13.10.2019

Weniger Acker, mehr Natur

Von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: Kasia Koziatek via Freestock / CC0

Pestizide, Insektizide, Herbizide und GVO-Pflanzen tragen mehr zum Naturschutz bei als der Verzicht darauf.

Die meisten Leute kaufen Bio-Produkte, weil sie glauben, das Zeug sei gesünder. Stimmt auch nicht, ist aber heute nicht mein Thema. Eine zweite Motivation, die in letzter Zeit an Bedeutung gewonnen zu haben scheint, ist die Rettung des Planeten und der Menschheit durch umwelt- und damit irgendwie auch klimafreundliches Verhalten. Der durchschnittlich XR-Rebell oder Parent for Future oder Volksbegehren-zur-Bienenrettung-Unterstützer steht daher natürlich auf Bio.

Aber das Futtern von Bio-Produkten schadet der Natur eher als dass es nutzt. Anhand von Daten zum Lebensmittelverbrauch aus der Nationalen Ernährungsumfrage II sowie von CO2-Fußabdrücken und Landnutzungsdaten aus Ökobilanzstudien für konventionelle und biologische Lebensmittel haben deutsche und schwedische Forscher die CO2-Fußabdrücke und die Landnutzung konventioneller und ökologischer Ernährung in Deutschland berechnet. Konventionelle Diäten wurden dabei definiert als die durchschnittliche Ernährung der Verbraucher, die keine ökologischen Lebensmittel kaufen; Bio-Diäten als die durchschnittliche Ernährung der Verbraucher, deren Lebensmittelkäufe zum großen Teil aus Bio-Produkten bestehen.

Die Ergebnisse: Die CO2-Fußabdrücke der durchschnittlichen konventionellen und Bio-Ernährung sind im Wesentlichen gleich (ca. 1250 CO2-Äquivalente pro Kopf und Jahr). Und das obwohl die durchschnittliche konventionelle Ernährung 45 Prozent mehr Fleisch als die durchschnittliche Bio-Ernährung enthält, dafür aber deutlich weniger Obst und Gemüse. Gravierende Unterschiede zeigen sich jedoch bei der Landnutzung. Die Bio-Esser brauchen 40 Prozent mehr landwirtschaftliche Fläche. Normale Esser ohne moralisches Sendungsbewusstsein benötigen pro Kopf etwa 1900 Quadratmeter Land, die Bio-Esser dagegen 2750. Da aber der entscheidende Faktor für den Rückgang der Biodiversität der Habitatverlust durch agrarische Landnutzung (egal ob bio oder konventionell) ist, ist der Bio-Esser sozusagen der natürliche Feind von Flora und Fauna.

„Da der entscheidende Faktor für den Rückgang der Biodiversität der Habitatverlust ist, ist der Bio-Esser der natürliche Feind von Flora und Fauna.“

Würde man übrigens die CO2-Emissionen durch Landumwandlung zur Gewinnung neuer Agrarflächen mitrechnen, dann würde auch beim CO2-Fußabdruck Bio deutlich schlechter abschneiden als konventionell. Denn für Bio muss man 40 Prozent mehr Fläche roden. Und umgekehrt gewinnt man bei der Umstellung von jedem Hektar Ökoacker in konventionellen Acker rein rechnerisch 0,4 Hektar unbewirtschaftete Fläche, auf der über kurz oder lang ein Wald zu wachsen beginnt. Und bei der weiteren Ertragssteigerung auf dem Acker dank Agrochemie oder Gentechnik sinkt der Flächenbedarf weiter und der Raum für die Natur nimmt weiter zu.

Abb. 1: Ernährung und CO2-Fußabdruck bzw. Landnutzung in Deutschland (Quelle)

Intensivierung ist Trumpf

Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass der beste Weg, den steigenden Nahrungsmittelbedarf bei gleichzeitigem Erhalt der Biodiversität zu decken, darin besteht, so viel Nahrung wie möglich aus dem Land zu holen, das wir bewirtschaften, damit mehr natürliche Lebensräume „vom Pflug verschont" werden können.   

Eine 2018 in der Zeitschrift Nature Sustainability veröffentlichte große Studie („The environmental costs and benefits of high-yield farming“) unter Beteiligung von Forschern aus 17 wissenschaftlichen Einrichtungen, u.a. aus Großbritannien, Polen, Brasilien, Australien, Mexiko und Kolumbien, analysierte Informationen aus Hunderten von Untersuchungen für vier Nahrungsmittel, die einen Großteil der globalen Produktion ausmachen: asiatischer Reis, europäischer Weizen, lateinamerikanisches Rindfleisch und europäische Milchprodukte.

Hier ging es nicht nur um Treibhausgasemissionen und Flächenverbrauch, sondern auch um weitere wichtige Faktoren wie Wassernutzung, Einsatz von Stickstoff und Phosphor sowie Bodenverluste.  Verglichen wurden nicht Bio und konventionell, sondern generell Systeme mit hohem und geringem Ertrag pro Fläche.

Und es zeigte sich, dass intensivere Landwirtschaft mit weniger Flächenverbrauch (bei uns spricht man auch gerne von „industrieller Landwirtschaft") entgegen der Wahrnehmung vieler Menschen weniger Schadstoffeinträge und weniger Bodenverlust verursacht und auch weniger Wasser benötigen kann als Niedrigertragssysteme.         

„Die Landwirtschaft ist die bedeutendste Ursache für den Verlust der biologischen Vielfalt auf dem Planeten", sagte Studienleiter Andrew Balmford, Professor für Naturschutz am Zoologischen Institut der Universität Cambridge. „Lebensräume werden weiterhin gerodet, um Platz für Ackerland zu schaffen, wodurch immer weniger Platz für Wildtiere bleibt."

Methodenvielfalt statt Methodenbegrenzung

Mit welchen Methoden die Intensivierung erfolgt, ist von untergeordneter Bedeutung. Das Ziel ist die Effizienzsteigerung  ̶  sei es mit Dünger, Pflanzenschutz, Bewässerung, gentechnisch verbesserten Sorten, Mechanisierung, optimierter Fruchtfolge, verbesserten Weidesystemen, gut angepassten Tierrassen oder was auch immer. Es können auch einmal schattenspendende Bäume sein. Die Forscher ermittelten, dass die Treibhausgasemissionen pro Tonne Rindfleisch in einigen Systemen durch das Hinzufügen von Bäumen, die Schatten und Futter für Rinder liefern und damit die Erträge erhöhten, halbiert werden könnten.

Natürlich gibt es in der konventionellen Landwirtschaft unsachgemäßen Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden, Ineffizienz und unnötige Umweltbelastung. Die industrielle Landwirtschaft hat auf diese Weise selbst viel zu ihrem schlechten Ruf beigetragen und befindet sich vielerorts längst nicht auf dem Niveau, das sie beim heutigen Stand der Technik schon erreichen könnte. Aber das sind Defizite, die man durch Weiterbildung und Technologietransfer grundsätzlich beheben kann. Beim Ökolandbau liegt der Fehler hingegen im System. Eine mutwillige Einschränkung des Methodenspektrums, wie es die diversen Dogmen des Ökolandbaus vorschreiben, geht zu Lasten der Effizienz und damit zu Lasten der Natur.

Ökologischer Landbau wurde in der Nature-Studie nur im europäischen Milchsektor betrachtet. Es zeigte sich, dass die Ökohöfe bei gleicher Milchmenge mindestens ein Drittel mehr Bodenverluste verursachen und doppelt so viel Fläche beanspruchen wie die konventionelle Milchwirtschaft. Zudem verursachte die Bio-Haltung mehr Treibhausgase, vor allem weil die Kühe wegen des Verzichts auf Futterkonzentrate mehr Methan produzieren.

Co-Autor Professor Phil Garnsworthy von der Universität Nottingham, der das Milch-Team leitete, sagte: „In allen Milchsystemen stellen wir fest, dass eine höhere Milchleistung pro Flächeneinheit in der Regel zu einer höheren biologischen und wirtschaftlichen Effizienz der Produktion führt. Die Milchbauern sollten die Nachricht begrüßen, dass effizientere Systeme geringere Umweltauswirkungen haben."

„Beim Ökolandbau liegt der Fehler im System. Eine mutwillige Einschränkung des Methodenspektrums geht zu Lasten der Effizienz und damit zu Lasten der Natur.“

Um die Intensivierung zu fördern, schlagen die Wissenschaftler vor, Subventionen an diesem Kriterium auszurichten. „Wenn die Landwirtschaft stark subventioniert wird, könnten öffentliche Zahlungen von höheren Nahrungserträgen aus bereits bewirtschafteten Flächen abhängig gemacht werden, während andere Flächen aus der Produktion genommen und als natürlicher Lebensraum, für Wildtiere und zur Speicherung von Kohlenstoff oder Hochwasser dienen können."

In Deutschland und der EU wird es bekanntlich genau umgekehrt gemacht. Hier bekommt man Förderung, wenn man von konventionell auf Bio umstellt. Dabei ist die Begründung bemerkenswert: „Ökolandbau ist umweltverträglich, schont Ressourcen und entlastet Agrarmärkte bei Überschusserzeugnissen.“ Wie wir gesehen haben sind die ersten beiden Gründe haltlos, denn es gibt bei Umweltverträglichkeit und Ressourcenschonung auf den Output bezogen keine Vorteile. Und der dritte Grund bestätigt nur die Ineffizienz, der hier bescheinigt wird, dass sie zur Entlastung der Märkte beiträgt. Ökolandbau soll also dazu beitragen, dass weniger produziert wird und die Preise nicht sinken. Das als Nutzen für die Agrarmärkte zu bezeichnen, ist schon fragwürdig genug – ein Nutzen für die Natur ist es nicht.

Verteidiger des Ökolandbaus verweisen nach wie vor auf Studien, die die negativen Effekte pro Fläche vergleichen. Aber das ist unredlich. Denn die entscheidende Bezugsgröße kann nur der Ertrag sein. Wenn man negative Wirkungen pro Tonne Rindfleisch, Weizen Reis oder Milch vergleicht, wird deutlich, dass flächeneffiziente Landwirtschaft in Hochertragssystemen der Weg ist, den wir gehen müssen. Dabei gibt es global betrachtet noch riesige Verbesserungspotenziale.