11.06.2021

Warnende Worte

Von Martin Bartholmy

Titelbild

Foto: Infinite Ache via Flickr / CC BY 2.0

Warnende Erzählungen kennen wir aus der Literatur. Heute stoßen wir auch in aktuellen Medien auf dieses schlichte, paternalistische Genre.

Zu Beginn eine Definition. Das literarische Genre, um das es im Folgenden geht – und obgleich es zu den ganz alten gehört – hat im Deutschen keinen gängigen Namen (im Englischen heißt es „cautionary tale‟). Was also ist eine „cautionary tale‟, d.h. eine warnende Erzählung? Es ist eine meist kurze Geschichte, in welcher ein abschreckendes Beispiel gegeben wird, eine Geschichte mit Nutzanwendung, wobei die jeweilige Lehre knapp und drastisch dargestellt und die schlimmen Folgen abweichenden Handelns aufgezeigt werden. Schön auf den Punkt gebracht (da parodistisch übersteigert) von Wilhelm Busch: „Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!‟

Wie alt die Gattung ist, zeigen die verwandten Genres Fabel und Gleichnis, die oft Lehr- und Warngeschichten erzählen. In der Äsopschen Fabel „Der verschwenderische Jüngling und die Schwalbe“ gibt ein leichtsinniger Bursche, kaum sieht er die erste Schwalbe, seinen Mantel her, meint er doch, nun im Frühling könne er ihn entbehren. Es kommt anders: Der Frost kehrt zurück, die Schwalbe erfriert, der Unbedachte bibbert – und lernt: Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling.

Ähnlich einige Gleichnisse der Bibel, etwa die Geschichte von den anvertrauten Talenten, in welcher ein Herr dreien seiner Knechte Geld (Talente) überlässt und verreist. Als er zurückkommt, zeigt sich, zwei der Knechte haben das Geld angelegt und vermehrt, der dritte aber vergrub es – und hat nun eben so viel als wie zuvor. Die beiden ersten werden vom Herrn belohnt; der ohne Zinsertrag Sparende aber wird gerüffelt und mit folgender Lehre abgefertigt: „Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben. Wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat‟ – wovon uns die Redewendung blieb, man solle mit seinen Talenten wuchern.

Mehr noch als in der Fabel liegt im Gleichnis die Lehre nicht im wörtlich Gesagten: Das Erzählte ist symbolisch gemeint, und es bedarf der Auslegung (wofür stehen die Talente?) – was jedoch nicht hindert, es wörtlich zu nehmen, wie genannte Redewendung belegt, von deren symbolischem Gehalt viele heute nichts mehr wissen. Ist das Exempel zu diffizil, macht sich das Volk im Zweifel seinen eigenen Reim darauf.

„Seit Beginn der Volkspädagogik, fanden sich warnende Erzählungen vor allem in Fibeln und anderen Lese- und Schulbüchern.“

In der Neuzeit, das heiß, seit Aufklärung und mit Beginn der Volkspädagogik, kamen die warnenden Erzählungen meist ohne symbolischen Tiefsinn aus, richteten sie sich nun doch an Kinder, welchen – kindgemäß – zum praktischen Gebrauch bestimmte, moralisch unterfütterte Handlungsanweisungen verklickert werden sollten. Seit jener Zeit fanden sich warnende Erzählungen vor allem in Fibeln und anderen Lese- und Schulbüchern.

Das heute bekannteste Buch der Gattung ist Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ (1845), ein Erfolg, der viel damit zu tun hat, dass die grobschlächtige Bebilderung bestens zur schlichten Moral und den gleichfalls schlichten Verse passt: „Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind; [...] bringt es ihnen Gut's genug und ein schönes Bilderbuch.‟ Vor allem aber sorgt die drastische Gewalt für Schadenfreude und die überdrehte Comic-Brutalität macht lachen (Hui! Wie wird da dem Daumenlutscher lustig das corpus delicti amputiert – igitt! – haha!).

Nicht weit der Weg von Hoffmanns Buch zur Parodie. Den Übergang markiert Wilhelm Busch, der zwar nicht, was er vorgeblich kritisierte – etwa das Verhalten von Max und Moritz oder der Frommen Helene – subversiv preisen wollte, doch gibt bei Busch die Pädagogik den lebertranvollen Löffel ab und stattdessen bekommen wir Pralinés:

„Es ist ein Brauch von alters her: / Wer Sorgen hat, hat auch Likör! / ‚Nein!‘ – ruft Helene – ‚Aber nun / Will ich's auch ganz – und ganz – und ganz – / und ganz gewiß nicht wieder tun!‘

Jedoch:
„Gefährlich ist des Freundes Nähe, / O Lene, Lene! Wehe, Wehe! / Oh, sieh! – Im sel'gen Nachtgewande / Erscheint die jünstverstorbne Tante. / Mit geisterhaftem Schmerzgetöne – / ‚Helene!‘ – ruft sie – ‚O Helene!‘ / Umsonst! Es fällt die Lampe um, / Gefüllt mit dem Petroleum. / Und hilflos und mit Angstgewimmer / Verkohlt dies fromme Frauenzimmer. / Hier sieht man ihre Trümmer rauchen. / Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen.“

Einige Bildgeschichten von Edward Gorey, Werke der Neuen Frankfurter Schule oder, heute, Zeichnungen von Roz Chast spielen auf ihre jeweils eigene Art mit der Komik, die sich aus warnenden Erzählungen schlagen lässt. Einer Komik, die zu tun hat mit dem Missverhältnis zwischen missionarischem Eifer der Belehrung und der Schlichtheit der Lehre, die verklickert werden soll, oder zwischen krassen Warnungen, die einen als Kind in Angst und Schrecken versetzten – und später, im eigenen Entwicklungsroman, spielte sich dann alles ganz anders ab. Aus all diesen Stoffen hat sich ein buntes Spiel (meist komischer) Formen und Geschichten entwickelt, so sehr, dass die dem zugrundeliegende warnende Erzählung unwiederbringlich verloren scheint …

… und hier, könnte man meinen, schließt sich der Kreis: Ein schlichtes Genre, durch das meist leseunkundige, bildungsferne Laien moralisch ertüchtigt werden sollten, sinkt ab zum Paukstoff für die Kleinen und Kleinsten, bis es selbst da durch sein autoritäres Gehabe, seine geistige Schlichtheit so fadenscheinig geworden ist, dass es nur noch für ungewollte Komik taugt – und als Grundstoff für die Persiflage.

Wie sich die Zeiten wandeln. Wie sie sich wieder gewandelt haben. Um das Jahr 2000 war einmal „Irony is over‟ die Parole der Stunde, und forderten einige Influencer avant la lettre eine „neue Ernsthaftigkeit‟, denn Ironie und Persiflage galten als überholt – als läppisch, als dekadent. Auf neue, große und größte Bedrohungen, so die Mahnung, auf Rechtsextremismus, Fundamentalismus, Umweltkrise, müsse ernsthaft und diszipliniert eingegangen werden – und Ironie sei, wie alles Spielerische, überholter Ausdruck einer satten Konsumgesinnung. Abgerundet wurde diese Argumentation in jüngerer Zeit dann durch die Behauptung, Ironie, Komik und alle Formen uneigentlichen Sprechens dienten überwiegend als Schutzmantel für Sexismus und Rassismus.

„Die Corona-Pandemie war ein prima Spielfeld, dieses einst verpönte Erzählmuster so richtig von neuem auszutesten.“

Ernste Ermahnung und letzte Warnung – Sprechweisen, im Zeichen der Klimakrise vielfach erprobt –, entwickelten jedoch keine eigene Kunstform, keine neue Rede, sie plünderten die Briefsteller abgedankter Apostel: Bereue – das Ende ist nah und, brätst du erst in der fünf Grad wärmeren Welt, wird dir das Lachen schon vergehen. Ein bisschen plump und durchsichtig ist das natürlich – und entsprechend reizt es die Spottlust, aber aus dem Vintage-Regal kommt schon der nächste volkspädagogische Hammer: die warnende Geschichte … und die Corona-Pandemie war ein prima Spielfeld, dieses einst verpönte Erzählmuster so richtig von neuem auszutesten:

Der US-Musiker Ted Nugent hält die Pandemie für eine Erfindung. Was widerfährt solchen Ungläubigen? … Klare Sache: Die kriegen Corona. Für Nugent ging die Sache aber noch einmal glimpflich aus, denn er bereute und gestand seine Sünden.

Der langjährige Präsident Tansanias ist tot – eventuell gestorben an Corona, und das, nachdem er die Existenz des Virus bestritten hatte – ätsch-bätsch.

… und die Impfgegner, klaro, müssen auf die harte Tour verklickert bekommen, was sie erwartet.

Wer nun aber glaubt, durchs Maske tragen allein, durch Tests und Impfung könne man dem Schicksal von der Schippe springen, hat sich geschnitten: „Alkohol und Rauchen: Die COVID-19-Pandemie als idealer Nährboden für Süchte‟.

Und, denkt man, Drogen lassen einen kalt, dann brennt es eben anderswo: „Coronavirus: Zunahme von Porno-Konsum führt zu Erektionsproblemen‟. Merke: Selbst ollste Mythen wie „Tausend Schuss – dann ist Schluss‟ lassen sich umlackiert als Neuwagen verkaufen.

Was aber ist mit jenen, die sich in schweren Zeiten in ernstem Bemühen schwer am Riemen reißen und hoffen, das mache sie gegens Schicksal immun? Pustekuchen – Gefahr droht von den Nächsten: „In Quarantäne nimmt häusliche Gewalt zu‟.

Also besser ins Freie – mal raus, Sonne tanken, Füße vertreten … was soll da schon passieren? „Gelegenheit macht Raser: Die Zahl der illegalen Autorennen in Berlin hat dramatisch zugenommen, seit es auf den Straßen coronabedingt leerer ist.

Und wegfliegen …? Haha, belieben zu scherzen.

Am besten, man nimmt sich einen Strick und erschießt sich – vorausgesetzt, man kommt, der coronabedingten Materialknappheit wegen, an ein Seil, einen Haken oder Balken – und findet dann auf übervollen Friedhöfen noch eine Grabstelle (Urnenbegräbnis? – Könnse vergessen – totale Klimasünde, und was da drauf steht: siehe oben).