01.09.2006

Die Gefahren der Technikvermeidung

Essay von Lord Dick Taverne

Über die Gefahren der Technikvermeidung.

Lassen Sie mich mit zwei Lehrstücken in das Thema einsteigen. Das erste entstammt dem Islam des Mittelalters: In der Zeit vom achten bis 13. Jahrhundert, dem goldenen Zeitalter des Islams, waren die arabischen Denker führend in Mathematik, Chemie, Astronomie und Medizin. Sie bewahrten die alte griechische Zivilisation für uns. Die Alphabetisierungsrate war vergleichbar mit der des heutigen Europas. Dann, irgendwann im 14. Jahrhundert, unterdrückte religiöser Dogmatismus diesen Forschergeist. Druckmaschinen wurden verboten, damit sie nicht die Worte Gottes, wie sie im Koran dargelegt sind, sowie andere heilige Texte verunglimpften. Bis heute hat die Wissenschaft ihren glorreichen Platz in der islamischen Welt nicht wieder zurückerobern können.

Das zweite Lehrstück stammt aus China: Im frühen 15. Jahrhundert war die chinesische Technologie wahrscheinlich die am weitesten fortgeschrittene auf der Welt. Die Chinesen hatten nicht nur den Kompass, den Buchdruck und das Schießpulver erfunden. Sie hatten vor allem den Rest der Welt in der damaligen Schlüsseltechnologie, dem Schiffsbau, der die Kontrolle der Meere ermöglichte, überholt. Hunderte von chinesischen Schiffen, über 100 Meter lang, ein Vielfaches der Größe der mickerigen Schiffe Europas, hatten den Indischen Ozean erobert und sich möglicherweise weiter ins offene Meer hinausgewagt. Dann kam eine Gruppe an die Macht, die die Werften auflöste und den Bau von hochseetauglichen Schiffen verbot. China war für die nächsten Jahrhunderte vom Rest der Welt abgeschnitten.

Ich möchte nun nicht behaupten, dass Europa kurz davor steht, das gleiche Schicksal zu erleiden wie die arabischen Länder des Mittelalters oder wie das China des 15. Jahrhunderts. Es gibt jedoch einige Warnsignale, die wir zu unserem eigenen Nachteil ignorieren. Die Grundlage unseres Wohlstandes – und in erheblichem Maße sogar unserer liberalen Demokratien in Europa – hängt von der Entwicklung der Wissenschaft und der Achtung wissenschaftlicher Beweise ab. In der Umweltbewegung, die in unserer Politik eine wichtige Rolle spielt, ist jedoch eine starke, wissenschaftsfeindliche Tendenz zu beobachten. Viele moderne Technologien werden abgelehnt, und wir sollen von einer Philosophie des „Zurück zur Natur“ überzeugt werden.

„Agro-Biotechnologie ist wichtig, weil sie einen riesigen Beitrag zur Verringerung von Hunger, Armut und Krankheit leisten kann.“

Lassen Sie mich eines klarstellen: Ich bin ein vehementer Umweltschützer. Vor mehr als 30 Jahren habe ich mein Auto zugunsten eines Fahrrads abgeschafft. Mein liebstes Fortbewegungsmittel ist das Segelboot. Eine Zeit lang war ich sogar Mitglied von Greenpeace und Friends of the Earth, und ich unterstütze nach wie vor einige der Themen, für die sich diese Organisationen einsetzen. Doch mit den Jahren hat sich ein Teil der Umweltbewegung zu einem Kreuzzug entwickelt, der alle typischen Merkmale einer neuen Religion aufweist. Der Glaube hat den Blick für die Tatsachen getrübt, und in einigen Fällen soll der Zweck die Mittel heiligen. Das offensichtlichste Beispiel hierfür ist die Kampagne gegen gentechnisch veränderte Nahrungspflanzen. Diese Kampagne war bisher höchst erfolgreich, und mit Ausnahme einzelner Fälle – wie z.B. dem Anbau von GV-Mais in Spanien – ist es ihr gelungen, eine äußerst wichtige Technologie in Europa einzudämmen. Das Misstrauen gegen Wissenschaft und Technologie, das hier zutage tritt, hat wesentlich breitere Implikationen als nur für die Agro-Biotechnologie.

Weshalb ist diese Technologie so wichtig? Was sind ihre Vorteile? Was wird ihr vorgeworfen, und welche Gefahr besteht darin, sie abzulehnen?
Nur wenige Menschen in Europa scheinen zu wissen, wie sehr wir uns isoliert haben. Die gentechnische Modifizierung von Pflanzen ist eine relativ neue Technologie, die sich außerhalb Europas fast so schnell verbreitet hat wie das Handy. Nach zehn Jahren der Kommerzialisierung wurden im Jahr 2005 zugelassene GV-Pflanzen auf 90 Mio. Hektar Land in 21 verschiedenen Ländern von über 8,5 Mio. Landwirten mit einem Gesamtwert von ca. 5,25 Mrd. US-Dollar angebaut. Die Hauptpflanzen sind bis heute Soja, Mais, Baumwolle und Raps, aber zusätzlich zur Baumwolle sehen wir jetzt die Kultivierung von GV-Pflanzen, die für die Länder der Dritten Welt wichtig sind, wie z.B. Reis. In der Tat hat es den größten Zuwachs an gentechnisch veränderten Sorten in den vergangenen Jahren in den Entwicklungsländern gegeben.

Die Technologie ist wichtig, weil sie einen riesigen Beitrag zur Verringerung von Hunger, Armut und Krankheit leisten kann. Betrachten wir zunächst einmal das Hungerproblem: Greenpeace und seine Verbündeten behaupten, dass genug Nahrungsmittel hergestellt würden und dass eine effizientere Landwirtschaft nicht wirklich benötigt werde, da es lediglich ein Verteilungsproblem gebe. Dies ist eine sehr selbstgefällige Ansicht. Zum einen ist Verteilung, wie wir immer wieder sehen konnten, kein wirklich geringes Problem, und die Umverteilung von Nahrungsmitteln in Gegenden, in denen Menschen nicht genug zu essen haben, würde die lokalen, kleineren Landwirtschaften ruinieren. Tatsache ist, dass derzeit ungefähr eine Mrd. Menschen unterernährt sind. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts werden wir wahrscheinlich noch weitere drei Mrd. Menschen mehr zu ernähren haben. Fernerhin werden Hunderte Mio. Menschen in Asien und woanders einen höheren Lebensstandard erreichen und somit mehr Fleisch konsumieren und auch Millionen Haustiere halten, die in der Regel nicht zu den Vegetariern zählen. Dies wiederum bedeutet, dass mehr Nutztiere gehalten werden, die ebenfalls gefüttert werden müssen. Alles in allem werden wir, wenn wir dies alles berücksichtigen, dreimal so viel Nahrung benötigen wie heute. Die Welt hat jedoch nur eine begrenzte Menge guten Ackerlandes. Die Grüne Revolution, die mehrere 100 Mio. Menschen vor dem Verhungern rettete, verliert an Kraft. Wir sind zudem mit dem riesigen Problem des Mangels an Bewässerungswasser konfrontiert. Wir benötigen also dringend eine effizientere Landwirtschaft.

GV-Pflanzen leisten einen wichtigen Beitrag zur Lösung dieser Probleme: Sie sind besser vor Schädlingen geschützt, die ansonsten bis zur Hälfte des Nutzanbaus in Afrika zerstören; sie können in sehr trockenen oder salzigen Regionen, in denen bisher keine Landwirtschaft möglich war, kultiviert werden, und sie können größeren Nährwert bieten. Die Technologie ist sehr viel präziser und gezielter als die auf dem Prinzip von Versuch und Irrtum basierende konventionelle Züchtung, von der die Landwirtschaft bisher abhängig war. Deshalb wird sie zu höheren Erträgen führen. Zurzeit wird eine große Bandbreite an GV-Pflanzen entwickelt – jedoch nicht in Europa oder in den USA, sondern vor allem in China und Indien. In einigen Jahren wird ca. die Hälfte der gesamten Forschung und Entwicklung im Bereich der Agro-Biotechnologie in China stattfinden.

Das nächste Thema ist Armut: Greenpeace und andere Gegner genveränderter Pflanzen behaupten, nur multinationale Firmen würden profitieren. Tatsache ist jedoch, dass die meisten der 8,5 Mio. Landwirte, die GV-Pflanzen anbauen, Kleinbauern sind – zurzeit in erster Linie Baumwollanbauer in China, Indien, Südafrika, Mexiko und Brasilien. Sie konnten ihre Einnahmen um bis zu 75 Prozent substanziell erhöhen, nicht nur, weil die GV-Baumwolle höhere Erträge liefert, da sie besser vor Schädlingen geschützt ist, sondern auch, weil die Landwirte weniger Pestizide einsetzen mussten. Dies wiederum hat zu einer Verbesserung der Gesundheit geführt. Die wirtschaftlichen Vorteile sind weit über den Landwirtschaftsbereich hinaus zu spüren, da in ländlichen Gebieten viele andere Jobs indirekt von der Agrarwirtschaft abhängig sind.

Drittens können GV-Pflanzen einen großen Beitrag zur Gesundheitsverbesserung und Krankheitsvermeidung in Entwicklungsländern leisten. Das wohl bekannteste Beispiel ist der Goldene Reis – oder seine jüngste Weiterentwicklung, der Orangene Reis –, der von Ingo Potrykus und seinen Kollegen in der Schweiz entwickelt wurde. Er hilft, Vitamin-A-Mangel zu vermeiden. Die Vorteile sind wissenschaftlich erwiesen und ermöglichen eine einfache, kostengünstige und elegante Lösung für ein Gesundheitsproblem, das Millionen von Kindern das Augenlicht oder das Leben kostet. Die Gene, die hier eingefügt wurden, sind Gene von Reis und Mais, die seit Tausenden von Jahren gefahrlos konsumiert wurden. Experten glauben jedoch, dass es noch weiterer fünf bis sechs Jahre bedarf, bevor dieser spezielle GV-Reis den Kindern in Asien zugute kommen kann. Warum? Wegen einer übermäßigen Regulierung, die eine Gruppe deutscher Forscher vor kurzem als fast völlig unnötig entlarvt hat und die den Behörden von den Ängste schürenden Anti-Gentech-Lobbyisten und den angepassten Medien aufgezwungen wurde. Durch Investitionen von weniger als einer Mio. US-Dollar könnten allein in Indien pro Tag bis zu 40.000 Menschenleben gerettet werden. Greenpeace gibt übrigens ca. 12 Mio. US-Dollar jährlich für seine Anti-Gentech-Kampagne aus.

„Ist die auf Gentechnik basierende medizinische Behandlung gut, aber ein Einsatz der Technologie zur Bekämpfung des Hungers schlecht?“

Große Fortschritte wurden und werden beim so genannten „Pharming“ gemacht. Dabei werden Pflanzen speziell darauf programmiert, pharmazeutische Wirkstoffe zu produzieren, die entweder gereinigt und zu Medikamenten verarbeitet oder auch durch Verspeisen der Pflanze direkt aufgenommen werden können. So wurden in den Philippinen Gene in die Bananenpflanze eingeführt, die potenzielle Impfstoffe gegen Typhus, Tollwut und den HIV-Virus produzieren. Um die Dosis zu standardisieren, plant man, die Bananen zu trocknen und aus ihnen Bananenchips für eine Schluckimpfung herzustellen. Andere Pflanzenimpfstoffe werden gegen Hepatitis B und Diarrhöe entwickelt. Der große Vorteil dieser Impfstoffe besteht darin, dass weder geschlossene Kühlketten, noch Spritzen oder gut ausgebildetes medizinisches Personal benötigt werden und der Einsatz in Entwicklungsländern somit sehr viel einfacher sein wird. Doch auch hier zeigt sich als größte Hürde eine vollkommen unangemessene Überregulierung.

Wenn die GV-Pflanzen so große Vorteile bieten, womit begründen sich dann die Proteste dagegen? Ich betrachte die Verzögerung bei der Einführung des Goldenen Reises, die unzählige Kinder zum Sterben oder zur Blindheit verdammt, als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Was ist die Grundlage für diese Opposition? Ein Argument der Gegner ist, wir spielten Gott. Die Veränderung der Gene von Pflanzen, wird uns vermittelt, sei irgendwie unnatürlich. Doch Bauern haben, seitdem wir keine Jäger und Sammler mehr sind, immer in die Natur eingegriffen. Wir tun dies unablässig. Es ist mit Sicherheit unnatürlich, Flugzeuge zu bauen, denn, wenn Gott gewollt hätte, dass wir fliegen, hätte er uns Flügel gegeben. Die Grünen protestieren nicht mehr gegen den Zusatz menschlicher Gene in ein Bakterium zur Herstellung menschlichen Insulins (obwohl sie dies, wie Hoechst bestätigen kann, einst taten). Weshalb ist es also unnatürlich, die gleiche Technologie zu nutzen, um ein Gen von einer Pflanze auf eine andere zu übertragen? Ist die auf Gentechnik basierende medizinische Behandlung gut, aber ein Einsatz der Technologie zur Bekämpfung des Hungers schlecht? Die Ablehnung ist offensichtlich absurd.

Greenpeace und andere behaupten ständig, GV-Pflanzen stellten eine Gefahr für unsere Gesundheit dar. Nicht-Regierungs-Organisationen überredeten die Regierung in Sambia, Nahrungsmittelhilfen für die hungernde Bevölkerung abzulehnen, weil diese zum Teil genverändert waren. Ein sambischer Abgeordneter sagte, ihm wäre es lieber, sein Volk würde verhungern, als dass er vergiftetes Essen annähme. Jede anerkannte, unabhängige wissenschaftliche Organisation, die den Wahrheitsgehalt solcher Behauptungen überprüft hat, ist zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht haltbar seien. Die nationalen Akademien Chinas, Indiens, Brasiliens, Mexikos und der USA sowie die „Third World Academy of Sciences“, die Europäische Kommission und vier voneinander unabhängige Berichte der britischen „Royal Society“ betonen, dass es keinen Beweis dafür gibt, dass GV-Pflanzen gefährlich für die menschliche Gesundheit seien. Nahrungsmittel mit einem genveränderten Bestandteil gehören seit fast zehn Jahren zur normalen Ernährung von 280 Millionen Amerikanern, ohne dass es Hinweise auf irgendwelche gesundheitlichen Folgen gäbe. Noch auffälliger ist, dass es keine einzige Gerichtsverhandlung gegeben hat. Wenn selbst amerikanische Anwälte keinen Grund für eine Klage finden, dann ist schlicht und einfach nichts zu holen.

Es wird behauptet, GV-Pflanzen schädigten die Umwelt und bedrohten die Biodiversität. Nun, es wäre falsch zu behaupten, es werde nie eine GV-Pflanze geben, die irgendwo auf der Welt irgendeinen Schaden anrichtet. Bisher weisen die Tatsachen jedoch eher darauf hin, dass sie mehr Gutes als Schlechtes bewirken: Da sie höhere Erträge erwirtschaften, wird weniger Land benötigt. Bauern konnten davon abgehalten werden, durch Kahlschlag der Regenwälder neues Ackerland zu gewinnen. Auch konnte die Anwendung von Pestiziden und Herbiziden substanziell verringert werden. In den USA muss der Boden nicht mehr so häufig gepflügt werden. Wo nicht gepflügt werden muss, gibt es weniger Erosion, und die Freigabe von Treibhausgasen wird reduziert.

Betrachtet man diese Tatsachen, so wird deutlich, dass die Einwände gegen die GV-Pflanzen nicht auf rationalen Gründen oder handfesten Beweisen basieren. Die Opposition ist ideologisch motiviert und Ausdruck fundamentalistischen Denkens in Teilen der Umweltbewegung. Als der Direktor bei einer Anhörung vor einem Ausschuss des britischen House of Lords gefragt wurde, ob irgendwelche neuen Erkenntnisse oder Forschungsergebnisse die Opposition von Greenpeace beeinflussen könnten, gab dieser zur Antwort: „Es ist eine permanente, definitive und komplette Opposition.“

Die Ablehnung einer evidenzbasierten wissenschaftlichen Bewertung beschränkt sich in Europa nicht auf die GV-Pflanzen. Sie erklärt auch die zunehmende Popularität von Homöopathie und anderer Formen der Alternativmedizin (am liebsten solche, die auf uralten Rezepten beruhen, als wäre Medizin ein antikes Möbelstück, dessen Wert mit den Jahren zunimmt). Die meiste Alternativmedizin richtet wenig Schaden an, und da der Placeboeffekt oft funktioniert, kann sie sogar manchmal nützlich sein. Das Gleiche kann man jedoch auch von der Hexerei behaupten.

Ein weiteres Beispiel für die Missachtung von Beweisen ist die große Beliebtheit der ökologischen Landwirtschaft. Manches basiert auf den mystischen Vorstellungen des Anthroposophen Rudolph Steiner, der glaubte, man müsse Kuhhörner mit Innereien füllen und diese je nach Stand des Mondes in der Erde vergraben, um diese fruchtbar zu machen. Die meisten Vorstellungen basieren auf einem unbegründeten Irrglauben, nämlich der Überzeugung, synthetische Substanzen seien schlecht und natürliche gut. Jedes Mal, wenn in England die Behauptung, ökologisches Essen sei nährstoffreicher und schmecke besser, von einem unabhängigen wissenschaftlichen Gremium getestet wurde, konnte sie widerlegt werden.

Wieso beharre ich darauf, dass diese auf Misstrauen basierende Grundeinstellung, die eine evidenzbasierte Herangehensweise ablehnt, gefährlich ist?
Lassen Sie mich zunächst noch einmal auf meine Beispiele am Anfang eingehen. Europa hat sich in Sachen grüner Biotechnologie isoliert, obwohl wir hier historische Vorteile hätten haben können. Die meiste Forschung in diesem Bereich findet heutzutage in den USA, China und Indien statt. In wenigen Jahren werden wir alle GV-Nahrungsmittel essen, die jedoch zu einem Großteil importiert sein werden. Aus ideologischen Gründen werden wir uns von einer wichtigen Technologie abgewendet haben – ähnlich wie es die Chinesen einst im Schiffbau taten. Zum Glück ist die Biotechnologie nicht ganz so entscheidend für den wirtschaftlichen Fortschritt, wie es der Schiffsbau einmal war. Doch die modern gewordene wissenschaftsfeindliche Einstellung könnte sich auch auf andere Bereiche ausweiten. Vielleicht wird die Nanotechnologie der nächste große Feind.

„Die Alternative für eine auf wissenschaftlicher Begründung basierende Politik ist eine Politik, die auf Ignoranz, Vorurteilen und Angst beruht.“

Wir können die gleiche antiwissenschaftliche Einstellung bei der allgemeinen Akzeptanz des Vorsorgeprinzips in Europa beobachten. Dieses Prinzip ist entweder bedeutungslos oder gefährlich. Es wird häufiger gefordert als definiert, und obwohl es ca. 14 unterschiedliche offizielle Definitionen hierfür gibt, ist keine von ihnen hilfreich oder präzise. Wenn es bedeutet: „Es gibt hier ein Risiko, sei also vorsichtig!“, kann keiner wirklich dagegen sprechen. Es wird jedoch häufiger so verwendet, dass etwas zu unterlassen ist, sobald irgendjemand Bedenken hat, auch wenn es keinen wissenschaftlichen Nachweis für die Existenz eines Risikos gibt.
Es reichen also Gerüchte und Horrorgeschichten. Dies macht das Prinzip zu einem Feind der Innovation und zu einem perfekten Mittel für alle, die neue Technologien nicht mögen und deren Entwicklung stoppen möchten. „Haltet die Welt an, wir wollen aussteigen“, ist der Slogan der Feinde der Wissenschaft.

Aber ich gehe noch weiter. Ich glaube, dass die Ablehnung einer evidenzbasierten Herangehensweise eine Gefahr für die Demokratie darstellt. Die Alternative für eine auf wissenschaftlicher Begründung basierende Politik ist eine Politik, die auf Ignoranz, Vorurteilen und Angst beruht. Chauvinismus, der sich aus den Vorurteilen gegenüber den Besonderheiten anderer Nationen speist, ist eine solche Politik. Ebenso die Unterdrückung der Frau, die auf Ignoranz basiert und die wahren Unterschiede zwischen Männern und Frauen (die nichts mit Intelligenz zu tun haben) nicht kennt.

Es war kein Zufall, dass die moderne Demokratie und die moderne Wissenschaft zur gleichen Zeit – in der großen historischen Epoche der Aufklärung – geboren wurden. Ich glaube, dass der Fortschritt der Zivilisation zu einem großen Teil der allmählichen Verdrängung von Aberglauben durch die Vernunft zu verdanken ist. Der gegenwärtige Trend, uns von den Werten der Aufklärung zu distanzieren, wird unsere Gesellschaft nicht zivilisierter machen.