09.05.2016

Sicherheit – die Mär einer „Freiheit von Furcht“

Essay von Mareike König

Vom Schutz der Grundrechte ist man dazu übergegangen, den Bürgern ein unbekümmertes, „sicheres“ Leben garantieren zu wollen. Nur, wenn wir frei sind, können wir wirklich für unsere Sicherheit sorgen.

Es war vermutlich ein denkwürdiger Tag, als Franklin D. Roosevelt in seiner Rede zur Lage der Nation am sechsten Januar 1941 die „Freiheit von Furcht“ auf eine Stufe mit Redefreiheit, Religionsfreiheit und der „Freiheit von Not“ stellte. 1 Der Zweite Weltkrieg tobte und Roosevelt malte der Kriegs-unwilligen Bevölkerung das Bild einer „Freiheit von Furcht“ durch globale Abrüstung. 1943 lieferte der Sozialwissenschaftler Abraham Maslow eine Theorie, die der Aussage Roosevelts eine wissenschaftliche Begründung zur Seite stellte: die Maslow’sche Bedürfnispyramide. Sie ist eine jener sozialwissenschaftlichen Theorien, die sich, ähnlich wie die Psychoanalyse, seit Jahrzehnten in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik hält, ohne je empirisch bestätigt worden zu sein. Im Gegenteil: Sie wurde mehrfach widerlegt.

Maslow unterstellt in seiner Theorie eine Hierarchie menschlicher Bedürfnisse, die für alle Individuen gelte: Zuerst müsse der Mensch seine physiologischen Bedürfnisse befriedigen. Erst dann entwickele er das Bedürfnis nach Sicherheit. Sei auch das erfüllt, interessiere er sich für seine sozialen Bedürfnisse, dann seine Individualbedürfnisse, die kognitiven Bedürfnisse, die ästhetischen Bedürfnisse, dann Selbstverwirklichung und schließlich: Transzendenz. Dem Zeitgeist jener Tage, der durch Maslows Theorie seine akademische Rechtfertigung erhielt, wurde wenige Jahre später ein Denkmal gesetzt, das im gesellschaftlichen Diskurs von heute eine unnachahmliche Autorität besitzt: Nicht zuletzt der geschäftigen First Lady Eleanor Roosevelt ist es zu verdanken, dass in der UN-Resolution von 1948, besser bekannt als die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, im Artikel 3 das Recht auf „Sicherheit der Person“ auf einer Stufe mit dem Recht auf „Leben“ und „Freiheit“ steht. Auch in der EU-Menschenrechtskonvention ist das „Recht auf Freiheit und Sicherheit“ festgeschrieben.

Seitdem lassen wir uns unter dem Label „Sicherheit“ eine Menge verkaufen, sie ist der politische Marketingschlager unserer Zeit: Arbeitsplatzsicherheit, Rechtssicherheit, Innere und Äußere Sicherheit und – als hippes Lehnwort – Cyber Security. Mit diesem Thema kann man Wahlen gewinnen. Über die Definition des Begriffs „Sicherheit“ besteht nicht nur im gesellschaftlichen Diskurs, wenn überhaupt, ein vages Verständnis. Der Duden listet als Bedeutungen den „Zustand des Sicherseins; Geschütztseins vor Gefahr oder Schaden“ und ein „höchstmögliches Freisein von Gefährdungen“. Was aber ist eine „Gefahr“, wann nimmt eine Person „Schaden“?

„Was müssten wir alles verbieten, damit für jeden Menschen auf dieser Welt die „Freiheit von Furcht“ realisiert werden kann?“

Selbst in der akademischen Welt herrscht große Uneinigkeit. In den Politikwissenschaften gibt es den Ansatz der „Human Security“, der in seiner Definition direkt an die Roosevelt’sche Tradition einer „Freiheit von Furcht“ anknüpft: „Sicherheit der Person“ ist erst dann hergestellt, wenn sich kein Individuum mehr fürchten muss. In diesem Sinne wäre – je nach juristischer Interpretation – auch das Recht auf einen umfassenden Kündigungsschutz als „Freiheit von der Furcht vor Arbeitsplatzverlust“, mit Berufung auf das „Recht auf Sicherheit“, ein Menschenrecht. Ein wenig hilfreicher Ansatz.

Als Studentin der Psychologie hilft mir der Blick auf die Vielfalt diagnostizierbarer Angsterkrankungen: Von Arachnophobie (Angst vor Spinnen) bis Triskaidekaphobie (Angst vor der Zahl 13) ist alles dabei. Dabei mag es sich zwar, wie gesagt, um krankhafte weil unangebrachte Angstreaktionen handeln. Nicht umsonst aber ist es eine ganze Wissenschaft für sich, eine Unterscheidung zwischen „noch normalem“ und „nicht mehr normalem“ Verhalten vorzunehmen: Angst ist vielfältig, auch bei gesunden Menschen. Dabei kann sie mal begründet, mal unbegründet sein. Sie kann ihre wichtigste Aufgabe, die Fight-or-Flight-Reaktion auslösen, sinnvoll erfüllen oder eine unpassende Antwort auf alltägliche Erlebnisse sein. Was müssten wir alles verbieten, damit für jeden Menschen auf dieser Welt die „Freiheit von Furcht“ realisiert werden kann?

Das zentrale Problem: Sicherheit als „Freiheit von Furcht“ ist meistens kein Zustand, sondern ein Gefühl. Klassisches Beispiel dafür ist das Kind, das vor dem Einschlafen Angst vor Monstern hat: Es ist sicherlich nicht frei von Angst, obwohl es vollkommen in Sicherheit ist. Es ist unwichtig, ob wir sicher sind. Es ist wichtig, dass wir uns sicher fühlen. In welchen Situationen und in welcher Intensität wir das Gefühl von Sicherheit erleben, hängt von der Persönlichkeit jedes Menschen und seiner eigenen Geschichte ab. Wichtig ist, dass, egal wie sehr man dazu tendiert, (unbegründet) Angst zu haben, man diesem Gefühl nicht ausgeliefert ist. Wenige von uns haben unüberwindbare Traumata, die sich so tief im Nervensystem festgesetzt haben, dass sie Reaktionen auslösen, die wir nicht kontrollieren können. Und selbst in so einem Fall kann die Kontrolle durch eine kompetente Therapie und persönliche Anstrengung meistens wieder zurückgewonnen werden.

Sich sicher fühlen zu wollen ist auch eine Entscheidung. Ich kann meinen Fokus auf die Dinge richten, die mir Angst machen – oder auf diejenigen, die mir Mut machen. Ich kann Medien entsprechend konsumieren: Qualitätsjournalismus vorziehen, Boulevard vermeiden: Sollte ich tatsächlich den zehnten Artikel über einen Terroranschlag lesen, obwohl ist weiß, dass mir dabei der Blutdruck durch die Decke geht? Selektiver Medienkonsum hat nichts damit zu tun, die Augen vor der Realität zu verschließen. Manchmal ist es die beste Möglichkeit, wieder einen Sinn für die realen Verhältnisse zu bekommen.

Gerade vor dem Hintergrund dessen, dass sich für uns in Europa in den letzten Monaten durch islamistischen Terrorismus die Bedrohungslage – wohlgemerkt nur vermeintlich, die Wahrscheinlichkeit, durch terroristische Anschläge zu Tode zu kommen ist, im Vergleich zu anderen Todesursachen, immer noch verschwindend gering – stark verändert hat, muss man natürlich erkennen, dass es auch Bedrohungen gibt, die – im Sinne der Definition des Duden – unser Leib und Leben gefährden. Wenn uns im politischen Wahlkampf oder von Aktivisten „Sicherheit“ versprochen wird, sollten wir allerdings genau nachhaken und vor allem nach konkreten Maßnahmen fragen, die unsere „Sicherheit“ wiederherstellen sollen. Um diese Vorschläge zu bewerten, kann es helfen, die Situation einmal systematisch aus der Perspektive der Entscheidungsforschung zu betrachten.

Abwesenheit von Unsicherheit

Hier ist Sicherheit in erster Linie definiert als Abwesenheit von Unsicherheit. Diese Abwesenheit von Unsicherheit bezieht sich auf verschiedene Entscheidungsoptionen. Überlegt man sich beispielsweise, wohin der nächste Urlaub gehen soll und – man nehme an – es gäbe nur ein entscheidendes Kriterium für den Urlaubsort: Das Wetter. Im Ort A wird es mit 100%iger Wahrscheinlichkeit, also „mit Sicherheit“ regnen. Im Ort B wird es mit 100%iger Wahrscheinlichkeit nicht regnen, also „mit Sicherheit“ die Sonne scheinen. Die Antwort ist einfach, denn wir wissen mit absoluter Sicherheit, welche Konsequenz unsere Entscheidung nach sich ziehen wird (ein sicher sonniger oder ein sicher verregneter Urlaub). Konsequenzen, die mit absoluter Sicherheit folgen oder nicht folgen sind angenehm, weil sie berechenbar sind und sie erleichtern unser Leben: Ist mir gesetzlich garantiert, dass mein Arbeitgeber mich niemals kündigen kann, muss ich bei der Wahl bestimmter Entscheidungsoptionen die mögliche Konsequenz „Arbeitslosigkeit“ nie berücksichtigen. Das macht viele Entscheidungen weniger komplex. Für den Arbeitnehmer und den Arbeitgeber. Ob es beiden Seiten dadurch mittel- und langfristig „besser“ ergeht, lasse ich an dieser Stelle mal unkommentiert. In der Realität müssen wir jedoch einsehen, dass eigentlich alle (politischen) Maßnahmen keinesfalls dazu führen, dass bestimmte Konsequenzen mit 100%iger Sicherheit (nicht mehr) eintreten. Die Eintrittswahrscheinlichkeiten bestimmter Konsequenzen bewegen sich in den meisten Fällen wohl marginal im einstelligen Bereich.

„Wenn uns im politischen Wahlkampf oder von Aktivisten ‚Sicherheit‘ versprochen wird, sollten wir allerdings genau nachhaken.“

Gerade im Bereich der „inneren Sicherheit“ ist es besonders faszinierend, wenn wir uns ansehen, welche Kosten wir in der Währung „Freiheit“ zu zahlen bereit sind, wenn es selbst um die kleinste Reduktion der Eintrittswahrscheinlichkeiten von Sicherheitsrisiken geht. So kam es beispielsweise nach den Anschlägen in Paris vom 13. November 2015 zu einem kurzfristigen Versammlungsverbot in ganz Frankreich. Es galt zwar nur bis zum 19. November und viele Pariser missachteten das Verbot ohne Konsequenzen. Es war allerdings eine enorme, eine 100%ige Freiheitseinschränkung (ein Verbot bedeutet mit absoluter Sicherheit keine Versammlungen), das Sicherheitsrisiko wurde aber wahrscheinlich nur ein wenig reduziert.

Man kann auch die Debatte um innere Sicherheit durchaus rational führen, auch wenn es hier immer um viel geht, da Leib und Leben von Menschen auf dem Spiel stehen. Mit den Informationen, die uns durch Presse und Politik zu diesem Thema zur Verfügung gestellt werden, ist das meistens schwierig. Zum Beispiel, wenn ein Bundesinnenminister Thomas de Maizière auf die Nachfrage nach den Gründen für eine Einschränkung der Freiheit zu Gunsten der Sicherheit (in diesem Fall ging es um die Absage des Fußballländerspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden am 17.11.2015) mit den vielzitierten Worten reagiert: „Ein Teil dieser Antwort würde die Bevölkerung verunsichern.“ 2 Eine Bevölkerung kann nur den angemessenen Umgang mit Bedrohungslagen erlernen, wenn man ihr ausreichende Informationen darüber gibt, was genau eine bestimmte Situation in einem bestimmten Kontext möglicherweise bedrohlich machen könnte.

Sicherheit mit Selbstvertrauen

Die gute Nachricht: Auch wenn es um unsere eigene körperliche Sicherheit geht, sind wir in unserem Alltag intuitiv sehr erfolgreich unterwegs. Der Psychologe Gerd Gigerenzer beispielsweise hält die Fähigkeiten des Menschen, individuelle Entscheidungen auch in komplexen Situationen (dazu gehört eine Bedrohungslage) fällen zu können, für exzellent ausgebildet, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht rational sind. Meist lassen wir uns nur kurzfristig von bedrohlichen Ereignissen aufschrecken. Mit einem gewissen Abstand hat sich die mediale Präsenz relativiert und wir können uns wieder auf unsere Intuition verlassen. Dabei gilt: Je abstrakter das Ereignis für uns war – zum Beispiel je weiter weg -, desto schneller stimmt unser intuitives Gefühl für unser „Sichersein“ wieder mit dem Grad an Sicherheit überein, den wir durch eine rationale Analyse unserer Situation ermitteln können.

Ein abschließendes Wort zum Begriff der „Sicherheit“: Wie man diesen unscharfen und kontroversen Begriff in einem Grundrechtskatalog vermeidet, zeigt das deutsche Grundgesetz. Hier wird von Sicherheit nur im Kontext von „öffentlicher Sicherheit“ gesprochen. Im Artikel 2 des Grundgesetzes wird lediglich das „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ garantiert.  Die Begrifflichkeit der „öffentlichen Sicherheit“ wird in den Grundrechten nicht weiter thematisiert, sondern ist Teil des Polizeirechts!

Drei der vier Zielen, die Roosevelt damals als Ergebnis eines Siegs der Alliierten ausmalte, sind wir heute in vielen Teilen der Welt sehr nahe gekommen. Es herrschen Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Freiheit von Not. Ich bin mir sicher, dass große Teile der Weltbevölkerung ihre individuelle „Freiheit von Not“ der Tatsache zu verdanken haben, dass etliche Menschen im Laufe der Geschichte auf das vielbeworbene „Recht auf Sicherheit“ verzichtet haben und ihr Recht auf Leben und Freiheit darüber stellten: Von modernen Helden der Bürgerrechtsbewegung wie Martin Luther King oder der pakistanischen Schülerin Malala bis hin zu Unternehmern wie Bill Gates und Steve Jobs, die ihr Studium abbrachen, das eine sichere, erfolgreiche Zukunft versprach, um ihre Visionen zu verwirklichen. Wir sollten solchen Pionieren auch in Zukunft nicht durch Einschränkungen ihrer und unserer Freiheit für vermeintliche Sicherheit den Weg versperren. Da bin ich mir ganz sicher.