01.05.2005

Stellvertreterkrieg zu Lasten der Armen

Analyse von Dirk Maxeiner

Über die PR-Methoden von Greenpeace.

Deutsche Wissenschaftler haben den „Goldenen Reis“ entwickelt. Die Züchtung enthält besonders viel Pro-Vitamin A und entstand mit Hilfe gentechnischer Methoden. Sie soll Menschen in armen Ländern vor Tod oder Erblindung in Folge des Vitamin-A-Mangels bewahren. Am Osterwochenende wurden in der Zeitschrift Nature Biotechnology neue Fortschritte veröffentlicht. Eine gute Nachricht für die Menschen, eine scheinbar schlechte für Gentechnikgegner. Greenpeace kannte den Inhalt der Arbeit zwar noch gar nicht, hatte auf die bloße Ankündigung hin aber schon ein endgültiges Urteil gefällt und bereits Tage zuvor verbreitet: „Nicht wirksam, überflüssig.“ Die Verlautbarung ist exemplarisch für das Denken und die Methoden des Hamburger Vereins. Dirk Maxeiner dekonstruiert den Pressetext – seine Kommentare sind in fetter Schrift eingefügt.

Genmanipulierter Reis: Nicht wirksam und überflüssig

Greenpeace veröffentlicht neue Studien

Hamburg, 17. 3. 2005 – Genmanipulierter Reis mit einem erhöhten Gehalt an Vitamin A kann Vitamin-A-Mangelerkrankungen in den Ländern des Südens nicht bekämpfen. Das zeigen heute von Greenpeace veröffentlichte Studien.

Sie zeigen dies nicht. Zwei der Studien widmen sich der Vitamin-A-Mangelsituation im Allgemeinen, der „Goldene Reis“ wird allenfalls am Rande erwähnt. Eine dritte Studie präsentiert keinerlei neue Erkenntnisse, sondern eine selektive Auswahl alter, teilweise längst überholter Arbeiten. Man beachte auch gleich zu Beginn den Kampfbegriff „genmanipuliert“. Es könnte auch heißen: „mit Hilfe gentechnischer Methoden gezüchteter Reis“. Unsere heutigen Hochleistungs-Getreidesorten etwa sind auch nicht das Ergebnis natürlicher Selektion, sondern künstlicher Züchtung durch den Menschen. Mit Hilfe der Gentechnik wären die Züchter wahrscheinlich zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen – nur schneller.

Es ist sogar zu befürchten, dass Projekte, die den Vitamin-A-Mangel bereits erfolgreich bekämpfen, nicht mehr die nötige Unterstützung finden, da mit dem so genannten "Goldenen Reis" weit überzogene Erwartungen geschürt werden.

Wer mit einer wissenschaftlichen Innovation Hoffnungen zum Wohle der Menschheit verknüpft, schürt deshalb keine „weit überzogenen Erwartungen“. Den Vorwurf hätte man auch Justus von Liebig, Paul Ehrlich oder Robert Koch machen können. Auch spricht nichts gegen einen Wettbewerb um die besten Wege der Hilfe. Sonst müsste beispielsweise UNICEF seine Arbeit einstellen, weil sie die Welthungerhilfe obsolet machen könnte.

Gezeigt wird auch, dass dieser Reis ein erhebliches Risiko für Mensch und Umwelt birgt.

Nicht der Reis, sondern der Vitamin-A-Mangel birgt ein erhebliches Risiko. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leidet weltweit jedes fünfte Kind daran, an den Folgen sterben jährlich etwa eine Million Menschen, eine halbe Million erblindet. Greenpeace bewertet hypothetische Restrisiken höher als konkrete Gefahren für Millionen. Nach dieser Logik müsste die Trinkwasseraufbereitung eingestellt werden, weil Nebenwirkungen der dabei verwendeten Mittel nicht vollkommen auszuschließen sind.

Dagegen haben Wissenschaftler schon für April 2005 neue Veröffentlichungen über den Gen-Reis angekündigt, der jetzt eine bis zu zehnmal höhere Menge an Pro-Vitamin A enthalten soll.

Der Reis enthält die bis zu 23fache Menge an Pro-Vitamin A. Schon 70 Gramm davon könnten den Tagesbedarf decken. Deshalb muss der Erfolg schon im Vorfeld moralisch diskreditiert und kaputtgemacht werden. Und das geht so:

„Die Industrie bauscht dieses Projekt auf, weil sie sich davon eine höhere Akzeptanz von Gen-Food erhofft", sagt Christoph Then, Gentechnikexperte von Greenpeace.

Zunächst eine Frage an den Gentechnik-„Experten“: Gibt es auch Food ohne Gene? Luft ohne Sauerstoff? Schall ohne Wellen? Aber seien wir nicht kleinlich. In der Tat ist der „Goldene Reis“ dazu angetan, die Akzeptanz von Grüner Gentechnik zu heben. Die Erfindung des Aspirin war auch  angetan, die Akzeptanz der Pharmazie zu erhöhen. Hinter dem Begriff „Industrie“ verbirgt sich nicht das organisierte Verbrechen, sondern Unternehmen mit tausenden Mitarbeitern. Die Erfinder Ingo Potrykus und Peter Beyer haben ihre Entwicklung im Übrigen gerade nicht kommerziell ausgeschlachtet, sondern sie den Kleinbauern in den Entwicklungsländern geschenkt. Und sie haben es sogar geschafft, dass Gentechnikunternehmen Patente ebenfalls für diesen Zweck freigeben. Auch die jetzt von Syngenta-Forschern vorgestellten neuen Ergebnisse werden dem humanitären „Golden Rice Humanitarian Board“ überlassen.

Der Gen-Reis ist nicht geeignet, Mangelernährung in den Ländern des Südens zu bekämpfen, egal, wie viel Pro-Vitamin A er enthält.

Will sagen: Egal, wie viel Fakten und Argumente auf den Tisch kommen – sie zählen nicht. Genauso gut könnte man behaupten: Der Mensch kann essen, so viel er will, aber er wird nicht satt, wenn Greenpeace dagegen ist.

Eine genaue Untersuchung der bisherigen Publikationen zum Gen-Reis zeigt, dass die technischen Schwierigkeiten heruntergespielt und die möglichen Vorteile weit überschätzt werden.

Greenpeace hat nicht den Goldenen Reis untersucht, sondern bisherige Publikationen (!), darunter eigene Pamphlete. Bildlich gesprochen: Man stieg hinab ins Kellerarchiv und recycelte aus den Fundstücken eine neue Studie. – Selbst wenn nur einem Prozent der unter Vitamin-A-Defizit leidenden Menschen geholfen werden könnte, wären dies pro Jahr zehntausende Todes- und Erblindungsfälle weniger (Greenpeace scheint bereit, diese in Kauf zu nehmen). Die Tatsache, dass Forscher bei der Arbeit auf technische Schwierigkeiten stoßen, ist der Normalfall. Was glauben die Anti-Gentechnik-Propagandisten eigentlich, wie Wissenschaft, Forschung und Technik sonst voranschreiten?

Es ist nicht klar, wie viele und welche Carotine die Pflanzen bilden und ob der Mensch sie in dieser Form überhaupt nutzen kann.

Wie viel der Carotine der Körper in Vitamin A umwandelt, hängt von der individuellen Konstitution und der übrigen Ernährung ab. Schätzungen liegen zwischen 50 und 10 Prozent, aber selbst im ungünstigsten Fall würde ein substantieller Beitrag zur Verbesserung der Ernährung geleistet. Aufschluss können nur längere vergleichende Untersuchungen mit Reis-Konsumenten erbringen. Greenpeace aber versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass es dazu überhaupt kommen kann, torpediert Forschung und geplante Versuchsanpflanzungen.

Zudem wurden unerwartete Inhaltsstoffe in den Gen-Pflanzen gefunden.

Es heißt nicht „gefährlich“ oder „bedenklich“, sondern „unerwartet“. Eine typische Nebelkerze: Der Begriff soll lediglich „gefährlich“ insinuieren. Kolumbus entdeckte unerwartet Amerika und der Verfasser dieser kleinen Kritik fand gerade unerwartet zwei Euro in der Hosentasche. Ein Anlass zur Sorge? Gentechnisch gezüchtete Pflanzen werden vor der Zulassung viel strikter auf Allergene oder bedenkliche Stoffe untersucht als herkömmliche Lebensmittel. Eine ganz normale Himbeere hätte beispielsweise aufgrund der zahlreichen von Natur aus darin enthaltenen und nicht unproblematischen Substanzen keinerlei Chance auf Zulassung. Seit Jahren konsumieren Millionen Menschen Lebensmittel aus gentechnisch verändertem Mais oder Soja – ohne dass Gesundheitsprobleme aufgetaucht sind.

Aus Sicht der Verbraucher kann der Reis nicht als sicher angesehen werden. Einmal angebaut, kann er sich auf Nachbarfelder ausbreiten und bei Gefahren für Umwelt und Gesundheit nicht mehr zurückgeholt werden.

Merke: Gefährdet sind nicht die Menschen, denen Vitamin-A-Reis zu einer besseren Ernährung gereicht, sondern „Verbraucher“ in satten westlichen Ländern, die sich um Pollenflug auf asiatischen Reisfeldern sorgen. Die größte Gesundheitsgefahr stellen dabei Greenpeace-Kampagnen dar, die Verbraucher krank vor Angst machen.

Professor Klaus Becker von der Universität Stuttgart-Hohenheim, einer der Autoren der Greenpeace-Studien, warnt: „Die großflächige Einführung des ‚Goldenen Reis’ könnte die Mangelernährung sogar verschärfen und die Ernährungssicherheit gefährden. Denn er würde eine Essgewohnheit fördern, die nur auf einer einzigen hochgezüchteten Pflanzenart beruht.“ Eher müsste die biologische Vielfalt besser genutzt werden – mit existierenden Pflanzen, die viele verschiedene Vitamine und Mineralstoffe enthalten, billig und gut verfügbar sind.

Professor Becker erstellte für Greenpeace die Studie „On Rice, Biodiversity & Nutrients“. Er erklärte auf Nachfrage: „Golden Rice ist in der besagten Studie kein Fokus.“ Weiter erklärte er: „Ich möchte feststellen, dass ich die Leistung von Herrn Potrykus nicht minder bewerte. Im Gegenteil, die wissenschaftliche Leistung habe ich immer sehr hoch eingeschätzt.“ Beckers Anliegen ist vor allem das gute und leider oft ungenutzte Potenzial alter Reis-Landsorten. Es verlangt niemand, dass flächendeckend nur noch Goldener Reis angebaut werden soll. Darüber hinaus forschen Wissenschaftler unter anderem in Indien, China, Vietnam und Indonesien an lokal angepassten Sorten. Warum nicht den Bauern dort die Entscheidung überlassen? Warum wartet Greenpeace das nicht einfach ab? Warum soll der Goldene Reis gar nicht erst eine Chance haben? Darf man einen möglichen Beitrag zur Verbesserung der Ernährungssituation armer Menschen tatsächlich kaputtmachen, nur weil Gentechnikunternehmen davon einen Kollateral-Nutzen haben könnten? Greenpeace scheint die Menschen in den Entwicklungsländern in bester neokolonialer Tradition für völlig unmündig zu halten.

Tatsächlich konnte Vitamin-A-Mangel in den letzten Jahren mit Vitamin-A-Präparaten und Ernährungsprogrammen deutlich verringert werden.

Vitamin-A-Tabletten und Ernährungsprogramme erreichen bedauerlicherweise viel zu wenige Menschen. Den Goldenen Reis könnten Bauern selbst anbauen und wären nicht auf fremde Hilfe angewiesen.

Beta-Carotin ist zum Beispiel in Karotten, grünem Blattgemüse, Süßkartoffeln, Mango und Papaya enthalten.

Diese Lebensmittel sind für viele Menschen nicht erschwinglich oder zugänglich. Das Argument erinnert an Marie Antoinette: „Wenn ihr kein Brot habt, dann ernährt euch doch mit Kuchen.“

In Ländern wie Bangladesh wurde inzwischen die Gefahr für Kinder, wegen Vitamin-A-Mangels zu erblinden, nahezu vollständig gebannt.

Zudem fanden Wissenschaftler wie Professor Becker auch traditionelle Reissorten, die nicht nur Spuren von Beta-Carotin aufweisen, sondern auch Inhaltsstoffe wie Eisen, hochwertiges Protein und Fette, die nötig sind, um Beta-Carotin aufnehmen zu können.

Es kann gar nicht genügend verschiedene Lösungsstrategien geben, die Kultivierung traditioneller Sorten gehört dazu. Hier könnte Greenpeace ganz konkret finanzielle Hilfe leisten. Die reiche Organisation hat im Verlauf der letzten zehn Jahre weltweit rund eine Milliarde (!) US-Dollar eingenommen. Ihre Anti-Gentechnik-Kampagne verschlang bislang rund 20 Millionen Dollar. Das ist dreimal soviel, wie Ingo Potrykus und Peter Beyer insgesamt für die Entwicklung des „Goldenen Reis“ zur Verfügung hatten.