28.01.2014

Homophobie: Toleranz ist kein Schulfach

Von Sabine Beppler-Spahl

Der Sexualkundeunterricht soll verschiedenste Werte vermitteln, etwa um Homophobie zu bekämpfen. Wir sollten jedoch darauf vertrauen, dass die nachwachsende Generation auch ohne genaueste Vorgaben sinnvolle Haltungen entwickelt. Ein Kommentar von Sabine Beppler-Spahl

Während in Deutschland die neuen baden-württembergischen Bildungsrichtlinien in für Aufregung sorgen, wird in Frankreich noch darüber debattiert, ob Schulbücher die Homosexualität als natürliches oder gesellschaftliches Phänomen darstellen sollten. In England steht dagegen der neue „Sex and Relationship“, kurz SRE, (Sexualität und Beziehungen) genannte Unterricht auf dem Prüfstand. Warum wird überall in Europa über Sexualkunde an Schulen gestritten?

Ein Grund dürfte sein, dass der Unterricht vielen unterschiedlichen Zielen gleichzeitig dienen soll. Neben der faktischen Aufklärung soll er dazu beitragen, Teenagerschwangerschaften zu vermeiden, für Toleranz und Vielfalt werben und Jugendlichen „helfen“, wie es z.B. in den Leitlinien der SRE heißt, ausgeglichene Erwachsene zu werden, die mit ihrer Sexualität verantwortlich umgehen.

Sind das nicht, so ist man geneigt zu fragen, viel zu viele Anforderungen an einen Schulunterricht? Da kann man die Mathelehrer beneiden. Die müssen den Kindern nur Mathematik beibringen. Die Überfrachtung der Sexualkunde zeigt vor allem eines: wie unsicher die heutige Erwachsengeneration ist, die nur wenig Zuversicht in den sozialen Fortschritt und das Weltverstehen der nächsten Generation zu haben scheint.

„Die gesellschaftliche Akzeptanz schwul-lesbischer Beziehungen ist sehr hoch. Sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, kann einem große Sympathien einbringen.“

Es ist bemerkenswert, dass der Streit über das Arbeitspapier aus Baden Württemberg zu einem Zeitpunkt ausgetragen wird, da wir freier und offener mit Sexualität umgehen als je zuvor. Die gesellschaftliche Akzeptanz schwul-lesbischer Beziehungen ist sehr hoch. Sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, kann einem, wie wir am Beispiel des ehemaligen Fußballprofis Thomas Hitzlsperger mal wieder erlebt haben, große Sympathien einbringen. Doch wer die Debatte über die Bildungsrichtlinien verfolgt, bekommt den Eindruck, als sei diese Offenheit gefährdet, sobald es um unsere Kinder geht. Die Toleranz, die die Debatte über Homosexualität auszeichnet, scheint an den Schultüren halt zu machen, könnte man meinen, wenn man manche Bildungspolitiker hört. Von zunehmender Intoleranz, sexueller Diskriminierung und Verrohung ist die Rede. [1]

Steht es wirklich so schlimm um unsere Kinder und Schulen oder spricht hier eine Erwachsengeneration, die der nächsten Generation zu wenig vertraut? Ist es naiv, in unserer modernen Zeit, den Sexualkundeunterricht auf die Vermittlung von biologischem Wissen begrenzen zu wollen und soziale Themen wie Toleranz und Verantwortungsbewusstsein auszuklammern? Oder laufen wir Gefahr, die Nerven zu verlieren?

Ein Bericht der Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes kommt zum Schluss, dass Homophobie an deutschen Schulen weit verbreitet sei, weil Wörter wie „schwul“, „Schwuchtel“ oder „Lesbe“ auf vielen Pausenhöfen als Schimpfwörter gelten. Ist das ein überzeugender Beweis? Was vor einigen Jahren als unreifes und dummes Geschwätz einzuordnen und einigermaßen gelassen hinzunehmen gewesen wäre, muss inzwischen offenbar durch immer mehr formale Erziehungsmaßnahmen bekämpft werden. Warum verlassen wir uns nicht darauf, dass Lehrer und Eltern im Einzelfall ihrer erzieherischen Aufgabe nachkommen, wenn Kinder bei solchen Dummheiten auffallen? Es ist die Unsicherheit der heutigen Erwachsenengeneration und die Angst davor, zu versagen, wenn es um die Vermittlung von Werten geht, die den Schulunterricht immer stärker prägen.  Zu Lasten anderer Lehrinhalte werden unzählige Schulstunden für alle möglichen Themen reserviert, die dazu beitragen sollen, dass unsere Kinder auch bloß die richtige Einstellung in Sachen Vielfalt und Antidiskriminierung bekommen.

„Niemand wird durch einen Lehrplan schwul“, hat der Landesschülerbeirat und Vorstand der Bundesschülerkonferenz Deutschland, Christian Stärk, beschwichtigend in die Debatte eingeworfen. Damit hat er Recht. Wahr ist aber auch, dass kein Schüler durch ein Fach wie Toleranz im Schulunterricht tolerant wird. Toleranz ist eine Frage der Einstellung, die sich aus gesellschaftlichen Debatten, Lebenserfahrungen und persönlichem Nachdenken entwickelt. Es ist absurd, Toleranz als Schulfach anzusehen, in dem pädagogisch aufbereitete Wertvorstellungen als Lerninhalte vermittelt werden können. So gesehen, scheinen nicht nur die Gegner, sondern auch die Befürworter der neuen Lehrpläne den Einfluss des Sexualkundeunterrichts auf die noch zu reifenden Überzeugungen unserer Kinder zu überschätzen.

„Kindern und Jugendlichen müsste das Recht zugestanden werden, ihre Meinung eigenständig und ohne die kontrollierenden Vorgaben des Unterrichts zu finden.“

Ob der neue SRE-Unterricht in England hielte, was er anstrebe, sei durch Studien nur schwer zu ermitteln, merkte kürzlich Michael Reiss (Professor of Science Education, Institute of Education, University London) an. Es sei kaum möglich, die wirkliche Einstellung von Jugendlichen in Umfragen und Studien zu ermitteln. Sexuelle Beziehungen seien privater Natur und als Ausdruck der persönlichen Entwicklung kaum durch vorgefertigte, lehrbare Regeln beeinflussbar. Kindern und Jugendlichen müsste das Recht zugestanden werden, gerade bei so sensiblen Themen, ihre Meinung eigenständig und ohne die kontrollierenden Vorgaben des Unterrichts zu finden. In gewisser Hinsicht geht es hier auch um den Schutz der Privatsphäre. Die eigene sexuelle Orientierung zu entdecken, zu erkunden und zu entwickeln, ist Privatangelegenheit der Heranwachsenden. Der Wunsch, die Gedanken und Einstellungen zur Sexualität zu kontrollieren, zeigt das tiefe Misstrauen gegenüber dem Privaten und damit dem Verborgenen, das unsere heutige Gesellschaft prägt.

Kritiker des Fachs SRE in Großbritannien argumentieren vor allem, der normale Schulunterricht biete genügend Anknüpfungspunkte, die es Jugendlichen ermöglichten, sich konstruktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, ohne dass es einen immer ausgedehnteren Sexualkundeunterricht geben müsse. So lassen die großen Werke der Literatur viel Raum für Fragen der menschlichen Existenz, zu der auch die sexuelle Orientierung gehöre. Tatsächlich kann die Beschäftigung mit Büchern wie Thomas Manns Tod in Venedig komplexe Themen besser vermitteln als ein formeller Unterricht in Hetero-, Homo-, Bi- oder Transsexualität, bei dem von Lehrern erwartet wird, als moderne Tugendwächter aufzutreten. Wer die kürzere lyrische Form bevorzugt, dem sei das Lied „Penis – Vagina“ von Max Goldt zu empfehlen. Der Refrain bringt auf dem Punkt, worüber nicht weiter geredet werden muss: „Der Penis dringt ein in die Vagina und verweilt dort, so lange er kann. Die Liebe ist feucht und belanglos, doch Mann will Frau und Frau will Mann. Es gibt auch Ausnahmen, jede Menge, doch die verlieren sich im Gedränge.“ [2]

Die Frage, wie Kindern moderne Werte beizubringen sind, beschäftigt uns nicht nur heute. Sie zieht sich durch die Debatte, seit es Erziehung und Bildung überhaupt gibt. Jean-Jacques Rousseau berichtet in seinem pädagogischen Hauptwerk Emile oder über die Erziehung aus dem Jahr 1762, wie er seinen Schützling Emile durch das gute Vorbild und die sanfte Anleitung des Lehrers zu einem ausgeglichenen, verständigen Menschen erziehen will. Er soll kein Sklave der Meinung anderer sein, sondern durch die Erfahrung der eigenen Freiheit erkennen, dass nur eine Gesellschaft, in der alle ihr Glück suchen dürfen, eine gute Gesellschaft ist. Deswegen soll Emile Fabeln lesen, die ihm viel über Klugheit und Tugend mitteilen können. Die Moral am Ende der Geschichten aber soll er nicht lesen, denn die gilt es, selbst zu erkennen. Es wäre schön, wenn auch unsere Erwachsenegernation etwas mehr Glauben in die Urteilsfähigkeit der nächsten Generation hätte. Natürlich kann während der Pubertät einiges schief gehen, aber wir sollten darauf vertrauen, dass unsere Kinder in der großen Mehrzahl ebenso lernfähig sind, wie wir es waren. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie homophob werden, nur weil die sexuelle Vielfalt im Schulunterricht zu kurz kam.