23.09.2020

Warum erneuerbare Energien das Klima nicht retten können

Von Michael Shellenberger

Titelbild

Foto: Foto-Rabe via Pixabay / CC0

Die Versprechungen werden immer größer. Doch die Realität sieht anders aus. Wind und Sonne haben wenig Potenzial und viele Nachteile.

Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten mögen in vielen Punkten unterschiedlicher Meinung sein, aber sie sind sich alle einig, dass die Lösung für den Klimawandel im Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere von Solar- und Windenergie, liegt.

Einige Kandidaten sehen dabei eine Rolle für die Kernenergie. Senator Cory Booker und der Geschäftsmann Andrew Yang haben neue Kraftwerke gefordert, während der ehemalige Vizepräsident Joe Biden und Pete Buttigieg, Bürgermeister von South Bend, bestehende Kraftwerke erhalten wollen. Elizabeth Warren und Kamala Harris haben keine Position zur Atomkraft eingenommen, und Bernie Sanders befürwortet das Abschalten bestehender Anlagen. Der Fokus aller demokratischen Kandidaten liegt auf erneuerbaren Energien, für die sie Ausgaben in Billionenhöhe fordern. Diese Investitionen, so behaupten sie alle, werden der Wirtschaft und der Umwelt zugutekommen, auch durch die Vermeidung des Klimawandels. Aber weltweit befinden sich erneuerbare Energien in der Krise, weil sie Strom verteuern, weil Subventionen auslaufen und weil Projekte von Naturschützern und Anwohnern blockiert werden.

In Deutschland, dem Vorzeigeland für erneuerbare Energien, wurden in diesem Jahr bisher lediglich 167 Windenergieanlagen installiert (Stand 11/2019). Das Land müsste aber 1400 pro Jahr aufstellen, um seine Klimaschutzziele zu erreichen. „Während Klimaaktivistin Greta Thunberg mit Windkraft zum Nachhaltigkeitsgipfel in New York segelt“, schrieb die Tageszeitung Die Welt im Sommer, „schippert die deutsche Windkraftindustrie in die Flaute.“ 1 Der Einbruch in Deutschland hat dazu geführt, dass die Branche im vergangenen Jahr 25.000 Arbeitsplätze abgebaut hat. Es ist nicht klar, ob Deutschland mit viel mehr Windenergie zurechtkommen wird. Die Stromnetzbetreiber müssen an windigen, bedarfsarmen Tagen zunehmend den Strom aus großen Windparks abschalten, um Blackouts zu vermeiden. 2

Teurer Strom

Dasselbe geschieht in Kalifornien. Der Netzbetreiber muss zunehmend die Nachbarbundesstaaten bezahlen, damit sie den überschüssigen Solarstrom des Staates beziehen, und den Strom aus Solarparks an sonnigen, bedarfsarmen Tagen abschalten. Experten prognostizieren, der Einsatz der kommerziellen Windenergie in den Vereinigten Staaten werde wahrscheinlich zum Stillstand kommen, wenn die wichtigste Windenergiesubvention, bekannt als Production Tax Credit oder PTC, am 31. Dezember 2019 ausläuft. Befürwortern erneuerbarer Energien zufolge werden die Kosten sinken, die Subventionen verlängert und staatliche Aufträge dazu beitragen, dass die industrielle Wind- und Solarindustrie gerettet wird. Aber diese Bemühungen werden wahrscheinlich politisch nicht erfolgreich genug sein, um die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien erheblich zu verbessern. In Ohio hat der Gesetzgeber kürzlich die Aufträge für erneuerbare Energien aufgrund ihrer hohen Kosten zurückgefahren und sich dafür entschieden, stattdessen Kernkraftwerke zu subventionieren.

„Weltweit verteuern erneuerbare Energien den Strom, obwohl jahrelang von ihren Befürwortern versprochen wurde, dass die Elektrizitätspreise sinken würden.“

Weltweit verteuern erneuerbare Energien den Strom, obwohl jahrelang von ihren Befürwortern versprochen wurde, dass die Elektrizitätspreise sinken würden. „Die deutschen Stromverbraucher werden in den nächsten zwei Jahren erneut Subventionen an die Produzenten von Ökostrom zahlen müssen“, berichtete Die Welt. 3 In Australien wird die „zunehmende Regelmäßigkeit, mit der die Großhandelspreise an sonnigen und windigen Tagen unter null Dollar fallen, durch häufigere hohe Preise mehr als wettgemacht, was die Erwartungen einer Abschwächung des Gesamtniveaus enttäuscht“, so die australische Financial Review. 4

„Ich bin zwar Befürworter erneuerbarer Energien, letztlich folge ich aber wirtschaftlichen Erwägungen und nicht Wohlfühlargumenten“, schrieb mir ein Industriekapitän aus dem Bereich der Erneuerbaren kürzlich in einer E-Mail. „Ich habe die langfristige Makroökonomie herausgearbeitet und bin zu den gleichen Schlussfolgerungen gekommen wie Sie. Letztlich ist es die Mathematik, die gegen Wind, Solar und Wasser spricht“, sagte er. Die University of Chicago stellte Anfang dieses Jahres fest, dass erneuerbare Energien „die durchschnittlichen Endkundenstrompreise deutlich erhöhen“. 5

Dank des starken Einsatzes erneuerbarer Energien stiegen die Strompreise in Kalifornien zwischen 2011 und 2018 sechsmal so stark (28 Prozent) wie im Rest des Landes (5 Prozent). In Deutschland sind sie seit 2006 sogar um mehr als 50 Prozent gestiegen. 6 Heute gibt Deutschland fast doppelt so viel für Strom aus wie Frankreich, mit dessen Erzeugung gleichzeitig zehnmal mehr CO2-Emissionen verbunden sind. 7 Nur 14 Prozent der deutschen Energie und 35 Prozent des Stroms kamen 2018 aus erneuerbaren Energien. 8 Und die deutschen CO2-Emissionen sind seit 2009 nicht mehr signifikant gesunken.

Tote Vögel

Viele der besten Windstandorte in den USA und Europa wurden bereits besetzt, sodass die Projektentwickler nun auf Standorte zurückgreifen müssen, die schwächeren Wind bieten und weiter weg von Großstädten und Industriezentren liegen. Einige Befürworter erneuerbarer Energien behaupten hoffnungsfroh, dass der Bau von Übertragungsleitungen die Windenergie in windigen Staaten wie Kansas und Nebraska rentabler machen wird. Aber die Opposition der Umweltschützer an diesen Orten wächst. In Nebraska haben Anwohner und Naturschützer eine Klage eingereicht, um den lokalen Versorger am Bau einer Übertragungsleitung zu hindern, die durch 95 Prozent der Zugroute des gefährdeten Schreikranichs verläuft. Trotz vieler Erfolgsmeldungen ist der Schreikranich stark vom Aussterben bedroht und die Hauptursache für seinen Tod durch den Menschen sind Hochspannungsleitungen.

„Die Kernenergie ist die einzige Energiequelle, die sich als geeignet erwiesen hat, in wohlhabenden Ländern fossile Brennstoffe zu niedrigen Kosten vollständig zu ersetzen.“

In Australien prangerte ein ehemaliger Vorsitzender der Grünen einen geplanten Windpark an, der das Aussterben gefährdeter Vogelarten befördert. „Windkraftanlagen töten Vögel“, schrieb der Naturschützer Bob Brown. „Mehrere Arten von international wandernden, gefährdeten und stark gefährdeten Küstenvögeln nutzen die Feuchtgebiete .... Für welche dieser Arten wird der Windpark die letzte Station sein?“ 9 Die Windindustrie hat lange Zeit geleugnet, dass sie viel Schaden anrichtet. Sie weist zum Beispiel immer wieder darauf hin, dass Hauskatzen mehr Vögel töten als Windkraftanlagen. Aber Hauskatzen töten nicht die großen, sich nur langsam vermehrenden, gefährdeten und stark schützenswerten Arten wie Weißkopfseeadler, Schreikranich oder den europäischen Rotmilan. 10 Der Umgang mit Umweltklagen und Widerstand an der Basis ist teuer. Industrielle Wind- und Solarentwickler müssen Anwälte, PR-Spezialisten und Wissenschaftler engagieren, die bescheinigen, dass dieses oder jenes Projekt nur eine geringe Bedrohung für gefährdete Vögel und Fledermäuse darstellt. Es verdichten sich jedoch die Hinweise darauf, dass industrielle Windparks erhebliche Auswirkungen zeitigen. Im Jahr 2017 warnten führende Fledermauswissenschaftler, dass, wenn die Windturbinen weiter expandieren, sie zum Aussterben der Eisgrauen Fledermaus führen würden. 11

Deutschlands führendes Forschungsinstitut für Technologiebewertung veröffentlichte im Oktober 2018 eine Studie, in der es zu dem Schluss kam, dass industrielle Windkraftanlagen einen „Verlust von rund 1,2 Billionen Insekten verschiedener Arten pro Jahr“ verursachen, der „für die Stabilität der Population relevant sein könnte“. 12 Die Medien in Deutschland berichten endlich über das Thema. Das Magazin National Geographic Deutschland veröffentlichte eine Titelgeschichte über die Bedrohung, die Windturbinen für den gefährdeten europäischen Rotmilan darstellen. Der Schutz bedrohter Arten ist nach Ansicht der kommerziellen Windkraftentwickler in Deutschland ein „absolutes Planungshindernis“. Sie wollen daher von den Verbotsbestimmungen für ihre Tötung ausgenommen werden. 13 Und wie Deutschland und die USA wird Australien in Zukunft zunehmend mit Schwierigkeiten konfrontiert sein, die mit dem Bau von neuen Hochspannungsleitungen über große Strecken verbunden sind. 14

Deutschland bezieht fast so viel von seinem erneuerbaren Strom aus Biomasse wie aus Sonnenenergie. Die Nutzung von Biomasse sieht aber eine wachsende Zahl von Wissenschaftlern kritisch, da sie umweltschädlicher und kohlenstoffintensiver sein kann als fossile Brennstoffe. 15 Es gab weltweit ein natürliches Experiment, das auch exemplarisch für die unterschiedlichen Wege in Deutschland und Frankreich ist. Zwischen 1965 und 2018 gab die Welt 2,1 Billionen Dollar für Kernenergie und 2,6 Billionen für Solar- und Windenergie aus, erzeugte gleichzeitig aber 31 Prozent mehr Strom aus Kernenergie als aus Wind und Sonne. 16 Die Kernenergie ist die einzige Energiequelle, die sich als geeignet erwiesen hat, in wohlhabenden Ländern fossile Brennstoffe zu niedrigen Kosten vollständig zu ersetzen. Während Wasserkraftwerke manchmal diese Rolle spielen können, sind sie auf Nationen mit mächtigen Flüssen beschränkt, von denen viele bereits gestaut wurden.

Das zugrundeliegende Problem bei Sonne und Wind liegt darin, dass sie zu unzuverlässig sind und eine zu geringe Energieflussdichte aufweisen. Solar- und Windparks benötigen zwischen 400 und 750-mal mehr Land als Kernkraft- und Erdgaskraftwerke. 17 Da wir uns den Grenzen der erneuerbaren Energien nähern, scheint es unvermeidlich, dass Politiker der Demokraten im Laufe der Zeit zunehmend auf die Kernenergie als Kernstück ihrer Klimarettungspläne verweisen werden, nicht auf Solar- und Windkraftanlagen.