04.02.2019

Atomenergie – der saubere Weg

Von Michael Shellenberger

Titelbild

Foto: Bjoern Schwarz (CC BY 2.0 / bearbeitet)

Um Schadstoffausstoß bei der Energieerzeugung sinnvoll und zuverlässig zu minimieren, braucht Deutschland ein Umdenken zugunsten der Atomkraft.

Wie viele Anfang der 1970er-Jahre geborene Kinder hatte ich das Glück, dass meine Eltern Hippies waren. Einer der Helden meiner Kindheit war Stewart Brand. Stewart ist nicht nur ein Hippie der ersten Stunde, er ist auch einer der ersten modernen Umweltaktivisten der 1960er- und 70er-Jahre. Eine meiner Lieblingserinnerungen ist, wie ich als kleiner Junge kooperative Brettspiele gespielt habe, die sich Stewart Brand als Gegenmittel zum Vietnamkrieg ausgedacht hatte.

Ich komme aus einer langen Reihe christlicher Pazifisten, bekannt als Mennoniten. Jeden August gedachten wir Kinder der US-Atombombenabwürfe auf Japan, indem wir Kerzen anzündeten und sie auf Papierschiffchen im Bittersweet Park losschickten. Nach meiner Schulzeit, während ich auf der Universität war und danach, brachte ich Delegationen nach Mittelamerika, um dort die Diplomatie und den Frieden zu fördern, und um landwirtschaftliche Genossenschaften in Guatemala und Nicaragua vor Ort zu unterstützen. Nach und nach, während ich um die Welt reiste und kleine Bauerngemeinschaften auf jedem Kontinent besuchte, erkannte ich, dass die meisten jungen Leute nicht auf dem Land festsitzen wollen. Sie wollen nicht ihr ganzes Leben damit zubringen, Holz zu zerkleinern und zu schleppen. Sie wollen in die Stadt, um eine Chance auf Ausbildung und Arbeit zu haben.

Was ich inzwischen begriffen habe, ist, dass dieser Prozess der Urbanisierung, des Umziehens in die Städte, tatsächlich sehr gut für die Natur ist. Er lässt es zu, dass die natürliche Umwelt zurückkehrt. Er lässt es zu, dass der zentralafrikanische Berggorilla, eine wichtige, bedrohte Tierart, seinen Lebensraum behalten kann, denn er braucht, um zu überleben und zu gedeihen.

„Der Großteil unserer sauberen Energie kommt aus Atomenergie und Wasserkraft.“

In diesem Prozess muss man in die Vertikale gehen. Das kann man sogar an Orten wie Hongkong sehen, wo dank Hochhäusern die natürliche Umgebung der Stadt bewahrt wird. Natürlich braucht es riesige Energiemengen, um in die Höhe zu wachsen. Die große Frage unserer Zeit ist deshalb, wie wir große Mengen verlässlicher Elektrizität gewinnen können, ohne das Klima zu zerstören.

Grenzen der Erneuerbaren

Anfangs war ich Anti-Atom-Aktivist, und ich begann schnell, mich für erneuerbare Energien starkzumachen. In den frühen 2000ern half ich dabei, eine Gewerkschaft und Umweltallianz zu gründen, die Apollo Alliance hieß. Wir setzten uns für Investitionen in saubere Energie im großen Stil ein: Solarenergie, Windenergie, elektrische Autos. Die Investitionsidee wurde schließlich von Präsident Obama aufgegriffen. Während seiner Zeit an der Regierung investierten die USA ungefähr 150 Milliarden Dollar, um Solarenergie, Windenergie und elektrische Autos viel billiger zu machen, als sie waren.

Wir schienen viel Erfolg zu haben, aber wir begegneten auch einigen Herausforderungen. Einige davon kennen Sie in Deutschland: Solar- und Windkraftanlagen können in Deutschland nur 10 bis 30 Prozent der Zeit genutzt werden, so dass die Stromversorgung nun vom Wetter abhängig ist. Uns sind aber noch andere Probleme aufgefallen. Manchmal erzeugen diese Energiequellen zu viel Energie. Und trotz großen Batterien-Hypes gibt es hinreichende Energiespeicher nicht einmal in Kalifornien, wo viele Investitionen getätigt werden und wo viele aus dem Silicon Valley eine Menge Geld in die Entwicklung von Batterien und anderen Speichertechnologien stecken.

Während wir mit diesen Problemen kämpften, meldete sich 2005 Stewart Brand zu Wort und sagte, wir sollten über die Atomenergie neu nachdenken. Für mich und meine Freunde war das ein Schock. Stewart war in den frühen 1970er-Jahren als Berater von Gouverneur Jerry Brown in Kalifornien einer der ersten großen Befürworter der Solarenergie überhaupt. Aber er sagte: Schaut, wir haben es mit der Solarenergie nun lange probiert. Trotzdem bekommen wir global weniger als ein halbes Prozent unserer Elektrizität durch Solarenergie, gerade mal ungefähr zwei Prozent durch Wind. Und der Großteil unserer sauberen Energie kommt aus Atomenergie und Wasserkraft. Laut dem „Weltklimarat“ IPCC erzeugt Atomenergie viermal weniger Kohlenstoffausstoß als Solarenergie. Darum empfahl er in seinem Bericht von 2014 auch den verstärkten Einsatz von Erneuerbaren, Atomenergie und CO2-Abscheidung sowie -speicherung.

„2016 hat in Deutschland die Sonne nicht besonders häufig geschienen.“

Schauen wir uns Deutschland einmal genauer an. Deutschland gewinnt den Großteil seiner Elektrizität und all seine Treibstoffe für den Verkehr aus fossilen Brennstoffen. Im Jahr 2016 erzeugte Deutschland 40 Prozent seines Stroms aus Kohle, 13 Prozent aus Atomenergie, 12 Prozent aus Erdgas, 12 Prozent aus Wind und 6 Prozent aus Solarenergie. Es ist wichtig, im Blick zu behalten, dass wir letztlich nicht nur den aktuellen Anteil von 18 Prozent Erneuerbaren auf 100 Prozent steigern müssen. Um den gesamten fossilen Verkehrssektor auf Elektroautos umzustellen, müsste man von 18 Prozent Erneuerbaren auf ungefähr 150 Prozent kommen. Deutschland hat viel in Erneuerbare investiert und Innovationen in Solar- und Windenergie vorangetrieben, aber das wäre ein ziemlich heftiger Anstieg. Die Speicherfrage bleibt weiterhin ungelöst.

Schauen wir uns das Jahr 2016 an. Deutschland hat vier Prozent mehr Solarpanele installiert, aber drei Prozent weniger Elektrizität aus Solarenergie erzeugt. Bei Treffen mit Energieexperten frage ich die Leute oft, ob sie erraten können, wie das kommt. Meist sagen sie, dass sie keine Ahnung haben. Dabei ist der Grund ganz einfach: 2016 hat in Deutschland die Sonne nicht besonders häufig geschienen. Naja, das heißt wahrscheinlich, dass es mehr Wind gab, oder? Denn wenn die Sonne nicht so viel scheint, gibt es vielleicht dafür mehr Wind, und die Sache gleicht sich aus? Tatsächlich hat Deutschland 2016 elf Prozent mehr Windturbinen installiert, aber zwei Prozent weniger Elektrizität aus Wind gewonnen. Dieselbe Geschichte. Es gab eben nicht so viel Wind.

Jetzt denken Sie vielleicht: „Dann brauchen wir eben eine ganze Menge Solar- und Windkraftanlagen, damit wir auch mehr Energie aus diesen Quellen kriegen können, wenn es nicht so viel Sonne oder Wind gibt.“ Das ist in der Tat, was Deutschland versucht. Der Plan ist, die durch Solarenergie gewonnene Elektrizitätsmenge bis 2030 um 50 Prozent zu erhöhen. Das würde das Land von 40 auf 60 Gigawatt bringen. Aber wenn es dann wieder ein Jahr wie 2016 gibt, hat man immer noch nur neun Prozent der Gesamtelektrizität aus Solarenergie. Und das in dem Land, das bei der Solarenergie weltweit führend ist! Deutschland ist Spitzenreiter bei den Erneuerbaren.

Speichermangel und andere Probleme

Die naheliegende Reaktion ist, dass wir doch einfach alles in Batterien stecken könnten. Man hört so viel von Batterien. Man könnte geradezu denken, dass wir bereits riesige Energiespeicher haben. Meine Organisation Environmental Progress hat sich unseren Heimatstaat Kalifornien angesehen, und wir haben herausgefunden, dass wir gerade einmal 23 Minuten Speicher für das Netz haben – und um diese 23 Minuten zu bekommen, müsste man jede Batterie in jedem Auto und Lastwagen im Staat benutzen. Wie Sie sich denken können, ist das nicht besonders praktisch, wenn man irgendwo hinwill. Die Situation in Deutschland ist vielleicht ein bisschen anders als Kalifornien, aber auch nicht so anders.

Die meisten sind sich darüber im Klaren, dass Deutschland einen Aufpreis bezahlt, um den Umstieg auf Erneuerbare zu schaffen. Die deutschen Strompreise sind während der letzten zehn Jahre um circa 50 Prozent gestiegen. Heute ist Strom in Deutschland ungefähr doppelt so teuer wie in Frankreich. Sie denken vielleicht, dass das ein kleiner Preis ist, um das Klima zu schützen. Dem würde ich zustimmen. Es ist einfach nur anständig, wenn die Menschen – zumindest in den reichen Ländern der Welt – etwas mehr für Energie bezahlen, um das Risiko eines katastrophalen globalen Temperaturanstiegs zu verringern.

„Selbst durch das Kombinieren von Solar- und Windenergie bekommen wir deutlich weniger Energie heraus, als wenn wir Atomenergie nehmen.“

Aber wenn man französischen und deutschen Strom vergleicht, bezieht Frankreich 93 Prozent seines Stroms aus sauberen Quellen, vor allem Wasserkraft und Atomenergie, während Deutschland gerade einmal 46 Prozent, also ungefähr halb so viel, aus sauberer Energie bezieht. Das Schockierende dabei: Deutschlands Kohlenstoffausstoß ist seit 2009 angestiegen. Zwar sind die deutschen Emissionen seit den 1990er-Jahren insgesamt gesunken, aber das ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass nach der Wiedervereinigung ineffiziente Kohlekraftwerke in Ostdeutschland abgeschaltet wurden.

Schauen wir uns das vergangene Jahr an: Eine Möglichkeit, um Emissionen schnell zu senken, besteht darin, von Kohle auf Erdgas umzusteigen, das ungefähr halb so viele Emissionen verursacht. Der Umstieg von Kohle auf Erdgas hätte tatsächlich weniger Emissionen bewirkt, wenn Deutschland nicht zugleich Atomkraftwerke abgeschaltet hätte. Als Deutschland das tat, stiegen die Emissionen wieder an.

Im Hinblick auf die Zukunft können wir aber natürlich noch immer fragen: Wird nicht alles gut, wenn wir einfach im großen Stil auf Solar- und Windenergie setzen? Auf eine der größten Schwierigkeiten für Solar- und Windenergie hat jemand aus Deutschland aufmerksam gemacht, der nicht im geringsten Atomkraftbefürworter ist. Er ist Energieanalyst und Ökonom, sein Name ist Lion Hirth. Er hat herausgefunden, dass das Problem, das ich vorhin beschrieben habe – dass es manchmal zu viel Solar- und Windenergie gibt und man dann nicht weiß, wohin damit –, den wirtschaftlichen Wert der Erneuerbaren senkt. Hirth hat herausgefunden, dass der Wert von Windenergie um 40 Prozent fällt, sobald sie 30 Prozent der Elektrizität ausmacht, und der Wert von Solarenergie um die Hälfte, wenn sie gerade einmal 15 Prozent ausmacht.

Man hört, dass ein Solardach schnell gemacht ist – ein Tag genügt, um es aufzusetzen –, wohingegen es fünf oder zehn Jahre dauert, ein Atomkraftwerk zu bauen. Deshalb denken viele Leute, dass wir viel schneller sein können, wenn wir auf Solar- und Windenergie setzen. Das Tempo des Ausbaus war Thema eines wichtigen Artikels, der 2016 in der Fachzeitschrift Science erschienen ist. Einer der Autoren war der berühmte Klimawissenschaftler James Hansen. Die Forscher haben herausgefunden, dass wir selbst durch das Kombinieren von Solar- und Windenergie deutlich weniger Energie herausbekommen, als wenn wir Atomenergie nehmen. Das gilt für Deutschland wie für die USA. Die Autoren verglichen einfach zehn Einsatzjahre für beide Technologien. Der Unterschied ist beeindruckend.

Tschernobyl – eine überschätzte Katastrophe

Nun spielen Sie vielleicht mit dem Gedanken, ihre Ansichten über Atomkraft zu überdenken, so wie ich es getan habe. Aber was ist mit Tschernobyl? Was mit Fukushima? Was ist mit all dem Atommüll? Das sind berechtigte Fragen. Als ich angefangen habe, sie zu stellen, haben auch andere gerade begonnen, ihre Meinung zu ändern. Einer, der mich besonders beeindruckte und der besonders einflussreich war, war George Monbiot. Der britische Umweltaktivist und Journalist schrieb kurz nach Fukushima eine Kolumne, in der er die wissenschaftliche Forschung über Strahlung durchging und zu dem Schluss kam: „Die Anti-Atom-Bewegung, der ich einst angehörte, hat die Welt über die Auswirkungen von Strahlung auf die menschliche Gesundheit getäuscht.“ Ich schreibe manchmal selbst ziemlich vernichtende Dinge, aber diese Kolumne hatte es wirklich in sich. Er hatte mit vielen Wissenschaftlern gesprochen, die Strahlung erforschen.

„In Tschernobyl kommt man auf 28 Todesfälle durch Strahlenkrankheit und 15 Todesfälle durch Schilddrüsenkrebs in den letzten 25 Jahren.“

Eine britische Top-Wissenschaftlerin, die Strahlung erforscht, ist Gerry Thomas. Sie gründete die sogenannte Chernobyl Tissue Bank (Tschernobyl-Gewebebank), weil das Unglück sie so beschäftigte. Thomas ist eine komplett unabhängige Professorin für Pathologie am Imperial College London. Ich rief sie an. Das Erste, worauf sie hinwies, war, dass die am stärksten ionisierende Strahlung – das ist die Strahlung, die Schaden anrichten kann und bei Atomunfällen entsteht – natürlichen Ursprungs ist. Meine Reaktion war: „Das klingt okay. Ich mag natürliches Essen. Natürliche Strahlung aus heißen Quellen.“ Gerry sagte: „Nein, tatsächlich ist natürliche Strahlung genauso schädlich wie künstliche Strahlung.“

Es ist beeindruckend, dass die ionisierende radioaktive Strahlung, der wir durch Tschernobyl, Fukushima und all die Atombombentests der 1960er- und 70er-Jahre ausgesetzt sind, bloß null Komma drei Prozent der Gesamtmenge ausmacht. Der Großteil der Strahlung, der wir ausgesetzt sind, kommt aus der Erde, der Atmosphäre und den Gebäuden um uns herum.

Schauen wir uns den Unfall von Tschernobyl an, den sogenannten „Super-GAU“. Er machte mich damals zum Atomkraftgegner und letztlich zum Anti-Atom-Aktivisten. Die Vereinten Nationen haben große Forschungsbemühungen angeleitet, an denen insgesamt hunderte Wissenschaftler auf der ganzen Welt beteiligt waren. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die Daten manipuliert oder etwas vertuscht, ist in diesem Umfeld ziemlich gering, denn viele glaubwürdige Wissenschaftler an verschiedenen Universitäten waren an der Arbeit beteiligt.

Für mich war Tschernobyl ein Wendepunkt. Tschernobyl war der schlimmste Atomunfall, den wir je hatten. Ich habe auch schon gehört, dass es der schlimmste Unfall sein soll, den es geben kann. So eine weitreichende Behauptung muss ich gar nicht aufstellen. Aber da war buchstäblich ein Reaktor ohne Reaktorhülle, und er stand in Flammen. Strahlung regnete auf alle herunter. Es war ein grauenhafter Unfall.

Aber wenn man anfängt, die Toten zu zählen, kommt man auf 28 Todesfälle durch Strahlenkrankheit und 15 Todesfälle durch Schilddrüsenkrebs in den letzten 25 Jahren. So zynisch es klingt, Schilddrüsenkrebs ist tatsächlich eine der „günstigeren“ Krebsarten, die man haben kann, denn kaum jemand stirbt daran. Er lässt sich sehr gut behandeln. Die Schilddrüse kann operativ entfernt werden, und man nimmt dann L-Thyroxin, ein synthetisches Substitut. Tatsächlich hielten sich die meisten Betroffenen, die starben, in abgelegenen ländlichen Gegenden auf, wo sie die notwendige Behandlung nicht erhalten konnten.

„Abgesehen vom Schilddrüsenkrebs gibt es keinerlei Hinweis auf irgendeinen Anstieg von Krebs unter den Arbeitern, die in Tschernobyl gelöscht und nachher aufgeräumt haben.“

Man schätzt, dass von den 16.000 Menschen, die durch Tschernobyl Schilddrüsenkrebs bekommen haben, letztlich 160 daran sterben werden. Es ist übrigens nicht so, dass sie sofort daran sterben. Sie sterben daran, wenn sie in hohem Alter sind. Ich möchte nichts relativieren, aber dieser Kontext ist wichtig. Und es gibt keine Hinweise auf irgendeinen Anstieg von Schilddrüsenkrebs außerhalb der drei am meisten betroffenen Länder: Russland, Ukraine und Weißrussland. Es gibt keine Hinweise auf Auswirkungen des Reaktorunglücks auf Fruchtbarkeit, Missbildungen bei der Geburt oder Säuglingssterblichkeit; auch nicht für einen Anstieg an unglücklichen Schwangerschaftsverläufen oder Totgeburten, auch nicht für genetische Auswirkungen.

Ein weiterer Punkt ist meines Erachtens der bemerkenswerteste: Abgesehen vom Schilddrüsenkrebs gibt es keinerlei Hinweis auf irgendeinen Anstieg von Krebs unter den Arbeitern, die das Tschernobyl-Feuer gelöscht und nachher den Unglücksort aufgeräumt haben. Ich wundere mich noch immer über diesen Befund, und kann Ihre Skepsis nachvollziehen. Daher hier der Link zur Studie.

Fukushima – keine Strahlentoten

Meine intensive Lektüre zum Thema Tschernobyl war maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich meine Haltung zur Atomkraft überdacht habe. Was ist mit Fukushima? Das war der zweitschlimmste Atomunfall der Geschichte und bei Weitem kleiner als Tschernobyl. Es gab keine Todesfälle durch Strahlungseinwirkung, was ziemlich verblüffend ist. Dafür sind 1500 Menschen gestorben, weil sie aus Pflegeheimen und Krankenhäusern gezerrt worden sind – es war der Wahnsinn, die reinste Panik. Die japanische Regierung hätte das nicht tun sollen, es widersprach jeglichen Standards des Katastrophenmanagements. Man muss Zuflucht vor Ort bieten. Indem die Menschen aus ihren Häusern gezerrt und draußen herummanövriert wurden, hat man letztlich mehr Menschen einem höheren Maß an Strahlung ausgesetzt.

Und das muss man nun vergleichen mit den anderen Dingen, die da vor sich gingen, etwa den 15.000 bis 20.000, die als Folge des Tsunami sofort ertranken – übrigens durch eine Vielzahl verschiedener Technologien in Fallen geraten. Während also kein Anstieg an Schilddrüsenkrebs erfolgte, gab es Stress und Angst, weil die Leute glaubten, sie seien verseucht, trotz aller Erkenntnisse, dass das überhaupt nicht der Fall war.

„In Colorado liegt die jährliche Strahlenbelastung in etwa so hoch ist wie die der Menschen, die in der Nähe von Tschernobyl wohnen.“

Wissenschaftler machten eine interessante Untersuchung. Sie nahmen eine Gruppe Schulkinder aus Frankreich nach Fukushima mit und ließen sie Dosimeter tragen, wie wir Geigerzähler heute nennen. Die Strahlenbelastung war dramatisch erhöht, als die Kinder durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen gingen. Auch während des Fluges von Paris nach Tokio war die Strahlenbelastung dramatisch erhöht. Die Kinder gingen durch das Sicherheitssystem der französischen Botschaft, und wieder war die Strahlenbelastung dramatisch erhöht. Als sie dann in die Stadt Tomioka gingen, die eine Menge Strahlung durch den Unfall abbekommen hatte, gab es – verglichen mit den Sicherheitskontrollen – nur einen winzigen Anstieg.

Stellen wir das Thema Strahlung in einen noch größeren Zusammenhang. Wer in einer Großstadt wie London, Berlin oder New York lebt, erhöht sein Mortalitätsrisiko um 2,8 Prozent, alleine durch Luftverschmutzung. Wer mit einem Zigarettenraucher zusammenlebt, erhöht sein Sterberisiko um 1,7 Prozent. Aber wer bei den Reinigungsarbeiten in Tschernobyl mitgemacht hat, erhöht sein Sterberisiko um gerade mal ein Prozent. Das liegt einfach daran, dass die Strahlenbelastung nicht so hoch war, wie viele dachten.

Ich komme aus dem US-Bundesstaat Colorado, wo die jährliche Strahlenbelastung in etwa so hoch ist wie für die der Menschen, die in der Nähe von Tschernobyl wohnen. Das ist alles wirklich elementare Wissenschaft und einfach im Internet abrufbar, aber keiner weiß es. Nur acht Prozent aller befragten Russen konnten die Todesrate von Tschernobyl korrekt schätzen und null Prozent die von Fukushima.

„Solarenergie erzeugt 200- bis 300-mal so viel toxischen Müll wie Atomenergie.“

Derweil gibt es sieben Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch Luftverschmutzung, und die Hinweise auf Schäden durch Feinstaub werden immer stärker. Darum kommt jede größere Fachzeitschrift, die sich mit der Atomenergie beschäftigt, zu dem Schluss, dass sie die sicherste Art und Weise ist, Elektrizität zu erzeugen. All dies führt uns zu einer unbequemen Schlussfolgerung – einer, zu der auch der Klimawissenschaftler James Hansen vor kurzem kam: Atomenergie hat tatsächlich 1,8 Millionen Leben gerettet. Darüber hört man nicht so viel.

Atom- und Solarmüll

„Aber was ist mit dem Müll?“, werden viele fragen. Das Wichtigste am Atommüll ist, dass er der einzige Müll aus Stromerzeugung ist, der an einem sicheren Ort eingeschlossen wird. Der ganze andere Müll aus Stromerzeugung geht in die Umwelt, einschließlich dem von Kohle, Erdgas und – noch eine unbequeme Tatsache – dem von Solaranlagen. Außerhalb der EU gibt es keine Pläne, Solaranlagen zu recyceln. Das heißt, dass all unsere Solaranlagen in Kalifornien zu Abfall werden. Und dieser Abfall enthält schwere, giftige Metalle wie etwa Chrom, Kadmium und Blei. Wie viel toxischen Solarabfall gibt es? Um eine Vorstellung davon zu bekommen, sollte man beachten, dass sehr viel mehr Material nötig ist, um Energie aus Solar- und Windkraftanlagen zu erzeugen als aus Atomkraftwerken. Daher erzeugt Solarenergie tatsächlich 200- bis 300-mal so viel toxischen Müll wie Atomenergie.

Was ist mit der nuklearen Proliferation? Falls irgendein Risiko bestünde, dass mehr Atomenergie die Gefahr eines Atomkrieges erhöhen würde, wäre ich dagegen. Ich glaube daran, dass Diplomatie fast immer die richtige Lösung ist. „Aber was ist mit Nordkorea?“ Nordkorea zeigt, dass ich Recht habe. Um Atomkraft zu bekommen – und so ist es schon seit 50 Jahren – muss man zusagen, dass man keine Atomwaffen anstrebt. Das ist der Deal.

„Hinweise, dass Atomenergie zu Atombomben führt, werden Sie nirgendwo finden.“

Südkorea wollte die Atomkraft. Sie waren damit einverstanden, dass sie dann keine Atomwaffen bekommen würden. Sie haben auch keine. Nordkorea wollte die Atomkraft. Ich denke, sie hätten sie bekommen sollen. Wir haben sie ihnen aus verschiedenen Gründen verwehrt. Sie haben Atomwaffen entwickelt. Sie testen Raketen, die Japan erreichen können und bald auch Kalifornien. Hinweise, dass Atomenergie zu Atombomben führt, werden Sie also weder auf der koreanischen Halbinsel noch sonst irgendwo finden.

Wohin führt uns das alles? Zu noch mehr unbequemen Wahrheiten. Zum Beispiel: Wenn Deutschland seine Atomkraftwerke nicht abgeschaltet hätte, wäre der deutsche CO2-Ausstoß 43 Prozent niedriger als er heute ist. Und wenn Ihnen der Klimawandel Sorgen bereitet, müssen Sie sich damit zumindest auseinandersetzen – insbesondere angesichts der Tatsachen über die Gesundheitsauswirkungen der verschiedenen Energieträger, die ich hier vorgestellt habe.

Ich möchte mit einem Zitat von jemandem schließen, der seine Meinung zur Atomkraft ebenfalls geändert hat. Jemand, der auch ein großer Held meiner Kindheit war, und das ist Sting: „Wenn wir die globale Erwärmung wirklich in den Griff kriegen wollen, ist Atomkraft der einzige Weg, um massenhaft Energie zu erzeugen.“