01.03.2008

Sind Prothesenläufer Techno-Dopingsünder?

Kommentar von Matthias Heitmann

Je unklarer die Unterscheidung von Mensch und Maschine wird, desto deutlicher wird die Absurdität der Dopingdebatte. Matthias Heitmann über den Fall Pistorius.

War es Doping, wenn Georg Hackl in seiner aktiven Rodlerzeit sich die Nächte beim Aufpolieren seines Rodels um die Ohren schlug? Ist der ständige Technologiewettlauf zwischen den Rennställen der Formel Eins „Techno-Doping“? Die Antwort lautet eindeutig: nein. Der Hackl-Schorsch konnte so viel an seinem Gefährt herumtüfteln, wie er wollte, solange dieses beim Wettkampf den Zulassungsbestimmungen entsprach. Dasselbe gilt für die Formel Eins: Alles ist erlaubt, was den zulässigen Rahmen nicht verlässt. In all diesen Fällen geht es nicht um den Sportler selbst, sondern um seine Sportgeräte und -ausrüstung, deren Zulässigkeit sehr einfach zu überprüfen ist. Mit Doping hat das nicht im Entferntesten zu tun.

Was aber, wenn die Grenze zwischen Mensch und Sportgerät zu verschwimmen scheint? Was tun im Fall Oscar Pistorius, dem unterschenkelamputierten und mit Carbonprothesen laufenden Leichtathleten aus Südafrika, der vor dem Obersten Sportgerichtshof seine Teilnahme an den Olympischen Spielen einklagen will? Der 21-Jährige ist Paralympics-Sieger über 200 Meter und hält mehrere Behinderten-Weltrekorde. Mit den beiden Federn, die er zum Laufen benötigt, ist Pistorius nicht-behinderten Läufern, die ansonsten über eine ähnliche körperliche Fitness verfügen, um einiges voraus. Das hatten im November letzten Jahres Tests an der Sporthochschule in Köln ergeben. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat Pistorius die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen von Peking mit der Begründung untersagt, er sei auf technische Hilfsmittel angewiesen, deren Verwendung nicht zulässig sei.

Die Entscheidung des Verbandes war erwartet worden und ist prinzipiell richtig. Der Vorwurf von Pistorius, der IAAF zeige mit dieser Entscheidung „keinen Respekt“ gegenüber Behinderten, stellt hingegen die Realität auf den Kopf. Respektlos wäre es, wenn sich querschnittsgelähmte Schwimmer mit nicht-behinderten messen und nach gleichen Maßstäben beurteilen lassen müssten, um Anerkennung zu finden. Dass dies nicht der Fall ist, sondern es spezielle Wettbewerbe gibt, ist der Tatsache geschuldet, dass sportliche Leistungen behinderter Sportler nicht über den Vergleich mit nicht-behinderten Sportlern, sondern an sich einen hohen Wert haben und Achtung verdienen. Genau dies stellt Pistorius jedoch infrage, wenn er meint, seine Leistung könne nur über den Vergleich zu nicht-behinderten Sportlern respektvoll gewürdigt werden.

Einen verwirrenden Drall erhält die Debatte aber vor dem Hintergrund der nicht enden wollenden und immer bizarrere Ausmaße annehmenden Doping-Debatte. Beim Doping, so wird argumentiert, werde die körperliche Leistungskraft über leistungssteigernde Substanzen und Methoden „künstlich verzerrt“. Ein dopender Sportler, so die logische Konsequenz dieser Sichtweise, wäre nicht viel anders zu behandeln als einer, der mechanische Hilfsmittel anwendet. Dementsprechend müsse man bei Pistorius letztlich von „Techno-Doping“ ausgehen, dem man Tür und Tor öffnen würde, wenn man dem Athleten eine Starterlaubnis für Peking erteilte.

Diese Argumentation wird weder der sportlichen Leistung von Pistorius gerecht, noch fußt sie auf einer rationalen Sichtweise dessen, was unter Doping zu verstehen ist. Bei „Doping“ geht es darum, gemeinhin als „natürlich“ geltende körperliche Fähigkeiten zu steigern. Selbst wenn hierbei noch so „künstliche Methoden“ – und welche Methode ist nicht menschgemacht? – zum Einsatz kommen, sie dienen der Stärkung der körperlichen Fähigkeiten des Sportlers: Ihm werden keine Raketen implantiert, es werden lediglich seine Muskel- und Ausdauerkraft oder aber sein Konzentrationsvermögen durch Unterstützung physiologischer Prozesse vergrößert. Dieser Vorgang macht aus einem Athleten weder einen Androiden noch eine dieser „Monstrositäten“, von denen Michael Reinisch in der FAZ schrieb, der Sport habe schon zu viele davon produziert, als dass man weitere – offensichtlich meinte er Pistorius – ausschließen könne.

Pistorius ist genauso wenig eine Monstrosität wie all jene Sportler, die ihre körperliche Leistungskraft durch die Anwendung „unnatürlicher“ Methoden verbessern wollen – unabhängig davon, ob diese Methoden nun auf irgendeiner Liste stehen oder nicht. Letztlich ist der Unterschied zwischen Pistorius und seinen nicht-amputierten Laufkollegen nicht moralischer, sondern rein faktischer Natur: Einzig relevant für den Fairnessgedanken des sportlichen Wettbewerbs sollte sein, dass Pistorius Prothesen zum Einsatz bringt, deren Effizienz deutlich höher ist als die menschlicher Unterschenkel.

Es geht mithin im Fall Pistorius weder um die Diskriminierung von Behinderten noch um „Techno-Doping“, wie es die öffentliche Debatte vermuten lässt. Niemand würde einen Athleten mit einem künstlichen Hüftgelenk oder mit Schrauben im Wadenbeinknochen wegen „künstlicher Leistungssteigerung“ disqualifizieren. Seit Menschengedenken verändern und optimieren Menschen sich und ihre Körper ganz gezielt und bewusst. Wir tragen Brillen, Stützstrümpfe, dritte Zähne, fremde Herzen und falsche Haare, ohne hierdurch unsere Menschlichkeit verloren zu haben. Wir verlieren sie auch nicht dadurch, dass wir objektiv feststellbare Unterschiede zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen zur Kenntnis nehmen und in unseren respektvollen, d.h. nicht gleichmacherischen Umgang mit jedermann einfließen lassen.