16.06.2017

„Sexting“ und die „Pornofizierung“ der Intimität

Kommentar von Josie Appleton

Titelbild

Foto: claudioscott via Pixabay / CC0

Der Trend zum „Sexting“, dem Austausch von Nacktfotos unter Sexualpartnern, sollte uns Sorgen machen. Er verhindert die Entwicklung echter Intimität.

„Sexting“ bezeichnet das Versenden von Fotos mit obszönem Inhalt. Die Praktik ist vor allem unter Jugendlichen sehr beliebt. Laut einer Studie aus Österreich hat bereits über ein Drittel aller 14- bis 18-Jährigen Erfahrungen damit gemacht. Im Mittelpunkt der öffentlichen Besorgnis steht vor allem die Tatsache, dass die Bilder unter Fremden verbreitet werden. Dabei ist es viel bedenklicher, dass „Sexting“ Beziehungen verändert – und zwar nicht nur die von Jugendlichen.

Wer einen „Sext“ (sexy Text) sendet, macht sich zum Objekt einer pornografischen Darstellung. Pornos präsentieren vor allem eine stereotype, abstrakte Sexualität: Es geht um nackte Haut, um Erregung, um den bloßen Akt. Sexting nutzt dieselbe Sprache. Ebenso wie Pornos reduziert es den Geschlechtsakt allein auf das Körperliche. Man nutzt dieselben klischeehaften Posen wie zum Beispiel den Schmollmund oder den herausgestreckten Hintern, dieselben vorgefertigten vermeintlich antörnenden Phrasen.

„Sexting reduziert den Geschlechtsakt allein auf das Körperliche.“

Ist es da ein Wunder, dass Menschen diese pornografischen Fotos im Internet verbreiten? Sie scheinen für den allgemeinen Verbrauch geschaffen. Schließlich ist nichts Intimes daran zu finden. Noch weniger überrascht es, dass besonders Jugendliche die Bilder teilen: In diesem Alter ist Sexualität vor allem eine Frage des Abenteuers und der Angeberei vor Gleichaltrigen – um enge, vertrauensvolle Beziehungen geht es in der Regel nicht.

Was uns jedoch Sorgen bereiten sollte, ist, dass junge Menschen Sexting zunehmend als normalen Bestandteil einer intimen Beziehung sehen. Menschen kommen einander nicht näher, indem sie Bilder von Penissen und Brüsten austauschen. Für echte Intimität braucht es Sinnlichkeit und Nähe – das Gefühl, eine eigene Sprache zu sprechen. Beim Sexting hingegen wird die Beziehung zwischen zwei Menschen durch den Austausch von Fotos und Nachrichten gefiltert. Man objektiviert sich durch die Produktion von Bildern, die die eigenen körperlichen Reize präsentieren, und übergibt diese quasi als Geschenk an den Partner, der die Bilder konsumiert.

Der Austausch von Sexts läuft nach einer anderen Geschwindigkeit und auf einer anderen Ebene ab als eine echte Beziehung: Früher wollten Jungen die Brüste eines Mädchens anfassen (und haben später vor Freunden damit angegeben). Heute bitten sie um ein Foto (das sie ihren Freunden schicken). Das Foto wird zum Ersatz für tatsächlichen Körperkontakt. Menschen kommen sich durch Bilder näher, bevor sie sich wirklich berühren. In der Welt des Online-Datings wird Cyber-Sex zunehmend zur Vorbedingung für echten Sex.

„Eine Frau trifft einen Mann zu einem romantischen Abendessen – und bekommt plötzlich ein Penisbild von ihm. Vom Gespräch zum Nacktbild in einem Sprung.“

Doch diese „Objektifizierung“ ist nicht die einzige Folge von Sexting. Durch die pornografischen Bilder werden Beziehungen „privater“. Sie verlagern sich ins Reich privater Fantasien. Dort gelten aber normale gesellschaftliche Konventionen nicht. Das Ergebnis sind so absurde Situationen wie die Folgende: Eine Frau trifft einen Mann zu einem romantischen Abendessen – und bekommt plötzlich ein Penisbild von ihm. Vom Gespräch zum Nacktbild in einem Sprung.

Eine andere Frau berichtet, dass ihr Freund sie verlassen hat, ihr aber weiterhin obszöne Nachrichten sendet. Er hat kein Interesse mehr an persönlichem Kontakt, führt das Sexting aber fort. Der Empfänger solcher Nachrichten ist bloß noch Vermittler für die private Fantasie eines anderen – eine Fantasie, die statt im Kopf per Telefon ausgelebt wird.

Während wir uns um Jugendliche sorgen, die Nacktbilder austauschen, übersehen wir das eigentliche Problem: Sexting hat längst das Beziehungsleben von Erwachsenen erfasst. An die Stelle von Sinnlichkeit und Intimität tritt der Austausch von Pornographie.