23.09.2026
Sofort wissen, wer die Guten sind
Von David Fleschen
Die letzte Staffel der ARD-Serie „Babylon Berlin“ blickt auf das Ende der Weimarer Republik – und verrät dabei viel über die Neigung, die Gegenwart in zwei politische Welten zu sortieren.
„Babylon Berlin“ hat die Weimarer Republik über fünf Staffeln als großes Kriminal- und Gesellschaftspanorama erzählt. Die letzte und abschließende Staffel konzentriert sich auf einen erstaunlich kurzen Zeitraum: die knapp vier Wochen zwischen Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und dem Reichstagsbrand am 27. Februar. Ausgestrahlt wird sie ausgerechnet in einem Herbst, in dem im Osten Deutschlands gewählt wird. Seit dem 10. September ist die Staffel in der ARD-Mediathek zu finden.
Dass dabei die Gegenwart mitläuft, ist kaum zu übersehen. Am Ende verlässt die Serie ihre Figuren sogar ausdrücklich und schlägt den Bogen in die Realität. Eine Einblendung erinnert daran, dass die NSDAP bei der letzten Reichstagswahl vor der endgültigen Ausschaltung der Demokratie die absolute Mehrheit knapp verfehlte. Ihr Ergebnis damals: 43,9 Prozent. Nur wenige Tage bevor die Staffel erschien, hatte die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent erreicht. Eine Zehntelprozentpunkt daneben.
Natürlich ist das Zufall. Dass man überhaupt auf diese Assoziation kommt, ist es aber nicht. Denn „Babylon Berlin“ erzählt die Weimarer Republik immer auch mit Blick auf unsere Gegenwart. Man sieht die Verachtung demokratischer Institutionen, politische Gewalt, Nationalismus, gesellschaftliche Polarisierung und die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Natürlich denkt man da an heute. Und soll das auch.
Ich finde: manchmal ein bisschen too much. Denn vieles an dieser inszenierten Gegenwärtigkeit wirkt gewollt. Die Serie nimmt Phänomene, die es in der Weimarer Republik tatsächlich gab, setzt sie aber so zusammen, dass daraus erstaunlich vertraute gesellschaftliche Schubladen entstehen. Da ist etwa Reinhold Gräf, der Polizeifotograf der Berliner Mordkommission. Nebenher tritt er als Travestiekünstler auf. Einmal erklärt er, er dürfe „von Amts wegen“ Frauenkleider tragen; später erfahren wir, dass er auf eine geschlechtsangleichende Operation wartet.
„Wenn wir davon ausgehen, dass die Serie auch ein Spiegelbild der Jetztzeit ist, wird ‚Babylon Berlin‘ hier zum Indikator eines gesellschaftlichen Schubladendenkens.“
Historisch ist das keineswegs aus der Luft gegriffen: Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft, sogenannte Transvestitenscheine und frühe geschlechtsangleichende Eingriffe gab es tatsächlich. Dennoch bastelt die Serie aus vielen historischen Phänomenen eine Figur, die verblüffend genau in gegenwärtige Debatten passt. Diese Gegenwärtigkeit zeigt sich auch dort, wo das eigene Vergnügen gerne als politisch verstanden wird. Wer will das verdenken? Veranstaltungen wie der CSD haben viel zur Emanzipation sexueller Minderheiten beigetragen. Nur: Das macht Vergnügen nicht per se zum politischen Statement.
Die Serie treibt das in einer ihrer Schlüsselszenen auf die Spitze. In einem Berliner Nachtlokal singt ein Travestiekünstler Friedrich Hollaenders „An allem sind die Juden schuld“, eine Satire von 1931, die den Antisemitismus ins Absurde treibt. Das Publikum versteht die Ironie. Dann kommt Ernst Röhm mit seinen Männern. Röhm ist zu diesem Zeitpunkt Chef der SA, homosexuell und einer der mächtigsten Nationalsozialisten. Seine Männer grölen begeistert mit. Sie scheinen nicht einmal zu merken, dass sie verspottet werden. Das ist auffällig sauber sortiert. Hier das weltoffene, sexuell freizügige, ironische Berlin. Dort die dumpfen Braunhemden. Hier Menschen, die Satire verstehen. Dort Menschen, die nicht einmal merken, dass über sie gelacht wird. Wir wissen sofort, wer die Guten sind.
Dabei weiß die Serie selbst, dass ihre Ordnung nicht so sauber aufgeht. Sie zeigt zuvor sogar, dass Röhm in genau diesem Nachtleben verkehrt. Er konnte homosexuell sein, diese Welt kennen, vielleicht über Hollaenders Lied lachen und gleichzeitig überzeugter Nationalsozialist und Chef einer Organisation sein, die politische Gegner terrorisierte. Gerade diese Ambivalenz auszuhalten, fällt „Babylon Berlin“ aber schwer. Im entscheidenden Moment wird wieder glattgezogen. Es gibt keinen Zweifel an den eindeutigen Kategorien.
Wenn wir davon ausgehen, dass die Serie auch ein Spiegelbild der Jetztzeit ist, wird „Babylon Berlin“ hier zum Indikator eines gesellschaftlichen Schubladendenkens, das weit über die Serie hinausreicht. Dabei geht es zunächst um einen realen politischen Gegensatz: liberale Demokratie gegen autoritäre Politik. Um unabhängige Institutionen, Minderheitenrechte und die Begrenzung politischer Macht.
„Lebensfreude und Liberalismus sind nicht dasselbe.“
Doch aus diesem politischen Gegensatz werden schnell zwei komplette gesellschaftliche Pakete. Auf der einen Seite sammeln sich Autoritarismus und Nationalismus, bald aber auch Provinzialität, traditionelle Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Konservatismus. Auf der anderen stehen Rechtsstaat und Minderheitenschutz, zugleich Kosmopolitismus, sexuelle Freiheit, Großstadt, kulturelle Vielfalt und Hedonismus. Als gehörte das alles notwendig zusammen.
Auch „Babylon Berlin“ verfällt diesem Schubladendenken immer wieder. Etwa als der Kölner Karneval gezeigt wird, der – historisch durchaus spannend – 1933 genau mit dem Reichstagsbrand zusammenfiel. Die Serie inszeniert den Karneval als rheinische Gegenwelt zum heraufziehenden Nationalsozialismus: Verkleidung statt Uniform, Spott statt Gehorsam, Lebensfreude statt brauner Verbissenheit.
Historisch korrekt ist aber auch: Der Karneval war gerade kein natürliches Bollwerk gegen die Nationalsozialisten. Der organisierte Karneval arrangierte sich nach 1933 schnell mit den neuen Verhältnissen. Das macht den Karneval natürlich nicht faschistisch. Es zeigt aber: Lebensfreude und Liberalismus sind nicht dasselbe. Man kann trinken, tanzen, reisen, sich verkleiden und über Autoritäten lachen und politisch trotzdem autoritär denken. Umgekehrt kann man persönlich prüde, religiös und konservativ sein und dennoch überzeugt davon, dass der Staat die Rechte Andersdenkender schützen muss.
Und gerade da sollte man aufpassen. Denn dieses Kategorisieren ist naheliegend – aber es kann genau jene Lagerbildung verstärken, die man eigentlich beklagt. Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ließ sich dieses Muster besonders gut beobachten. In Kommentaren und politischen Newslettern wurde das Ergebnis schnell in vertraute Kategorien eingeordnet: Trump und Putin, AfD und Rechtspopulismus auf der einen Seite; Obama, der Westen und die liberale Demokratie auf der anderen.
„Gerade in der Ambivalenz menschlichen Verhaltens liegt das Entscheidende.“
Die AfD macht daraus ihrerseits eine simple moralische Erzählung: hier die bevormundenden kosmopolitischen Eliten, dort die normalen Menschen. Interessant ist, dass dahinter häufig gar keine ausgearbeitete „zweite Meinung“ steht. Gerade bei Corona lässt sich das beobachten. Immer wieder hört man in AfD-Kreisen: Corona war der Anfang. Dabei wird oft gar nicht grundsätzlich bestritten, dass Impfungen wirken oder dass in einer Pandemie Schutzmaßnahmen notwendig sein können. Entscheidend ist vielmehr ein anderes Gefühl: dass bestimmte Meinungen nicht mehr erlaubt gewesen seien. Dass es einen Mainstream gebe, dem man folgen müsse – und dass schon der Widerspruch dagegen einen auf die falsche Seite stelle. Dieses Gefühl setzt sich bei anderen Fragen fort: bei der Ukraine, bei Russland, bei Trump, bei Migration. Die konkreten Themen wechseln, die Erzählung bleibt erstaunlich ähnlich: Es gibt eine vorgegebene richtige Meinung – und diejenigen, die sich ihr widersetzen.
Und genau hier wird das Denken in zwei gesellschaftlichen Welten kontraproduktiv. Denn wer selbst ständig vermittelt, dass bestimmte Positionen, Lebensstile und kulturelle Vorlieben notwendig zusammengehören, bestätigt ungewollt genau diese Erzählung. Dann scheint es tatsächlich nur noch zwei Pakete zu geben, die man vollständig übernehmen muss: Wer bei Corona Zweifel hatte, muss auch gegen Waffenlieferungen an die Ukraine sein; wer Trump ablehnt, muss gesellschaftlich progressiv sein; wer konservativ lebt, landet gedanklich schon auf der anderen Seite. So werden aus einzelnen politischen Fragen Identitäten. Dabei liegt gerade in der Ambivalenz menschlichen Verhaltens das Entscheidende.
Und damit zurück zu „Babylon Berlin“ und dem Ende der Weimarer Republik. Natürlich konnte man 1932 wissen, wer die Nationalsozialisten waren. Ihre Gewalt, ihr Antisemitismus und ihre Verachtung der Demokratie waren kein Geheimnis. Was man aber nicht wissen konnte, war, wer sich ihnen anschließen würde. Wer sich arrangieren würde. Wer wegsehen würde. Und wer widersprechen würde.
Hannah Arendt hat Jahrzehnte später für menschliches Handeln ein schönes Bild gefunden: Wir schlagen unseren Faden in ein Netz von Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. Vielleicht ist das die interessantere Warnung aus Weimar. Nicht, dass wir die Bösen zu spät erkennen. Sondern dass wir uns zu sicher sind, die Guten schon erkannt zu haben.