01.11.2008

Die radikale Humanität der Wissenschaft

Essay von Raymond Tallis

Warum genießen wissenschaftlicher Sachverstand und die Wissenschaften insgesamt einen so schlechten Ruf, während unsinnige Behauptungen über die Wissenschaften oder wissenschaftlich verbrämter Unsinn Hochkonjunktur haben? Die Ursache liegt in einer Reihe weit verbreiteter Vorurteile und Mythen: etwa, dass die Wissenschaft unüberwindbare Schwierigkeiten erzeuge, dass sie nicht in der Lage sei, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, und wenn doch, so nur zu einem zu hohen Preis und zulasten menschlicher Werte. Diese Vorstellungen zu entkräften ist die Voraussetzung dafür, dass die öffentliche Wertschätzung von Wissenschaft gesteigert werden kann.

Eigentlich ist es bestürzend und lächerlich zugleich, dass man heute die Errungenschaften der Wissenschaft überhaupt verteidigen muss. Und dennoch ist es notwendig. Einer Studie zufolge glaubt weniger als die Hälfte der britischen Bevölkerung, dass die Wissenschaft eine für die Gesellschaft positive Rolle spielt. 1 Eine andere Umfrage zeichnete ein auf den ersten Blick positiveres Bild: Ihr zufolge glaubten 85 Prozent der Bevölkerung, die Wissenschaft hätte einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft. Dennoch gingen nur 71 Prozent davon aus, dass die Errungenschaften die Risiken überwiegen, und nur 44 Prozent widersprachen der Aussage, die Risiken würden überwiegen. 2

Die Medizin verfolgt zwei grundlegende Ziele: zum einen das Aufschieben des durch Krankheit verursachten Todes, zum anderen die Linderung des durch körperliche Gebrechen ausgelösten Leidens. In beiden Bereichen hat die wissenschaftsbasierte Medizin hervorragende Fortschritte erzielt. Als eines von unzähligen Beispielen sei an dieser Stelle die Entwicklung der Lebenserwartung genannt. Sie hat sich in Großbritannien seit Beginn des 19. Jahrhunderts mehr als verdoppelt: Um 1800 betrug sie weniger als 30 Jahre, im Jahr 2000 lag sie bei 67 Jahren. 3 Dieser Trend setzt sich weiter fort: Einem Bericht des Komitees für Wissenschaft und Technologie des britischen Oberhauses zufolge steigt die durchschnittliche Lebenserwartung in jedem Jahrzehnt um gut zwei Jahre. 4 Doch überraschenderweise sind angesichts dieser überaus erfreulichen Nachrichten auch negative Äußerungen zu vernehmen. Miesmacher behaupten, ein längeres Leben verlängere in erster Linie das menschliche Leid und liefere den Menschen der modernen Gerätemedizin aus. Doch diese Behauptung ist schlichtweg falsch. Denn die moderne Medizin hat gerade im Bereich der Krankheitsprävention enorme Fortschritte erzielt. Deutlich wird dies, wenn man die Entwicklung der Häufigkeit von Schlaganfällen betrachtet, die eine der häufigsten Ursachen für schwere Behinderungen im Alter darstellen: Zwei im Abstand von 20 Jahren in Oxford an denselben Probanden durchgeführte Studien ergaben, dass die altersbedingte Schlaganfallrate dramatisch gesunken ist: Anstatt des durch die Alterung der Probanden erwarteten Anstiegs der Rate um ca. 30 Prozent sank sie um 30 Prozent. Diese positive Entwicklung wird sich weiter fortsetzen, da durch eine systematischere Anwendung unseres Wissens der Ausbruch schwerer Krankheiten immer besser vermieden oder zumindest hinausgezögert werden kann. Oder, um es mit den Worten von Grimley Evans zu formulieren: „Wir werden nicht nur mehr Zeit mit Leben, sondern auch weniger Zeit mit dem Sterben verbringen.“ 5

Die Wissenschaft ermöglicht es uns also, dem grundlegendsten menschlichen Bedürfnis immer besser zu entsprechen: dem Wunsch nach einem möglichst langen und gesunden Leben. Aber sind wir dabei auch zugleich glücklicher? Ich bezweifle, dass irgendjemand diese Frage wirklich beantworten kann. Eines ist jedoch sicher: Dass wir heute den Tod hinauszuzögern, Krankheiten zu bekämpfen und vorzubeugen und immer mehr Menschen auf der Welt vor Kälte, Hunger, Infektionskrankheiten zu beschützen in der Lage sind, kann unmöglich eine Quelle des Unglücks sein.

Wissenschaft und menschliche Werte

Viele Wissenschaftsskeptiker gehen davon aus, dass wir dem Fortschritt der Wissenschaft unsere Menschlichkeit sowie unsere fundamentalen menschlichen Werte opfern. Diese Argumentation ist alles andere als neu, sie lässt sich bis zu der insbesondere in Deutschland und England stark ausgeprägten romantischen Bewegung des späten 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. 6 In den letzten Jahrzehnten wurde diese Sichtweise vor allem in der grünen Bewegung lautstark vertreten. Aber nicht nur durch dort: Homo faber, so lesen wir, verlor den Respekt für die Natur und schickte sich an, diese zu zerstören und die Welt unbewohnbar zu machen. Wissenschaftsskepsis stellt das Fundament ganzer Denkschulen dar. In klassischer Form zu finden ist sie in Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung: Dort wird argumentiert, die Industrialisierung des Todes sei nicht nur ein Beispiel für die technologischen Möglichkeiten, die uns die Wissenschaft bietet, sondern Ausdruck des Wesens der Wissenschaft selbst. Sicherlich hat die Wissenschaft unsere Möglichkeiten, Schlechtes und Unmenschliches zu tun, sowohl individuell als auch kollektiv, sowohl vorsätzlich als auch unbeabsichtigt vergrößert. Den Wert der Wissenschaft damit zu verteidigen, dass sie neutral und nicht in der Lage sei, die Anwendung des durch sie erlangten Wissens zu steuern, löst bei Kritikern in der Regel wüste Beschimpfungen aus. Diese Argumentation spült Wasser auf ihre Mühlen, suggeriert sie doch, dass die Wissenschaft durch ihre Wertneutralität tatsächlich unverantwortbar und unmoralisch, mithin im ureigensten Sinne des Wortes „wertlos“ sei. Die Kritik an der unmoralischen und wertlosen Wissenschaft geht zumeist Hand in Hand mit einer sentimentalen Verklärung der Natur und ihrer angeblichen Sinnhaftigkeit. Tatsächlich aber schert sich Mutter Natur herzlich wenig um uns oder um die Menschen, die wir lieben. Für sie ist der Bandwurm im Darm eines Kindes genauso viel wert wie das Kind, das aufgrund des Bandwurms an Anämie stirbt. Die Naturverklärung macht es leicht, die Ethik der Wissenschaften zu kritisieren. Ich möchte daher die Wissenschaft nicht nur aufgrund der durch sie realisierbaren menschlichen Bedürfnisse verteidigen, sondern eben gerade im Hinblick auf die fundamentalen und wundervollen menschlichen Werte, die sie verkörpert.

Aus unserer heutigen Position heraus wird sehr leicht übersehen, welche Hindernisse überwunden werden mussten, um selbst die einfachsten Technologien und uns heute als zutiefst primitiv erscheinendes praktisches Wissen zu entwickeln und durchzusetzen. Am deutlichsten wird dies in der Medizin, der jüngsten aller Wissenschaften. Um ihr Gehör und Anerkennung zu verschaffen, mussten ältere (zumeist religiöse) Vorstellungen und Dogmen, der damalige „gesunde Menschenverstand“ sowie kulturell geprägte Annahmen über Gesundheit und Krankheit überwunden werden. Diese menschgemachten Barrieren wurden durch Gedankengebäude gestützt, die wiederum durch Autorität und Macht aufrechterhalten wurden sowie durch weniger straff organisierte Formen des Betrugs und des Selbstbetrugs. Zudem musste sie immer länger und komplexer werdende Argumentationsketten verteidigen und ins Bewusstsein rücken. Anders formuliert: Die wissenschaftliche Medizin musste das Selbstverständnis des Menschen grundlegend verändern.

Es gibt jedoch noch weitere Aspekte des Strebens nach Wissen und Erkenntnis, die zu selten wahrgenommen werden und die die Wissenschaft als Paradigma menschlicher Aktivität ausweisen. Da ist zum einen der Umstand, dass es der Wissenschaft scheinbar mühelos gelingt, sich global zu entfalten und global zu wirken. Physiker aus Russland, den USA und Brasilien sprechen dieselbe Sprache und haben sich demselben theoretischen Rahmen und denselben Forschungsprinzipien verschrieben. Ein Wissenschaftsjournal wie Nature ist ein Treffpunkt für Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen. Dies hat damit zu tun, dass die technologische Anwendbarkeit von Wissenschaft nicht kulturabhängig ist. Die Wirksamkeit von Antibiotika gegen eine bestimmte Infektion hängt nicht davon ab, ob es sich bei dem behandelten Patienten um eine Frau aus Wuppertal oder einen Mann aus der Wüste Gobi handelt. Diese Immunität wissenschaftlicher Fakten gegen kulturelle Einflüsse reflektiert die einzigartige Stärke der Methoden, die angewandt werden, um verlässliches Wissen zu generieren und um zwischen Wissen, Meinung und Irrtum zu unterscheiden. Der unstillbare Wissensdurst, das Streben nach noch stärkeren Prinzipien des Verstehens und des Umsetzens sowie der Wettbewerb zwischen Wissenschaftlern (der oft als falsch kritisiert wird) haben dazu geführt, dass sich die Wissenschaft in einem ständigen Prozess der Selbstkritik befindet. Ungenauigkeiten in der Analyse und Schlampigkeiten in der Beobachtung werden im Reich der Wissenschaften weitaus härter bestraft, als es im alltäglichen Leben der Fall ist. Nicht weil Wissenschaftler besonders ehrliche Menschen wären, sondern weil Unehrlichkeit in der Wissenschaft als besonders verpönt gilt. Lügen haben kurze Beine, in der Wissenschaft mehr noch als in anderen Bereichen, wie der Fall des südkoreanischen Stammzellforschers Hwang Woo-suk anschaulich aufzeigt.

Interessanterweise wird gerade diese Offenheit des Wissenschaftsbetriebes für neue Erkenntnisse zuweilen zu einer seiner zentralen Schwächen erklärt, ganz so, als sei es guter Wissenschaftlerbrauch, alles unterschiedslos und kontinuierlich infrage zu stellen und zu relativieren. Sicherlich gibt es Wissenschaftsbereiche, in denen neue Erkenntnisse zu wahren Verständnisrevolutionen geführt haben. Zugleich gibt es aber auch wissenschaftliche Errungenschaften, die seit Generationen ihre Gültigkeit behaupten und nahezu unverändert in das heutige Allgemeinwissen eingegangen sind. So sind die von weit mehr als 2000 Jahren von Archimedes entdeckten Hebelgesetze sowie das Auftriebsprinzip bis heute gültig und überaus nützlich; sie sind eben nicht Kinder ihrer Zeit oder das Produkt der Herrschaft einer bestimmten Wissenschaftlergemeinde oder von politischen Machtstrukturen. Auch die Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, in denen Isaac Newton die universelle Gravitation und die Bewegungsgesetze beschrieb und damit den Grundstein für die klassische Mechanik legte, haben bis heute an Gültigkeit nichts eingebüßt. Dasselbe gilt auch für medizinisches Wissen. Die Tatsache, dass sich medizinische Behandlungsansätze verändern, bedeutet nicht, dass altes Wissen, das die Weiterentwicklung überhaupt erst möglich machte, per se wertlos und falsch gewesen ist, und dass es nicht auch Bereiche gäbe, in denen sich über Jahrhunderte ein umfassendes Wissen angereichert hat.

Eine ihrer größten Tugenden – nämlich, dass sie in erster Linie ein kollektives Unterfangen ist – könnte zugleich der Grund sein, warum die Wissenschaft heute so unterbewertet wird. Zwar verfügt der Wissenschaftsbetrieb über ein paar wenige Superstars, der überwiegende Teil wissenschaftlicher Arbeit wurde und wird bis heute jedoch von anonymen Wissenschaftlern und Forschern verrichtet, die alle ihren kleinen und begrenzten Beitrag zu dem Wissenskonglomerat leisten, das uns heute als kollektiver Menschheit zur Verfügung steht. Im Gegensatz zur Kunst ist die Wissenschaft weit mehr als die Summe der Werke ihrer größten Meister. Natürlich sind auch Wissenschaftlern Gefühle wie Arroganz und Überheblichkeit nicht fremd; diese werden jedoch durch die kollektive Demut, den Internationalismus der Wissenschaft und ihrer Unterordnung unter die höchsten Standards rationaler Kritik – anders formuliert: durch das skrupelloseste aller menschlichen Kontrollsysteme – in die Schranken verwiesen. Wissenschaftlern ist es erlaubt, zu träumen und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, doch gnade ihnen Gott, wenn sie den Versuch unternehmen, ihre Träume und Fantasien fälschlicherweise als Wirklichkeit darzustellen. Die Wissenschaften haben uns unschätzbare praktische Vorteile verschafft, sie haben unser Verständnis von der Welt auf unbeschreibliche Art und Weise vergrößert und vertieft, und ihre Praktiken und Institutionen sind beispielhaft für das, zu dem Menschen in Sachen Konsequenz, Kooperativität und globaler Konvergenz in der Lage sind. Wie also kann es sein, dass Wissenschaft so oft als problematisch oder gar als unmenschlich angesehen wird?

Wissenschaftsphobie und Pseudowissenschaft

Das größte Manko der Wissenschaft ist ihre Komplexität. Um einige Disziplinen vollständig verstehen zu können, muss man mit Konzepten vertraut sein, die außerhalb des Alltagslebens und des normalen Erlebens der Welt liegen. Die Messlatte liegt sehr hoch, und die Anforderungen, die die Wissenschaft stellt, wirken auf viele Menschen abschreckend. Die Art, wie Wissenschaftler denken und mit Unsicherheit und Zweifel umgehen, bietet kaum Anknüpfungspunkte für die Welt der oberflächlichen Effekthascherei. Hier kommen wir zu einer weiteren einzigartigen Charakteristik der Wissenschaften: ihr offener Umgang mit ihren Fehlern und Niederlagen. Während sich die Entwicklung der Wissenschaften in der Gesamtschau als Erfolgsgeschichte darstellt, ist wissenschaftliches Arbeiten aus der Perspektive des individuellen Wissenschaftlers eine Aneinanderreihung von Irrtümern und Fehlversuchen. Tatsächlich aber bildet dieses vielfache Scheitern die Basis für den langfristigen Erfolg – ähnlich wie im Prozess der Evolution, in der die Entwicklung immer komplexerer und erfolgreicher Lebewesen auf einer Vielzahl von Mutationen beruht, von denen die überwiegende Mehrheit schädlich ist und tödlich endet. Pseudowissenschaften sind diesem evolutionären Prozess nicht ausgeliefert. Echte Wissenschaft basiert auf ungezählten Enttäuschungen, während Scharlatane die Lorbeeren ernten.

Es ist die inhärente Ironie der Wissenschaft, dass gerade ihr kumulativer Erfolg erst die Bedingungen kreiert hat, in denen sie sich gesteigerter Kritik ausgesetzt sieht. Es funktionieren so viele der Dinge, die sie geschaffen hat, so reibungslos, dass wir sie nur noch dann wahrnehmen, wenn sie nicht funktionieren. Und wenn etwas schiefgeht, ist schnell von einem Skandal die Rede. Verläuft ein Flug reibungslos und ohne Turbulenzen, werden die Passagiere sensibler für kleinere Probleme, etwa dass der Orangensaft nicht kalt genug ist. Die Ehrlichkeit der Wissenschaft bezüglich ihrer Irrtümer und Niederlagen bietet Anti- und Pseudowissenschaften einen nahezu idealen Nährboden, um sich auszubreiten. Dennoch ist die Tatsache, dass sich Pseudowissenschaften in – zugegebenermaßen existierende – Wissenslücken einnisten, sich an realen Niederlagen der Wissenschaft ergötzen, ihre Erfolge relativieren und so an unsere primitivsten Charakterzüge appellieren, keine hinreichende Erklärung für die Glaubwürdigkeit, die ihnen heute beigemessen wird. Wie also ist der Aufstieg von Pseudowissenschaften zu erklären?

Ein Grund für die Popularität von Pseudowissenschaften ist ihre direkte Verknüpfung mit der Autorität konkreter Personen. Wenn Ideen direkt an prominente Namen gekoppelt sind, erhalten sie Gesichter. Das Verehren von Prominenten oder Gurus ist ein Relikt aus unaufgeklärten, mittelalterlichen Zeiten. Eine der Stärken der Wissenschaft ist es, dass sie den Wert eines Arguments personen- und autoritätsunabhängig bewertet. Vielleicht ist diese Trennung von Wahrheit und Macht sogar ihre größte Errungenschaft überhaupt. In den Pseudowissenschaften steht und fällt die Popularität einer Idee mit ihrem jeweiligen Protagonisten, der ihr einzig durch seine Popularität Glaubwürdigkeit und einen Anschein von Wahrheit einhauchen kann – was dramatische Konsequenzen haben kann, vor allen Dingen dann, wenn dieser Protagonist auch noch über einen großen Einfluss verfügt. Eine zweite Ursache für die steigende Akzeptanz von Pseudowissenschaften ist, dass sie sich in der Sprache echter Wissenschaft darstellen. Daher kommen wir heute beispielsweise in den Genuss der sogenannten Reflexologie – hier wurde ein wohl etabliertes und zentrales Konzept der Biowissenschaft extrahiert und bezeichnet nun in wohlig wissenschaftlich-seriöser Anmutung Behandlungen, die keinerlei nachweisbare Wirkungen verursachen. Auch die Homöopathie – ein der griechischen Wissenschaftssprache entlehnter und daher ebenfalls Seriosität und Wirksamkeit suggerierender Begriff – basiert auf dem Glauben an Zauberkräfte, die sogar einen durchschnittlichen Sechsjährigen zum Schmunzeln bringen würden.

Der Reiz des Pseudowissenschaftlichen geht nicht zuletzt auch davon aus, dass sie scheinbar die Kluft zwischen dem Wissenschaftlichen und dem Alltäglichen zu überwinden imstande sind. Wenn ein Lifestyle-Guru großspurig verkündet, Brustkrebs könne durch das Massieren des lymphatischen Systems bekämpft werden, dann scheinen lebensnahe und angenehme Gewohnheiten mit medizinischen Fakten zusammenzufallen. Doch dies ist eine Illusion. Tatsächlich ist wissenschaftliches Denken alles andere als natürlich, wie bereits Lewis Wolpert richtigstellte: „Die Art und Weise, in der sich die Natur entwickelt hat, sowie die Gesetze, denen sie folgt, lassen keine offensichtliche Verbindung zu unserem Alltagsleben erkennen.“ 7 Wir müssen unsere Vorurteile überwinden, die uns auf jeder Ebene des Bewusstseins verfolgen – von der spontanen Wahrnehmung bis hin zur Ebene abstrakter Gedanken. Tun wir dies nicht, laufen wir Gefahr, Wissenschaft misszuverstehen und falsch zu interpretieren. Selbst Wissenschaftlern passiert es, dass sie außerhalb ihres Wissensbereiches nicht dieselbe Vorsicht walten lassen, wie sie es in ihrem Spezialgebiet tun würden.

Wissenschaft und menschliches Bewusstsein

Warum ist die Wissenschaft, wenn sie doch in Einklang mit unseren menschlichen Werten steht, vielen Menschen sso fremd? Ich denke, es hängt damit zusammen, dass es sich bei der Wissenschaft um den am stärksten ausgebildeten und mithin extremsten Aspekt des menschlichen Bewusstseins handelt, der uns aufgrund seiner Radikalität ein fast schon metaphysisches Unbehagen bereitet. 8 Menschen sind einzigartige, „wissende Tiere“: Sie sind in der Lage, ihre körperliche Existenz zu transzendieren und zu wissen, dass Objekte existieren, dass Dinge geschehen und dass dieses oder jenes richtig ist. Dieser einzigartige Sinn dafür, dass bestimmte Situationen existieren, auch wenn sie jenseits unseres begrenzten sensorischen Erfahrungshorizontes liegen, ist der Kern unseres Bewusstseins, Teil einer Welt zu sein, die intrinsische Eigenschaften hat, auf kausalen Zusammenhängen beruht und nach eigenen Regeln funktioniert. Diese zu ergründen stellt die Triebfeder unserer enormen Neugierde dar – und Wissenschaft besteht aus nichts anderem als aus unserer globalen und organisierten Neugierde. Wir leben nicht nur in unseren Körpern, sondern bewohnen eine Welt, die sowohl aus unseren unmittelbaren Erfahrungen als auch aus auch Fakten, Vorstellungen und Vermutungen von Millionen fremder Menschen besteht. Dies gilt auch für unser Alltagsleben: Unsere Welt besteht aus Worten, aus Menschen und aus Dingen. Die Wissenschaft stellt das am weitesten entwickelte Produkt dieser geistigen Gemeinschaft dar.

Das Wissen, mit dem wir leben, das uns über die Natur erhebt und es uns ermöglicht, unser Verhältnis zu dieser Natur zu unserem Vorteil zu verändern, erzeugt jedoch zugleich eine Spaltung in uns. Wir haben den spontanen Sinn für das verloren, was wir sind, und es fällt uns sehr schwer, uns lediglich als die Summe der schieren Fakten unserer Existenz zu sehen. Noch weitaus schwerer fällt es uns, uns als die bloße Summe der wissenschaftlichen, biologischen Fakten unseres Daseins zu verstehen. Natürlich wollen wir nicht die Zeit zurückdrehen und uns auf die kognitive Ebene des vorwissenschaftlichen Menschen begeben. Und obwohl Pseudowissenschaften mit ihrer Betonung des Intuitiven und Antiwissenschaftlichen kaum der richtige Weg sind, unsere innere Spaltung zu überwinden, so scheinen sie doch für manchen von uns diese Kluft ein wenig zu verringern. Besonders attraktiv ist diese Linderung dann, wenn wir krank sind. Die Distanz zwischen der persönlichen Erfahrung der Krankheit und ihrer wissenschaftlichen Erklärung ist manchmal unerträglich, insbesondere dann, wenn die Krankheit unheilbar ist. Wie viel angenehmer wäre es doch zu glauben, dass mein Leid in erster Linie durch meinen Lebensstil und die Sterne beeinflusst wird und nicht von einer irreparablen biologischen Fehlfunktion meines Körpers! Die Alternativmedizin bietet eine – wenngleich völlig haltlose – Interpretation von Krankheit, die diese als integrierten Bestandteil und Ausdruck meines Lebens beschreibt. Da diese Interpretation die Krankheit personalisiert und ihr ein Gesicht – mein Gesicht – verleiht, wird die Kluft zwischen den abstrakten Fakten des Krankheitsverlaufs und meinem unmittelbaren Leiden verringert, wodurch es in gewisser Weise leichter zu akzeptieren ist.

Wissenschaftsfeindlichkeit überwinden

Was kann getan werden, um die geringe öffentliche Wertschätzung der Wissenschaften zu verbessern? Eine Möglichkeit besteht darin, auf die Allgegenwart der Wissenschaft in all den Prozessen und Objekten, die funktionieren und unser Leben komfortabel und überhaupt möglich machen, hinzuweisen. Es geht darum, alle jene, die sich dessen nicht bewusst sind, daran zu erinnern, dass ihr gesamtes Leben von Errungenschaften moderner Wissenschaften umgeben und unterstützt wird, dass sie ihr Leben in einer zutiefst künstlichen und aus menschlichem Wissen geformten Welt zubringen, einem Wissen, das unter großen Schwierigkeiten und mit viel Fantasie, Geduld, Können, Gewissenhaftigkeit und Genialität errungen wurde. Parallel dazu müssten die Menschen dafür sensibilisiert werden, welcher kollektiver Anstrengungen es bedarf, unser Wissen so zu vergrößern, dass wir in der Lage sind, Technologien zu entwickeln, mit denen wir all das kontrollieren können, vor dem wir uns fürchten: vom Wetter über wilde Tiere bis hin zu Krankheiten, Erdbeben und Meteoriteneinschlägen. Darüber hinaus ist es notwendig, den im besten Sinne des Wortes menschlichen Charakter von Wissenschaft zu unterstreichen und zugleich den vordergründigen Charme der parasitären Pseudowissenschaften zu entlarven und ihre Quellen zum Versiegen zu bringen.

Wissenschaft ist die großartigste Manifestation menschlicher Werte: unserer Sorge um unsere Mitmenschen sowie unseres Wunsches, die Welt, in der wir uns befinden, besser zu verstehen. Es mag seltsam erscheinen, dies so formulieren zu müssen, doch letztlich zerstören diejenigen, die vergangene Errungenschaften sowie künftige Potenziale der Wissenschaft negieren und durch ethisch-moralische begründete Regularien einzudämmen versuchen, den stärksten Trumpf der Menschheit auf dem Weg in die Zukunft.