09.07.2019

Nur zu deinem Besten

Von Christopher Snowdon

Titelbild

Foto: Davide D'Amico via Flickr (CC BY-SA 2.0 / barbeitet)

Neo-Paternalisten, ob Nudging-Theoretiker oder harte Verbotsbefürworter, wollen Menschen zur Verfolgung ihrer vermeintlich „wahren“ Interessen zwingen, insbesondere beim Rauchen und Essen.

Zweifelsohne gibt es kognitive Verzerrungen wie übermäßigen Optimismus, Trägheit und hyperbolische Diskontierung1, und man kann nicht leugnen, dass diese Vorurteile die Entscheidungsfindung beeinflussen. Die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie sind interessant und sollten ernst genommen werden, aber wir sollten uns nicht von ihnen mitreißen lassen. In den meisten von Verhaltensökonomen zitierten, randomisiert-kontrollierten Studien reagiert nur eine Minderheit der Menschen auf „Nudges“ (Anschubser). Nicht alle diese Experimente wurden erfolgreich durchgeführt, sei es im Labor oder in der realen Welt.2 Die einbezogenen Szenarien sind manchmal trivial, oft unrealistisch und die Teilnehmer neigen dazu, durch Übung besser zu werden, d.h. sie werden mit zunehmender Vertrautheit mit dem Szenario „rationaler".

Die Nudger können uns Beispiele dafür geben, wie Menschen durch subtile Beeinflussung suboptimale Entscheidungen treffen, allerdings meist in Situationen, in denen die Einsätze niedrig sind und das Nachdenken schnell geht. Es ist schwieriger, Beispiele dafür zu finden, dass Menschen gegen ihre erklärten Präferenzen handeln, wenn der Einsatz hoch ist und die Optionen fair angeordnet sind. Wenn Personen eine klare Wahlmöglichkeit zwischen gesunden und ungesunden Lebensmitteln haben – zum Beispiel zwischen zuckerhaltigen und zuckerfreien Getränken –, entscheiden sich weiterhin Millionen für die ungesunde Variante. Die großen Portionen, die die Autorin Conly3 verbieten will, sind in Restaurants nicht die Standardoption. Es ist immer billiger, auf Alkohol zu verzichten als zu trinken. Und niemand wird zum Rauchen „genudgt“, im Gegenteil, in Ländern wie Großbritannien ist das Nichtrauchen klar die Standardoption. Menschen müssen sich bewusst und kostspielig für diese Verhaltensweisen entscheiden. Zweifellos spielen Trägheit und hyperbolisches Diskontieren eine Rolle bei Fettleibigkeit, und einige „Anschubser“ scheinen Leuten tatsächlich zu besseren Ernährungsentscheidungen zu verhelfen.4 Aber Rauchern, Alkoholikern und Couch-Potatoes hat das Anschubsen wenig zu bieten.

Es ist bezeichnend, dass die effektivste Intervention des Behavioural Insights Teams der britischen Regierung im Bereich der Gesundheitsförderung im Ratschlag an die Regierung bestand, E-Zigaretten in Ruhe zu lassen, während andere Länder sie verboten haben.5 Nichts zu tun ist eine durchaus respektable Strategie – eine Abteilung in der Regierung, die Politikern zum Nichtstun rät, wäre lohnenswert –, aber es veranschaulicht die begrenzten praktischen Anwendungsmöglichkeiten der Nudge-Theorie.

Harte und weiche Paternalisten

Im Gegensatz dazu hat der Zwangspaternalismus grenzenlose Möglichkeiten, viele von ihnen unheimlicher Natur. Obwohl Sarah Conly behauptet, eine Paternalistin der Mittel zu sein, fällt sie subjektive Urteile über die Ziele, die Menschen verfolgen sollten, nämlich Gesundheit, Langlebigkeit und Altersvorsorge. Die offenbarten Präferenzen der Menschen, wie sie sich in ihrem Alltagsverhalten zeigen, legen nicht gerade nahe, dass es sich bei diesen Zielen um ihre hauptsächlichen Ambitionen handelt. Denn obwohl sie in Umfragen sicherlich als erstrebenswert genannt werden, finden sie sich im Mittelfeld der Liste – zusammen mit anderen konkurrierenden Bestrebungen. Conlys Überzeugung, dass Langlebigkeit und finanzielle Sicherheit wünschenswert sind, ist schwer zu widersprechen.

„Thalers und Sunsteins Buch ‚Nudge‘ ist explizit liberal, während ‚Against Autonomy‘ von Conly offen autoritär ist.“

Die implizite Annahme aber, dass diese Ziele andere Ziele überragen, ist ein Werturteil, zu dem niemand außer dem betroffenen Individuum selbst berufen ist. In der Praxis gibt Conly sowohl den Zweck (z.B. Langlebigkeit) als auch die Mittel (z.B. Verbot großer Lebensmittel-Portionen) vor. Sie wäre nur dann eine Paternalistin der Mittel, wenn jeder ausdrücklich erklären würde, dass Schlankheit, niemals Rauchen und das Erreichen eines hochbetagten Alters ihre wichtigsten Ziele seien – und ihnen alles untergeordnet sei. Dies ist eindeutig nicht der allgemeine Wille der Menschheit oder auch nur eines großen Teiles. Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen eine Vielzahl von gegensätzlichen Zielen und eine Reihe von unterschiedlichen Präferenzen verfolgen, ist der Einzelne am besten in der Lage, Kompromisse einzugehen. Thalers und Sunsteins Buch „Nudge“6 ist explizit liberal, während „Against Autonomy“ von Conly offen autoritär ist.

In „Why Nudge?“7 weicht Cass Sunstein von seinen eigenen Prinzipien ab und erklärt seine Unterstützung für gesetzlichen Zwang, wenn auch in milder Ausprägung. Er führt die gleichen subjektiven Urteile ein und gibt Anlass zur gleichen Besorgnis gegenüber Elitedenken, Anti-Individualismus und Mehrheitstyrannei, die Conlys Art des harten Paternalismus eigen sind. Der Gegensatz zu John Stuart Mill ist klar. Über das Schadensprinzip sind Millionen Wörter geschrieben worden, und zwar in Mills „On Liberty“8 in einer gedanklichen Klarheit, die in den Schriften der neuen Generation von Paternalisten („Neo-Paternalisten“) nicht immer zu finden ist. In jedem möglichen Szenario, bei dem es um die Einschränkung der persönlichen Freiheit geht, können wir normalerweise erraten, was Mill tun würde. Obwohl sie eine neuartige Herangehensweise an Regulierung versprechen, bieten weder Nudge-Theoretiker noch Zwangspaternalisten einen so klaren Leitfaden für den Gesetzgeber. Wenn es den Nudgern mit ihren Prinzipien ernst wäre, würden sie zur Aufhebung Hunderter Gesetzen aufrufen. Wenn es den harten Paternalisten mit ihrer Philosophie ernst wäre, würden sie eine Fülle drakonischer Gesetze fordern. Stattdessen suchen beide Fraktionen den Mittelweg der öffentlichen Meinung, sagen wenig über andere Themen als Rauchen, Fettleibigkeit und Privatverschuldung und berufen sich auf subjektive Urteile über Kosten und Nutzen.

Verhaltensökonomie bedroht Mills Freiheitsdoktrin nicht in der Weise, wie Neo-Paternalisten meinen – oder hoffen. Auf den ersten Blick ist es eine gewagte Behauptung, dass Menschen routinemäßig Dinge tun, die sie nicht tun wollen, und doch ist das die implizite Prämisse des Neo-Paternalismus. Sowohl Nudger als auch zwanghafte Paternalisten erklären, dass ihr Ziel darin bestehe, Menschen zu helfen, ihre eigenen, selbstgewünschten Präferenzen zu verfolgen. Woher kennen wir also die wahren Vorlieben einer Person? Für Mill war es einfach. Wir geben dem Menschen Freiheit und beobachten sein Handeln9: Seine freie Entscheidung ist der Beweis dafür, dass das von ihm Gewählte für ihn wünschenswert ist.

Was wollen Menschen wirklich?

Als guter Ökonom ging Mill davon aus, dass Taten (offenbarte Präferenzen) mehr sagen als Worte (erklärte Präferenzen). Paternalisten hingegen neigen dazu, den angegebenen Präferenzen höheres Gewicht zu verleihen und gehen davon aus, dass ein mit bestimmten Bestrebungen unvereinbares Verhalten das Ergebnis von äußerem Druck oder innerer Schwäche sein muss. Aber gesagt hat man schnell etwas und Tugend kann man leicht behaupten. Auf die Frage nach ihren Zielen, Werten und Prioritäten wissen die Leute in Umfragen mit gesellschaftlich akzeptablen, übergeordneten Normen zu antworten – Dinge wie fit bleiben, ehrenamtlich tätig sein und die Umwelt schützen – auch wenn ihr eigentliches Interesse im Fernsehen und Trinken besteht.

„Sie wünschen sich, die Art Mensch zu sein, dem langweilige Konferenzen, gesundes Essen und anspruchsvolle Filme Spaß machen. Aber sie sind nicht diese Art Mensch.“

In „Inside the Nudge Unit“ beschreibt David Halpern10 die Ergebnisse von zwei Verhaltensexperimenten, die eine „Zeitinkonsistenz“ zu belegen scheinen, bei der Menschen im Hier und Jetzt unterschiedliche Entscheidungen treffen, als sie es für ihr zukünftiges Selbst tun würden: Rund drei Viertel der (dänischen) Arbeiter entschieden sich für Obst statt Schokolade, wenn ihnen diese in der folgenden Woche geliefert werden sollte, aber die Mehrheit entschied sich stattdessen für Schokolade, wenn sie am Lieferort die Wahl hatte. Ebenso wählen die meisten Menschen eine gesunde Snack-Variante anstelle einer ungesunden für später am Tag – besonders wenn sie gerade erst gegessen haben –, aber das Gegenteil ist der Fall, wenn sie unmittelbar vor der Verfügbarkeit des Snacks gefragt werden. Dasselbe scheint für andere Formen des Konsums zu gelten: Die meisten Menschen entscheiden sich bei der Auswahl eines Filmes für die nächste Woche für einen „anspruchsvollen“ Film (wie „Schindlers Liste“) und umgekehrt für einen „anspruchslosen“ Film (wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“) am gleichen Abend. Was sollen wir daraus schließen? Halpern zufolge zeige dies, dass wir „in unserer Gegenwart gefangen sind“ und verknüpft es mit hyperbolischen Diskontierungen: „Je ferner Kosten oder Nutzen in die Zukunft rücken, desto unverhältnismäßig kleiner werden sie im Verhältnis zu den unmittelbaren Kosten und Nutzen“. So ist es, aber das zeigt noch etwas anderes auf.

Die Menschen neigen dazu, anzunehmen – oder zu hoffen ­–, dass sie in Zukunft eine andere Perspektive haben werden. Wenn Sie jemals Monate im Voraus zugesagt haben, etwas zu tun, an dem Sie nicht sehr interessiert sind – wie z.B. eine Konferenz zu besuchen, die wahrscheinlich langweilig sein wird -, dürfte Ihnen diese kognitive Verzerrung vertraut sein. Wie ein Elefant in der Ferne wirkt der Termin sehr klein, solange er nur als Datum im Terminplan auftaucht. Man glaubt, willens und bereits zu sein, wenn es soweit ist, aber wenn der Tag dann wirklich kommt, fragt man sich, warum man überhaupt zugesagt hat. Dabei handelt es sich um eine kognitive Verzerrung, aber sie sagt mehr über Präferenzen zweiter Ordnung aus als darüber, dass die Menschen in der Gegenwart gefangen sind. Sie wünschen sich, die Art Mensch zu sein, dem langweilige Konferenzen, gesundes Essen und anspruchsvolle Filme Spaß machen. Sie hoffen, in naher Zukunft ein solcher Mensch zu werden. Aber sie sind nicht diese Art Mensch.

In den genannten Experimenten hatten die Teilnehmer eine klare Wahl. Sie mussten nicht für das Essen und die Filme bezahlen. Es gab nichts, was sie durch die Architektur der Auswahl hätte beeinflussen könnte, kein Nudging, keine Standardoption. Da sie sich für Schokolade und „Schlaflos in Seattle“ entschieden haben, müsste man ihnen schon einen gewaltigen Vertrauensvorschuss einräumen, um zu schlussfolgern, dass sie in Wahrheit Sellerie und „Das Piano“ bevorzugt hätten. Ja, sie wählten gesunde Lebensmittel und anspruchsvolle Filme für ihr zukünftiges Selbst aus, aber etwas auf morgen zu verschieben, ist nur einen Schritt davon entfernt, es überhaupt nicht zu tun. Diese Experimente zeigen bestenfalls, dass die Menschen wissen, was eine idealisierte Version von ihnen selbst tun sollte. Ungünstigerweise zeigen sie aber auch, was die Menschen wirklich wollen. Die einzige kognitive Verzerrung, die im obigen Beispiel auffällt, ist ein zu optimistischer Blick auf zukünftige Ereignisse. Man kann nicht ernsthaft behaupten, dass Menschen süchtig nach Unterhaltungsfilmen sind. Das Anschauen birgt in Zukunft keine Gesundheitsrisiken, die von einem rücksichtslosen Betrachter ignoriert werden könnten. Die Menschen bevorzugen sie wirklich, auch wenn sie wissen, dass sie es nicht sollten. Wenn sich in diesen Experimenten eine „wahre“ Präferenz offenbart, dann die zu kleinen Lastern.