01.04.2016

„Sagen wir Ja zum Risiko“

Interview mit Steve Fuller

Titelbild

The U.S. National Archives (FlickrCommons)

Das Vorsorgeprinzip soll Umwelt und Gesundheit vor möglichen Schäden schützen. Die Angst vor noch so kleinen Risiken behindert aber Innovationen und widerspricht der menschlichen Natur.

Marco Visscher: Das „Vorsorgeprinzip” geht davon aus, dass man in Hinblick auf einen möglicherweise unumkehrbaren Schaden, z.B. durch eine neue Technologie, besser nichts tun sollte. So werden etwa Verbote grüner Gentechnik begründet. Dieser Ansatz findet sich in UN-Verträgen, in Rechtsnormen der EU und Gesetzen ihrer Mitgliedsstaaten wieder, vor allem in Bezug auf Umwelt und Gesundheit. Das Vorsorgeprinzip verlangt bei Neuerungen einen unumstößlichen Beweis ihrer Unschädlichkeit. Was halten Sie davon?

Steve Fuller: Das Vorsorgeprinzip geht davon aus, dass jede Unsicherheit eine Bedrohung darstellt, nie eine Chance. In Wahrheit ist Unsicherheit neutral. Wie man sie betrachtet, hängt von der eigenen Wahrnehmung ab. Das Problem besteht darin, dass viele Menschen offenbar einen extrem unwahrscheinlichen Schaden schon zu riskant finden. Wem jedes Risiko zu hoch ist, der erntet letztlich eine Welt, in der niemand irgendeinen Schaden anrichten kann. Die ist dann sehr ungefährlich, aber auch eine Welt, die uns entmutigt, überhaupt noch etwas zu unternehmen.

Zeigen sich bereits solche Folgen des Vorsorgeprinzips?

Es verringert die Chance, Innovationen auf den Markt zu bringen. Das ist die sichtbarste Folge. Man erkennt die abnehmende wirtschaftliche Gestaltungskraft Europas, wo das Vorsorgeprinzip über eine große Anhängerschaft in der Politik verfügt.

„Ohne Mut wäre die industrielle Revolution nie entfesselt worden.“

Vielleicht sind uns Europäern Umwelt und Gesundheit wichtiger als Wirtschaftswachstum?

Sind sie das? Meines Erachtens spiegelt das Vorsorgeprinzip weniger den Bürgerwillen wider als vielmehr eine Vorstellung davon, was der Staat zu tun hat. Vom Staat wird erwartet, Menschen zu schützen, so die vorherrschende Meinung. Ich sehe das völlig anders: Der Staat soll sich stattdessen am Potential der Bürger orientieren. Daher finde ich das Vorsorgeprinzip in erster Linie menschenunwürdig.

Die „vorsorgend“ Denkenden entwickeln schon bei einem minimalen Risiko Paranoia. Das ist eine noch nie dagewesene Entwicklung in der Menschheitsgeschichte. Wenn wir vor Jahrhunderten das Vorsorgeprinzip eingeführt hätten, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Jeder Fortschritt in Wissenschaft und Technologie ging mit Risiken einher. Ohne etwas Mut wäre die industrielle Revolution nie entfesselt worden. Kohlekraftwerke hätte man nur als Risiko für die Atemwege betrachtet.

Was ja auch der Fall war. Damals herrschte in den Städten eine derartig verschmutzte Luft, dass man daran sterben konnte.

Ja, aber gerade die billige Energie hat uns ermöglicht, nach Lösungen zu suchen. Heute ist die Luft sauber und wir haben es schön warm, nicht wahr? Früher war die Teilnahme an riskanten Experimenten unfreiwillig, negative Folgen hat man verleugnet oder abgetan, ein finanzieller Schadenersatz fand nicht statt. In unserer heutigen Versorgungskultur sind wir ins andere Extrem übergegangen. Indem man Risiken eingeht, kann man aber große Vorteile erzielen. Und das nützt allen.

„Gerade die billige Energie hat uns ermöglicht, nach Lösungen zu suchen.“

Und die negativen Folgen?

Diese führen wiederum zu neuen Innovationen, die nie entstanden wären, wenn wir nicht in eine schwierige Situation geraten wären. Letztlich geht es uns dadurch besser als vorher. Fortschritt erfolgt nun mal als Prozess von Versuch und Irrtum. Der Mensch zeichnet sich auch stark dadurch aus, Risiken nicht zu scheuen und darauf zu vertrauen, aus ihnen gestärkt hervorzugehen, auch wenn kurzfristig Schaden eintreten kann.

Man kann sich also beruhigt schlafen legen, alles wird gut, wir werden uns schon anpassen können?

Nein, dabei geht es um mehr. Wir passen uns nicht nur neuen Umständen an, wir setzen sie auch in Gang. Ich spüre wenig Vertrauen in unser Vermögen, die Welt gestalten und verschönern zu können.

Wäre die Abschaffung des Vorsorgeprinzips, für die Sie plädieren, denn nicht ein Freibrief für Rücksichtslosigkeit?

Selbstverständlich! Deshalb bedarf es eines starken Systems von Regeln und ihrer Überwachung. Sehen Sie, ich habe – so komisch es auch klingt – ein großes Problem mit meinen Mitstreitern. Die meisten von ihnen sind Libertäre mit großer Abneigung gegenüber staatlichen Regeln. Sie gehen davon aus, dass man nur die Gesetze abschaffen und die Menschen nach ihrer Façon leben lassen sollte, und alles funktioniert. Das sehe ich anders. Wir brauchen unbedingt neue Gesetze, die uns die Freiheit zu experimentieren ermöglichen. Die Ergebnisse muss man gut im Auge haben, um zeitnah Maßnahmen ergreifen zu können, sobald etwas schiefzulaufen droht. Außerdem benötigen wir ein soziales Netz, um nachteilige Effekte auffangen zu können und finanzielle Entschädigung zu bieten, wenn etwas grandios scheitert.

Nehmen wir die Diskussion um Modafinil, eine Arznei zur Behandlung der Krankheit Narkolepsie, bei der Menschen einfach so in den Schlaf fallen. Mithilfe dieses Mittels kann man seine Leistung steigern, heißt es, bei Examen oder in Vorstellungsgesprächen. Das ist nicht richtig erforscht, denn eine solche Nutzung wäre illegal. Deshalb wimmelt es nur so von Gerüchten. Es drohen also Gefahren oder eben eine verpasste Chance für große Gruppen von Menschen, die ihre Leistung ohne unerwünschte Nebenwirkungen steigern wollen. Wenn letzteres der Fall sein sollte, müsste dieses Medikament allen verfügbar gemacht werden. Schließlich würde es ja nur eine Anpassung bewirken – wie eine Brille oder Kontaktlinsen, und die sind ja im Gesundheitssystem anerkannt. In jedem Fall ist zu empfehlen, das Experimentieren mit dieser Medizin zu erlauben.

Und was passiert, wenn die Experimente zu starken Nebenwirkungen mit bleibenden Schäden führen?

Der Schaden wird ersetzt. Man kann z.B. dafür sorgen, dass diejenigen, die selbst keiner Gefahr ausgesetzt sind, die Betroffenen subventionieren, weil sie zu Erkenntnissen beigetragen haben, von denen alle profitieren.

„Wir brauchen unbedingt neue Gesetze, die uns die Freiheit zu experimentieren ermöglichen.“

Bedeutet dies einen Ausbau des Sozialstaats?

Eher seine Reform. Den Übergang vom Vorsorgeprinzip zu einem proaktiven Prinzip betrachte ich als Teil einer grundlegenden Neujustierung der Rolle des Staats. Heute existiert der Staat vor allem, um Bürger zu beschützen – was zu Bevormundung und Erstarrung führt. Meiner Meinung nach sollte der Staat aber dem Unternehmersinn der Bürger Raum verschaffen. Wenn es schief läuft, hat man dann ein soziales Auffangnetz, Schmerzensgeld für negative Folgen und Dank für den erwiesenen Mut, die Welt durch Experimentieren verbessert zu haben. Man braucht einen starken Staat, der dafür sorgt, dass die Vorteile der Gesellschaft zugutekommen.

Schon Hippokrates nahm seinen Ärzten den Eid ab, nichts Böses zu tun – und nicht etwa, Gutes zu tun. Liegt darin ein Ursprung des heute modernen Vorsorgeprinzips?

Vielleicht. Interessanter finde ich, dass der Hippokratische Eid auf die Vorstellung zurückgeht, dass die Natur an sich gut ist. Der Eid impliziert, dass man nichts tun darf, um ihre Prozesse zu stören. Dieser Gedanke erfreut sich heutzutage wieder enormer Beliebtheit. Was natürlich ist, gilt das gut. Derselbe Ansatz steckt hinter dem Kampf gegen gentechnische Veränderungen. Dieser Kampf beruht keineswegs auf dem wissenschaftlichen Konsens über die Folgen für Umwelt und Gesundheit, denn aus allen großen Studien ergibt sich, dass die befürchteten Schäden nicht eintreten. Dieser Kampf ist vielmehr ein Resultat unserer irrationalen Angst, dass die harmonische Natur gestört wird, weil alles Künstliche von Übel ist.

An diesem Punkt habe ich wohl auch meine größten Bedenken gegen das Vorsorgeprinzip. Ihm liegt die Vorstellung zugrunde, dass die Natur intrinsisch gut sei und es einen perfekten Naturzustand gebe, der intakt bleiben oder wiederhergestellt werden müsse. Ein solches natürliches Gleichgewicht existiert aber nicht. Unsere Geschichte zeigt, dass wir ständig unsere natürlichen Grenzen erweitern, mit allen positiven und negativen Folgen, die dazugehören. Ob man es jeweils bedauert oder bejubelt, aber Fakt ist nun einmal, dass unsere Auffassungen darüber, was normal oder akzeptabel ist, sich permanent verändern. Und das ist auch gut so.

„Ein natürliches Gleichgewicht existiert nicht“

Zurück zur industriellen Revolution: Hat diese unser Verständnis dessen, was möglich ist, verändert?

Ganz genau. Die armen Bauern auf dem Land wurden nicht nach ihrer Meinung gefragt, es war total rücksichtslos und undemokratisch. Sie zogen in die Städte, wo sie ganze 18-Stunden-Tage arbeiten mussten, ohne Altersabsicherung und Kinderbetreuung, und es war schlimm. Aber es gab ihnen die Möglichkeit, ein anderes Lebens zu führen als ihre Eltern. Die technischen Möglichkeiten befreiten sie von ihren natürlichen Grenzen, die sie sonst an ihrem Platz gehalten hätten. Genau dieses Szenario wird aber immer unwahrscheinlicher, wenn Erneuerung vom Vorsorgeprinzip geknebelt bleibt. Und dieses Prinzip wird immer breiter angewendet.

Man denke etwa an die Diskussion über Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit wird immer mehr eingeengt. Um zu verhindern, dass andere durch einen offenen Ideenaustausch gekränkt oder beleidigt werden, werden bestimmte Begriffe und extreme Auffassungen tabuisiert. Als Vorsorge. Dieselbe Besorgtheit sehe ich auch hinter dem „Schutz“ vor grüner Gentechnik oder hinter der Abschirmung „einheimischer“ Tierarten, die man vor exotischen Arten schützen will. All das geht zurück auf die Vorstellung einer ursprünglichen, unveränderbaren Identität. Das ist absurd. Wenn irgendetwas in der Natur angelegt ist, dann die Einmischung des Menschen in die Natur und – Stichwort Redefreiheit – die Konfrontation mit den Meinungen anderer.

Das birgt Risiken in sich.

Ja, aber die gehören nun mal zum Leben. Lassen Sie uns vernünftig damit umgehen.