungen in Verbindung gebracht werden: Vergewaltigung, auch während einer nur flüchtigen Verabredung, Kindesmisshandlung, Misshandlung von älteren Menschen, Mobbing und Stalking. Diese Verbrechen mahnen uns, achtsam gegenüber unseren Allernächsten zu sein.

Anders als religiösen Moralisten bieten die Umweltaktivisten eine Apokalypse ohne die Möglichkeit der Errettung.

Die Privatsphäre wurde einst als ein Zufluchtsort in einer herzlosen Welt betrachtet. Gegenwärtig werden Intimität und Familienleben jedoch oft als Räume von Gewalt und emotionalen Traumata dargestellt. Warnungen vor „vergifteten Beziehungen“ und „vergifteten Familien“ verbreiten ein Gefühl von Angst, das ebenso intensiv ist wie die Angst vor dem Terrorismus oder der Zerstörung unseres Planeten. Die Folge ist eine wachsende Distanz zwischen uns und unseren Mitmenschen. Warnungen vor Beziehungen haben einen vernichtenden Einfluss auf unsere persönliche Lebensqualität.

Beziehungsexperten erinnern uns ständig daran, weder uns noch unseren Allernächsten zu trauen. Sie haben sogar den Versuch unternommen, das Verlangen nach Zuneigung und Liebe mit dem Begriff „liebeskrank“ in eine Form von Sucht umzumünzen und davor zu warnen, dass eine allzu intensive Liebe dem Wohlergehen des Menschen schaden kann. Buchtitel wie Women Who Love Too Much (Wenn Frauen zu sehr lieben) wollen die Menschen einander entfremden. Die Vorstellung dahinter legt nahe, dass Beziehungen viel zu gefährlich sind, als dass man sie Amateuren überlassen könnte – sie müssen mithilfe von Experten gesteuert werden. Ihre Lieblings-Diagnose: „Sie haben Probleme mit Ihrer Selbstachtung!“

Law-and-Order-Anhänger

Ängste vor Verbrechen und Terrorismus sind in westlichen Gesellschaften weit verbreitet. Alarmierende Warnungen finden sich regelmäßig in den Medien und in Äußerungen angesehener Autoritäten. Etliche Interessengruppen schüren die Angst, dass Recht und Ordnung bedroht seien. Ständig beschwören sie Gefahren wie illegale Einwanderung, Pädophilie, Vergewaltigung oder kriminellen Schusswaffengebrauch. Aus historischer Sicht waren Regierungen und deren Beamte stets an vorderster Front der Panikmacher. Viele Regierungen suchten die Zustimmung der Öffentlichkeit, indem sie angeblich Sicherheit vor den unterschiedlichsten Bedrohungen garantierten, und praktizierten so eine „Politik der Angst“. Jetzt aber ist das Hervorrufen von Ängsten in den Bereichen Recht und Ordnung nicht mehr länger auf Politiker beschränkt. Es gibt eine Reihe von Aktivistengruppen, die Alarm schlagen bei den Themen Gewalt an Schulen, krimineller Schusswaffengebrauch, Terrorismus, Einwanderung oder Homophobie. Panikmacher, die Recht und Ordnung gefährdet sehen, stehen im ständigen Wettbewerb, indem sie versuchen, andere Panikmacher mit ihrem jeweiligen Bedrohungsszenario zu übertreffen, um öffentliche Unterstützung zu erhalten.

Sie suchen stets nach neuen Gefahrenfeldern und gehen sogar so weit, neue Verbrechen zu erfinden. So haben sie etwa systematisch Verbrechen aus der realen Welt in virtuelle Verbrechen umgewandelt: das Konstrukt „Cyber-Verbrechen“ – wie etwa Internet-Mobbing, Internet-Pädophilie, Identitätsberaubung, Betrug und ganz generell Misshandlung via Internet – beweist den Erfolg dieser Gruppe bei der Kriminalisierung der virtuellen wie auch der realen Welt. Ihr Lieblings-Refrain: „Es gibt eine Epidemie von Verbrechen!“

Mitspieler auf dem Jahrmarkt der Angst

All diese Initiativen nutzen die vorherrschende Kultur der Angst, um ihr eigene Geschäftemacherei zu fördern und ihre Produkte zu verkaufen. Sie warnen davor, dass unsere Gesundheit, unsere Sicherheit und unser Wohlergehen allen möglichen Bedrohungen ausgesetzt sind. Die Gesundheitsindustrie wie auch die pharmazeutische Industrie – einer der profitabelsten Wirtschaftszweige – werden durch das gegenwärtige Dauergeschrei der Panikmacher bestens bedient.

Ernährungsängste haben unser Essverhalten entscheidend beeinflusst. Kader von Beratern und Experten in Sachen „grüner Moral“ erzählen uns, dass wir alle dem Untergang geweiht seien, sollte die gesamte Wirtschaft nicht an grünen Themen ausgerichtet werden. Eine der Konsequenzen des florierenden Angstmarktes ist ein zunehmender Wettbewerb um die Vormachtstellung bestimmter Ängste. Solche Angstspieler sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht, marginale Probleme in Bedrohungen umzuwandeln, für die sie eine Therapie oder ein Produkt anbieten können. So können sie etwa ein normales Problem wie Schüchternheit zur Krankheit stilisieren, die sie als „soziale Phobie“ etikettieren, vor deren gefährlichen Konsequenzen sie warnen und gegen die sie dann eine Arznei anbieten, die Erfolg garantiert. Besorgte Eltern sind die beliebteste Zielgruppe der Panikakteure: Sie warnen Eltern häufig, dass sie, falls sie keines ihrer Produkte kaufen, einen Teil der Verantwortung für den ihren Kindern zugefügten Schaden tragen müssen. Ihre Lieblingsbehauptung: „Ihre Sicherheit ist unser zentrales Anliegen!“

Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass sich die Aktivitäten und Interessen dieser Gruppen oft überschneiden, obwohl sie konzeptuell verschieden sein mögen. Gesundheitsaktivisten verbinden sich zuweilen mit Angstindustriellen, die ihre Produkte auf den Markt werfen; religiös motivierte Moralapostel verbünden sich sowohl mit Umweltaktivisten als auch mit Therapeuten, die als „Beziehungsexperten“ auftreten. Trotz ihrer unterschiedlichen Interessen begünstigen die Aktivitäten dieser verschiedenen Gruppen allgemeine Panikmache, weil sie alle zu einem Klima beitragen, in dem die Förderung von Furcht und Angst legitim erscheint. Wie die Angstinszenierung um das gegenwärtige Drama der „Schweinegrippe-Epidemie“ zeigt, suchen alle diese Gruppen im gegenseitigen Wettstreit nach einer tragenden Rolle in der jetzigen Inszenierung des Weltuntergangs.

Aus dem Englischen übersetzt von Josef Hueber.

Frank Furedi ist Professor für Soziologie an der Universität von Kent und
Mitbegründer des Manifesto Club (manifestoclub.com). In zahlreichen
Büchern hat er in den letzten Jahren die Kultur sowie die Politik der
Angst analysiert. Zuletzt erschien von ihm das Buch Invitation to Terror.
The Expanding Empire of the Unknown (Continuum 2007, 204 S., EUR 13,99).

In Novo100 /101 (5 – 8 2009) wehrte er sich in seinem Artikel „Nieder mit
dem ‚Super-Nanny-Staat‘!“gegen die Entmündigung von Eltern.

Permanenter Link |

Frank Furedi liefert eine umfassende Problembeschreibung der Angsterzeugung, sodass einem angst und bange werden könnte, wüsste man nicht, dass es neben all dem beklagten „Expertentum“ doch noch eine seriöse Wissenschaft gibt. Sie allerdings steht nicht im Rampenlicht, denn die Drahtzieher der Angst, ihre inzwischen überzeugten, sogar selbstlosen Gefolgscharen, „nützliche Idioten“, beherrschen die Medien und diese wiederum die öffentliche Meinung und Befindlichkeit.
Erst wenn man das erkannt hat, kann man sich aus dem Angst-Kausal-Zirkel befreien, in einem Prozess allerdings, der dem der Loslösung von Religion ähnelt: Man wird seiner Umgebung suspekt, aber dennoch selbstsicher und gelassen – und vielleicht auch aktiv im Sinne einer humanistischen Aufklärung!
Ich werde in dem Bemühen nicht müde, auf mein blog und mein „Kosmonomisches Manifest“ zu verweisen.
http://www.raymond-walden.blogspot.com

Raymond Walden
23.10.2009  10:37

Ich höre immer in Diskussionen, dass die Bereitschaft, sich vor allem und jeden und vor allen Dingen vor abstrakten und abstrusen Szenarien zu fürchten, deswegen so groß geworden sei, weil gerade die reichen Gesellschaften eigentlich nahezu jede unmittelbare Gefahr gebannt hätten. Diese Zusammenhang möchte ich so jedoch nicht stehen lassen: Wohlstand fördert mitnichten zwingend den Hang zu Paranoia und Hypochondrie. Meines Erachtens ist nicht der Wohlstand einer Gesellschaft, sondern vielmehr ihre Stagnation und das Fehlen von optimistisch stimmenden Zukunftsperspektiven, die auch einen gesellschaftlichen Zusammenhalt bilden könnten, dafür verantwortlich, dass Menschen anfälliger werden für Angstdiskurse. Existieren solche Perspektiven, kann sich das Individuum leichter aus diesen Angst-Zirkeln befreien. Der Vergleich von Herrn Walden mit der Loslöung von Religionen ist interessant. In der Kultur der Angst ist das religionsähnliche Beschwören von Ängsten, man könnte auch sagen, die “Religion der Angst” mehr als nur “Opium für das Volk”: Sie betäubt nicht nur, sondern sie schafft auch erst die Phantomschmerzen, die man dann meint, betäuben zu müssen.

Matthias Heitmann
23.10.2009  14:26

Eine Frage, die sich mir stellt, ist: Wirkt die Angstmacherei eigentlich? Die Schweinegrippe nimmt doch wirklich niemand als Bedrohung war, oder? In meinem Freundeskreis z.B. wird der Kopf darüber geschüttelt, dass daraus so ein großes Problem gemacht wird. Wie ist das mit dem Terrorismus, den Frank Furedi ebenfalls als Beispiel anführt? Ich kann von mir nicht behaupten, dass ich jemals so etwas wie “Angst” davor gehabt hätte. Die eigentliche Frage ist also… können wir tatsächlich von einer KULTUR der Angst reden? Möglich ist das nur, wenn sie sich de facto in Normen, Richtlinien, informellen Verhaltensstandards usw. konkretisiert hat - also im Alltagsleben, und nicht nur, weil Politiker x (oder Experte y) warnend den Zeigerfinger hebt.

Stefan Chatrath
23.10.2009  16:28

Wie bei jedem guten Krimi, koennte man die letzten Seiten zuletzt lesen, um die Antwort auf die Frage nach dem Motiv zu erhalten: “Wer verdient daran?”
Der Geldfluss ist jedoch in den 500 Seiten vor dem Ende erklaert und so bleibt die Abkuerzung eine gedankliche Sackgasse: “Mich kostet es so wenig oder auch gar nichts, warum dann ein Risiko eingehen.”

Zu gern waere ein Hobby Autor wie ich dazu in der Lage diese 500 Seiten, mit zum Teil abstrusen Nebenstraengen, auf eine Bildzeitungschlagzeile zusammen zu fassen.

Ich bin bisher nur zu diesem mageren Teilergebniss gekommen:
“IMPFT UNS MIT VERSTAND”
Aber sowas kauft ja kein Schwein.

Mit vernetzten Gruessen,
yours truly

Rene M. Grabow
23.10.2009  17:03

Ich muss sagen, ich finde den Artikel leider extrem dürftig. Was Furedi zum Thema Schweingrippe vorbringt, mag ja noch angehen – auch wenn er letztlich nichts Neues zutage fördert. Aber was danach kommt, ist einfach enttäuschend. Nichts als inhaltsfreie Phrasendrescherei und seichte Gemeinplätze – und das, obwohl man aus dem Thema wirklich etwas hätte machen können. Als renommierter Soziologie-Professor allemal. Im Kern trifft er eine Sache, von der man sich doch eigentlich wünschte, sie würde einmal etwas tiefer ausgeleuchtet. Jedoch lediglich festzustellen, dass beispielsweise die Pharmaindustrie vielleicht gezielt Gesundheitsängste schürt und Pathologisierungsmarketing betreibt – soviel Investigativität bringt jeder Sonntagsstammtisch auf. Solche Praktiken anhand von gut recherchierten Fakten nachzuweisen, das wäre die Aufgabe eines “Experten” – und dann auch die geeignete Grundlage für eine ernstzunehmende Debatte. Fakten sucht man im weiteren Verlauf des Artikels aber vergeblich. Stattdessen galoppiert F. planlos über die wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen hinweg und verteilt recht beliebig und ohne eine einzige Argumentation seinen Angstindustrie-Stempel. 

Dazu kommen Plattheiten wie diese:“Geschichtlich gesehen hat die Religion immer wieder vor den Gefahren moralischer Übertretung gewarnt.” Ach so?! Das sind natürlich Weisheiten, die mich als Leser echt fesseln. Und dann konstatiert F. ganz nebenbei, dass “der Einfluss der Religion in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist”. Ich weiß nicht, in welcher Gesellschaft Herr F. lebt, aber in der Gesellschaft wie ich sie erlebe ist der Einfluss der Religion gerade in den vergangenen Jahren alles andere als zurückgegangen. Aber vielleicht sollte man sich hier nicht mit solchen Feinheiten aufhalten. Es stellen sich nämlich viel grundlegendere Fragen: Wo ist sie denn, die allgemeine “Kultur der Angst”, von der er spricht? Worin manifestiert sie sich? Und wer genau sind die Protagonisten und die Nutznießer dieser Inszenierung? Liest man F. wörtlich, so sind es beispielsweise alle Menschen, denen wir ein gewisses Maß an Fachwissen in einem bestimmten Gebiet zuschreiben würden – die Experten allesamt. Wie abstrus ist denn das? Damit zieht F. sich selbst den Boden unter den Füßen weg und scheint es nicht mal zu merken. Denn auf Basis welcher Autorität will er uns denn aufklären, wenn nicht auf der des Soziologie-“Experten”? Oder meint er, wenn er “Experten” schreibt, nur die, die nicht seine Meinung vertreten?

An manchen Stellen bin ich mir nicht sicher, ob hier nicht vielleicht nur schlampig übersetzt wurde. Was soll denn “Misshandlung via Internet” sein? Und “Identitätsberaubung”? Meint der Autor bzw. sein Übersetzer hier vielleicht Identitätsdiebstahl? Das wäre nämlich der allgemein übliche Begriff für dieses Phänomen. (Im Übrigen fände ich es nicht schlecht, wenn man englische Artikel in der Novo zumindest online auch im Original lesen könnte.)

Über diesen Artikel habe ich mich jedenfalls bereits beim Lesen der Printausgabe geärgert. Da dachte ich noch: Na gut, wenn ein Magazin nicht gerade im Geld schwimmt und trotzdem die Möglichkeit hat, sich mit dem Namen Furedi zu schmücken, drückt man mal ein Auge zu. Das dieser Erguss jetzt hier aber noch mal aufgetischt wird, finde ich enttäuschend. Hier wurde ein brandheißes Thema in einer lauen, substanzlosen Pop-Meinungsmachersoße versenkt. Schade!

Michael Neser
23.10.2009  18:09

@Stefan Chatrath: Frag ich mich manchmal auch, ob diese Angstmache wirkt…Kennzeichnend für mich ist heute eher eine gewisse Gleichgültigkeit in der Gesellschaft und das teils komisch wirkende Bemühen besonders der Medien, mittels Skandal- und Angstkampagnen irgendetwas zu reißen. Jüngstes Beispiel ist die unterirdische FAZ-Kampagne über Jugendgewalt in U-Bahnen. Da wird allen Ernstes behauptet, dass Gewaltexzesse in U-Bahnen und S-Bahnen “alltägliche Realität” seien. Ich persönlich dagegen fahre seit vielen vielen Jahren sehr sehr oft U- und S-Bahn und mir ist noch NIE ein offener Gewaltausbruch vor Augen gekommen. Ich kann mir aber vorstellen, dass solche Kampagnen bei Omas und bei solchen Leuten obere Mittelschicht aufwärts verfängt, die möglicherweise kaum öffentliche Verkehrsmittel benutzen.

Kai Rogusch
23.10.2009  18:14

Was ist mit Kultur der Angst gemeint, wenn tatsächlich, zumindest im Moment, wie Stefan anmerkt, kaum einer Angst vor der Schweinegrippe hat?
Ich glaube, dass diese Kultur vor allem darin besteht, dass sich gesellschaftliche Debatten in hohem Maße um Bedrohungen drehen. Auch wenn sich diese schnell wieder als harmlos erweisen und viele Menschen weit davon entfernt sind, das Haus vor Angst nicht mehr zu verlassen, ist diese Kultur durchaus zum Problem geworden. Wer über die Schweinegrippe lacht, hält dafür oft Jugendgewalt, Terror, Klimaerwärmung oder Atomkraft für eine reale und kaum zu kontrollierende Bedrohung für die Gesellschaft (wenn auch nicht unmittelbar für sich selbst).
Diese Kultur der Angst prägt unseren Alltag. Unzählige Menschen vom Sozialarbeiter über den Marketingfachmann bis zum Klimaforscher arbeiten in erheblichem Maße unter der Prämisse der einen oder anderen Bedrohung. 
So ist unsere Gesellschaft schon sehr stark von Bedrohungsabwehr geprägt. Ein Gegenentwurf wäre eine Kultur des Fortschritts.  Wer glaubt, dass es keine Kultur der Angst gibt, sollte einmal Deutschland mit China vergleichen.

Thilo Spahl
25.10.2009  16:50

In Ergänzung zu Thilo: Es mag sein, dass Menschen auch weiterhin durchaus selbstbewusst und nicht ängstlich durchs Leben gehen. Dennoch hat sich das Denken der Menschen in den letzten Jahren stark verändert: persönliche Sicherheit, ein möglichst unbehelligtes Leben und die Hoffnung darauf, dass sich möglichst wenig verändern möge, sind heute zentrale Kategorien. Was daraus folgt, ist eine Verkleinerung des Lebensradius.
Viele versuchen, sich nach außen hin abzuschotten und flüchten ins Private. Das mag zuweilen dazu führen, dass konkrete aktuelle Paniken an ihnen vorbeigehen, mit einer Unwirksamkeit der Kultur der Angst sollte dies jedoch nicht verwechselt werden. Ein Blick in die USA und nach Großbritannien zeigt, wie die Kultur der Angst sich ausprägt. In Deutschland hat sie eine betont grüne Note: die Sorgen um gesunde Lebensmittel, die Ängste vor modernen Technologien und die generelle Skepsis gegenüber Veränderungen sind hierzulande stilbildend.

Matthias Heitmann
25.10.2009  17:03

@ Matthias Heitmann: Lässt sich die Behauptung, dass die Menschen sich aufgrund irgendwelcher Ängste oder veränderter Denkweisen in den letzten Jahren verstärkt ins Private zurückziehen und ihren Lebensradius verkleinern, irgendwie messen? Das deckt sich nämlich so gar nicht mit meinem Eindruck. Ist es nicht eher so, dass sie unter anderem aus ganz handfesten ökonomischen Gründen und wegen des wachsenden medialen Angebots (z.B. Internet) ihren Lebensradius verlagern? Und waren die Kategorien “persönliche Sicherheit, ein möglichst unbehelligtes Leben und die Hoffnung, dass sich möglichst wenig verändern möge” für die meisten Menschen in unserer Gesellschaft vor 50 oder vor 100 Jahren weniger zentral?

Was die “grüne Note” bezüglich der “Sorgen um gesunde Lebensmittel” angeht, so finde ich es schwer nachvollziehbar, hier von “Angst” zu sprechen. Ich habe gerade keine aktuellen Zahlen zur Hand, aber 2007 hatten Biolebensmittel meines Wissens einen Marktanteil von lächerlichen 3%, wobei stark davon auszugehen ist, dass diese in erster Linie aus Gründen der besseren, gesünderen Ernährung gekauft werden und weniger aus vermeintlichem Umweltbewusstsein. Selbst wenn man der Biosparte enorme Zuwächse unterstellen darf, wird sich der Marktanteil wahrscheinlich noch immer im einstelligen Bereich bewegen. Die “Ängste” scheinen sich hier also doch sehr im Rahmen zu halten. Zudem vermute ich, dass viele Käufer von Biolebensmitteln nicht durch Angst motiviert zu den teureren Demeter-Kartoffeln greifen, sondern durch die Erfahrung motiviert, dass diese besser schmecken als die Produkte, der vermeintlich fortschrittlichen Agrarindustrie – Öko-Esoterik hin, Öko-Esoterik her. Die modernen Agrartechnologien sind hier für mich ein Paradebeispiel: Sie wurden doch zunächst sehr bereitwillig angenommen und haben lediglich die Erträge völlig unnötig gesteigert bei gleichzeitigem Verlust der Qualität. Hier ist also weniger die Angst vor “modernen Technologien” vorherrschend als vielmehr die Ernüchterung über ihre offensichtliche Begrenztheit.

@ Thilo Spahl: Ich habe zumindest große Zweifel an dem Bild, das hier von der “Angstkultur” gezeichnet wird. In diesem Zusammenhang wüsste ich gerne, was Sie sich von dem Vergleich zwischen Deutschland und China versprechen und wie der aussehen soll.

Michael Neser
26.10.2009  13:20

Es ist vielleicht auch ein Fehler, sich am Begriff der Angst “aufzuhängen”... grundsätzlich würde ich nämlich Furedi rechtgeben. Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr stark geprägt ist von einer diffusen Skepsis gegenüber allem, was “Menschengemacht” ist.

@ Hr. Neser: Was die Abkehr vom Öffentlichen angeht, die ist empirisch mittlerweile schon ganz gut dokumentiert worden - für die USA z.B. durch R. Putnam in seinem Buch “Bowling alone”, das 2000 erschienen ist und schon jetzt zu den Klassikern der Soziologie gehört. Empfehlen für Deutschland würde ich Ihnen z.B. die Shell Jugendstudie. Sie bezieht sich zwar “nur” auf Jugendliche (14-26 Jährige), ist aber auch ganz erhellend, gerade, da sie über viele Jahre hinweg immer wieder durchgeführt wurde, und so zum Vergleich einlädt (z.B. zu politschem Engagement, Bedeutung der Kirche für das Alltagsleben usw.).

Stefan Chatrath
26.10.2009  19:50

Wie so oft, sollte auch hier die Frage „cui bono?“ gestellt werden.

Angst ist eine der zentralen, angeborenen Empfindungen des Menschen, die aus dem Selbsterhaltungstrieb resultiert.

Wenn ich es richtig sehe, wurde Angst daher immer als Instrument zur Gewinnung, Ausübung und Erhalt von Macht eingesetzt.

Worin unterscheidet sich die Angst vor Fege- oder Höllenfeuer von der Angst z.B. vor der Klimakatastrophe? Beide „Bedrohungen“ liegen in ferner Zukunft, werden durch übles Handeln ausgelöst und können durch Ablasszahlungen verringert werden. Beide befördern aber vor allem auch die Macht – korrekt muss es heute wohl Einfluss heißen – derjenigen, die die Angst schüren.

Ob wir in einer besonderen Kultur der Angst leben, mag angesichts der über Zeit und Raum verteilten massiv und unmittelbar eingesetzten Instrumente zur Angsterzeugen – nur einige Beispiele: Menschenopfer, Inquisition, KZ, Gulag – durchaus bezweifelt werden.

Unsere hochvernetzte, hochkomplexe Welt zeichnet sich aber durch ein ebenso hochkomplexes und vielseitiges Angstgeflecht aus, das Furedi nur andeutungsweise beschreibt.

Wer heute Macht / Einfluss haben will, muss entweder ein besonders gewichtiges, (quasi-)religiöses Angstthema besetzen – wie vor allem die Klimaschützer – oder virtuos auf der Angstklaviatur verschiedene Angstreize setzen.

Schließlich sind auch in diesem Zusammenhang die (Massen-)Medien zu nennen: „Bad news are good news“ – und schlechte Nachrichten haben meistens etwas mit der zutiefst menschlichen Angst zu tun.

So kommt es schon fast zu einer „Demokratie der Angst“. Der Angstmacherei vor der Schweinegrippe folgt die Angstmacherei vor der Impfung. Der Angst vor genoptimiertem Getreide wird die Angst vor durch Vogelkeime verunreinigten Freilandeiern entgegengestellt.

Die aufgeklärten Zeiten, in denen Ratio und Visionen zumindest neben Angstmechanismen, die wohl als „Steuerungsinstrument“ als unersetzlich angesehen werden, getreten waren, könnten zu Ende gehen. Aber es lohnt sich, gegen Einfluss durch Angst anzugehen. Aus Einfluss wird Macht wird Allmacht, sprich Diktatur. Und die nützt definitiv nur wenigen.

Ludwig Maiworm
27.10.2009  21:45

@ Herr Neser (23.10.)  : Zum Thema ” schlampige Übersetzung”. Was “via Internet” heißt, lässt sich leicht erahnen, oder falls einem dieser Terminus noch nicht begegnet ist, nachschlagen. Wendungen wie ’ fernsehen via Internet’ u.ä. sind völlig gebräuchlich. Und was ” Identitätsberaubung” heißt, lässt sich mit ein wenig Gespür für Synonyma erahnen: Beraubung ist ein Synonym für ” Diebstahl”. Ob hier nun exakt das Soziologen-Gobbledegook einzuhalten ist, um den Sachverhalt zu verstehen? - Ach ja, und dann sieht Herr Neser noch einen steigenden Einfluss der Religion in unserer Gesellschaft. Da sollte er doch mal einen Artikel in ” der (?) Novo” (23.10.) bzw. in ( dem Magazin) Novo schreiben.

Josef Hueber
04.11.2009  18:47

Neben den im Text und in vielen Kommentaren umfangreich beschrieben vielfältigen Bedrohungsdiskursen, die den Zeitgeist unserer Gesellschaft (maßgeblich auch durch Medien vermittelt!) bestimmen – sei es nun die Schweinegrippe, der Terrorismus, moderne Technologien, menschliche Beziehungen, Ernährung, Klimawandel etc. − und somit tatsächlich in ihrer Gesamtheit ein die Politik lähmendes gesellschaftliches Hintergrundrauschen potenzieller Gefährdung erzeugen, finde ich vor allem auch einen von Furedi an anderer Stelle beschriebenen Aspekt der „Kultur der Angst“ bemerkenswert, der sich direkt im einzelnen Individuum ausdrückt: Die gesellschaftliche Umkodierung des subjektiv erlebten Gefühls der Angst in etwas vom Individuum ausschließlich als negativ zu bewertendes, letztlich zu fürchtendes, die vor dem Hintergrund vielfältigster Bedrohungsszenarien bei nicht wenigen Menschen dann zu einem spürbaren Zustand der permanenten (Fehl-)Alarmbereitschaft führen. Historisch lassen sich durchaus auch Belege dafür finden, dass der Begriff Angst, anders als heute, auch mit positiven Konnotationen (z.B. der Begriff der Ehrfurcht etc.) belegt war. Evolutionsgeschichtlich wird das menschliche Grundgefühl der Angst auch als ein die Sinne schärfender Schutzmechanismus des Organismus betrachtet, der diesen durch unlustbetonte Erregung zu situationsangemessenem Verhalten in realen Gefährdungssituationen anleiten soll. Jeder Mensch, der solche reale Gefahrensituationen schon einmal erlebt hat (ich gehe einfach mal davon aus; so gut wie jeder), wird sich an den beschriebenen positiven Effekt dieses Gefühls auf Geistesgegenwart und Körperbeherrschung erinnern können. Als soziales Wesen ist der Mensch allerdings auch offen für gesellschaftliche Einflüsse – internalisiert und adaptiert diese − und ist somit selbstverständlich auch offen für Manipulation und Deformation des eigentlich nützlichen Gefühls der Angst durch die vielfältigen Profiteure der Angst vor der Angst. Die verstandesmäßige Analyse und Kritik einer „Kultur der Angst“ ist in diesem Kontext auch eine Form von Selbstverteidigung durch das bedrängte Subjekt vor seinen Bedrängern. Ohne behaupten zu wollen, dass sich jeder Aspekt der von Furedi beschriebenen „Kultur der Angst“ sich tatsächlich auch in einem subjektiv empfundenen Angstgefühl äußert, kann die Auseinandersetzung mit diesem Konzept dennoch auch dabei helfen, sich zum einen selbst von irrationalen Ängsten vor gesellschaftlich gemachter Angst zu befreien, aber auch die im Alltag immer wieder zu beobachtenden irrationalen Ängste seiner Mitmenschen besser zu verstehen und diesen entgegenzuwirken. Eine „Kultur der Angst“ kann eben nicht nur auf der Ebene politischer Bedrohungsdiskurse beschrieben werden, sondern sie äußert sich vor allem auch im zwischenmenschlichen Zusammenleben, wo man ihr tagtäglich begegnen kann.

Johannes Richardt
05.11.2009  21:46

Persönliche Daten speichern?

Über neue Kommentare per E-Mail informieren?