15.07.2016

Süßigkeiten-Bashing ohne jede Grundlage

Kommentar von Uwe Knop

Titelbild

Foto: feel-the-silence via Flickr (CC BY-SA 2.0 / bearbeitet)

Kinder würden durch den Konsum von Süßem krank oder dick, wird gerne behauptet. Die ernährungswissenschaftliche Studienlage liefert jedoch keinen Beleg für dieses Vorurteil.

Was wünscht sich man sich zur inneren Kühlung bei sengender Gluthitze im Schwimmbad, wenn einem die Sonne so richtig schön heiß auf den Pelz brennt? Ein köstlich-kaltes Eis. Vergessen Sie es. Zumindest wenn Sie in Boulder im US-Bundesstaat Colorado leben. Denn dort wurde jüngst Eiscreme aus Schwimmbädern verbannt – zum „Schutz“ vor Übergewicht, gerade auch bei Kindern Das ist nicht mehr als ein jämmerlicher Kniefall vor dem grassierenden Ernährungswahn, denn die Crux an der Sache ist: Es gibt keinen einzigen Beweis, dass Eiskrem oder Süßigkeiten Kinder dick, krank, gesund oder schlank machen.

Denkt man den hilflosen Aktionismus der Schwimmbadbetreiber zu Ende, so müssten konsequenterweise sowohl Softdrinks, Süßigkeiten, Pommes, Currywurst, Hamburger, Pizza als auch alles, was viel Energie liefert – und gerade schwimm-ausgehungerte Kinder fordern und brauchen –, aus dem Sortiment fliegen. Die ernährungsapostolische Endlösung gebietet final: gar nichts mehr verkaufen, dann gibt’s null Kalorien zur „Erhaltung der Volksgesundheit“.

Die Tatsache, dass die Ernährungswissenschaft bis dato keinen einzigen wissenschaftlichen (kausalen) Beweis geliefert hat, dass Süßigkeiten dick machen, verdeutlicht, dass hier nur ein ängstliches Buckeln vor fanatischen Ernährungsideologen der Grund für diesen willkürlichen Eis-Bann sein kann. Führt man sich die Studienlage noch näher zu Gemüte, so wird der Nonsens eines solchen Verbots immer klarer: Es existieren noch nicht einmal belastbare, konsistente Korrelationen (statistische Zusammenhänge). Aktuelle Studien belegen das Dilemma zwischen fehlender Datengrundlage und erbärmlichem Bevormundungs-Aktionismus.

„Noch nicht einmal die Hypothese, dass Süßigkeiten zu Übergewicht des Nachwuchses beitragen, kann aufgestellt werden“

So hat eine aktuelle Großanalyse von 19 Studien , veröffentlicht im American Journal of Clinical Nutrition, dem wissenschaftlichen Top-Journal der American Society for Nutrition, ergeben: Die Wahrscheinlichkeit für Übergewicht und Fettleibigkeit war bei Kindern und Jugendlichen mit dem höchsten Konsum von Süßigkeiten und Schokolade um 18 Prozent niedriger als bei den „Normalnaschern“ (Referenzgruppe). Die von ihren eigenen Ergebnissen überraschten Autoren empfehlen: „Maßnahmen gegen Fettleibigkeit sollten sich auf andere Ernährungselemente konzentrieren als Süßigkeiten.“

Nun fragt man sich natürlich: Wie kann das sein? Das weiß leider niemand. Ergo zündet nun Phase 2 der Beobachtungsforschung: die Thesengenerierung. Die Autoren vermuten zum einen eine „umgekehrte Kausalität“, also dass die dicken Kids weniger Süßes essen, weil sie eh schon zu dick sind. These 2 könnte das bei Ernährungsstudien omnipräsente und bei beleibten Probanden beliebte „underreporting“ sein: Die Angaben zum Süßigkeitenverzehr werden nach unten verzerrt; man gibt einfach weniger an als gegessen wurde (die Forscher müssen ja nicht alles wissen). Last, but not least bieten die Forscher mit These 3 die „tatsächliche inverse Assoziation“ zur Erklärung an: Es ist einfach so, dass dünne Kinder mehr Süßkram schnabulieren, fertig. Warum und wieso? Keine Ahnung. Was auch immer der Grund oder die Gründe sein mögen: Klar ist, dass noch nicht einmal auf Basis butterweicher Korrelationen eine Hypothese aufgestellt werden kann, dass Süßigkeiten zum Übergewicht des Nachwuchses beitragen.

Diese Studie passt zu einer Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen der letzten Jahre, die vermeintliche Ernährungsweisheiten ad absurdum führen – beispielsweise hatten Jugendliche mit hohem Fast-Food-Verzehr einen niedrigen BMI und der Zusammenhang von Softdrinks mit Übergewicht blieb unklar . Fakt ist: Fast Food, Softdrinks und Süßigkeiten werden als Dickmacher gebrandmarkt, damit ratlose Ernährungsapostel der Öffentlichkeit „Schuldige“ präsentieren können – dabei existiert kein einziger Beweis für deren Dickmacher-Effekt, ganz im Gegenteil: Diese aktuellen Studien zeigen entweder keinen oder einen ernährungspolitisch unerwünschten Zusammenhang – und zwar, dass mit höherem Konsum der vermeintlichen Dickmacher ein niedrigeres Körpergewicht verbunden ist.

„Nichts Genaues weiß man nicht …“

Diese aktuellen Forschungsergebnisse verdeutlichen das Dilemma der Ernährungsforschung: Ob man nun 1000, 100.000 oder eine Million Beobachtungstudien durchführt, dass Nichtwissen bleibt gleich: Niemand kann sagen, was gesunde Ernährung ist – denn Ernährungsforschung gleicht dem Lesen einer Glaskugel, da dieser evidenzlimitierte Forschungszweig keine harten Beweise, sondern systembedingt nur wachsweiche Hypothesen liefert. Aufgrund zahlreicher Schwächen dieser Untersuchungen werden Politiker zu „größerer Vorsicht bei Ernährungsempfehlungen “ angemahnt, da diese primär auf Beobachtungsstudien basieren, die nicht durch klinische Studien bestätigt wurden.

Dementsprechend war es nur eine Frage der Zeit, dass im Februar 2016 Prof. Peter Stehle, Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), öffentlich offenbarte, es sei „tatsächlich schwierig, das Liefern von Belegen“. Die beobachteten Ergebnisse der Ernährungsforschung seien daher „argumentativ natürlich sehr, sehr schwach. Aber das war immer so und wird so bleiben.“ Denn zu diesen Studien, die harte Evidenz, also Beweise für beispielsweise gesunde Ernährung liefern, erklärt Stehle: „Solche Interventionsstudien wird es nie geben.“ Auch auf die Frage, wie hoch der Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit  ist, spricht Stehle Klartext : „Das lässt sich nicht quantifizieren. Niemand weiß das“. Dementsprechend dünn ist auch das Fazit zu gesunder Ernährung von Prof. Jana Rückert-John , Hochschule Fulda: „Was am Ende dann bleibt, ist, sich ausgewogen zu ernähren.“ Dabei solle man von allem essen und die „Lust und den Spaß am Essen im Zuge des ganzen Gesundheitswahns nicht verlieren.“

Als aktuelles Anschauungsmaterial zur Bestätigung des Erkenntnis-Tohuwabohus dienen weitere neue „Schoko-Studien“ bei Erwachsenen: Schokoladen-Konsum ist mit einem niedrigen Risiko sowohl für Herz-Durchblutungsstörungen und Herzinfarkt als auch für geistigen Abbau verbunden. Des Weiteren zeigte eine Studie im British Journal of Nutrition , dass der tägliche Konsum von Schokolade in Zusammenhang mit einer verminderten Wahrscheinlichkeit für Insulin-Resistenz steht, einem wichtigen Risikofaktor des metabolischen Syndroms. Ist Schokolade nun ein „ungesunder Dickmacher“ oder eine „gesunde Nahrungsmedizin“? Auch diese drei Studien untermauern das ökotrophologische Universalcredo: Nichts Genaues weiß man nicht …