15.07.2020

Was ist dran am großen Insektensterben? (2/2)

Von Jon Entine

Titelbild

Foto: Monika Fischer via Flickr / CC BY 2.0

Welches Landwirtschaftssystem bewahrt Insektenpopulationen besser: biologisch oder konventionell?

Eine drei Jahre dauernde Folge von fragmentarischen, in düstersten Farben gemalten Studien hat Journalisten beflügelt und den Rahmen dafür gesetzt, wie die Medien über die Zukunft der globalen Insektenpopulation schrieben. Botschaft: Die moderne Landwirtschaft führt uns in die Katastrophe. Doch den Wissenschaftlern war nicht wohl bei der Sache, denn sie kamen zunehmend zu der Ansicht, dass es sich um eine sehr vereinfachende Darstellung handelte. Keine der Studien, die die Katastrophe ankündigten, war umfassend. Alle waren von Annahmen durchdrungen, die die Daten radikal verzerren konnten. Die meisten Regionen der Welt wurden nicht einmal untersucht. Und die Rückgänge waren alles andere als einheitlich. An einigen Orten gab es Berichte über eine Zunahme der Gesamtpopulation, und einige Insektenarten nehmen weltweit deutlich zu.

Womit wir bei der jüngst erschienenen Metastudie von Roel van Klink und seinem Team von 30 Wissenschaftlern vom Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung wären, für die insgesamt 166 Langzeitstudien analysiert wurden. Zum ersten Mal haben Wissenschaftler eine ganze Reihe von Studien ausgewertet, die einen Großteil der Welt abdecken. Hier gab es Daten, mit denen Fragen beantworten werden konnten, die inzwischen stark ideologisch besetzt sind.

Die wenigen Journalisten, die die Veröffentlichung der Studie zur Kenntnis nahmen, stellten fest, dass der Rückgang der Insektenzahlen weitaus geringer war, als in den kleineren Studien berichtet, und in der Tat steht auch keine Katastrophe unmittelbar bevor. Es wurde festgestellt, dass Süßwasserinsekten wie Eintagsfliegen und Libellen im Laufe der Jahre sogar zugenommen haben, und der Rückgang der Insekten in den USA, insbesondere in den landwirtschaftlichen Gebieten des Mittleren Westens, um die Jahrhundertwende begonnen hatte, sich abzuflachen.

Das bedeutet nicht, dass es nicht doch ein echtes und bedeutendes Problem gibt, wie van Klink zu betonen bemüht war – er nannte die Situation „zutiefst alarmierend". Aber der Unterschied zwischen einer hereinbrechenden Apokalypse und einem ernstzunehmenden Problem besteht darin, dass Zeit bleibt, die Ursachen besser zu verstehen und hoffentlich rationale Entscheidungen zu treffen, um sie konstruktiv anzugehen.Und gerade in der Frage der Ursachen stellte die neue Studie die gängige Sichtweise, dass die moderne Landwirtschaft und der übermäßige Einsatz von Pestiziden die beobachteten Rückgänge vorantreiben, grundlegend in Frage.

Auswirkungen der modernen Landwirtschaft

Van Klinks Feststellung, dass „crop cover", womit er landwirtschaftliche Nutzflächen bezeichnet, mit der Zunahme von Insektenpopulationen korreliert, steht im direkten Widerspruch zu den Spekulationen – die meistens als Tatsache dargestellt werden – dass die moderne Landwirtschaft, insbesondere der Einsatz von GVO und Pestiziden, das Problem sei.

Auch das zweite Schreckgespenst, der Klimawandel, erschien nicht auf der Liste der Verdächtigen; es fand sich schlicht keine Korrelation, weder positiv noch negativ. Als Hauptursache zeigte sich die Verstädterung, höchstwahrscheinlich aufgrund der Zerstörung von natürlichem Lebensraum, da Sümpfe trockengelegt, Flüsse kanalisiert, Wälder gerodet und Land für Wohnsiedlungen, Straßen und Einkaufszentren gepflastert wurden.

„Wir fanden gewisse Anzeichen für eine negative Korrelation zwischen der Entwicklung des terrestrischen Insektenaufkommens und der Verstädterung im Landschaftsmaßstab, die möglicherweise durch den Verlust von Lebensraum und die mit der Verstädterung verbundene Licht- und/oder chemische Verschmutzung erklärt werden kann. Im Gegensatz dazu waren die Trends der Insektenhäufigkeit in beiden Bereichen positiv mit der lokalen (nicht aber der landschaftlichen) Vegetationsbedeckung verbunden. Insbesondere im terrestrischen Bereich wurden die zeitlichen Trends mit zunehmender Anbaufläche weniger negativ [...]", sagt er.

Der positive Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und der Zunahme der Insektenpopulation gilt natürlich nur für bestehende Felder, nicht für Wald oder natürliches Grasland, das für den Anbau gerodet wird. Wie van Klink in Interviews betont hat, würde die Umwandlung von Land für mehr Landwirtschaft auch Lebensraum zerstören. Aber genau das ist der Punkt, wenn Nachhaltigkeit der Schlüssel ist: Der Einsatz von Technologie zur Ertragssteigerung auf bestehenden Anbauflächen – mehr Nahrung auf weniger Land – ist die wichtigste Maßnahme, die wir zum Schutz von Lebensraum und Biodiversität ergreifen können.

Und genau das ist geschehen. In einem Papier von 2013 mit dem Titel „Peak Farmland and the Prospect for Land Sparing" berechneten drei Wissenschaftler der Rockefeller University, dass die weltweite Steigerung der Ernteerträge als Ergebnis fortschrittlicher Technologien, darunter der Gentechnik, dazu führte, dass 2010 etwa nur noch ein Drittel der Fläche benötigt wurde, um die gleiche Menge an Nahrungsmitteln wie 1961 zu erzeugen.

Abb. 1: Maisernten und benötigte Fläche, Quelle: Originaltext.

Die Triebfeder für diese dramatischen Produktivitätssteigerungen ist wohl bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele der wichtigsten landwirtschaftlichen Betriebsmittel – vor allem moderne Pestizide, synthetische Düngemittel und moderne Hybridpflanzen – in großem Umfang eingeführt. Der Aufschwung beschleunigte sich mit dem Beginn der Grünen Revolution in den frühen 1960er Jahren und begann sich über die ganze Welt zu verbreiten, wodurch viele Länder, wie zum Beispiel Indien, vor dem drohenden Massenhunger gerettet wurden. Es ist diese beispiellose historische Entkoppelung der Produktion vom Land – das, was als intensive Landwirtschaft bekannt geworden ist –, die so viele in der Umweltbewegung verteufeln und umzukehren versuchen. Eine ihrer zentralen Behauptungen: Die intensive Landwirtschaft ist der Hauptverantwortliche für den Verlust der biologischen Vielfalt und den Rückgang der Insekten.

„Es ist die beispiellose historische Entkoppelung der Produktion vom Land – die intensive Landwirtschaft –, die so viele in der Umweltbewegung verteufeln und umzukehren versuchen."

Ein sorgfältiger Blick auf die Daten zeigt jedoch, dass die Forderungen, die kleinbäuerliche biologisch orientierte Landwirtschaft auszuweiten, obsolet, ja sogar reaktionär sind, schreibt Ted Nordhaus vom Breakthrough Institute:

„Gering produktive landwirtschaftliche Systeme haben verheerende Auswirkungen auf die Umwelt. Bis zu drei Viertel der weltweiten Entwaldung fand vor der Industriellen Revolution statt, was fast ausschließlich auf zwei miteinander verbundene Nutzungen zurückzuführen ist: die Rodung von Land für die Landwirtschaft und die Nutzung von Holz für Energiezwecke. [...] Der Versuch, eine Welt von sieben bis neun Milliarden Menschen mit einem vorindustriellen Ernährungssystem zu ernähren, würde mit ziemlicher Sicherheit zu einer massiven Ausweitung der menschlichen Einflüsse durch die beschleunigte Umwandlung von Wäldern, Grasland und anderem Lebensraum in Acker- und Weideland führen. [...] Wir müssen die langfristigen Prozesse des Anbaus von mehr Nahrung auf weniger Land beschleunigen. [...] Die Steigerung der Erträge bei gleichzeitiger Verringerung der Umweltauswirkungen erfordert, dass wir immer präziser wirtschaften. Ertragssteigerung durch den verstärkten Einsatz von Technologie hat oft mehr Pestizide, Dünger und Wasser bedeutet. Doch mit der Verbesserung der Technologie haben diese Trends begonnen, sich umzukehren."

Das ökologische Defizit

Der Charme der Bauernmärkte, schreibt Nordhaus, sei kein Grund, eine Landwirtschaftsform aufzugeben, die die Landnutzung einschränkt, um den Auswirkungen der Urbanisierung entgegenzuwirken und die Belastung durch chemische Schadstoffe zu verringern. Festzuhalten ist, dass der ökologische Landbau durchschnittlich 10-40 Prozent weniger Ertrag bringt als der gentechnikfreie konventionelle Landbau, der wiederum etwa 15 Prozent weniger produktiv ist als Betriebe, die moderne Biotechnologie einsetzen. Eine kürzlich durchgeführte Studie der Öko-Lobbygruppe IDDRI ergab, dass die Produktivität um durchschnittlich 35 Prozent sinken würde, wenn Europa auf ökologische Verfahren zur Nahrungsmittelproduktion umstellen würde, was bedeutet, dass 35 Prozent mehr Land benötigt würde, um die gleiche Menge an Nahrungsmitteln zu produzieren.

Die Mathematik der Flächeneinsparung durch den Einsatz moderner Technologien ist so überzeugend und die Ertragsdefizite der ökologischen Produktion sind so gründlich dokumentiert, dass sie nicht geleugnet werden können. Anti-Technologie-Lobbyisten ziehen es im Allgemeinen vor, das Thema gänzlich zu vermeiden, konzentrieren sich stattdessen auf gebetsmühlenhafte Behauptungen über die nachteiligen Auswirkungen chemischer Pestizide und ignorieren die Abhängigkeit der Biobauern vom mechanischen Pflügen mit CO2-freisetzenden Geräten als Mittel der Unkrautbekämpfung, das die Gesundheit des Bodens und die biologische Vielfalt massiv zerstört und erheblich zur CO2-Belastung der Atmosphäre beiträgt.

Der wichtigste Beitrag der konventionellen Landwirtschaft zur Nachhaltigkeit ist das Aufkommen des Direktsaatanbaus, der mit dem Einsatz chemischer Herbizide wie Atrazin begann und 1996 mit der Einführung herbizidtoleranter, an Glyphosat gebundener GVO-Kulturen beschleunigt wurde. Der Anbau von GVO mit Direktsaat hat zu einer massiven Verringerung der CO2-Freisetzung geführt, die vom belgischen Forschungsinstitut VIB auf 37 Prozent geschätzt wird.

„Die Abkehr von einer effizienten, intensiven Landwirtschaft, um der ideologischen Strömung unserer Zeit Rechnung zu tragen, könnte für die empfindliche Insektenpopulation eine Katastrophe bedeuten."

Die Abkehr von einer effizienten, intensiven Landwirtschaft, um der ideologischen Strömung unserer Zeit Rechnung zu tragen, könnte für die empfindliche Insektenpopulation eine Katastrophe bedeuten. Bevölkerungswachstum und wachsender Wohlstand in den Entwicklungsländern werden in den kommenden Jahrzehnten einen starken Anstieg der notwendigen Nahrungsmengen erfordern, der nur durch eine Ausweitung der landwirtschaftlich nutzbaren Anbauflächen – oder durch eine Steigerung der Erträge auf den derzeit verfügbaren Flächen – erreicht werden kann.

All diese Fakten machen die deutsche Metastudie für die Befürworter des ökologischen Landbaus sehr unbequem. Die Korrelation von Zuwächsen bei Insektenpopulationen mit den Nutzpflanzen stellt die von ihnen behaupteten weit verbreiteten Schäden an der biologischen Vielfalt in Frage. Das mag der Grund dafür sein, dass die meisten führenden Medien, die über die Studie berichteten, wie z.B. die BBC, das Ergebnis einfach ignorierten, während andere – Guardian, Reuters, Smithsonian – Hinweise auf Pestizide enthielten, die von den Autoren der Studie nicht erhoben wurden, und die so geschrieben waren, dass der durchschnittliche Leser annehmen würde, dass sie durch Forschungsergebnisse untermauert würden.1

Wie schnell ist der Rückgang? Wie real ist der Rückgang?

Der Versuch, eine globale Abnahmerate zu bestimmen, wenn die Daten so unausgewogen sind und, wie die Autoren sagen, fast alle Auswirkungen lokal sind und die Abweichungen selbst zwischen benachbarten Standorten hoch sind, ist schwierig. Nichtsdestotrotz beziffert die neue Studie die Abnahmerate der Landinsekten auf knapp ein Prozent jährlich, was einem Rückgang von 8,3 Prozent pro Jahrzehnt entspricht. Die Autoren der Studie verweisen auf offene Fragen zum Ausmaß des globalen Rückgangs und erklären, dass dieser stark durch die von ihnen so genannten „Ausreißer"-Studien mit anomal hohen Ergebnissen beeinflusst wurde. Wenn man diese Ausreißer ausschließe, würden die Insektenpopulationen weit weniger zurückgehen, nämlich um etwa 15 Prozent über 25 Jahre.

Auch das ist nicht gut, aber es ist keine Apokalypse; und es ist noch Zeit, die Dinge umzukehren, selbst wenn die geschätzten Trends zutreffend sind. Diese optimistische Annahme wird tatsächlich durch ein weiteres wichtiges, wenn auch weitgehend ignoriertes Ergebnis der Studie gestützt, nämlich dass der Rückgang der Bodeninsekten in Nordamerika seit dem Jahr 2000 nicht mehr so hoch war und die Zahl der Süßwasserinsekten dramatisch zugenommen hat. Die Tatsache, dass die nordamerikanischen Trends vor etwa 20 Jahren begannen, sich abzuschwächen oder zu verbessern, deutet darauf hin, dass wir in einem Teil der Welt, der nach Ansicht der Autoren bis dahin am schlechtesten abgeschnitten hatte, auf dem Weg in die richtige Richtung sind. Statistisch gesehen gab es nach Ausschluss nordamerikanischer Daten laut der Studie nur „schwache Hinweise auf einen negativen Mittelwerttrend" bei der globalen Insektenpopulation.

Geografie und Modelle

Wir neigen dazu, uns von den Zahlen, die in den Überschriften von Texten zum Insektenrückgang präsentiert werden, beeindrucken zu lassen. Sie sind einfach, leicht zu merken und geben uns ein Gefühl der Konkretheit. Leider sind sie wahrscheinlich die am wenigsten zuverlässigen und aussagekräftigen Ergebnisse von allen. Wenn uns die Covid-19-Pandemie irgendetwas gelehrt hat, dann, dass wir komplexe statistische Modelle als das verstehen sollten, was sie sind: Hypothesenerzeuger oder ausgefeilte "beste Vermutungen" angesichts des derzeitigen Wissensstandes, der sich, wenn weitere Fakten ans Licht kommen, als alles Mögliche erweisen kann, von ziemlich zutreffend bis völlig daneben.

Man braucht sich nur die Karten der geographischen Verteilung der in van Klinks Analyse enthaltenen Studien anzuschauen, um zu erkennen, wie problematisch jede Schlussfolgerung über globale Trends sein muss, wenn man den Mangel an Daten aus dem größten Teil der Welt berücksichtigt. Die überwiegende Mehrheit der Studien kam aus Nordamerika und Europa (nach meiner Zählung fast 2/3 aller Studien).

Abb. 2: Entwicklung der Insektenmenge, Quelle.

Es liegen insgesamt zwei Studien aus ganz Afrika vor, relativ wenige aus Asien und überhaupt keine aus Südasien (Indien, Pakistan und Bangladesch). Es gibt nur eine einzige Studie aus dem Amazonasgebiet, einer der reichsten Quellen für Insektenleben auf dem Planeten.

Diese Lücken werden noch dadurch vergrößert, dass die meisten dieser Studien nur eine bestimmte Ordnung oder Familie von Insekten oder eine andere Unterabteilung (z.B. parasitoide Wespen) betreffen. Wir wissen jedoch, dass die verschiedenen Insektenarten in ihrer Reaktion auf Veränderungen des Klimas, des Wetters, von Krankheiten, Umweltverschmutzung und Habitatzerstörung enorm variieren. Es ist schlicht nicht glaubhaft, dass ein Modell eine leider riesige Menge an Unbekannten kompensieren kann, wozu auch viele „unbekannte Unbekannte“ bei der Entwicklung von Insektenpopulationen gehören. Kurz gesagt, die Wahrscheinlichkeit einer fehlerhaften Stichprobe ist immens.

Es soll betont werden, dass dies alles der herausragenden Arbeit des Van-Klink-Forschungsteams keinen Abbruch tut. Fast alle hier dargelegten Kritikpunkte werden von den Autoren selbst anerkannt und diskutiert. Einer der erfrischendsten Aspekte dieser Studie war in der Tat die Bescheidenheit, mit der dieses Team, das einige der besten und gründlichsten Arbeiten geleistet hat, um globale Insektentrends zu ermitteln, seine Ergebnisse präsentiert hat. In einem die Studie begleitenden Artikel in Science, der sich an Forscher richtet, die nicht mit dem Projekt in Verbindung stehen, weist das Team anderen Forschern auf diesem Gebiet, ja überhaupt der wissenschaftlichen Forschung, den Weg nach vorne:

„Fortschritte in unserem Wissen über die laufenden Veränderungen der biologischen Vielfalt und die Fähigkeit, künftige Veränderungen vorherzusagen, erfordern die Berücksichtigung von nuancierten Ebenen in den Mustern des Wandels und dessen Triebkräften. Die Versuchung, allzu einfache und aufsehenerregende Schlussfolgerungen zu ziehen, ist nachvollziehbar, denn sie zieht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich und kann möglicherweise als Katalysator für dringend erforderliche Maßnahmen in Politik und Forschung dienen. Auf Angst basierende Botschaften gehen jedoch oft nach hinten los. Diese Strategie birgt das große Risiko, das Vertrauen in die Wissenschaft zu untergraben, und kann zu Verleugnung, Überdruss und Apathie führen. Wenn wir die Differenzierung vornehmen, können wir die korrekte Berichterstattung über besorgniserregende Verluste mit hoffnungsvollen Erfolgsbeispielen in Einklang bringen. Hoffnung ist ein stärkerer Motor für Veränderungen als Angst."