01.03.2008

Ist Osama bin Laden ein Umweltschützer?

Kommentar von Brendan O’Neill

In seiner letzten Botschaft posierte Osama bin Laden als ein über die globale Erwärmung besorgter Chomskyaner. Er ist völlig abhängig vom westlichen Denken.

Früher bekämpfte Osama bin Laden im Auftrag von Ronald Reagan und Margaret Thatcher die ungläubigen Sowjetkommunisten. Jetzt ist er offenbar als Antikapitalist wiedergeboren worden, dessen Feind nicht mehr der Kommunismus, sondern große Unternehmen sind und dem die globale Erwärmung mehr Sorgen macht als die Ungläubigen.

In seiner letzten Botschaft klagte er die Unternehmen an, das politische System des Westens zu kontrollieren. Er meinte, die Demokraten hätten den Irakkrieg deswegen nicht verhindern können, weil „die großen Unternehmen im System der Demokratie ihre Kandidaten für Präsidentschaft oder Kongress lancieren“. Die Demokraten seien von den Unternehmen genauso gekauft wie alle anderen. So sei auch Präsident John F. Kennedy getötet worden, weil er den Vietnamkrieg beenden wollte, „von dem aber die großen Unternehmen profitieren“. Hier reproduzierte bin Laden lediglich bekannte westliche Verschwörungstheorien.

Aber scheinbar ist bin Laden auch ein Fan von Noam Chomskys Theorie, derzufolge die Machthaber die Medien zur „Herstellung von Konsens“ benutzen. „Noam Chomsky ist einer eurer fähigsten Leute, die euch zur Herstellung der öffentlichen Meinung etwas zu sagen haben. Er hat vor dem Krieg klare Empfehlungen ausgesprochen, aber der Boss aus Texas will eben keine Empfehlungen hören“, sagte bin Laden. Wahrscheinlich hat er seine Informationen über Chomsky von den Antikriegsseiten im Internet. Bereits im Mai 2006 habe ich im Magazin Reason ausgeführt: „Bin Laden ist ein Blogger. Natürlich nicht im wörtlichen Sinne, aber er spricht die Sprache der Blogosphäre … Es heißt oft, die Blogging-Explosion sei ein Nebenprodukt des 11. September, als die Leute unter dem Eindruck der schockierenden Erlebnisse Online-Tagebücher ins Netz stellten. Vielleicht hat bin Laden die Theorien und Argumente zur Rechtfertigung seines mörderischen Anschlags hinterher selbst aus der Blogosphäre herausgefischt.“ (1)
Aber bin Laden ist offenbar auch ein von der globalen Erwärmung beunruhigter Grüner. „Die durch die Unternehmensabgase verursachten Emissionen gefährden die Menschheit, aber dennoch verweigern die Repräsentanten dieser Unternehmen im Weißen Haus die Einhaltung des Kiotoabkommens, obwohl das potenziell den Tod von Millionen von Menschen insbesondere in Afrika bedeuten kann“, ließ er verlautbaren. Kommt Ihnen das bekannt vor?

„Diese lebensgefährliche Bedrohung wird durch die weltweite Dominanz der Demokratie beschleunigt, die nicht in der Lage ist, die Menschen vor der Gier und Habsucht der großen Unternehmen und ihrer Vertreter zu schützen“, fuhr Osama in seiner Kapitalismusschelte fort. (2) Schon im Jahr 2002 reproduzierte er die Slogans der Umweltschützer, als er die Bush-Administration angriff, weil sie das Kiotoprotokoll nicht unterzeichnet hatte: „Eure Industrieabfälle und -abgase zerstören die Natur wie nie zuvor. Aber wegen eurer habgierigen Unternehmen unterzeichnet ihr das Kiotoprotokoll trotzdem nicht.“ Offenbar ist bin Laden zum inoffiziellen Repräsentanten des Kiotoabkommens geworden.

Tatsächlich aber hat er das im Westen bestimmende Denken und die westlichen Ängste schon immer parasitär zur Rechtfertigung seiner nihilistischen Aktionen ausgenutzt. Das lässt sich an seinem zynischen Umgang mit dem Thema Palästina, seiner Rechtfertigung der Anschläge vom 11. September und seiner Position bezüglich des amerikanischen Abenteuers im Irak zeigen, die sämtlich auf Abziehbildern von Argumenten und Behauptungen der westlichen Mainstream-Medien beruhen. Er übernimmt durchweg die von linken Experten angebotenen Erklärungen bezüglich Existenz und Vorgehen von al Qaida.

Die Palästina-Frage

Viele gehen davon aus, dass die Gewalt von al Qaida durch Israels Unterdrückung der Palästinenser motiviert wird. Aber die von bin Laden in den letzten zehn Jahren zu Palästina getroffenen Aussagen deuten auf etwas anderes hin. Im Jahr 1994 erwähnte er Palästina lediglich im Rahmen seiner verbalen Angriffe gegen die Herrscher in Saudi-Arabien, die er des „Verrats“ am Islam beschuldigt und denen er zum Vorwurf macht, dass sie ihn 1991 des saudischen Territoriums verwiesen und drei Jahre später seine Staatsbürgerschaft aufgehoben hätten. Bruce Lawrence, Herausgeber einer 2005 veröffentlichen Sammlung der Botschaften bin Ladens mit dem Titel Messages to the World, stellte dessen erste wichtige öffentliche Botschaft vom 29. Dezember 1994 unter den Titel „Der Verrat an Palästina“. Aber Palästina wird lediglich zynisch im Rahmen von bin Ladens Beschimpfung der Saudi-Herrscher erwähnt.

Dass Lawrence die Aussage mit „Der Verrat an Palästina“ betitelt, unterstellt eine politische Agenda. Er und andere Kommentatoren suchen Konsistenz und Kohärenz offenbar dort, wo keine besteht. Ein besserer Titel wäre „Der Verrat an Osama bin Laden durch die Saudi-Bastards!“ Bin Laden schreibt, die saudischen Herrscher hätten das Big Business über den reinen Islam gestellt, etwa indem sie „die Praxis des Wuchers zulassen, die im Land heute weit verbreitet ist, dank der wucherischen staatlichen Institutionen und Banken, deren Türme den Minaretten Konkurrenz machen“. Im Rahmen dieser langweiligen Klagen über Wucher kommt Palästina schlicht zu kurz.
Erst zehn Jahre später, am 15. April 2004, war für bin Laden dann „die Zerstörung und der Mord an unseren Leuten“ in Palästina und anderswo das „eigentliche“ Thema. Was hatte sich in der Zwischenzeit verändert? Bin Laden war nicht plötzlich ein selbstloser Kämpfer für die Freiheit der Palästinenser geworden. Vielmehr sahen viele im Westen in Palästina das Motiv für den 11. September und andere Anschläge, und bin Laden übernahm diese Sicht. So sagte er 2004 über Palästina: „Eure Führer ignorieren das wahre Problem, das in der Besetzung Palästinas liegt.“ Das hätte so auch in den verschiedensten Editorials, Kommentaren oder Blogeinträgen nach dem 11. September stehen können, denen zufolge Bush und Blair, das „eigentliche“ Problem in Nahost lösen müssten, um bezüglich al Qaida etwas zu bewirken. Aber was will bin Laden mit dem an die westliche Führung gerichteten Vorwurf der Ignoranz? Mehr westliche Interventionen? Oder einen besseren Friedensprozess?

Bin Ladens Aussagen bezüglich Palästina sind opportunistisch und symbolisch und ohne echte pragmatische Vorschläge zur Palästina-Politik. Im Jahr 2001 sagte seine rechte Hand Ayman al-Zawahiri: „Man muss anerkennen, dass Palästina die Stimmung in der muslimischen Welt von Marokko bis Indonesien in den letzten 50 Jahren aufgeheizt hat.“ Bis 2004 hatte bin Laden verstanden, dass das auch für die Stimmung im Westen gilt. Tatsächlich ruft er dazu auf „die Menschen [in Europa], insbesondere Schüler, Medien- und Geschäftsleute, sollten eine permanente Kommission gründen, um durch die Medien unter den Europäern das Bewusstsein für unsere Sache, insbesondere Palästina, zu stärken.“ Zynischerweise will bin Laden mit seinen Hinweisen auf Palästina also nur das westliche Bewusstsein beeinflussen, aber nicht wirklich in Ramallah wirken. Hier zeigt sich auch seine Abhängigkeit von westlichem Jargon und westlicher Politik: Er will eine „Kommission“, um das „Bewusstsein“ bezüglich Palästina durch die „Medien“ zu stärken. Was für ein Gotteskrieger ist das denn?

Schwankende Rechtfertigungen für 9/11

Genauso sind auch bin Ladens Rechtfertigungen des 11. September durch die westlichen Medien beeinflusst. Zunächst – am 28. September 2001 – wies er die Verantwortung für die Anschläge von sich und schob die Schuld auf eine hinterhältige Verschwörung in Amerika ab: „Die Vereinigten Staaten sollten die Verantwortlichen der Anschläge in den eigenen Reihen suchen. Das sind Leute, die das gegenwärtige Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Konflikts zwischen Islam und Christentum machen wollen ... Außerdem fordern die US-Geheimdienste von Kongress und Regierung jedes Jahr Milliarden von Dollars. Diese [Finanzierungsfragen] waren zu Zeiten der Sowjetunion kein Problem, aber nach ihrem Zusammenbruch war das Budget dieser Geheimdienste in Gefahr. Sie brauchten einen Feind ... In den USA gibt es eine Regierung hinter der Regierung. Und diese verdeckte Regierung muss man fragen, wenn man die Verantwortlichen der Anschläge finden will.“

Eine verdeckte Regierung, die durch Anschläge mehr Finanzmittel für Kriege und Interventionen im Ausland bekommen will – kommt Ihnen das bekannt vor? Bin Laden hätte diese Erklärungen nach dem 11. September auf zahllosen Blogs und Verschwörungs-Webseiten finden können. Erst später behauptet er, der 11. September sei eine Vergeltung für Palästina gewesen. Noch später stellte er den 11. September als Teil eines umfassenderen „Plans, um Amerika mit Gottes Willen vollständig auszubluten“ dar. Und wie beweist er den Erfolg dieses Plans? Indem er sich erneut westlicher Medienberichterstattung bedient. Am 21. Oktober 2001 ließ er verlautbaren: „Die Ereignisse des 11. September waren wichtig. Das tägliche Einkommen Amerikas beträgt 20 Mrd. US-Dollar. In der ersten Woche [nach den Anschlägen] haben die Amerikaner infolge des psychischen Schocks gar nicht gearbeitet, und sogar heute arbeiten sie noch nicht. 20 Mrd. mal sieben ergibt 140 Mrd. ... Die Kosten für Gebäude und Bauarbeiten? Sagen wir mehr als 30 Mrd. Insgesamt wurden 170.000 Mitarbeiter von Fluggesellschaften gefeuert … Das bekannte amerikanische Hotelunternehmen Intercontinental hat 20.000 Mitarbeiter entlassen.“

Was machte bin Laden hier? Er nahm die Highlights aus den verschiedenen unmittelbar nach dem 11. September in den Medien kursierenden Schauergeschichten und Untergangsszenarios und tat so, als wären sie alle Teil seines großen Plans gewesen. Außerdem zitierte er im Oktober 2001 „amerikanische Studien und Analysen, denen zufolge 70 Prozent der Amerikaner durch die Anschläge immer noch unter Depressionen und psychischen Traumata leiden“. Hier nutzte er den westlichen Glauben, dass auf alle tragischen Ereignisse notwendig post-traumatischer Stress folgt – und feierte diesen Stress als Ergebnis seiner Bemühungen zur „Degradierung“ der Vereinigten Staaten. Er wollte seinen nihilistischen Anschlägen rückwirkend Bedeutung verleihen – zunächst, indem er die Palästina-Rhetorik von westlichen Kommentatoren übernahm und sich dann auf den Aspekt der ökonomischen und psychologischen Auswirkungen bezog.

Am 15. April 2004 begann bin Laden in einer in der Verso-Sammlung enthaltenen Botschaft mit dem Titel „An die Menschen in Europa“ plötzlich damit, über Sicherheit zu reden: „Jeder weiß, Sicherheit ist für den Menschen unerlässlich“, und „deswegen lassen vernünftige Menschen nicht zu, dass ihre Sicherheit durch ihre Anführer gefährdet wird“. Das sind seltsame Worte für einen Terroristen, aber sie stammen aus der Zeit nach den Zuganschlägen von Madrid am 11. März 2004, als in Europa die Diskussion über straffere Sicherheitsvorkehrungen hochkochte. Auch hier griff bin Laden westliche Ängste auf. In der gleichen Botschaft erwähnte er auch „Meinungsumfragen, die belegen, dass die meisten Menschen in Europa Frieden wollen“ im Gegensatz zur „Clique im Weißen Haus, die durch die Finanzinteressen der großen Unternehmen korrumpiert ist“. Einmal mehr: Was für ein Gotteskrieger ist das, der seinen Krieg gegen den Mammon unter Rückgriff auf Meinungsumfragen zu legitimieren sucht?

Bin Laden und die Bush-Kritiker

Am deutlichsten zeigt sich die Übernahme westlicher Standpunkte durch bin Laden in dessen späteren Aussagen zum Irak, etwa vom 29.Oktober 2004: „Amerikanische Denker und Intellektuelle haben Bush vor dem Krieg darauf hingewiesen, … dass er zwar bezüglich der Waffeninspektionen die internationale Unterstützung hat, aber dass ein ungerechtfertigter Krieg mit ungewissen Folgen nicht im Interesse Amerikas ist. Doch geblendet vom schwarzen Gold hat er seine persönlichen Interessen über diejenigen Amerikas gestellt.“

Diese Aussage beinhaltet das gängige liberale Argument gegen den Irakkrieg: Wir hätten die Waffeninspekteure ihre Arbeit machen lassen sollen, aber wegen des Öls sei Bush unbeirrt in den Krieg gezogen. Bin Laden zeigte sich sogar über die ungewissen Folgen des Krieges besorgt. Hier reproduzierte er die westlichen Diskussionen über die Unklarheit, ob der Irakkrieg uns mehr Sicherheit bringt oder ob nicht vielmehr das Gegenteil der Fall ist. Das bin Laden „amerikanische Denker und Intellektuelle“ namentlich kennt, ist also kein Wunder, denn von ihnen bezieht er seine politische Position zum Irak.
Zu Zeiten des Irakkrieges verwandelte sich bin Laden in einen vollwertigen Bush-Kritiker, der von den Journalisten und Bloggern, die in Bush den bösesten Präsidenten und im Irakkrieg den ungerechtesten aller Zeiten sahen, kaum noch zu unterscheiden war. So sagte er: „Dieser Krieg macht Milliarden von Dollars für die großen Unternehmen, seien es die Waffenproduzenten oder Wiederaufbauunternehmen wie Halliburton.“ Für Antikapitalisten und Kriegsgegner ist Halliburton natürlich der perfekte Buhmann. Und bin Laden äußerte weiter: „Von dieser Kriegstreiberei profitieren natürlich die Blutsauger, die die Weltpolitik im Hintergrund dirigieren.“ Und auch unter linken Kriegsgegnern ist die Vorstellung beliebt, dass eine finstere Intrige von Paul Wolfowitz und Dick Cheney Amerika in den Krieg gestürzt hat.

Im Zusammenhang mit dem Irak wetterte bin Laden auch gegen „die Medien“ und nannte Bush den „Lügner vom Weißen Haus“. Er sprach auch von der Vetternwirtschaft des Bush-Clans: „Bush Senior hat seine Söhne aus Eigennutz zu Staatsgouverneuren gemacht“, und wirft George W. Bush „Wahlfälschung“ in Florida vor. Da stimmt doch was nicht! Letztlich hat doch auch bin Laden sein Vermögen nur dank seiner familiären Beziehungen, und er ist kaum in der Position, jemandem Vorträge über Demokratie zu halten. Schließlich hat ihn niemand gewählt, und oft beklagt er die Trägheit der muslimischen Massen, die es nicht schaffen, sich gegen ihre amerikanischen und lokalen Unterdrücker zu erheben. Tatsächlich erwuchs al Qaida eindeutig aus der elitistischen Stimmung ehemaliger arabischer Mudschaheddin und ägyptischer Islamisten. Bin Laden ist ein so schamloser Plagiator, dass er sogar den beliebten, an Bush gerichteten Vorwurf bezüglich der Floridawahl und seiner politischen Familienbande aufgreift, obwohl die gleichen Anschuldigungen von Demokratiefeindlichkeit und Vetternwirtschaft gegen ihn selbst erhoben werden könnten.

Bin Ladens Schwenk vom Anti-Kreuzfahrer zum Bush-Kritiker wird deutlich, wenn man seine Aussagen vom 3. November 2001 und vom 29. Oktober 2004 vergleicht. 2001 sprach er über die Kreuzfahrermentalität des Westens, einschließlich der Vereinten Nationen, und dessen Wunsch zur Rückeroberung der islamischen Länder; drei Jahre später wetterte er über Bush, den bösen Mann und seine Familie, der die Welt zugrunde richten wolle. Seine politische Position wurde eindeutig durch die Veränderungen bei der oppositionellen Linken im Westen beeinflusst, die sich zwischen dem 11. September und dem Irakkrieg zu einem reinen Anti-Bush-Camp entwickelt hat.
Besonders deutlich zeigt sich bin Ladens Abhängigkeit von westlichem Denken auch in seiner Wandlung zum Umweltschützer. Die globale Erwärmung ist das Hauptthema, mit dem westliche Aktivisten und Kommentatoren gegenüber der Regierung punkten. Das politische System des Westens organisiert sich zunehmend um den Klimawandel. Die westliche Führung beschwört als ihr höchstes Ziel den Schutz des Planeten vor Zerstörung, und der westliche Aktivismus besteht weitgehend in der Behauptung, die Regierung tue in dieser Hinsicht zu wenig. Das hat bin Laden klar erkannt, und er nutzt das Thema Klimawandel zynisch und opportunistisch, um seine Autorität auszubauen. Der Koran oder das traditionelle Lamento über den westlichen Imperialismus sind nichts gegen die Legitimität, die durch zur Schau getragene Besorgnis über die globale Erwärmung entsteht.

Al Qaida: durch eine zynische Linke gefördert

Bin Laden ist kein „eloquenter Prediger“ oder „Lehrer“ oder „wunderbar informierter Politiker“, auch wenn er seit der Veröffentlichung von Messages to the World im Jahr 2005 mitunter so dargestellt wird. Er ist lediglich ein glorifizierter Blogger mit Sprengstoffgürtel. Wie die Blogger ist er von den Medien abhängig (während er selbst zugleich gegen „die Medien“ wettert), und er kommentiert lediglich anderer Leute Kommentare, anstatt selbst etwas Originelles zu sagen. So wie Blogger zu viel Zeit im Schlafzimmer verbringen und mit der Welt über ihre Webseiten kommunizieren, so sitzt bin Laden tagelang in seiner Höhle und kommuniziert mit der Welt über Video- oder Audio-Botschaften.

Kurz gesagt: Um die Gewalt von al Qaida zu rechtfertigen, kopiert bin Laden die westlichen Kommentatoren, die dann wiederum bin Ladens Neuaufguss ihrer eigenen Argumente als Beweis dafür nehmen, dass al Qaida eine rational handelnde politische Organisation ist – ein Teufelskreis, in dem einige Kommentatoren schon fast als Apologeten von al Qaida agieren. So fragte Lawrence in der Einleitung zu Messages to the World: „Ist bin Laden ein … zeitgenössischer antiimperialistischer Kämpfer unter den Bedingungen des Informationszeitalters?“ Als Antwort zieht er ein Zitat des Soziologen Michael Mann heran: „Trotz religiöser Rhetorik und blutiger Mittel ist bin Laden ein rationaler Mann. Das er die USA angegriffen hat, hat einen einfachen Grund: den amerikanischen Imperialismus. Solange Amerika versucht, den Nahen Osten zu kontrollieren, werden er und seinesgleichen Amerikas Feinde sein.“ (3)

Die westlichen Kommentatoren verkennen jedoch, dass sie selbst bin Laden mit dem Mantel der Rationalität und der politischen Vernunft ausgestattet haben. Ihre eigenen Argumente, denen zufolge al Qaida eine verständliche Reaktion auf den amerikanischen Imperialismus sei, wird von bin Laden nur übernommen. Wenn die Panikmache der Bush-Regierung bin Laden mit der Berüchtigtheit ausgestattet und zum globalen Akteur gemacht hat, dann haben die opportunistischen Behauptungen der linken Kriegsgegner zu al Qaida ihm die moralische Autorität zur Fortführung seiner blutigen Kampagne gegeben. Wie ich im November 2003 in Sp!ked schrieb, „haben ängstliche westliche Repräsentanten al Qaida – was immer das sein mag – zu einem sofort erkennbaren, Angst einflößenden und globalen Phänomen gemacht“. (4) Jetzt haben wir eine Situation, in der die Kritiker und Gegner dieser westlichen Repräsentanten al Qaida mit einer rationalen Begründung für ihren Terrorismus versorgen und dessen Konsequenzen entschuldigen.

Anstatt die klaren Widersprüche in bin Ladens Aussagen herauszustellen, lesen zu viele Linke Bedeutung und Konsistenz in seine Aussagen hinein und projizieren ihre eigenen politischen Vorurteile auf einen schimpfenden bärtigen Mann, der in einer Höhle wohnt. So erhält eine unausgegorene nihilistische und antimoderne Kampagne den Mantel des „Anti-Imperialismus“, der ihre Verbrechen verschleiert.
Al Qaida ist mehr als nur eine Schöpfung der kriegstreibenden Rechten, die sie übermäßig aufgeblasen und ihr einen Platz auf der Weltbühne verschafft hat. Al Qaida wird außerdem durch Teile der linken Kriegsgegner gestärkt, die sie mit Moral und politischer Substanz versorgen. Die Aussagen von bin Laden zeigen: Al Qaida ist ein Bastard einer Panik machenden Rechten und einer opportunistischen Linken.