21.02.2022

Versuchslabor an der Seine

Von Christoph Lövenich

Titelbild

Foto: U.S. Department of State via Flickr

Im französischen Film „Arès Der – letzte seiner Art“ wird man mit gefährlichen Injektionen für den brutalen Zweikampf gerüstet. Die cineastische Dystopie wetteifert mit der Pharma-Realität.

„Gegen die Tests“ heißt es auf einem Protestplakat, das auf einer Demo für ein „sofortiges Ende des Versuchsprogramms“ hochgehalten wird. „Ich bin kein Versuchskaninchen“, murrt der Protagonist des Films, in dem diese Szenen zu sehen sind. „Arès – Der letzte seiner Art“ lautet der Titel des Werks, das 2016 seine Premiere feierte. Der französische Science-Fiction-Film von Regisseur Jean-Patrick Benes stammt damit aus einer Zeit, als es noch nicht en vogue war, Konzerne für das Spritzen fragwürdiger Substanzen anzuhimmeln.

Denn die Konzerne erhalten im fiktiven (?) Frankreich der 2020er und 2030er Jahre die Möglichkeit, Menschenversuche durchzuführen, nachdem sie die turmhohen Staatsschulden und damit faktisch die Macht übernommen haben. Die nutzen sie auch dazu, Stimulanzien an Martial-Arts-Kämpfern zu erproben. Ob das jeweilige „Dope“ die Kampfkünste erfolgreich zu boostern imstande ist, erfährt das geneigte Publikum in Live-Übertragungen der Kämpfe.

Da Arbeitslosigkeit und soziales Elend enorm zugenommen haben, sind viele potenzielle Versuchsobjekte den pekuniären Anreizen gegenüber nicht abgeneigt. Dass auf seine Kappe 2000 Versuchstote in einem Jahr gehen sollen, kontert der Pharmakonzern Donevia so: „Wir haben doch niemanden getötet, es sind Unfälle. Diese Leute haben Verträge unterzeichnet, die üblichen Risiken akzeptiert. Ihre Angehörigen erhielten die gesetzlichen Entschädigungen.“ Die Hinterbliebenen werden mit 15.000 Euro abgespeist. Wie wenig das im Paris des Jahres 2035, in dem der Film spielt, wohl inflationsbereinigt wert sein mag?

Die Hauptfigur Reda, die unter dem Kampfnamen „Arès“ (nach dem Kriegsgott aus der griechischen Mythologie) in den Ring steigt, hatte schon einen Schlaganfall durch eine entsprechende Substanz erlitten. Deshalb will er von weiteren Experimenten lieber die Finger lassen und geht zum Gelderwerb als nebenberuflicher Hilfspolizist des Regimes gegen Demonstranten vor. „Ich scheiß auf die Wahrheit“, rechtfertigt er sich, „die macht niemanden satt.“

„Zu großen Teilen präsentiert der Film das Frankreich des Jahres 2035 als abgeranzte Version der Gegenwart von vor 2020, ohne die seither herrschende, real existierende Dystopie vorwegzunehmen.“

Als man seiner Schwester gezielt einen Verstoß gegen das harte Waffenverbot – je repressiver ein Regime, desto wehrloser will es die Bevölkerung machen – unterjubelt, möchte Reda die Kaution bezahlen können und lässt sich dann doch auf die nächste Spritze ein. Das zu erprobende Serum HSX soll, so der herstellende Pharmakonzern Donevia intern, „Übermenschen“ kreieren helfen. Es wirkt in einem Kampf ganze fünf Minuten lang – und damit sogar kürzer als die Corona-Impfungen –, aber man weiß hier ebenso wenig, ob das Herz solange mitmacht. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Tierarzt oder Emmanuel Macron. Reda, dargestellt vom schwedischen Schauspieler Ola Rapace (dem Ex-Mann von Noomi Rapace), scheint als einer von nur ganz wenigen den transhumanistischen Boost vertragen zu können.

Wohin die spannungs- und actiongeladene Story steuert, sei hier nicht verraten. Nur so viel: Zu großen Teilen präsentiert der Film das Frankreich des Jahres 2035 als abgeranzte Version der Gegenwart von vor 2020, ohne die seither herrschende, real existierende Dystopie vorwegzunehmen. Der Staat ergänzt zeigefingerschwingend seine „lange Liste der gesundheitsgefährdenden Lebensmittel“, jemand streamt 24 Stunden am Tag live aus seiner Wohnung, eine Gesichtsmaske erscheint allerdings nur beiläufig in einem Kameraschwenk und desinfiziert wird lediglich die Arena nach dem Kampf.

Prophetisch dann aber die Bilanz der Pharmaherrschaft über Frankreich:

„In ihren Augen waren wir nichts weiter als Versuchsobjekte. Von Oktober 2027 bis März 2035 tötete Donevia 30.126 Menschen – auf vollkommen legale Art und Weise. Von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war nichts mehr übrig.“

Eine solch präzise Zählung erscheint uns in der heutigen Zeit wenig belastbar. Wobei, die Zahl 30.000 habe ich doch kürzlich irgendwo gelesen.

In der guten alten Zeit, vor vier Jahren, schrieb Rezensent Volker Schönenberger über den Film: „Manche Bürgerinnen und Bürger halten Kritik an der Macht der Konzerne für übertrieben. All jene, die das nicht tun, erhalten einen Blick in eine mögliche Zukunft, die vielleicht gar nicht allzu weit von unserer Realität entfernt ist.“ Und stellt die Frage: „Braucht die Menschheit, braucht unser System eine Revolution?“ Die haben wir aktuell, aber eine von oben.