22.06.2020

Was ist dran am großen Insektensterben? (1/2)

Von Jon Entine

Titelbild

Foto: jarmoake via Pixabay / CC0

Stehen wir vor einer „Insekten-Apokalypse", die durch intensive, industrielle Landwirtschaft und Agrarchemikalien verursacht wird? Die Medien sagen ja, die Wissenschaft sagt nein.

Die Medien sprechen von der „Insekten-Apokalypse". In den letzten drei Jahren ist dieser Ausdruck zu einer akzeptierten Wahrheit unter Journalisten geworden und wird gewöhnlich mit apokalyptischen Begriffen wie „Zusammenbruch des Ökosystems" und „Ernährungskrise" in Verbindung gebracht. Die Schuldige: die moderne Landwirtschaft samt Gentechnik und Pflanzenschutzmitteln.

Erst im vergangenen Monat warnte eine Kommentatorin der New York Times, Margaret Renkl, vor dem finsteren Zeitalter, das durch Pestizide eingeläutet werden könnte. Sie plädiert für die Erhaltung „unkrautbewachsener" Hinterhöfe voller blutsaugender Moskitos und anderer menschenbedrohender fliegender und kriechender Kreaturen. Renkl schrieb: „Das weltweite Insektensterben ist so rapide, dass es, wenn der Trend anhält, in hundert Jahren keine Insekten mehr geben wird. Das ist nicht nur für die Tiere ein Problem: Insekten sind für die Bestäubung von rund 75 Prozent aller Blütenpflanzen verantwortlich, ein Drittel der globalen Nahrungsmittelversorgung hängt von ihnen ab.“

Das ewige Sterben

Insekten-Armageddon, ein anderer populärer Ausdruck, ist heute eine der häufigsten Tropen im Wissenschaftsjournalismus. Wie ich in den letzten Jahren mehrfach berichtet habe (z.B. hier, hier und hier), haben sich viele Journalisten den Behauptungen von Umweltaktivisten angeschlossen, die in den letzten zehn Jahren eine Reihe von insekten- und anderen tierbezogenen Umweltapokalypse-Szenarien vorantreiben – zuerst ging es um Honigbienen, dann um Wildbienen und in jüngster Zeit auch um Vögel. In jedem dieser Szenarien machten sie die moderne, intensive Landwirtschaft, insbesondere die Pflanzenbiotechnologie und Pestizide, zur Schuldigen und warnten vor den schrecklichen Folgen für die Erde, einschließlich des Massensterbens von Bestäubern und einer weltweiten Hungersnot, die sicherlich folgen würde. Jedes Mal wurden kleine oder schlecht durchgeführte Studien, die bedrohliche Katastrophen vorhersagten, von vielen in den Medien hochgejubelt. Jedes Mal wurden die gehypten Behauptungen schließlich zurückgezogen oder dramatisch korrigiert, sobald mehr Forschung ans Licht kam.

In jüngerer Zeit wurde das Augenmerk auf Insekten gelenkt und man stützte sich auf die  Ergebnisse einer Handvoll Studien, die das Thema weltweit bekannt gemacht haben. Wir sollten es alle mit der Angst zu tun bekommen, wenn auch nur etwas Wahrheit dran wäre an den Behauptungen, die in dem Essay der Times präsentiert werden. Zum Glück für den Planeten Erde haben Frau Renkl und die New York Times wieder einmal einiges sehr falsch verstanden.

„Der einzige eindeutige Zusammenhang besteht in der Urbanisierung und ist wahrscheinlich auf die Zerstörung von Lebensräumen, Lichtverschmutzung und andere Emissionen zurückzuführen.“

Sie haben es vielleicht nicht bemerkt, da die Mainstream-Nachrichten den Bericht größtenteils ignoriert haben, aber wir haben endlich eine umfassende, kompetente, nicht-ideologische Forschungsarbeit, die uns dabei hilft, das zu beurteilen, was bisher meist spekulative Szenarien und von einer Agenda inspirierte, als Forschung getarnte Übertreibungen waren. Eine Studie deutscher Forscher, die im April in Science veröffentlicht wurde, wird jetzt – unter Experten – als die bisher größte und aussagekräftigste Studie zum Szenario „Insekten-Apokalypse" betrachtet.

Forscher des Deutschen Zentrums für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig unter Leitung des Erstautors Dr. Roel van Klink analysierten fast ein Jahrhundert an Daten aus 166 Langzeituntersuchungen von Insekten in verschiedenen Teilen der Welt. Obwohl die weitreichende Studie gewisse Einschränkungen hat (auf die ich weiter unten eingehen werde), muss jeder, der sich ernsthaft um die ökologische Zukunft sorgt, sich mit ihr auseinandersetzen. Eine kurze Liste der wichtigsten Ergebnisse:

Insgesamt gehen die terrestrischen Insekten viel weniger schnell zurück (um das drei- bis sechsfache), als andere hochkarätige Studien jüngeren Datums vermuten ließen, und selbst dies dürfte den Trend überzeichnen. Die Populationen von Süßwasserinsekten nehmen sogar zu.
Die „Nutzpflanzenbedeckung", d.h. Dinge wie Mais, Sojabohnen, Hirse, Baumwolle, Frühjahrs- und Winterweizen, Luzerne und Heu, wird mit einer Zunahme der Insektenpopulationen in Verbindung gebracht.
Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Insektenpopulationen und der globalen Erwärmung.

Der einzige eindeutige Zusammenhang mit dem Rückgang der Insektenpopulationen besteht in der Urbanisierung und ist wahrscheinlich auf die Zerstörung von Lebensräumen, Lichtverschmutzung und andere Emissionen zurückzuführen.

„Die Wildbienenarten, die Nutzpflanzen bestäuben und so am häufigsten mit Pestiziden in Kontakt kommen, sind wohlauf.“

Ich werde jeden dieser Befunde in Teil 2 dieses Aufsatzes weiter erläutern, aber um zu verstehen, warum sie so brisant sind, ist es wichtig, kurz auf die Ursprünge der verschiedenen Untergangserzählungen einzugehen und zu verstehen, warum Journalisten und sogar einige Wissenschaftler immer wieder falsche Schlüsse ziehen.

Die Entstehungsgeschichte der Bienen-Apokalypse

Das Narrativ begann Mitte der 2000er Jahre mit Berichten über das großflächige Absterben von Honigbienen und den einmaligen Ausbruch der Colony Collapse Disease (CCD), der sich vor allem in Kalifornien abspielte und bei dem erwachsene Honigbienen auf mysteriöse Weise aus den Bienenstöcken verschwanden. Dies alles war sehr beängstigend und entzieht sich immer noch einer vollständigen Erklärung, außer dass ähnliche Vorfälle über Hunderte von Jahren dokumentiert wurden.

Aber die Apokalypse-Erzählung traf auf reichlich Beweise für steigende oder stabile Honigbienenpopulationen in den letzten 25 Jahren, mit Ausnahme eines leichten Rückgangs aufgrund des CCD in den Jahren 2006/2007. Honigbienen sind im Grunde genommen Nutztiere, und Staaten auf der ganzen Welt überwachen die Anzahl der Bienenstöcke in jedem Land genau. Diese Zahlen sind seit Mitte der 1990er Jahre auf allen bewohnbaren Kontinenten der Welt gestiegen und haben weltweit Rekordwerte erreicht. Nach jahrelangem Katastrophenhype hat selbst der Sierra Club 2018 endlich zugegeben, dass „ ...für Honigbienen keine Gefahr des massenhaften Sterbens besteht. [...] Die Gesamtzahl der landwirtschaftlich genutzten Honigbienen weltweit ist im letzten halben Jahrhundert um 45 Prozent gestiegen.“

Als nächstes kam die Behauptung einer Wildbienen-Katastrophe. Es gibt Tausende von bekannten Arten und Tausende weitere, von denen wir nichts wissen. Die meisten sind Einzelgänger, d.h. sie bilden keine Bienenstöcke. Sie sind meist sehr klein und leben oft in Erdlöchern. Insgesamt sind sie schwer zu zählen. Trotzdem gab es eine Reihe von düsteren Vorhersagen, unter anderem vom Sierra Club, der schamlos von Honigbienen- zu Wildbienenpanik wechselte. Das Problem für die Aktivisten war, dass es aufgrund der Natur der Wildbienen fast keine Daten gibt, die ihre Behauptungen untermauern. Und die Arten, die Nutzpflanzen bestäuben und so am häufigsten mit Pestiziden in Kontakt kommen, sind wohlauf.

Die Vogel-Apokalypse ist nie richtig in Gang gekommen. Nach einigen fragwürdigen Studien wurde bald klar, dass der frühere Rückgang der Vogelwelt abflachte und sich in den 1990er Jahren sogar umkehrte.  Außerdem sind Katzen, sowohl verwilderte als auch Hauskatzen, die Schätzungen zufolge allein in den Vereinigten Staaten jährlich zwischen 1,3 Milliarden und 4 Milliarden Vögel töten, der wahre Vogelkiller. Ein Verbot von Katzen vorzuschlagen, ist jedoch zwangsläufig unpopulär. Erst mit Aufkommen der Insekten-Apokalypse fanden die Schwarzmaler einen Weg, das Problem zu umgehen, dass die Daten verschiedene Vorhersagen eines „bevorstehenden Zusammenbruchs" nicht unterstützen.

„In vielen Fällen beprobten die Forscher in den verschiedenen Jahren nicht die gleichen Standorte, wodurch die vermeintlichen Trends bedeutungslos wurden.“

Wenn schon das Zählen von Wildbienen so gut wie unmöglich ist, so ist es noch viel schwieriger, so etwas wie eine genaue Messung von Insekten hinzubekommen. Schätzungen der Zahl der Insektenarten liegen zwischen 2 Millionen und 30 Millionen. Selbst in den USA, die zusammen mit Europa zu den am meisten untersuchten Regionen der Welt gehören, haben nur etwas mehr als die Hälfte der Arten, von denen angenommen wird, dass sie existieren, schon einen Namen. Unter diesen Umständen kann man in Studien die extravagantesten Behauptungen vorbringen – genauer gesagt, beängstigende Vorhersagen abgeben – und muss dabei wenig Angst davor haben, dass einem wieder die Fakten in die Quere kommen. Es gab natürlich zahlreiche Studien über Insekten, aber nur sehr wenig systematische Arbeit zu übergreifenden Trends.

Bedrohte Insekten

Die Geschichte des Insektenrückgangs begann im Jahr 2017 mit der Veröffentlichung einer Studie von Hallman und Goulson, die angeblich herausfand, dass die Zahl der fliegenden Insekten in bestimmten Naturschutzgebieten in Deutschland in 26 Jahren um 76 Prozent zurückgegangen sei. Der Guardian, einer der ersten auf dem Armageddon-Zug für Honigbienen und Wildbienen, posaunte die Nachricht am lautesten: „Warnung vor ‚ökologischem Armageddon' nach einem dramatischen Rückgang der Insektenzahlen", titelte er und erklärte in der Zwischenüberschrift, dass dies „ernsthafte Auswirkungen auf alles Leben auf der Erde" haben könnte.

Doch die Methodik der Studie wies schwerwiegende Mängel auf. In vielen Fällen beprobten die Forscher in den verschiedenen Jahren nicht die gleichen Standorte, wodurch die vermeintlichen Trends bedeutungslos wurden. Sie verwendeten auch die falschen Probenahmemethoden, große zeltartige Strukturen, die als „Malaise-Fallen" bekannt sind, um die Insekten zu fangen. Wie die Oxforder Zoologen Clive Hambler und Peter Henderson im Zusammenhang mit anderen Studien aufgezeigt haben, fangen Malaise-Fallen Fluginsekten nur dann, wenn sie fliegen, und ob sie das tatsächlich tun, hängt stark von anderen Variablen ab, insbesondere von Wetter und Klima.

Goulson, ein umstrittener Forscher, nutzte diese fehlerhaften Daten als Sprungbrett, um einen Angriff auf die konventionelle Landwirtschaft, insbesondere auf Pestizide, zu starten. Goulson ist jedem ein Begriff, der die Debatte über Neonicotinoid-Pestizide und Bienen verfolgt hat. Er ist berüchtigt für die Schärfe seiner Anti-Pestizid-Kampagne und seine Bereitschaft, für Aktivistengruppen maßgeschneiderte Forschung nach Kundenwunsch zu betreiben. Trotz der Tatsache, dass die Proben in Naturschutzgebieten genommen wurden, sei der angebliche Rückgang eindeutig auf moderne landwirtschaftliche Praktiken zurückzuführen, erklärte er dem Guardian.

„Goulson zufolge könnte eine wahrscheinliche Erklärung sein, dass die fliegenden Insekten beim Verlassen der Naturschutzgebiete umkommen. ‚Ackerland hat für wild lebende Tiere generell sehr wenig zu bieten‘, sagte er. ‚Aber was genau die Ursache ihres Todes ist, steht zur Debatte. Es könnte einfach sein, dass es ihnen an Nahrung fehlt, oder es könnte spezifischer eine Belastung durch chemische Pestizide oder eine Kombination aus beidem sein‘.“ Wichtig ist dabei, dass es sich lediglich um eine Vermutung Goulsons handelte. Die Studie war in keiner Weise darauf ausgelegt, die Ursache für den Insektenrückgang zu ermitteln, falls es tatsächlich einen solchen gab. Und es gab keine Daten, ob fehlerhaft oder nicht, die seine mit solcher Gewissheit vorgetragenen Behauptungen untermauerten.

Die Geschichte wiederholt sich – als Farce

Die Insektenkrisenstudie von Casper Hallman und Dave Goulson hat große Wellen geschlagen. Laut der Website Almetric war sie auf Platz sechs der meistdiskutierten wissenschaftlichen Arbeiten des Jahres 2017 und Quelle für viele tausend Medienberichte und Blog-Beiträge. Aber die Krisenbehauptungen, so skizzenhaft sie auch waren, waren nur das Vorspiel für eine Studie aus dem Jahr 2018, die ebenfalls hohe Resonanz in der Presse fand.

Francisco Sanchez-Bayo, der wie Goulson für seinen Anti-Pestizid-Aktivismus bekannt ist, erstellte eine Meta-Analyse der globalen Trends in der Insektenpopulation. Der Guardian berichtete unter der Schlagzeile  „Einbrechende Insektenzahlen ‚drohen zu Zusammenbruch der Natur' zu führen".

„Die Autoren eliminierten alle Studien, die Stabilität oder Zunahmen von Insektenpopulationen feststellen.“

Andere Nachrichtenorganisationen teilten die Begeisterung des Guardian nicht, wie ich in einem Artikel für das Genetic Literacy Project ausgeführt habe. Ein Problem war die fehlende Repräsentation fast aller Teile der Welt mit Ausnahme von Europa und Nordamerika (ein Problem, das auch für die jüngste deutsche Studie in Science gilt.) Aber der Hauptfehler roch nach ideologischer Manipulation: Die Autoren eliminierten alle Studien, die Stabilität oder Zunahmen von Insektenpopulationen feststellen, indem sie ihre Suche auf Arbeiten mit „Rückgang" im Titel beschränkten. Überraschung: Die Analyse ergab Rückgänge! (Sucht man nach „Insekten“ und „Zunahme“ erhält man dreimal so viele Studien.)

Sánchez-Bayo machte deutlich, dass sein Ziel weit mehr als das Studium von Insekten sei; es gehe darum, die Welt für die biologische Landwirtschaft sicher zu machen: „Die Welt muss die Art und Weise ändern, wie sie Lebensmittel produziert", sagte er dem Guardian. „Industrielle, intensive Landwirtschaft ist, was die Ökosysteme tötet". Er machte vor allem eine Klasse von Insektiziden verantwortlich, die als Neonicotinoide bekannt sind und von einigen Umweltschützern unter Beschuss genommen wurden, die behaupten, sie würden „den Boden sterilisieren".

Die Meta-Analyse konzentrierte sich jedoch nicht auf die Landwirtschaft. Nur eine kleine Anzahl der Studien hatte einen gewissen Bezug zur Landwirtschaft. Zum Leidwesen von Sánchez-Bayo untermauerten diese Studien seine These nicht. Wie ich in meiner Analyse ausführlicher darlege, verwechselte er die Spekulation in einer Studie, dass Pestizide die Ursache für den Rückgang der Hummeln sein könnten, mit den tatsächlichen Ergebnissen der Studie, in der die Ursachen nicht untersucht wurden. Und in einem anderen Fall behauptete er, dass eine Studie über Fledermäuse (die Insekten fressen) festgestellt habe, dass sie in konventionellen Betrieben weniger häufig vorkommen, obwohl die Studie in Wirklichkeit das Gegenteil festgestellt hatte.

Sogar die BBC war skeptisch, wie er mit den Daten umgeht, was den Autor nicht beunruhigte. In einem Hörfunkbeitrag heißt es:

BBC:  „Wir sprachen Dr. Francisco Sánchez-Bayo auf diese Kritik an. Aber er sagt, selbst wenn man nicht die Daten hätte, um diese Behauptung statistisch zu beweisen, bedeute das nicht, dass man diese Behauptung nicht aufstellen sollte.

O-Ton Dr. Francisco Sánchez-Bayo:  „Selbst wenn wir also nicht über genügend Daten verfügen, um dies statistisch zu beweisen oder so, wissen wir, dass dies geschieht. Es ist also besser, es jetzt zu tun, als zehn Jahre später, wenn wir vielleicht ein ernsteres Problem haben. Ja. Wir glauben, dass die Insekten der Welt innerhalb der nächsten 100 Jahre ausgelöscht werden könnten.“

Ja ja, statistisch oder so.

„Aber die Kritik durch Wissenschaftler und gewissenhaftere Journalisten hat den populären Mythen keinen Dämpfer versetzt.“

Anfang 2019 versuchte eine andere deutsche Forschergruppe unter der Leitung von Sebastian Seibold in München, einige der Probleme mit Hallmans Forschung zu beheben, doch wie Hambler und Henderson in einer Kritik der Studie feststellten, „sind die Beweise für einen Rückgang der Arthropodenvorkommen in jüngerer Zeit in Deutschland noch nicht belastbar". Die geringe Anzahl der untersuchten Jahre macht jede zuverlässige Extrapolation auf aussagekräftigere Trends zunichte. Die Autoren der Studie berücksichtigen zudem keine Veränderungen des Wetters oder der Klimatrends.

Und die Art und Weise, wie sie Daten über die Insektendichte sammelten – mit Kehrnetzen für Grasland und Flugabfangvorrichtungen für Wälder – lässt die Schlussfolgerungen bestenfalls verdächtig erscheinen. Beide Methoden messen die Insektenaktivität und nicht die Populationsgröße. Im Falle von Kehrnetzen, die über die Vegetationsspitzen gezogen werden, können die Ergebnisse je nach Höhe und Dichte des Pflanzenwachstums sehr unterschiedlich ausfallen, da Arthropoden natürlich näher am Boden Deckung suchen werden. Mit anderen Worten, ein Gebiet mit größerem Pflanzenreichtum, größerer Vielfalt und mehr natürlichem Wachstum könnte sehr wohl Kehrnetz-Proben mit weniger Insekten und weniger Vielfalt an Insekten produzieren. „Eine übermäßige Verallgemeinerung von begrenzten Stichproben könnte zu unangemessenen politischen Reaktionen führen", schlossen Hambler und Henderson.

Aber die Kritik durch Wissenschaftler und gewissenhaftere Journalisten hat den populären Mythen, die von den Medien so rücksichtslos verbreitet werden, keinen Dämpfer versetzt. Der katastrophale Rückgang von Insekten in Verbindung mit „industrieller Landwirtschaft“ und „übertriebenem Pestizideinsatz" sind nun „Fakten". Durch bloße Wiederholung war ein neuer „wissenschaftlicher Konsens" geboren worden. Die Kampagne gegen die moderne Landwirtschaft und die Ikonisierung der ökologischen Landwirtschaft sind als neue Erzählnormen fest etabliert.