01.11.2008

Der Mythos der freien Schulwahl

Kommentar von Sabine Beppler-Spahl

Die Betonung des Rechts der Eltern, die Schule ihrer Kinder frei wählen zu können, verschleiert, dass eine gute Schulbildung eine gesellschaftspolitische Aufgabe ist.

Meine Tochter ist im September eingeschult worden. Ist es eine gute Schule? Um die Frage zu beantworten, tue ich, was viele Berliner Eltern zurzeit machen: Ich studiere die Berichte der Schulinspektion der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Das Inspektionsteam war im Frühjahr dieses Jahres an der Schule meiner Kinder. Doch, oh je, der Bericht spricht von Mängeln – es gebe zu viele „kleinschrittige, frontale Unterrichtsverfahren“ und zu wenig Gruppen- bzw. Partnerarbeit. Seit dem letzten Schuljahr werden in Berlin jährlich 150 bis 160 Schulen inspiziert. Mit „standardisierten Methoden und Instrumenten“ wird die Schule, wie es in den Berichten heißt, als „Gesamtsystem“ bewertet. Grundlage der Bewertung sind u.a. Kurzbeobachtungen der Unterrichtsstunden (von jeweils 20 Minuten) sowie Lehrer-, Eltern- und Schülerbefragungen. Kann eine Inspektion dieser Art, bestehend aus kurzen Unterrichtsobservationen und „standardisierten Beobachtungsbögen“, die Punkt für Punkt abgehakt werden, eine Schule wirklich objektiv bewerten?

Na klar, es ist wichtig, überhaupt wieder über die Qualität von Schulen zu sprechen. In der Öffentlichkeit haben die Inspektionen und die veröffentlichten Berichte aber nicht zu einer konstruktiven Diskussion über die Qualität von Schulen und Bildung geführt. Vielmehr werden die Berichte als eine Art Ranking verstanden, aufgrund dessen sich Eltern entweder bestätigt fühlen dürfen, eine gute Schule für ihre Kinder ausgesucht zu haben – oder sich in ihren Sorgen und Frustrationen bestärkt sehen.

Gute Schule, schlechte Schule

Schon lange vor der Veröffentlichung des Inspektionsberichts genoss die Schule meiner Kinder in den „besser gestellten Kreisen“ unserer Nachbarschaft bestenfalls einen mittelmäßigen Ruf. Kein Wunder, ist sie doch die Einzugsgebietsschule ärmerer Viertel. Von den insgesamt 393 Schülern sind 205 „nichtdeutscher Herkunftssprache“ wie es im Inspektionsbericht heißt. Auch, dass ein Viertel der Schüler in Familien leben, die sozial unterstützt werden, und über 55 Prozent der Familien von der Zuzahlung für die Lernmittel befreit sind, ist im Bericht zu erfahren. Die andere Grundschule dagegen, die ebenfalls in unserer Nähe liegt, genießt einen deutlich besseren Ruf. Der Anteil der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache liegt hier bei 31,1 Prozent, und über die Zahl der aus „sozial schwachen Familien“ stammenden Schüler ist im Bericht nichts zu erfahren. Ich kenne einige Eltern persönlich, die umgezogen sind oder sich scheinumgemeldet haben, um ihre Kinder auf diese Schule schicken zu können. Die Veröffentlichung der Inspektionsberichte beider Schulen dürfte diesen Trend noch verstärken, denn der Bericht über die „beliebtere“ Schule scheint zu bestätigen, was viele Eltern in der Umgebung ohnehin denken: „Es ist die bessere Schule“.

Der Bericht klingt viel positiver, und anders als im Fall unserer Schule wird kein einziges Mal die schlechteste „Note“ (D) für eines der Inspektionskriterien vergeben. Statt Unterstützung, Beratung und Förderung von Schulen in schwierigerer Ausgangslage bestätigt der Bericht, was alle wissen: Bessere Wohngegenden haben in der Regel auch die „besseren“ Schulen. Mit allen Konsequenzen: Die wenigen Mittelklasse-Eltern im Einzugsgebiet der Schule werden sich weiterhin Sorgen um die schulische Zukunft ihrer Kinder machen – und versuchen, die Schule zu umgehen. Was dies zur Stärkung und „Sicherung der Qualität“ unserer Schule beiträgt, kann sich jeder denken.

Schul-Shopping

Was sich für einzelne Schulen und Wohngegenden als Problem erweisen könnte, wird im Großen und Ganzen dennoch positiv aufgenommen – schließlich können die Inspektionsberichte Eltern bei der Wahl der Schule stärken oder ihnen zumindest ein (objektives) Kriterium für eine Beurteilung an die Hand geben. Insofern sind die Inspektionen und deren öffentliche Wirkung nur logisch, denn uns Eltern wird seit Jahren erzählt, dass die Schule unserer Kinder auch unsere Verantwortung ist. Klar, der Staat stellt die Schulen zur Verfügung, aber ob unsere Kinder erfolgreich sind (ob sie eine glänzende Karriere vor sich haben oder schlechte Berufsaussichten gekoppelt mit ungesunder Ernährung und zu viel Fernsehen) hängt letztlich, so die gängige Botschaft, davon ab, ob wir uns genügend um sie kümmern. Aus diesem Grund betont die Berliner Bildungspolitik seit Langem, dass das elterlichen Wahl- und Mitsprachrecht gestärkt werden soll. Doch die meisten Eltern merken schnell, dass es mit dem Wahlrecht in der Realität nicht allzu weit her ist. Hat eine Schule den Ruf erlangt, „gut“ zu sein, ist sie in kürzester Zeit überlaufen. So geschehen auch in unserer Wohngegend: Obwohl die „bessere“ Schule vor noch zwei Jahren die für uns gültige Einzugsgebietsschule war, ist sie es in diesem Jahr nicht mehr, da das Einzugsgebiet wegen Überlastung der Schule kurzerhand verändert wurde. Man kann sich nicht einfach entschließen, sein Kind auf die „beste Schule“ der Stadt zu schicken. Trotzdem spielen Eltern das Spiel des „Schul-Supermarkts“ mit – nicht zuletzt auch, weil es von ihnen erwartet wird. Sie studieren die Inspektionsberichte, schauen sich Schulen an usw. So können sie zumindest das Gefühl haben, sich wie pflichtbewusste Eltern benommen zu haben. Sie haben ihr Bestes getan.

Konsument oder freier Bürger?

Diese „Aktive-Konsumenten“-Haltung, die Eltern hier aufgedrängt wird, hat etwas zutiefst Abschreckendes. Zum einen ist sie spaltend – Eltern finden sich plötzlich in unterschiedlichen Lagern wieder. Entweder fühlen sie sich gezwungen, die eigene Schule gegen eine andere zu verteidigen, oder sie beginnen, sich gegenseitig misstrauisch zu beäugen, um herauszufinden, ob andere vielleicht doch einen Vorteil haben, der das eigene Kind zurückzuwerfen droht. Hinzu kommt, dass der Druck, sich ihren „Kunden“ (den Eltern) gegenüber zu präsentieren, die Schulen zwingt, immer mehr Ressourcen für ihre Außendarstellung aufzuwenden; Ressourcen, die ansonsten für ihre eigentliche Aufgabe, das Unterrichten, verwendet worden wären.

Das Grundproblem – der allgemeine Vertrauensverlust vieler Eltern in das öffentliche Bildungssystem (von dem der neue Boomsektor Privatschule profitiert) – wird dadurch nicht behoben. Stattdessen wird Zynismus gefördert. Indem man die Schule in der Sprache der „Wahlfreiheit“ oder des „aktiven Mitspracherechts“ anpreist, werden Erwartungen geschürt, die niemals befriedigt werden können. Eltern wird vorgegaukelt, sie könnten sich die „Dienstleistung“ Schule so zurechtschneidern, dass sie den eigenen Wünschen und Bedürfnissen gerecht wird. Die Zahl der Eltern, die sich – aus schierem Eigeninteresse – an die schulpsychologischen Dienste wenden, steigt stetig. Ziel ist es, eine Bescheinigung zu erhalten, damit das Kind auch ja von der Schule der Wahl aufgenommen wird. Vor allem jedoch lenkt all dies von der Frage ab, wie sichergestellt werden kann, dass wirklich allen Kindern eine hochwertige Bildung geboten wird. Es zeigt sich, wie sehr Bildung in den letzten Jahren von der Politik instrumentalisiert wurde. Schulen sind nicht mehr nur Institutionen, die Kindern Bildungsinhalte vermitteln, sondern sie sollen Eltern ermuntern, sich wieder mehr wie aktive Bürger zu fühlen und ihre Verantwortung ernst zu nehmen.

Neue Bildungsdebatte

Statt des „Schul-Shoppings“ auf der Basis von „standardisierten Qualitätsberichten“ entspräche es der Würde des freien Bürgers weit mehr, wenn wir eine echte Debatte darüber hätten, wie gute Schulen für alle zur Verfügung gestellt werden könnten. Wir brauchen eine neue Bildungsdebatte, die die „Bildung“ als Ziel an sich wieder auf die Tagesordnung setzt. In manchen armen Gegenden gibt es tatsächlich hervorragende Schulen – und Inspektionsbericht hin oder her: Ich glaube, die Schule meiner Kinder ist ganz ordentlich. Sie widersetzt sich einigen bildungspolitischen Moden, besteht auf festen, weitgehend altershomogenen Klassenverbänden, legt Wert auf pünktlichen Unterrichtsbeginn, betont nicht ständig, dass sie das „ganze Kind“ fördern möchte, und sieht im Frontalunterricht kein Teufelszeug – vielleicht ein Anfang für eine Debatte über „Bildung“?