25.02.2010

Osamas Copy-and-Paste-Terrorismus

Essay von Tim Black

Die Mitteilung des Al Qaida-Frontmanns an das amerikanische Volk vom letzten September passte der etablierten US-Politik gut in den Kram.

„Gelobt sei Gott, der die Menschen schuf, um ihm zu dienen, der ihnen befahl, gerecht zu sein, und denen, denen Unrecht geschah, gestattet, ihren Peinigern die angemessene Strafe zukommen zu lassen.“ So vernichtend und vorhersagbar schwülstig begann Osama Bin Ladens jüngste Botschaft an die Amerikaner. Wie auch die vorherigen, erinnert auch diese Grußadresse ein wenig an die Reden der Queen im Vereinigten Königreich. Erstens erscheinen sie jährlich und fallen ungefähr mit dem Jahrestag von 9/11 zusammen; zweitens tun die meisten Leute sie als das Gezeter eines kauzigen Typen aus dem Mittelalter ab; und drittens sind diejenigen, die darin eine große Bedeutung sehen, in der Regel verhaltensauffällig.

Doch das Frappierendste an Bin Ladens 11-Minuten-Gabe war, wie vertraut vieles davon dem Betrachter erschien. Manche Passagen klangen wie aus Flugblättern bestimmter Teile der Antikriegsbewegung abgeschrieben. Zunächst die zynische Instrumentalisierung der Palästinenser: „Ich sage euch, dass wir so viele Male deutlich gemacht und festgestellt haben, dass die Ursache für den Streit mit euch eure Unterstützung für eure israelischen Verbündeten ist, die unser Land Palästina besetzt haben.“ Dann ist da seine Ansicht, dass das Weiße Haus „in Wirklichkeit eine Geisel in der Hand von Interessenverbänden ist, besonders von größeren Kapitalgesellschaften und der Israel-Lobby“. Es findet sich auch die Andeutung, dass Barack Obama seine Ermordung riskiere, wenn er sich dem Komplott der jüdischen Finanzoligarchie entgegenstelle: „Der Führer des Weißen Hauses, ohne Ansehen seiner Person, ist wie ein Lokomotivführer, der nur auf den von Interessenverbänden vorgegebenen Schienen reisen kann. Sonst würde er blockiert werden und Angst haben, dass ihn das Schicksal von Präsident Kennedy und seinem Bruder ereilt.“ Und abschließend gibt es die triumphierende Schwarzseherei: „Ihr führt einen hoffnungslosen, verlustreichen Krieg für andere. Für diesen Krieg scheint kein Ende in Sicht zu sein.“

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Bin Ladens Botschaften und der Antikriegspresse; der auffälligste ist, dass er nicht widerstehen kann, in jeden Absatz einen Bezug zu Gott einzuflechten. Eine ziemlich harmlose Passage über die Neo-Konservativen wird plötzlich von einem „Ehre sei Gott“ unterbrochen. Ein Satz über exorbitanten Wucher endet mit „so Gott will“. Bin Laden rülpst Religion. Aber abgesehen von stilistischen Unterschieden ist der Inhalt von Bin Ladens jüngster Verlautbarung fast banal: Vom Gerede über den israelischen Einfluss bis zur Anschuldigung, dass neo-konservative Kräfte im Weißen Haus am Werk seien, sind seine Vorwürfe ein Echo der gängigen Opponenten im Westen. Wie ein Kommentator im Christian Science Monitor bemerkt, würde vieles von seinen Äußerungen in eine Wahlrede sowohl der Republikaner als auch der Demokraten in den USA passen.

Auf der Internetseite Antiwar.com sieht sich ein weiterer Kommentator gezwungen zuzugeben, dass Bin Laden nicht Unrecht habe: „Eine Regierung als Geisel von Lobbyisten – wer will das bestreiten? Die Konzern-Großmächte betrachten das US-Militär schon lange als Privatpolizei und handeln entsprechend, indem sie damit ihre Profithöhe sichern, seit Amerika auch nur auf der Weltbühne als ausgewachsene Großmacht aufgetaucht ist. Was den entscheidenden Einfluss der Israel-Lobby betrifft, so ist dieser unbestreitbar.“ Dass Bin Ladens Ansichten selbst innerhalb des Mainstream-Diskurses von Republikanern und Demokraten so akzeptabel erscheinen, ja mehr noch, dass seine Vorwürfe einigen Kritikern zufolge so korrekt sind, ist weniger ein Zeugnis von Bin Ladens Cleverness oder seines unfehlbaren Einblicks in die amerikanische Politik, als seines Umgangs mit dem Internet. Bin Ladens großes Geschick, wenn man es so nennen kann, besteht im Nachplappern westlicher Kritikeräußerungen über Amerika. Wenn er also keine Koransuren rülpst, würgt er die Klagen und Verschwörungen der Blogosphäre heraus.

Seine Fähigkeit, die westliche Selbstkritik widerzuspiegeln, ist nicht neu. In seinem „Brief an Amerika“ aus dem Jahre 2002 spielte er auf die westliche Konsumverdrossenheit an. „Ihr seid eine Nation“, schrie er, „die Frauen wie eine Ware ausbeutet oder zum Werkzeug der Werbung macht, mit der Kunden zum Kauf aufgefordert werden.“ Und als ob die Objektifizierung von Frauen in der Konsumgesellschaft nicht beleidigend genug für Bin Laden als Langzeitfan der frauenfreundlichen Taliban wäre, zeigte er sich auch ziemlich angesäuert wegen der das Kioto-Protokoll verspottenden Höhe des CO2-Ausstoßes der USA: „Ihr habt die Natur mit euren Industrieabfällen und Gasen mehr als jede andere Nation in der Geschichte zerstört. Trotzdem lehnt ihr es ab, das Kioto-Abkommen zu unterzeichnen, damit ihr den Profit eurer gierigen Konzerne und Industrien sichern könnt.“ Von der Leere der Konsumkultur bis zum Elend der Natur war kein im Westen geborener und aufgewachsener Kritiker der Moderne zu hoch für Bin Laden.

Selbst Bin Ladens Unterstützung für Palästina war weniger ein seit Langem vertretenes als vielmehr ein kurzfristig angesichts der westlichen Versuche, die Gründe für 9/11 zu verstehen, übernommenes Anliegen. Darauf wird in einem Interview mit einem Al-Jazira-Korrespondenten im Oktober 2001 hingewiesen. Als er gefragt wurde, warum er erst kürzlich die Sache Palästinas in den Vordergrund gebracht und damit die Sache Saudi-Arabiens hinten angestellt hätte, die vorher „im Mittelpunkt“ gestanden hätte, erwiderte Bin Laden: „Manche der aktuellen Ereignisse können eine bestimmte Angelegenheit hervorholen, also bewegen wir uns in diese Richtung, ohne die andere zu ignorieren“.

In seiner aktuellen Botschaft ist dieser zynische Opportunismus präsenter als je zuvor. Eigentlich bezieht Bin Laden seine Amerika-Kritik wortwörtlich aus westlichen Quellen. Erstens erwähnt er ein Buch mit dem Titel „Apology of a Hired Assassin“ („Entschuldigung eines Auftragskillers“) eines ehemaligen CIA-Agenten, „dessen Gewissen in seinem achten Lebensjahrzehnt erwachte“. Das ist wahrscheinlich eine wirre Anspielung auf das Buch Confessions of an Economic Hitman (Bekenntnisse eines Economic Hit Man) des vermeintlichen NSA-Agenten John Perkins. Auch seine Anschuldigungen der jüdischen Verschwörung basiert Bin Laden auf ein Buch aus dem Jahre 2007 mit dem Titel Die Israel-Lobby von John Mearsheimer und Stephen Walt. Bin Laden warnt die Amerikaner, dass sie, wenn sie dieses Buch läsen, „gründlich geschockt sein werden vom Ausmaß des Betrugs, der gegen sie unternommen wird“. Geschockt? Wohl kaum. Verschwörungstheorien, ob sie sich um eine jüdische Intrige im Machtzentrum der Welt drehen oder um den Einfluss zwielichtiger internationaler Konzerne, sind im öffentlichen Leben des Westens allgegenwärtig, von Fernsehsendungen rund um die Uhr bis zu Antikriegs-Demos.

Womöglich speist sich Bin Ladens Talent zur Umschreibung der westlichen Selbstkritik auch aus der Tatsache, dass ihm andernfalls weniger Beachtung geschenkt würde. Inzwischen wenig mehr als der Schatten einer aktuellen Bedrohung, beschränkt er sich gänzlich auf das pompöse Umformulieren dessen, von dem die zu vielen Kritiker Amerikas denken, dass sie es schon wissen. Zu großen Teilen ein Produkt des Westens, entsprechen Bin Laden und Al Qaida nicht länger den Anforderungen einer globalen Bedrohung. Er agiert eher wie ein Bomber von gestern. Die überaus verhaltenen Reaktionen auf seine jüngste Polemik spiegelten lediglich wider, was Al-Qaida und ihr bärtiger Frontmann schon immer waren: ein Akt des Tributs an die westliche Dekadenz.