30.03.2026

Schwule Szene im woken Würgegriff

Von Andrea Seaman

Titelbild

Foto: mathiaswasik via Flickr / CC BY-SA 2.0

In schwulen Kreisen gilt es als unschicklich, Glaubenssätze der Woken anzuzweifeln. Wer nicht auf „LGBTQ+“ Kurs ist, erlebt einen Mangel an Toleranz gegenüber Andersdenkenden.

Jean-Paul Sartre sagte: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Für viele Schwule gilt heute: Die Hölle sind andere Schwule. Warum? Weil die meisten entweder den gängigen woken Dogmen folgen oder sich nicht trauen, ihnen zu widersprechen.

Es herrscht die Vorstellung, die Pride-Flagge sei das Beste überhaupt, und jeder, der sie kritisiert, sei ein niederträchtiger Bösewicht. Pride-Märsche als hohle Inszenierungen falscher Tugend, realer Laster und offener Dekadenz zu bemängeln, ist ebenso unerwünscht, wie es Muslime verärgert, wenn man ihnen sagt, dass das Umkreisen der Kaaba eine lächerliche Handlung sei. Daran schließt sich die erzwungene Überzeugung an, dass andersgeschlechtliche oder erfundene Pronomen so wichtig seien, dass ihre Verwendung vorgeschrieben werden müsse. Und schließlich gilt der fromme Glaubenssatz: „Transfrauen sind Frauen!“

Wer als Homosexueller diesen Dogmen widerspricht, erlebt sofort die Folgen. Kontakte brechen ab. Begegnungen werden kühler. Möglichkeiten verengen sich. Man wird ausgeschlossen. Sex bleibt aus. Ein Freund erst recht. Eine Beziehung zu führen wird nahezu unmöglich. In einem Milieu, in dem soziale und erotische Netzwerke stark ineinandergreifen, hat ‚ideologische‘ Abweichung Folgen im Alltag.

Die Szene, die sich selbst als Inbegriff von Freiheit und Offenheit feiert, erweist sich als das Gegenteil. Wer nicht mitmacht, wird verstoßen. Wer die geltenden Glaubenssätze nicht akzeptiert oder anbetet, verliert alles, was diese spezielle Welt zu bieten hat. Sofort und ohne Nachsicht. So sieht die ‚hart erkämpfte‘ Freiheit aus, die keine ist. Man ist frei, so wie man in China alles sagen darf und die Konsequenzen trägt.

Und doch reicht diese äußere Verdammnis nicht hin, die ganze Tiefe des Übels zu ermessen. Die Schwulenszene ist bis ins Mark vom Sex durchtränkt, von der körperlichen Anziehung als einzigem, alles beherrschendem Zentrum. Jeder spürt es, jeder weiß es, und gerade deshalb ist der Sex zur entscheidenden, zur kostbarsten Ressource geworden. Die Woken haben diese Ressource gekapert. Sie kontrollieren den Zugang. Sie verteilen sie nur noch an die, die der LGBTQ+-Ideologie huldigen.

„Im Kern zeigt sich ein tiefer Mangel an Rückgrat.“

Wer nicht mitmacht, bekommt nichts. In einer Welt, in der das Fleisch die einzige Währung ist, wird das Begehren zum Instrument der Macht. Die Ideologie wird nicht durch Argumente durchgesetzt, sondern durch den Hunger des Körpers. Das ist psychologisch relativ brutal. Man kann sich intellektuell widersetzen, solange man will. Das körperliche Begehren verlangt etwas anderes. Und die, die die Regeln machen, wissen das genau.

Man könnte einwenden, es gebe doch Schwule, die nicht woke sind und diesen ganzen linken Unsinn ablehnen. Das stimmt. Aber niemand lebt als Insel. Jeder ist in Freundeskreise eingebunden. Und in diesen Kreisen bestimmen die Woken den Ton. Sie setzen die Maßstäbe. Sie entscheiden, wer dazugehört und wer draußen bleibt.

Darum wird es zum ‚tödlichen‘ Wagnis, einen anti-woken Partner zu wählen. Das würde die eigenen Freunde aufbringen, würde sie sich abwenden lassen, würde viele dazu treiben, sich gegen einen zu stellen, nur um selbst nicht in Verdacht zu geraten. Die Angst vor dem Ausschluss erweist sich stärker als jede Überzeugung; aus möglicher Liebe wird ein politisches Risiko, aus persönlichem Glück eine Bedrohung des sozialen Überlebens. Das ist eine neue, raffiniertere Form der Erpressung, bei der eine Peitsche nicht aus Leder, sondern aus dem brennenden Verlangen nach Zugehörigkeit und Berührung geschlagen wird.

Im Kern zeigt sich hier ein tiefer Mangel an Rückgrat. Die Tage eines Oscar Wilde sind endgültig dahin. Damals war der Homosexuelle noch der Ketzer, der Außenseiter, der mit seinem Leben für seine Wahrheit bezahlte. Heute ist er entweder Inquisitor oder gehorsames Fußvolk. Die alte Gesellschaft hat ihn verfolgt. Die neue Gesellschaft hat ihn gleichsam gekauft. Und er hat sich bereitwillig verkauft, weil der Preis in Form von Sex und Zugehörigkeit zu hoch war, um ihn auszuschlagen.

„Wer nichts in sich hat, kann leicht mit Ideologien gefüllt werden.“

Hinzu kommt ein ausgeprägter Narzissmus. Viele Männer, die jedermann will, stellen ihre Profile in den sozialen Medien zur Schau, offenbaren ihr Leben, protzen, prahlen, profilieren sich und stellen sich bildlich dar, als wären sie ewige Kunstwerke, die ständig neu gerahmt werden müssen. Ihre intellektuelle Tiefe reicht nicht weiter als eine Pfütze nach einem flüchtigen Regen; sie sind Bücher mit kaum zehn Seiten, schnell gelesen und nicht wert, ein zweites Mal aufgeschlagen zu werden. Der Charakter ist nicht ausgeformt, bleibt nichtssagend. Die Seele ist leer, doch das Gefäß ist gefragt und die Nachfrage hoch. Und genau diese Leere macht die ganze „Community“ so leicht lenkbar. Wer nichts in sich hat, kann leicht mit Ideologien gefüllt werden.

Dabei hätte alles anders sein können, ja müssen. Nach Platon könnte eine homosexuelle Beziehung besonders geeignet sein, geistig fruchtbar zu sein. Bei Heterosexuellen dreht sich vieles um Kinder, um die biologische Fortpflanzung; bei Homosexuellen jedoch könnte es um Höheres gehen. Sokrates erklärt nämlich im Symposium, dass der Mensch sich verewigen will; durch Kinder auf die eine, grobe Weise, indem er sich fortpflanzt und in den Nachkommen weiterlebt. Doch Platon hält dies für ungenügend, für eine bloße, unvollkommene Form der Dauer.

Wahre Ewigkeit entsteht allein durch Ideen und Erkenntnis. Eine Beziehung, unbelastet von der Sorge um Nachkommen, könnte sich ganz dem Gespräch, dem Ringen um Gedanken, dem geistigen Austausch hingeben. In relativer Hinsicht wäre das Homosexuelle dem Heterosexuellen überlegen, wenn es um Beziehungen geht, die das Geistige in den Mittelpunkt stellen. Das war der Traum der Alten.

Die Wirklichkeit unserer Moderne jedoch ist das genaue Gegenteil: Statt geistiger Fruchtbarkeit herrscht eine blinde Obsession mit dem Fleisch; statt tiefer Gespräche gibt es oberflächliche Profile; statt ewiger Ideen nur die kurzlebige Befriedigung des Körpers. Der platonische Traum ist in einer Pfütze aus Narzissmus und Ideologie ertrunken.

„Man hört kaum noch einen, der aus der Reihe tanzt.“

Nur eine Gruppe entzieht sich diesem Druck. Die älteren Schwulen, die als unattraktiv gelten und keinen Zugang mehr zum Sex erwarten dürfen. Sie stehen außerhalb des Systems, weil sie von seiner zentralen Ressource nicht länger abhängig sind. Erst wenn sie aus dem Wettbewerb herausfallen, finden sie den Mut, sich gegen den Zeitgeist zu erheben.

Die übrigen Älteren jedoch, die sich noch Chancen ausrechnen, passen sich an, orientieren sich an jüngeren Männern, mit denen sie noch schlafen wollen, und übernehmen deren Haltungen, um dazuzugehören. Die Anpassung ist vollständig; die Bereitschaft, die eigene Meinung zu verraten, grenzenlos. Deshalb hört man kaum noch einen, der aus der Reihe tanzt.

Sie lösen ihre eigenen Rechte auf und machen das Erbe früherer Freiheitskämpfe zunichte, wodurch ein Rückschritt entsteht, der sich unaufhaltsam ausbreitet. Das krasseste Beispiel ist die Transideologie, die die Begriffe, die Homosexualität überhaupt erst definieren, verschiebt und auflöst: Jungen, die Jungen lieben, werden zu Mädchen erklärt, die weiterhin Jungen lieben; aus Homosexualität wird plötzlich Heterosexualität gemacht. Die eigene Grundlage wird zerstört. Und ein großer Teil der Szene begrüßt das nicht nur, er feiert es mit enthusiastischem Jubel. Man applaudiert der eigenen konzeptuellen und chirurgischen Auslöschung, man jubelt jener Umdeutung zu, die das homosexuelle Dasein im Prinzip verschwinden lässt. 

In dieser Lage befinden sich die Homosexuellen heute. Es ist eine Szene ohne geistige Kraft. Alle Clubs, Magazine, Bars und Organisationen sind LGBTQ+ und werden es auch bleiben. Die bestehenden Machtstrukturen der ‚schwulen Öffentlichkeit‘ sind dogmatisch und, insbesondere im Hinblick auf auf das Transen von Kindern, rasend reaktionär. Die entscheidende Frage ist, wie wir aus dieser Katastrophe herauskommen. Eine Antwort darauf kann nur von denen kommen, die diesen ganzen woken Kram satt haben.

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