19.07.2021

Radikaler Traditionalismus

Von Kolja Zydatiss

Wer Alternativen zum technokratischen Status quo aufzeigen will, muss ein Bewusstsein schaffen für den Radikalismus der Vergangenheit.

Misstrauen ist heute weit verbreitet, etwa gegenüber „zu viel“ Demokratie (könnte „Populisten“, „Klimaleugner“ et al. an die Macht bringen), der Meinungsfreiheit (ermöglicht „Hate Speech“) oder neuen Technologien (könnten schreckliche Auswirkungen auf Mensch und Umwelt haben). Kaum einer Gruppe wird heute allerdings so viel Misstrauen entgegengebracht wie den „einfachen Menschen“ oder Arbeitern. Bestenfalls will man sie umerziehen, zum Beispiel mittels „Sündensteuern“, Nudging oder Gendersprache. Schlimmstenfalls gelten sie als die kulturelle Rückständigkeit in Person, als (verkappte) Ausländerfeinde und Rechtsradikale, die unbedingt von der Politik fernzuhalten seien. Der amerikanische Science-Fiction-Schriftsteller Robert A. Heinlein hat allerdings in einem 1952 veröffentlichten Essay darauf hingewiesen, dass unsere Zivilisation gar nicht funktionieren würde, wäre die überwältigende Mehrheit „einfacher Menschen“ nicht von einem tiefen Anstands- und Pflichtgefühl und einer intrinsischen Berufsethik geleitet.

„Unsere Schlagzeilen sind voll von Verbrechen, doch auf jeden Kriminellen kommen 10.000 ehrliche, anständige und freundliche Menschen“, schrieb er. „Wenn dem nicht so wäre, würde kein Kind je das Erwachsenenalter erreichen. […] Ich glaube an die geduldige Tapferkeit von Krankenschwestern und die mühsamen Opfer von Lehrern. […] Ich glaube an das ehrliche Handwerk der Werkleute. Schauen Sie sich um. Es gab nie genug Chefs, um die ganze Arbeit zu kontrollieren. [Hervorhebung meine, K.Z.] Von der Independence Hall bis zur Grand-Coulee-Talsperre wurden diese Dinge eben und rechtwinklig von Handwerkern gebaut, die ehrlich bis auf die Knochen waren.“1

Perspektive der Produzenten

Lange Zeit fanden linke Bewegungen Inspiration in dem, was man als „Perspektive der Produzenten“ bezeichnen könnte. Der revolutionäre deutsche Dichter Georg Herwegh (1817–1875) appellierte etwa in seinem „Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ (also für die Vorgängerorganisation der heutigen SPD):

„Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.“
2

Aus der Perspektive der Produzenten, ihrer Unentbehrlichkeit und ihrer Vielzahl, leitete man einen Machtanspruch (und auch einen moralischen Anspruch) auf eine Gesellschaftsordnung ab, die an den materiellen und sonstigen Interessen normaler, arbeitender Menschen ausgerichtet ist. „Das Herz und die Seele unseres Landes werden immer das Herz und die Seele des einfachen Mannes sein“3, meinte etwa Franklin D. Roosevelt (1882–1945), der wohl sozialdemokratischste aller bisherigen US-Präsidenten. Sein noch weiter links stehender innerparteilicher Konkurrent Huey Long, von 1928 bis 1932 Gouverneur des armen und unterentwickelten Louisiana, einte „kleine Leute“ aller Rassen hinter einem radikalen populistischen Programm, das er unter dem Slogan „Every Man a King“ (jeder Mensch ein König) zusammenfasste.4

„Aus der Perspektive der Produzenten, ihrer Unentbehrlichkeit und ihrer Vielzahl, leitete man einen Machtanspruch auf eine Gesellschaftsordnung ab, die an den materiellen und sonstigen Interessen normaler, arbeitender Menschen ausgerichtet ist.“

Das von Heinlein beschriebene Ethos mag heute auf einer individuellen Ebene noch wirken. Auf einer politischen Ebene haben sich die sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien allerdings immer mehr von ihrer ehemaligen proletarischen und kleinbürgerlichen Basis entfremdet, wobei die oben angesprochenen paternalistischen Tendenzen und kulturelle Verachtung eine wesentliche Rolle gespielt haben dürften. Sie haben sich damit zunehmend selbst in die Bedeutungslosigkeit befördert. Auch der Einfluss der Gewerkschaften schwindet in vielen westlichen Staaten (neulich unterhielt ich mich mit einem jungen Erwachsenen, der noch nicht einmal wusste, was das Wort „Gewerkschaft“ bedeutet).

An die Stelle der Perspektive der Produzenten ist der Konsumismus getreten. Wir beschäftigen uns heute kaum noch mit Fragen der Ausbeutung und der Arbeitsbedingungen, mit Handwerkskunst oder gar der „Würde“ der Arbeit und der Arbeitenden. Denn die Sphäre der Produktion ist kulturell abgewertet (und zum Teil auch in andere Weltregionen ausgelagert) worden. Arbeit ist nur noch etwas, was man tut, um Produkte kaufen zu können. Der Konsum gilt heute als das wirklich Wesentliche, als der Weg, durch den wir unserer Individualität, unserem „Lifestyle“ Ausdruck verleihen und auch die Welt zum Besseren verändern. Mit einer streng veganen Ernährung wird man heute zum Beispiel in bestimmten Kreisen als besonders links und progressiv bewundert, auch wenn Freunde und Bekannte wissen, dass man als junge Unternehmensberaterin oder Marketing-Consultant Zwölf-Stunden-Schichten über sich ergehen lässt.

Fortschrittlichkeit versus Demokratie

Man könnte argumentieren, dass der moderne Kapitalismus und die zu ihm passende „progressive“ Kultur in den letzten Jahrzehnten endlich zueinander gefunden haben. Bodenständige Werte wie Familie, Heimatverbundenheit, Tradition passen nicht unbedingt zu der heutigen marktförmig flexibilisierten Konsum- und Lifestyle-Gesellschaft. In jedem Fall ist es für das Funktionieren der globalisierten Weltwirtschaft nicht unerlässlich, dass westliche Bevölkerungen sich an solchen Werten orientieren. Margaret Thatcher und Ronald Reagan mögen aus dem Grabe protestieren, aber vielleicht sind Dinge wie Selbstverwirklichung, Individualität, Diversität, Flexibilität und Identitätstransformationen tatsächlich viel „kapitalistischer“, als es der in Sonntagsreden feierlich beschworene Wertkonservatismus dieser beiden bürgerlichen Politiker je sein konnte.

„Erstmals in der europäischen Kulturgeschichte definiert sich eine Elite über ihre Modernität, ihre Fortschrittlichkeit“, meint der Philosoph Alexander Grau. „[…] Die Eliten der Spätmoderne sehen sich, anders als die traditionellen Eliten von der Antike bis in die Neuzeit hinein, nicht als Hüter des Ewigen, sondern als Speerspitze des Fortschritts. Das ist eine Kulturrevolution ungeahnten Ausmaßes.“5 Ins Visier dieser Kulturrevolution sind tradierte Vorstellungen von Familie und Religion, hergebrachter Identität und Gemeinschaft, Nation und Souveränität geraten, die über Jahrzehnte zum „Common Sense“ vieler Menschen gehörten, aber heute von den zahlenmäßig unterlegenen, politisch und kulturell jedoch tonangebenden „Progressiven“ bestenfalls belächelt und schlimmstenfalls als proto-faschistisch diffamiert werden.

„Wir beschäftigen uns heute kaum noch mit Fragen der Ausbeutung und der Arbeitsbedingungen, mit Handwerkskunst oder gar der ‚Würde‘ der Arbeit und der Arbeitenden.“

Den wohl wichtigsten und bedauernswertesten Kollateralschaden der fast manischen Fixierung auf vermeintlichen kulturellen „Fortschritt“ und „Aufklärung“ erleidet allerdings die Demokratie. Denn ein Hauptmotiv des tonangebenden „progressiven“ Denkens ist, dass die „kleinen Leute“ unaufgeklärt und reaktionär seien. Für die neue „Aristokratie von Talenten“, die sich in der globalisierten, flexibilisierten und individualistischen Gegenwartsordnung zu Hause fühlt, ist „das Volk“ keine Entität, deren Interessen es zu verteidigen gilt, sondern ein Problem, stellte der amerikanische Historiker Christopher Lasch 1995 in einem Buch fest, das im Englischen den Titel „The Revolt of the Elites and the Betrayal of Democracy“6 trägt (auf Deutsch heißt es „Die blinde Elite. Macht ohne Verantwortung“). Lasch sagte voraus, dass die „progressiven“ Eliten zunehmend versuchen würden, die parlamentarische Demokratie durch den Aufbau „paralleler“, „alternativer“ Institutionen zu umgehen, „in denen es überhaupt nicht mehr notwendig sein wird, sich mit den Unaufgeklärten zu befassen“.7

Die Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte scheinen Laschs Befürchtungen zu bestätigen. Tatsächlich wurden immer mehr intransparente und demokratisch kaum legitimierte technokratische Institutionen geschaffen, die den eigentlichen Souverän, den Bürger, von politischen Entscheidungsprozessen fernhalten sollen. Der deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler Yascha Mounk beschreibt das aktuelle politische Gefüge wie folgt:

„Die Rolle des Geldes in der Politik wird immer größer. Lobbyisten haben immer mehr Einfluss auf die Politik. Und die Politiker sind Teil einer Elite, die vom Großteil der Menschen relativ abgeschottet lebt. Gleichzeitig werden immer mehr Entscheidungen aus dem demokratischen Politikgeschäft herausgenommen. Die Rolle der Gerichte wird immer größer, auch der Einfluss der Zentralbanken, der internationalen Organisationen, und der Bürokratie – von der Europäischen Kommission in Brüssel bis hin zur Environmental Protection Agency in Washington – steigt. Zusammengenommen werden sehr viele wichtige Entscheidungen deshalb nicht mehr von gewählten Politikern gefällt. […] Deutschland ist teilweise ein System von Recht ohne Demokratie, ein System des undemokratischen Liberalismus. […] Die Macht des Bundestages ist in vielerlei Hinsicht eingegrenzt.“8

(Natürlich hat die schleichende Entdemokratisierung auch etwas mit dem Konsumismus zu tun. In einer Gesellschaft, die Menschen vor allem auf die Rolle des Konsumenten beziehungsweise des Verbrauchers reduziert, wird auch die Idee des Bürgers geschwächt.)

Linker Geschichtsrevisionismus

Wohin die seltsame Kombination von Klima-Austerität, oligarchischer Wirtschaftsordnung, Prekarisierung und mit maoistischem Furor vorangetriebener Identitätspolitik – die von den „Progressiven“ nicht nur präferiert, sondern oft sogar als alternativlos dargestellt wird – im Extremfall führen kann, zeigt das Negativbeispiel Kalifornien: Verelendung bis in die Mittelschicht,9 ein höherer Gini-Koeffizient10 als Mexiko und eine Elite, die immer neue angeblich fortschrittliche, aber tatsächlich völlig durchgeknallte Anliegen wie „Ethnomathematik“11 für sich entdeckt und der Gesellschaft aufzuzwingen versucht.

„Ein Hauptmotiv des tonangebenden ‚progressiven‘ Denkens ist, dass die ‚kleinen Leute‘ unaufgeklärt und reaktionär seien.“

Höchste Zeit also, Alternativen zu entwickeln. In Deutschland gibt es seit 2013 eine Partei, die sich wortwörtlich „Alternative“ nennt. Dieser Partei wird (neben vielen anderen Dingen) oft „Geschichtsrevisionismus“ vorgeworfen. Und es stimmt: „Vogelschiss“, „Stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“, „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ – das ist Geschichtsklitterung, beziehungsweise versuchte Geschichtsklitterung der übelsten Sorte. Dabei brauchen wir tatsächlich eine Form von Geschichtsrevisionismus, wollen wir den technokratischen Status quo ernsthaft herausfordern. Dieser sollte allerdings nicht nach dem „Landser“12 klingen, sondern im Gegenteil ziemlich links.

Ein Problem dabei ist, dass historisch betrachtet nicht nur (groß-)bürgerliche Schichten (vor allem, wenn sie sich durch den Radikalismus der „Massen“ bedroht sahen) ein problematisches Verhältnis zu Demokratie hatten, sondern auch Teile der Linken selbst. In der Geschichte des Frühsozialismus, der Sozialdemokratie und des revolutionären Marxismus finden sich viele demokratische beziehungsweise radikaldemokratische Forderungen, etwa nach einem allgemeinen Wahlrecht oder gar einer Rätedemokratie, aber auch viele Ideen, die auf eine Diktatur von Parteibürokraten hinauslaufen oder auf paternalistisches „Social Engineering“.13

Woran sollten wir uns also orientieren, wenn wir in der heutigen Zeit den (Links-)Populismus ideengeschichtlich fundieren und moralisch legitimieren wollen – also ein politisches Projekt, das im Wesentlichen auf die demokratische Ermächtigung und Interessenvertretung der normalen, arbeitenden Bevölkerung abzielt? Ein vielversprechender Ansatz wäre meines Erachtens eine Rückbesinnung auf die radikaldemokratischen und freiheitlichen Bewegungen in der Geschichte des jeweiligen Landes. In Deutschland wären das zum Beispiel die unter anderem mit Forderungen nach Volkssouveränität, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und deutscher Einheit verbundenen revolutionären Erhebungen von 1848/1849, sowie später die Novemberrevolution von 1918/1919, mit der nicht nur die Monarchie gestürzt, sondern auch das allgemeine Wahlrecht in Deutschland eingeführt wurde.

Aber man kann auch noch weiter in der Geschichte zurückgehen. Ein Beispiel für den frühen bürgerlichen Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung will uns das Drama „Wilhelm Tell“ zeigen – eine Art literarisches Denkmal, das der Freidenker Friedrich Schiller im 19. Jahrhundert dem aufkeimenden politischen Bewusstsein unserer mittelalterlichen Vorfahren setzte. Im zweiten Aufzug heißt es:

„Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht,
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last – greift er
Hinauf getrosten Muthes in den Himmel,
Und hohlt herunter seine ewgen Rechte,
Die droben hangen unveräuserlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenüber steht.“
14

Schließlich leisten die Bauernführer Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal (alles reale historische Figuren) als Abgesandte der drei Schweizer Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden, die sich verschworen haben, um der brutalen Fremdherrschaft der Habsburger Widerstand zu leisten, den berühmten Rütlischwur:

„Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.“
15

Das demokratische Versprechen der Moderne einfordern

Die beiden Staaten, die in der heutigen Zeit noch am stärksten von alten freiheitlichen und demokratischen Traditionen geprägt sind, sind die Schweiz und die USA. In der Schweiz hängen die Menschen an ihren Volksabstimmungen sowie an der jahrhundertealten Tradition der Bürgerversammlungen unter freiem Himmel, die je nach Gliederungsebene unterschiedlich heißen (unter anderem Landsgemeinde, Bezirksgemeinde, Gemeindeversammlung). Viele Abgeordnetenmandate, vor allem auf Kantons- und Gemeindeebene, sowie viele Behördenämter, vor allem in kleineren Gemeinden, werden nebenberuflich ausgeübt. Dieses sogenannte „Milizprinzip“ gilt auch in der Schweizer Armee und bei der örtlichen Feuerwehr und geht auf Frühaufklärer wie Beat Ludwig von Muralt und Isaak Iselin zurück, die damit republikanische Werte und ein nationales Selbstverständnis fördern wollten.

„Die beiden Staaten, die in der heutigen Zeit noch am stärksten von alten freiheitlichen und demokratischen Traditionen geprägt sind, sind die Schweiz und die USA.“

So radikaldemokratisch und egalitär ist die Schweiz, dass sie noch nicht einmal ein Staatsoberhaupt oder Regierungschef hat (der siebenköpfige Bundesrat bildet de facto das kollektive Staatsoberhaupt). Nie im Traum würden die meisten Schweizer daran denken, ihre Demokratie im postbürgerlichen Brüsseler Nirwana aufzulösen (als sie 2001 gefragt wurden, stimmten rund 77 Prozent gegen die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen).

Die amerikanische Arbeiter- und Mittelschicht bleibt von einer Art libertärem, populistischem „Produzentismus“ geprägt, dessen historische Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen. Staatssozialistische und kommunistische Bewegungen spielten in der Geschichte der USA nur eine geringe Rolle. Dafür aber ein Freiheitspathos, das sich etwa im unbedingten Bekenntnis zu nahezu absoluter Meinungs- und Religionsfreiheit niederschlägt, sowie im Recht aller erwachsenen Bürger, Schusswaffen zu tragen. Amerikaner sind tendenziell feindseliger als Europäer gegenüber aus ihrer Sicht unproduktiven „Schmarotzern“, egal ob am unteren Ende der Gesellschaft (Sozialhilfeempfänger) oder am oberen („gemästete“ Beamte, „abgehobene“ Reiche und Akademiker). Auf lokaler Ebene werden viele Behördenämter wie das des Sherriffs nach wie vor demokratisch gewählt, damit sich der Staat nicht zu sehr vom „Wir, dem Volk“ abkopple.

Ein Projekt des (links-)populistischen Geschichtsrevisionismus wird unweigerlich mit dem in Konflikt geraten, was Frank Furedi als „Year Zero history“ bezeichnet. Der britische Soziologe nutzt diesen Begriff, um eine nicht nur innerhalb der EU-Nomenklatura populäre Geschichtsauffassung zu bezeichnen, wonach die europäische Geschichte vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Art Reich der Finsternis war, ein einziges Debakel, das keinerlei Wert für die Gegenwart hat, außer zur Abschreckung. Der düsteren Vergangenheit wird der europäische Einigungsprozess ab 1945 gegenübergestellt, der angeblich ein Zeitalter beispielloser Demokratie, Freiheit und Aufgeklärtheit eingeleitet habe.16

Populisten sollten entgegen dieser Auffassung argumentieren, dass das freiheitliche und demokratische Versprechen der frühen Moderne, als Ideen vom bürgerlichen Individuum und dessen Rechten begannen, die alte Feudalordnung abzulösen, in der Gegenwart nicht glaubhaft realisiert ist. Im Gegenteil: Aufgrund der Vorherrschaft expertokratischer, globalistischer und paternalistischer Politikansätze, des Einflusses meritokratischer Ideen, die Christopher Lasch als „Parodie der Demokratie“ bezeichnete17, der Monopolstellung kalifornischer Tech-Konzerne, die unliebsame Meinungen einfach per Knopfdruck stummschalten können, der immer heftigeren „Cancel Culture“ und nicht zuletzt auch aufgrund der wachsenden sozialen Ungleichheit und Prekarisierung, stellt sich zunehmend mit Sahra Wagenknecht die Frage „ob die Gesellschaft, in der wir leben, als offene Gesellschaft und Demokratie wirklich richtig beschrieben wird“.18

„Populisten sollten argumentieren, dass das freiheitliche und demokratische Versprechen der frühen Moderne in der Gegenwart nicht glaubhaft realisiert ist.“ 

Populisten sollten aufzeigen, dass es immer Alternativen zum technokratischen Status quo gab, und sich dabei auf Beispiele wie die heutige Schweiz und USA beziehen. Sie sollten argumentieren, dass „einfachen“ Menschen, die über kein nennenswertes Kapital verfügen und sich nicht in elitären Kreisen bewegen, nur die Mechanismen der Demokratie zur Verfügung stehen, um ihre Interessen zur Geltung zu bringen. Die Demokratie ist eine Art klassenlose Gesellschaft, nicht im materiellen Sinne, aber zumindest im politischen.

Ist ein solches politisches Projekt konservativ? Vielleicht ja, in dem Sinne, dass es bestimmte Errungenschaften der Vergangenheit wie die einigermaßen demokratischen und transparenten politischen Strukturen der europäischen Nationalstaaten davor bewahren will, aufgelöst zu werden in eine postdemokratische europäische und globale Governance. Allerdings stellt letztere aus genuin demokratischer und linker Perspektive eben keinen Fortschritt dar.

Wohl am ehesten konservativ ist der hier skizzierte „radikale Traditionalismus“ in dem Sinne, dass er sich nicht dem dezidierten Progressivismus anschließt, der in Deutschland mittlerweile große Teile der etablierten Politik, von der Linkspartei über die Merkel-CDU bis hin zu den Jungen Liberalen, ergriffen hat. Mit diesem Begriff ist eine politische Einstellung gemeint, welche ein bestimmtes Verständnis von (kultureller) Vielfalt, Offenheit, Flexibilität und Veränderung als Selbstzwecke zelebriert. Hiergegen sollten wir ein reflektierteres Fortschrittsverständnis setzen: Welche Veränderungen wollen wir? Was für eine Vielfalt? Wie viel Flexibilität und Offenheit ist sinnvoll? Und warum?

Auch hier ist der Vorbehalt anzufügen, dass der modische Progressivismus oft wirklich linken Zielen entgegensteht. Das gilt insbesondere für eines seiner Kernelemente, die Identitätspolitik, welche die Gesellschaft entlang neotribalistisch gehypter Attribute wie Geschlecht, Religion und sexueller Ausrichtung spaltet und damit die Solidarität der arbeitenden Menschen untergräbt.

Im Endeffekt wird das hier vorgeschlagene radikale politische Programm wohl vor allem in den Darstellungen seiner Gegner als rechtes Schreckgespenst erscheinen. Aber mit derlei Framing sollten wir uns nicht zu sehr aufhalten. Es geht darum, Heinleins tapferen Krankenschwestern und ehrlichen Werkleuten, die nach wie vor „den Laden am Laufen halten“, eine Stimme zu geben. Um gute Arbeit und gutes Leben. Um die Schaffung einer transparenteren und demokratischeren politischen Ordnung, von der man wirklich sagen kann, dass sie von den Menschen als Bürgern selbst gestaltet wird. Es geht also, etwas pathetisch gesprochen, um nichts weniger als die glaubhafte Realisierung des ursprünglichen Versprechens der Moderne. Welche Partei steht im heutigen Deutschland für eine solche Politik? Nun, leider keine.