16.07.2013

Verteidigt die Kindheit!

Analyse von Monika Bittl

Das Konzept der Kindheit ist eine der großen Errungenschaften der Aufklärung. Heute erodiert sie zunehmend. Wieso wir Eltern und Kinder gegen Normierung, Medikalisierung und Regulierung verteidigen müssen.

Damals, als das Wünschen noch geholfen hat, wünschte man sich keine Kinder, sondern sie kamen einfach. Kleine Menschen wurden geboren, unreife Erwachsene, die viel Aufzuchtmühe und oft auch das Leben der Mutter kosteten. Kleine Menschen kamen zur Welt und keiner wusste, wie lange sie überleben würden. Warum sollte man diese Wesen besonders lieb haben? Warum an jemanden das Herz verschenken, der ohnehin vielleicht bald wieder geht? Warum so einen defizitären Menschen hochachten, außer im Sinne eines Generationenvertrages für die Altersversorgung? Doch diese Wesen mussten erst einmal aus dem Gröbsten raus sein, um das überhaupt versprechen zu können. Sprachlich entsprechend machte man sich nicht einmal die Mühe, die Kindheitsphasen genauer einzuteilen. „Baby“ und „Kleinkind“ waren noch keine im heutigen Sinne gebräuchlichen differenzierenden Bezeichnungen. „Richtige“ Menschen fingen quasi erst als Ausgewachsene an. [1]

Dann half das Wünschen irgendwann einmal nichts mehr. Die Aufklärung vertrieb die Märchen, Mythen und Gott aus unserem Weltbild und erklärte uns zu vernünftigen Wesen. Nicht der Herrgott und die Ständeordnung bestimmten fortan alleine unseren Lebensweg, sondern vor allem auch unsere Vernunft und unser freier Wille. Kein historischer Zufall, dass just zu jener Zeit die Kindheit „entdeckt“ wurde.

Karl Philipp Moritz schrieb den ersten Entwicklungsroman [2], der ein Menschenleben als Reife von Kindheit über Adoleszenz bis hin zum Erwachsenwerden beschreibt. Kant [3], Goethe [4] und Knigge [5] (ja, genau der, der später völlig zu Unrecht nur noch als Verhaltenskodex rezipiert wurde!) legten sich super-fortschrittlich für Respekt vor der Kindheit ins Zeug und „erfanden“ dafür eine „menschliche Natur“: Weiber und Kinder wurden zwar in Anlehnung an Rousseau als Abweichung von der männlichen Norm gesehen, aber man gab ihnen generös ein Plätzchen im Weltenlauf, ihre eigene „Natur“. Weiber waren fortan „von Natur aus“ einfühlsamer, aufopfernder und instinktgesteuerter. Kinder waren ab jetzt „von Natur aus“ reine, unschuldige Seelen.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich die Idee der Aufklärung und der damit einhergehenden Bildung für alle ab dem Kindesalter nur langsam in verschiedenen deutschen Ländern durch. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht – an der sich das festmachen lässt – gebar dabei für unser heutiges Empfinden seltsame Auswüchse. Guter Unterricht schien sich mehr willkürlichen Gegebenheiten denn gezielter Pädagogik zu verdanken. Kinder der oberen Stände und deren Privatlehrer seien jetzt mal außer Acht gelassen, sie stellten ohnehin nur wenige Prozent der Bevölkerung. Es geht um die große Masse der Kinder, mit deren Schulbildung eines der wichtigsten Ziele der Aufklärung erkämpft werden sollte. Keiner sollte prinzipiell mehr dumm gehalten den Pfarrern von der Kanzel lauschen, sondern selbst lesen und denken können.

Viele Kinder wurden in dieser epochalen Übergangsphase entweder gar nicht oder teilweise oder vollständig zur Schule geschickt. Je nachdem, wie der Lehrer das Kind einstufte, besuchte ein Achtjähriger eine Gruppe mit einem heute vergleichbaren Stoff der neunten Klasse oder ein Zwölfjähriger die Gruppe mit dem heute vergleichbaren Stoff der ersten Klasse. Machte das Kind gute Fortschritte, sprang es in andere Gruppen, mochte der kleine Mensch nicht so recht lernen, blieb er einfach in der Gruppe, in die man ihn geschickt hatte. Nötige Arbeit für die Familie riss die Kleinen wieder aus dem Unterricht heraus, später wurden sie wieder eingeschult. Das ergab eine ähnlich durchlöcherte Laufbahn, wie sie heute viele Akademiker erleben: Mal ohne Job Hartz IV beziehend, mal gut dotiert eingegliedert. Mit einem Zuwachs der Schüler kam irgendwer auf die Idee, doch Klassen nach Altersstufen oder gar Klassenzimmer einzurichten. Die große Norm für Kinder der Neuzeit war geboren: Die Schulklasse.

Zwischen fünf und sieben Jahren musste nun normalerweise eingeschult und sollten die elementaren Formen von Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt werden. Klassenziele waren fortan zu erreichen. Die Lehrer waren ihrem Dienstherren (bis ins 20. Jahrhundert meist der Pfarrer) Rechenschaft schuldig. Und doch war bis in die 1960er Jahre die „Gruppenidee“ noch präsent. In Dorfschulen wurden die Jahrgangsstufen eins bis vier und fünf bis acht (oder neun) noch in Klassen gemeinsam unterrichtet. Kinder, die nach Einschätzung des Lehrers erst im zweiten Jahr der Einschulung die geistige Reife hatten, richtig Lesen und Rechnen zu lernen, fielen nicht durch, sondern blieben weiter in der Gruppe. Kluge Kinder konnten nach zwei Jahren die Gruppe verlassen und in der nächsthöheren Gruppe ihrer Entwicklung entsprechend gefordert und gefördert werden.

Besonders kluge und besonders dumme Kinder (die man damals noch so nannte) profitierten von dem durchlässigen System. Sie wurden weder mit dem Etikett „lernstark“ oder „lernschwach“ versehen – sie bekamen erst gar keins verpasst. Sie waren innerhalb der „Norm“, die man nicht nur als Erfüllung von Klassenzielen und das Erreichen von bestimmten Vorgaben zu einem genauen Alter der Kindheit verstand, sondern eben auch mitsamt den ganz üblichen individuellen Abweichungen verstand.

Jetzt hilft offenbar das Wünschen wieder. Kinder sind nicht mehr das zufällige Nebenprodukt eines Geschlechtsverkehrs, sondern sorgsam im Lebenslauf zweier Erwachsener geplante Wunschkinder. Zwischen Karriere und Ablaufen der biologischen Uhr werden sie zielgenau terminiert. Als Glücksversprechen des eigenen Lebensentwurfes müssen sie aber auch unbedingt halten, was wir mit ihnen planten. Nein, wir erwarten natürlich nicht mehr, dass sie den väterlichen Betrieb übernehmen oder züchtige Hausfrauen werden – viel schlimmer: Wir, die wir einige Karriereschritte für sie zurückgingen und von schlaflosen Nächten mit Säuglingen wie von einem großem Trauma sprechen, fordern von unserem Nachwuchs regelrecht, dass er die Investition wettmacht. Mit Argusaugen beobachten wir deshalb seine Entwicklung und lesen tonnenweise Erziehungsratgeber. Wir können bei der Aufzucht keinerlei Risiko mehr eingehen, lassen zu hohe Klettergerüste auf dem Spielplatz per Bürgerbegehren abbauen und kontrollieren die Wege der Kleinen via Handy-Ortung. Entwicklungsverzögerungen werden minutiös festgestellt und mit Ergo- und Logotherapien sofort behandelt, um nur ja nichts zu „versäumen“.

Die zweite große Norm der Neuzeit für Kinder hat seinen Siegeszug angetreten – die verinnerlichten Normvorstellungen der Eltern. Wie sehr sie einem Märchen oder Mythos entsprechen, ist uns längst nicht mehr gewahr. Die Aufklärung hat – wie Horkheimer/Adorno [6] deren Strukturen in einem ganz anderen Zusammenhang entlarvten und Foucault und Popper zeigten [7] – ihr inhärentes Gegenteil in sich und kann ganz schnell in Barbarei umgeschlagen. Objektivität und Vernunft brauchen stets ein waches Auge anderer auf sie, um sich nicht in neue Mythen und Märchen zu verwandeln.

Meine Großmutter hätte mir wahrscheinlich den Vogel dafür gezeigt, was wir mit ihren Urenkelkindern so veranstalten. („Was? Der Kleine kann mit 14 Monaten noch nicht laufen und deshalb gehst du zum Doktor? Ich weiß gar nicht mehr, wann meine Kinder überhaupt zu laufen anfingen, irgendwann, ist das nicht völlig wurscht, solange sie es lernen?“). Völlig verrückt hätte sie ihre Nachkommen wohl dafür erklärt, was mittlerweile rund um die Schule und Bildung passiert.

Schule ist nicht mehr Obliegenheit der Kinder und der Lehrer – Eltern werden schon in der Grundschule aufgefordert, mit den Kleinen Lesen und Rechnen zu üben. Väter planen ihre Urlaubstage nach anstehenden Tests. Großeltern lernen mit den sie in den Ferien besuchenden Enkeln je nach Vorbildung wahlweise Latein, Mathe oder Englisch.

Schule wird zunehmend in die Familien ausverlagert. Familien, die Kinder bis hin zum Abitur „begleiten“, sind zur Norm geworden. Und mit der Abschaffung der klaren Kompetenzzuschreibungen wurde ein „Krieg“ Jeder gegen Jeden eröffnet. Eltern gehen mit Anwälten wegen einer Note in einer Stegreifaufgabe gegen Lehrer vor, Lehrer bezichtigen vice versa in Sprechstunden Eltern des Versagens in der Erziehung. Kinder weinen still oder schmeißen wütend die Türen zu, weil eine Sechs in Mathe den Wochenendausflug ins Wasser fallen lässt und stattdessen bei einem weiteren Machtkampf, über die Erziehung hinaus, gebüffelt werden muss.

Die daraus „folgerichtig“ resultierende soziale Ungleichheit ist ein eigenes Thema. Kinder, deren Eltern weder über Zeit, Bildung noch Geld für Nachhilfelehrer verfügen, sind schnell wieder aus höheren Schulen raus. Mittlerweile gilt das jedoch als Kollateralschaden in einem System, das ähnlich undurchlässig ist wie die Ständeordnung vergangener Jahrhunderte. Selbst in teuren Privatschulen wird ganz selbstverständlich eine „Mitarbeit“ der Erziehenden erwartet. Und in Anbetracht des gesamten Phänomens machen sich Unterschiede zwischen Hamburg, Brandenburg und München herzlich gering aus.

Die „Schuld“ an diesen Zuständen nur einer miserablen Bildungspolitik zuzuschreiben, wäre zu einfach. Auch das „terminierte Glücksversprechen“ der Eltern oder gar das generelle Postulieren einer „Leistungsgesellschaft“ greift zu kurz. Ein tieferer gesellschaftlicher Bewusstseinswandel treibt neue „Bildungsblüten“ im negativen Wortsinn. „Freud light“ hat unsere Köpfe und Seelen durchtränkt und uns mittlerweile im Schulterschluss mit den modernen Naturwissenschaften den freien Willen abgenommen. Wir sind von Genen, frühkindlichen Prägungen, Hormonen, Arbeitsstrukturen oder „unbewussten Fallen“ bestimmt. Wir erleben Emotionalität und Denken nicht mehr als unmittelbaren Ausdrucks unseres Seins, sondern ordnen sie zunehmend in einen reaktiven Kontext ein.

Dr. Sigmund Freud, der bahnbrechend die Seelen von der Schuld und Geisteskranke von Elektroschocks in Irrenhäusern befreite, ist zur Light- und Zeroversion weichgespült. Nicht mehr Verdrängung, Verdichtung und Verschiebung werden auf der gesellschaftspolitischen Couch analysiert, sondern wir nehmen einzeln und gemeinsam an Sitzungen teil, um uns des freien Willens zu entledigen. Als Trinker sehen wir uns als Süchtige, die zur Flasche greifen müssen. Als Melancholiker erliegen wir der Volkskrankheit „Depression“, der wir einfach nicht entrinnen können. Als Ehrgeizige, die über die Stränge schlugen, leiden wir an einem Burn-out.

Wir setzen uns kollektiv ins Passiv physischer, psychischer und gesellschaftspolitischer Gegebenheiten. Wir geben Selbstverantwortung und Engagement an der nächstmöglichen Garderobe ab: Im Büro, in Praxen, in Vereinsheimen, im Parlament und sogar in den eigenen vier Wänden. Nirgendwo zeigt sich diese verhängnisvolle Praxis deutlicher als im Umgang mit Kindern.

Am sprachlichen Paradoxon lässt sich die Wurzel dessen ablesen: Wir entledigen uns freiwillig unseres freien Willens.

Erwachsene haben sich noch nie so in das Leben ihrer Kinder eingemischt, ihnen so wenig Autonomie und so viel Kontrolle zukommen lassen und damit ihre Eigenständigkeit und ihren freien Willen abgestritten. Vormals konnten sich Kinder noch im Kollektiv abweichend sehen, ihr gemeinsames Spiel als zusammen abweichend von der Norm des Menschseins betrachten. Heute sagt ein Siebenjähriger auf dem Pausenhof der Grundschule: „Ich komme nicht auf’s Gymnasium. Ich hab Legasthenie. Ich bin ein Versager.“ Er drückt damit aus, dass nicht mehr sein Wille zählt, sondern seine „Krankheit“ ihn bestimmt. Die am Fließband diagnostizierten neuen „Kinderkrankheiten“ wie ADS/ADHS vermitteln schon den Jüngsten das Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht, und „man“ hätte sich um sie zu sorgen.[8]

Kinder und Jugendliche nehmen sich in einem Ausmaß als „defizitär“ wahr, wie es vormals nur über die „Erbsünde“ möglich war. Die Tragödie der neuen Generation heißt nicht Computerspiel oder Facebook, sondern es sind wir Eltern und Lehrer. Wir leben ihnen vor, woran sie zu leiden haben werden. Wir erwarten einen fürsorglichen (paternalistischen) Staat, der sich gefälligst um unseren Schutz zu kümmern hat und mutieren für dieses Schutzbedürfnis gerne selbst zu Kleinkindern, in der Hoffnung, eine Instanz außerhalb unserer Selbst könnte uns jede Unbill des Lebens abnehmen. Dafür schließen wir den neuen Teufelspakt, dessen Preis unsere Freiheit ist.

Unmengen an Hintertürchen sind geöffnet, um eine ganze Generation nicht mehr freiheitlich-selbstbestimmt geprägt aufwachsen zu lassen, sondern sie zu Opfern und Losern abzuwerten. So klug wir sonst vielleicht gesellschaftspolitische Tendenzen bemerken und analysieren – kaum geht es um unsere Kinder, nehmen wir den größten anzunehmenden Unsinn ernst und tanzen mit den Kids Buchstaben, wenn es die esoterische Lehrerin denn verlangt.

Wir sind zutiefst verunsichert, was uns und unsere Kinder und den besagten freien Willen betrifft. Wir vertrauen weder ihnen noch uns mehr. Wir haben das größte Ziel der Aufklärung im Grab der unbekannten Geister verscharrt: Bei aller Unzulänglichkeit sind wir Menschen selbst und unser freier Wille noch immer der größte und beste Maßstab. Und damit können wir auch wirklich gute Eltern sein.

Möchte doch das Wünschen wieder helfen und unseren Kindern eine der größten Errungenschaften der Aufklärung wiederbringen: ihre Kindheit. Eine Kindheit, die sie in Ruhe Kinder sein lässt, mit allen Abweichungen von einer vorgeblichen Norm, einer Norm, die den irrationalen Vorstellungen von Erwachsenen zu verdanken ist und ihrer abstrusen Idee entspringt, der freie Wille sei hoffnungslos retro.