02.10.2019

Schlechte Nachrichten für Richtigesser und Gesundheitsapostel

Von Thilo Spahl

Fleisch ist nicht ungesund. Gängige Ernährungsrichtlinien sind mehr Propaganda als Wissenschaft.

Fleisch ist ungesund, vor allem, wenn es rot ist oder (zu Wurst) verarbeitet. Das weiß jedes Kind. Oder zumindest jeder Erwachsene, der ein gesteigertes Bedürfnis empfindet, sich „bewusst“ zu ernähren. Und jetzt soll das plötzlich nicht mehr stimmen?!

In einer großen, internationalen Studie, die ausgerechnet am Weltvegetariertag veröffentlicht wurde, sind Forscher des NutriRECS-Konsortiums aus sieben Ländern zum Schluss gekommen, dass es keinen Grund gibt, Mäßigung und Verzicht zu üben. Wenn es überhaupt gesundheitliche Vorteile durch den Verzehr von weniger Rind- und Schweinefleisch gebe, so seien sie so klein, dass sich der Einzelne nichts davon versprechen sollte. Die seit Jahrzehnten propagierten entsprechenden Ernährungsrichtlinien hätten keine solide Basis. „Die Richtlinien basieren auf Arbeiten, die vermutlich sagen, dass es Beweise dafür gibt, was sie sagen, aber es gibt sie nicht", fasste Dr. Dennis Bier, Direktor des Children's Nutrition Research Center am Baylor College of Medicine in Houston und ehemaliger Herausgeber des American Journal of Clinical Nutrition die Ergebnisse zusammen.

Interessant, könnte man sagen, dann kommt jetzt mal ein bisschen Bewegung in die Ernährungsforschung. Das kann man nur begrüßen, das bringt das Feld vielleicht voran. Doch das war nicht die typische Reaktion. Ganz im Gegenteil. Vertreter der Orthodoxie reagierten wenig erfreut auf die Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Annals of Internal Medicine.

„Wenn es überhaupt gesundheitliche Vorteile durch den Verzehr von weniger Rind- und Schweinefleisch gebe, so seien sie so klein, dass sich der Einzelne nichts davon versprechen sollte."

Der „Ärzteausschuss für verantwortungsvolle Medizin“ (Physicians Committee for Responsible Medicine), ein Verein mit 12.000 Ärzten, reichte bei der Federal Trade Commission (FDC) eine Petition ein, um „falsche Aussagen über den Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch zu korrigieren, die von den Annals of Internal Medicine, einer Veröffentlichung des American College of Physicians, veröffentlicht wurden.“ In der Petition wurde gefordert, dass die FTC den AIM dauerhaft untersagt, die fragliche Botschaft zu verbreiten, und sie stattdessen öffentlich widerrufen werden soll.

Das Physicians Committee for Responsible Medicine hat, gelinde gesagt, sehr feste Überzeugungen in Hinblick auf den Verzehr von Fleisch. Der Verein forderte schon vor zwei Jahren in einer Kampagne auf: „Sei kein Verarbeitetes-Fleisch-Risiko-Leugner" („Don’t Be a Processed-Meat-Risk Denier“). Es betreibt Webseiten wie DropTheHotDog.org und produziert Videos wie „Bacon is a Killer".

Der Verein war aber nicht der einzige, der aktiv wurde, um die Menschheit vor der gefährlichen Botschaft der Fleischleugner zu schützen. Der World Cancer Research Fund startete eine Unterschriftensammlung. „Als Reaktion auf die Behauptung des NutriRECS-Konsortiums, dass die Menschen ihre Aufnahme von rotem und verarbeitetem Fleisch nicht mäßigen müssen, fordert der WCRF Gesundheitsexperten auf, die in den letzten 30 Jahren gesammelten Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen diesem Fleisch und Krebs zu unterstützen, indem sie ihren Namen untere unsere Erklärung setzen.“ Die Kernaussage des Statements lautet: „Top-Gesundheitsorganisationen und globale Krebsexperten fordern die Öffentlichkeit auf, der Empfehlung, die Aufnahme von rotem Fleisch auf drei Portionen pro Woche zu begrenzen und wenig oder gar kein verarbeitetes Fleisch zur Krebsprävention zu essen, weiterhin zu folgen.“ Ich würde sagen, es spricht nicht gerade für die Top-Organisationen, dass sie ihre Wahrheit per Unterschriftensammlung retten möchten.

„Wir Fleischliebhaber und Liebhaber offener Debatten und freier Entscheidungen in Sachen Lebensstil freuen uns."

Laut New York Times versuchten andere Wissenschaftler schon vorab die Veröffentlichung der Studienergebnisse zu verhindern, die „die Glaubwürdigkeit der Ernährungswissenschaft schädigen und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die wissenschaftliche Forschung untergraben." Es hat alles nichts geholfen. Wir Fleischliebhaber und Liebhaber offener Debatten und freier Entscheidungen in Sachen Lebensstil freuen uns. Und es scheint auch in den Medien noch viele von uns zu geben. Die Blätter bzw. das Netz ist voller Überschriften wie „Red Meat Not So Bad For You After All", „You DON'T need to cut out red meat: Scientists say [ …]" oder „Is red meat really bad for you? New research says it's not" oder „Rotes Fleisch macht fast unsterblich" (Harald Schmidt).

Doch es konnte natürlich nicht lange dauern, bis wir uns daran erinnerten, dass es beim Fleischverzicht ja gar nicht mehr nur um die Gesundheit, sondern mehr und mehr ums Große und Ganze der Welt geht. Die New York Times schob schnell einen Text hinterher: „The Real Problem With Beef. An extensive study confirms that red meat might not be that bad for you. But it is bad for the planet, with chicken and pork less harmful than beef." Der eigentliche Patient ist also mal wieder der Planet. Und Fleischleugner sind letztlich auch nur Klimaleugner.