04.02.2015

Narrenfreiheit gegen Forschungsfreiheit

Analyse von Axel Kleemann

Forderungen nach einem Komplettverbot von Tierversuchen lassen die Folgen für die medizinische Forschung und kranke Menschen außer Acht. Ignorante Tierrechtler streuen bewusst Falschinformationen, um Mitstreiter zu mobilisieren

Wir haben eine Reihe von NGOs, die mit dem stark emotional aufgeladenen Kampf gegen Tierversuche die Spendenbereitschaft zahlreicher Bürger locken. Besonders aggressiv in der Öffentlichkeitsarbeit gehen die „Tierversuchsgegner Bundesrepublik Deutschland e.V.“ vor. Hier scheint der Spendentopf am Überlaufen zu sein, er erlaubt das Schalten ganzseitiger Anzeigen in überregionalen Tageszeitungen, u.a. in der FAZ und der Zeit. Die erste Anzeige erschien im April dieses Jahres und gipfelte in der persönlichen Beleidigung, Bedrohung und massiven Verunglimpfung des Bremer Hirnforschers Andreas Kreiter, der von zwei Gerichten als wissenschaftlich erforderlich und ethisch vertretbar erklärte Tierversuche an Affen vornimmt. Eine Allianz der Wissenschaftsorganisationen [1] hat dazu öffentlich kritisch Stellung genommen, mit der Wissenschaftlern anerzogenen vornehmen Objektivität, die von der Öffentlichkeit leider oft nur wenig wahrgenommen wird.

Die zweite ganzseitige Anzeige, auch wieder in „seriösen“ Blättern, erschien Ende Mai mit dem Titel „Tierversuche sind und bleiben, was sie immer waren UNMENSCHLICH“ [2]. Das Besondere an dieser zweiten Anzeige waren die ob ihrer demagogischen Primitivität dargebrachten Begründungen und Verunglimpfungen der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Hier wurde mit Bezug auf die modernen Arzneimittel kräftig mit Lügen operiert und deren Nützlichkeit bestritten. Ein Textbeispiel:

„Die Krankheitsindustrie boomt – Gewinnmaximierung heißt ihre Devise! Mit dem ernüchternden Ergebnis, dass sich unsere großen Zivilisationskrankheiten unaufhaltsam ausbreiten und die Mortalitätsraten immer weiter steigen: Ob Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Leber- und Nierenschäden, Diabetes mellitus, Rheuma, Arthrose, Parkinson, Multiple Sklerose, Epilepsie, Alzheimer, Aids, Allergien […] ohne eine einzige Ausnahme ist die heutige Situation noch schlechter als vor 20 oder 30 Jahren – trotz oder gerade wegen der millionenfachen Tieropfer.“

Falschinformationen und Panikmache

Ziemlich starker Tobak, der allerdings mit der medizinischen bzw. therapeutischen Wirklichkeit nichts zu tun hat. So kann man heute – auch dank Tierversuchen! – beispielsweise Bluthochdruck mit mehreren Arzneimittelklassen gut beherrschen, die Schlaganfallgefahr reduzieren, mehrere Krebserkrankungen heilen (kindliche Leukämie, Hodenkrebs, Brustkrebs …) bzw. den ansonsten tödlichen Verlauf in eine therapierbare chronische Krankheit überführen, Hepatitis C ist heilbar geworden, Diabetes mellitus und Rheumatoide Arthritis therapeutisch gut beherrschbar, und selbst Aids ist heute kein unabwendbares Todesurteil mehr. Der Verfasser des Anzeigentextes befindet sich auf dem Kenntnisstand von vor 50 Jahren – oder er lügt ganz bewusst im Glauben an die Unbedarftheit der Leser seiner Anzeigen. Aber letztlich stellt das auch eine Gefährdung leichtgläubiger Patienten dar. Wie kann es sein, dass renommierte überregionale Tageszeitungen eine solche Anzeige zulassen? Mit einem seriösen verlegerischen Anspruch ist das nur schwerlich zu vereinbaren. Vielmehr scheint hier das Motto des altrömischen Kaisers Vespasian „pecunia non olet“ („Geld stinkt nicht“) zu greifen.

„Will man denn den Menschen als ‚Versuchskaninchen‘ einsetzen?“

Auch der Deutsche Tierschutzbund, eine Dachorganisation mit über 800.000 Mitgliedern (übrigens hat der Deutsche Kinderschutzbund gerade mal 50.000 Mitglieder) engagiert sich für die Abschaffung von Tierversuchen. Besonders aktiv agiert der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“, das hilft sicher den Verfechtern alternativer und auf Placeboeffekten beruhenden Therapieverfahren. Bisher konnte mir noch keiner dieser eigenartigen Spezies der Jünger Aeskulaps schlüssig darlegen, wie man heute ein wirksames Arzneimittel gänzlich ohne Tierversuche entwickeln kann. Will man denn den Menschen oder gleich den Patienten als „Versuchskaninchen“ einsetzen?

In einer Gesellschaft, in der über 30 Prozent der Menschen an Wunder glauben und sich auch willfährig der Esoterik und Paramedizin zuwenden, ist für solche Ansichten ein guter Resonanzboden vorhanden. Dem kommt entgegen, dass die naturwissenschaftliche Bildung der Bevölkerung zu wünschen übrig lässt und selbst viele unserer Zeitgenossen, die sich gebildet wähnen, es als schick und mitteilenswert empfinden, von Mathematik, Chemie, Physik und Biologie nicht viel zu verstehen.

Und die Ziele und Bedeutung der biomedizinischen Forschung sowie die Notwendigkeit und Begründung von Tierversuchen treffen auch auf kein vitales Interesse in der Bevölkerung, geschweige denn die Kenntnis über den notwendigen Aufwand bei der Entwicklung neuer Arzneimittel. Interessant ist das für den gesunden Mitbürger nur, wenn wieder einmal ein „Arzneimittelskandal“ aufgedeckt und die Pharmaindustrie an den medialen Pranger gestellt wird. Spiegel, Bild-Zeitung und die öffentlich-rechtlichen Sendeveranstaltungen sorgen für Verbreitung.

„Bei vielen erwacht das Interesse an der medizinischen Forschung erst, wenn eine ernste Erkrankung im persönlichen Umfeld auftritt“

Keine Frage, die großen Pharmafirmen haben keinen guten Ruf in der Bevölkerung, in der Beliebtheitsskala liegen sie ziemlich nahe bei den Banken. Das mag damit zusammenhängen, dass sie wenig transparent nach außen wirken – das gilt sowohl für die Tierversuche als auch (zurzeit noch) für die klinischen Prüfungen an Patienten – und insbesondere mit ihren manchmal unsauberen Marketing-Praktiken.

Bei vielen erwacht erst, wenn eine ernste Erkrankung im persönlichen Umfeld auftritt, das Interesse an der medizinischen Forschung und man versucht sich zu informieren. Plötzlich wird dann die Pharmaindustrie als Entwickler und Lieferant wirksamer Arzneimittel wichtig. Und das Arzneimittel soll dann auch billig, schnell und sicher wirksam sein und keinerlei Nebenwirkungen verursachen. Leider ist das aber praktisch nicht möglich.

Strenge Richtlinien für Tierversuche

Toxikologische und pharmakologische Sicherheitsuntersuchungen an Tieren sind im Rahmen der Entwicklung von Arzneimitteln zwingend vorgeschrieben, und zwar in den allermeisten Ländern. Ohne solche Untersuchungen im Gesamtorganismus kommt kein neues potentielles Arzneimittel zur Anwendung am Menschen. Bevor Tierversuche geplant werden, sind heute in der Regel zahlreiche In-vitro-Testverfahren an verschiedensten Enzymen, Zellkulturen und isolierten Organen – man spricht hier von „pharmakologischen oder auch molekularen Targets“– durchzuführen. Die toxikologischen Versuche geben Auskunft darüber, bei welcher Dosis eine Versuchssubstanz bei einmaliger und mehrfacher (bis chronischer) Verabreichung am Versuchstier noch verträglich ist und wie sie sich im Organismus verteilt bzw. verhält. Mit den pharmakologischen Sicherheitsuntersuchungen will man feststellen, ob und gegebenenfalls welche Nebenwirkungen die Substanz zeigt. Erst wenn diese Untersuchungen am Tier (Maus, Ratte, Hund, Schwein) gezeigt haben, dass der Substanzkandidat mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Anwendung am Menschen geeignet ist und eine therapeutische Lücke schließen kann, darf die erste Anwendung am Menschen, und zwar am gesunden Probanden in der sogenannten Phase I der klinischen Prüfung, geplant werden.

Jeder Versuch an Wirbeltieren muss gemäß Gesetz behördlich genehmigt bzw. ein gesetzlich vorgeschriebener Toxizitätstest der Behörde gemeldet werden. Das gilt sehr streng für die Länder, in denen Arzneimittelforschung in Pharmafirmen und auch in öffentlichen Institutionen der biomedizinischen Forschung betrieben wird. Entsprechende Ethikkommissionen, denen auch Vertreter von Tierschutzverbänden angehören, müssen vorab ihr positives Votum dazu abgeben. Hier sagt das Deutsche Tierschutzgesetz klar und deutlich: „Es ist verboten, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerz, Leid oder Schaden zuzufügen!“ Wann immer möglich, werden die Tiere während der Versuche mit Schmerzmitteln versehen oder in Narkose versetzt. Die zuständige regionale Veterinärbehörde führt regelmäßig Kontrollen über die Haltung der Tiere und die Durchführung der Versuche durch. Zusätzlich muss jede Versuchseinrichtung einen Tierschutzbeauftragten haben, der auf die Einhaltung aller Tierschutz-Vorschriften zu achten hat.

„Wer für die Entwicklung neuer und wirksamer Medikamente votiert, muss Tierversuche akzeptieren.“

Leider lassen sich solche Studien an Tieren im Rahmen der Arzneimittelentwicklung und generell auch der medizinischen Forschung (z.B. neue Operationstechniken, Transplantationen, Aufklärung von Krankheitsursachen) noch nicht durch andere Methoden ersetzen. Daran wird intensiv gearbeitet, aber ohne ein Minimum an toxikologischen und sicherheitspharmakologischen Untersuchungen wird es auch in Zukunft nicht gehen. Dahinter steht der berechtigte Anspruch von Patienten auf die Sicherheit von Arzneimitteln. So unangenehm tierexperimentelle Untersuchungen an heute speziell dafür gezüchteten Tierspezies (in gesetzlich klar definierten, möglichst stressfreien Haltungsbedingungen) auch sein mögen, wer für die Entwicklung neuer und wirksamer Medikamente votiert, muss Tierversuche akzeptieren. Letztere sind übrigens ein sehr teures Unterfangen, weil die Untersuchungen unter streng kontrollierten Bedingungen durchgeführt werden müssen. Für ein neues potentielles Medikament kommen da locker einige Millionen Euro zusammen. Schon aus diesem Grund greift man zu Ersatzmethoden, wann immer möglich.

Die Frage nach der Übertragbarkeit

Die oft kontrovers diskutierte Frage ist die nach der Übertragbarkeit der Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen. Eine vollständige Übertragbarkeit ist natürlich nicht gegeben, aber die Übereinstimmung vor allem bei Organfunktionen ist relativ gut und von daher ist die Sicherheitsabschätzung durch den Tierversuch gerechtfertigt. So lässt sich beispielsweise die Teratogenität (Einfluss auf den Fötus, Vermeidung von Missbildungen) mit relativ großer Sicherheit an Nagetieren feststellen. Diese Forderung wurde aufgrund der Contergan-Katastrophe Anfang der 1960er Jahre zwingend. Schwieriger ist die Übertragbarkeit bei psychoaktiven Substanzen (Psychopharmaka, Antidepressiva). Aber auch hier sind wichtige Daten an Mäusen und Ratten gewonnen worden. Schließlich muss man auch konstatieren, dass die am Menschen wirksamen Medikamente auch in den allermeisten Fällen bei Erkrankungen von Tieren Einsatz finden (Veterinärpharmazeutika).

An Ersatzmethoden (eher Ergänzungsmethoden) für Tierversuche wird schon seit langer Zeit gearbeitet. Dazu gehören beispielsweise Versuche an isolierten Zellen oder Zellkulturen, an isolierten Organen (aus Tieren) und an Enzymsystemen. So hat die Prüfung der lokalen Verträglichkeit am bebrüteten Hühnerei den Draize-Test am Kaninchenauge abgelöst. Wo immer eine Ersatzmethode eingesetzt werden kann, wird man davon Gebrauch machen. Diese Verfahren sind dann nicht nur einfacher, sondern auch wesentlich billiger durchzuführen. Wenn es sich dabei um isolierte Organe oder Zellen/Zellkulturen handelt, müssen diese allerdings auch Tieren entnommen werden. Das geht dann natürlich ebenfalls in die Tierverbrauchs-Statistik ein.

Nun noch einige Zahlen zur Statistik: Knapp drei Millionen Tiere werden in Deutschland für Tierversuche benötigt, davon weniger als die Hälfte für die Arzneimittelentwicklung, der andere Teil für die biomedizinische Grundlagenforschung sowie zur Ermittlung der toxikologischen Eigenschaften von Chemikalien [3]. Hier hat die EU vor Jahren das sogenannte REACH-Programm [4] verabschiedet, gemäß dem ca. 30.000 Chemikalien, die in industriellem Maßstab hergestellt und in den Handel gebracht werden, auf ihre Toxikologie hin untersucht werden müssen. Das wird in den nächsten Jahren zu einem weiteren Anstieg der Tierversuche führen. Dies ist auch eine Konsequenz aus den immer schärfer werdenden Forderungen der Verbraucherschutzverbände.

Fehlende Aufklärungsarbeit

Enttäuschend ist, dass die wirtschaftlichen Pharmaverbände wie VFA (Verband forschender Arzneimittelhersteller), BPI (Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie), BAH (Bundesverband der Arzneimittelhersteller), der VCI (Verband der Chemischen Industrie) und auch die wissenschaftlichen Gesellschaften wie DGPT (Deutsche Gesellschaft für Pharmakologie und Toxikologie), DPhG (Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft), GDCh (Gesellschaft Deutscher Chemiker) zu keiner Stellungnahme zu den Anzeigen imstande oder bereit sind. Begründung: Man könne mit „diesen Leuten nicht sachlich diskutieren“. Das ist ein Armutszeugnis. Die Debatte muss geführt werden, wenn es nicht eines Tages ein böses Erwachen geben soll.

„Es gibt es keinen Grund für die forschenden Pharmafirmen, sich gegenüber der Gesellschaft abzuschotten.“

Wie eine besonders aktive Minderheit die Mehrheit der Menschen in unserem Land beeinflussen kann, zeigt das Beispiel der grünen Gentechnik. Hier hat sich Deutschlands und der Welt größtes Chemieunternehmen BASF bei der Frage „Gen oder gehn“ für die zweite Alternative entschieden und seine gentechnische Forschung kurzerhand in die USA verlagert. Einen ähnlichen Verlauf könnte auch die Diskussion über Tierversuche nehmen, wenn die Firmen und biomedizinischen Forschungseinrichtungen sich weiterhin abschotten, nicht gegenüber einer breiten Öffentlichkeit über ihr Tun aufklären und auf die Zusammenarbeit mit ernsthaften Medien verzichten. Wenn man in Deutschland auf Tierversuche gänzlich verzichten müsste, würden sie in anderen Ländern durchgeführt. Die Tiere hätten davon nichts!

Es gibt zwar erläuternde und allgemein zugängliche Broschüren sowohl vom VFA (Verband der Forschenden Arzneimittelfirmen) über die Notwendigkeit von Tierversuchen in der Pharmaindustrie und auch sehr ausführliche und ausgezeichnete Schriften der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) und der Leopoldina über Tierversuche in der biomedizinischen Forschung. Die werden aber praktisch nur von denen zur Kenntnis genommen, die eh schon mit der Materie vertraut sind.

Es gibt keinen Grund für die forschenden Pharmafirmen, sich gegenüber der Gesellschaft abzuschotten. Transparenz ist eine wesentliche Grundlage für Vertrauen, und Vertrauen braucht gerade die Pharmaindustrie, deren Ansehen in der Bevölkerung ziemlich lädiert ist. Das müsste nicht sein, denn der geleistete Beitrag für das Gesundheitswesen, der auch beträchtliche ökonomische Vorteile bringt, verdient mehr Beachtung. Darüber sollte die Branche in den Medien mehr Aufklärungsarbeit leisten. Die Menschen wollen wissen, was dort passiert und wozu es gut ist.


Dieser Artikel ist zuerst in der Novo-Printausgabe (#118 - II/2014) erschienen. Kaufen Sie ein Einzelheft oder werden Sie Abonnent, um die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts zu sichern.