15.12.2021

Nichts aus Lyssenko und Mao gelernt

Von Kathleen Hefferon und Henry Miller

Titelbild

Foto: USDA via Flickr

Sri Lanka wollte dieses Jahr komplett auf Öko-Landbau umstellen – die Folgen für die ländliche Bevölkerung waren katastrophal. Doch die Agrarpolitik der EU ist kaum weniger pseudowissenschaftlich.

Jeder von uns hat schon einmal die Erfahrung gemacht, dass man etwas ‚auf die harte Tour‘ lernt, wie man so schön sagt. Dieses Phänomen wird durch ein Mem, das in letzter Zeit überall zu finden ist – von T-Shirts bis hin zu Hinweistafeln – perfekt eingefangen.

Die Botschaft ist unverblümt, aber aufschlussreich und gilt sowohl für die Entscheidungen Einzelner als auch für die von Staaten. Vorhersehbare politische Fehltritte von Staaten können einige kosten, sowohl Menschenleben als auch Geld. Man denke nur an den katastrophale Management der US-Regierung beim Afghanistan-Rückzug im August dieses Jahres, der zu einer erheblichen Zahl von Toten und Verletzten und zum Verlust großer Mengen an Material führte. Ein weiterer Beinahe-Fehlschlag ereignete sich 1897, als das Repräsentantenhaus von Indiana einstimmig die House Bill 246 verabschiedete, eine Maßnahme, die den Wert von Pi (π, das Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser) neu definierte. Glücklicherweise scheiterte die Gesetzesvorlage im Senat des Bundesstaates.

Weniger offensichtliche Beispiele sind die jüngsten Veränderungen in der internationalen Agrarpolitik und ihre Auswirkungen, die in mancher Hinsicht ein beginnendes Abrutschen in eine Katastrophe zu sein scheinen, die einer Shakespeare-Tragödie würdig wäre. Die Geschichte beginnt mit der Farm to Fork (F2F)-Biodiversitätsstrategie der Europäischen Union, nimmt mit dem Kurswechsel der britischen Post-Brexit-Politik beim Genome Editing von Nutzpflanzen eine unerwartet positive Wendung, und endet mit dem Eigentor der „Green Sri Lanka“-Politik – einem Programm zur Umstellung der Landwirtschaft dieses Landes auf ökologischen Landbau.

F2F versus Brexit: Ein Gentechnik-Streit

Die F2F-Biodiversitätsstrategie verpflichtet die EU, den Einsatz chemischer Pestizide um 50 Prozent und den Einsatz von Düngemitteln um 20 Prozent zu reduzieren und gleichzeitig mindestens 25 Prozent der derzeitigen landwirtschaftlichen Nutzfläche ausschließlich ökologisch zu bewirtschaften. Angesichts der Ineffizienz und der geringeren Erträge der ökologischen Landwirtschaft würden die Lebensmittelpreise unweigerlich steigen, während der internationale Handel, die Einnahmen der Landwirte und die landwirtschaftliche Produktion einbrechen würden. Da der ökologische Landbau häufig eine Bodenbearbeitung erfordert, bei der CO2 freigesetzt wird, würden die Bemühungen um eine Verringerung der Treibhausgasemissionen beeinträchtigt. Eine Folgenabschätzung des Economic Research Service des US-Landwirtschaftsministeriums prognostiziert, dass die politischen Initiativen der EU das Bruttoeinkommen der Landwirte um 16 Prozent verringern würden, und einen jährlichen Anstieg der Lebensmittelkosten um 130 Euro pro Kopf zur Folge hätten. Andere Analysen, wie diese und diese, sind pessimistischer.

„Angesichts der Ineffizienz und der geringeren Erträge der ökologischen Landwirtschaft würden die Lebensmittelpreise unweigerlich steigen, während der internationale Handel, die Einnahmen der Landwirte und die landwirtschaftliche Produktion einbrechen würden.“

Die genannten Studien berücksichtigen nicht die Rolle, die der Brexit, also der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, für die EU und andere britische Handelspartner spielen wird, jetzt wo Großbritannien beschlossen hat, von dem unglücklichen EU-Kurs abzuweichen und stattdessen neue Agrartechnologien wie das Genome Editing zu nutzen. Obwohl die Abkehr von der EU-Agrarpolitik vertraute und bewährte Beziehungen stören könnte, ist das Risiko durchaus lohnenswert, da neue Handelsmöglichkeiten zwischen Nationen geschaffen werden, die mehr als bereit sind, Innovationen in der Landwirtschaft einzusetzen. Darüber hinaus ist die britische die „wissenschaftlich korrekte“ Vorgehensweise, da Techniken der genetischen Modifizierung ein nahtloses Kontinuum bilden, das von Selektion und Züchtung über Mutagenese, weite Kreuzungen und rekombinante DNA-Technologie bis hin zum Genome Editing reicht. Daher gibt es keine wissenschaftliche Rechtfertigung für eine übermäßige Regulierung der neueren, präziseren und berechenbareren Technologien.

Bislang war das Vereinigte Königreich ein wichtiger Exportmarkt für die EU. Die Abkehr von der F2F-Politik der EU wird Großbritannien mit neuen Handelspartnern zusammenbringen, die innovative neue Züchtungstechnologien, einschließlich Genome Editing, begrüßen. Auch wenn dies ein großer Schritt für die britische Politik sein mag, so ist er doch bei weitem nicht vollständig. Unlogischerweise ist Großbritannien nach wie vor bei rekombinanten DNA-veränderten Nutzpflanzen, der Vorläufertechnologie des Genome Editing, zimperlich.

Im Zusammenhang mit Nutzpflanzen ist „Gentechnik“ der Oberbegriff für die Veränderung des Genoms einer Pflanze. Dies kann die Löschung (oder das Ausschalten) von Pflanzengenen, das Einfügen desselben Gens aus einer eng verwandten Pflanze (Cisgenese) oder sogar aus einem völlig unverwandten Organismus (Transgenese) in das Genom einer Pflanze umfassen. Pflanzenzüchter sind seit langem in der Lage, wünschenswerte neue Eigenschaften mit einer Vielzahl von Techniken einzuführen, darunter Mutagenese, breite Kreuzungszüchtung, Polyploidie und Protoplastenfusion. Die Technologie der rekombinanten DNA oder des „Gen-Spleißens“, die es seit den 1970er Jahren gibt, hat bei Aktivisten erheblichen Widerstand hervorgerufen. Das Genome-Editing, das neueste gentechnische Werkzeug, kann all dies und noch viel mehr bewirken. Alle diese Genom-Veränderungen haben das gleiche Ziel: die Einführung oder Verbesserung eines vorteilhaften Merkmals, wie z. B. Resistenz gegen Schädlinge, höhere Erträge oder verbesserter Nährstoffgehalt.

„Es gibt keine wissenschaftliche Rechtfertigung für eine übermäßige Regulierung der neueren, präziseren und berechenbareren Technologien.“

Es ist nicht untypisch, dass Großbritannien das Genome-Editing als wichtiges Instrument zur Verbesserung der Effizienz und des Ertrags seiner nationalen Landwirtschaft akzeptiert – durch die Schaffung krankheitsresistenter, ernährungsphysiologisch verbesserter Nutzpflanzen – und gleichzeitig Technologien wie die rekombinante DNA unter den Tisch fallen lässt. Es besteht der weit verbreitete Irrtum, dass die rekombinante DNA-Veränderung, da sie häufig transgen ist – d. h. sie bedeutet die Einführung heterologer oder fremder DNA, wie z. B. eines Gens, das ein für Insektenschädlinge giftiges Protein exprimiert –, in gewisser Weise „weniger natürlich“ ist als das Genome Editing, bei dem die genetische Veränderung begrenzter ist und nicht transgen sein muss. Genome-Editing hingegen wurde als Technologie gepriesen, die das Einfügen von Fremd-DNA nicht erfordert. Die neue Technik wurde als eine Möglichkeit gefeiert, ein Genom durch einen einzelnen, präzisen Eingriff zu verändern.

Die EU hält unterdessen daran fest, dass genom-editierte und transgene Nutzpflanzen zu regulatorischen Zwecken als gleichwertig eingestuft (sprich: stigmatisiert) werden und somit einer übermäßigen Regulierung sui generis unterworfen werden müssen. Das schränkt die Möglichkeiten für die eigenen Wissenschaftler ein, Forschung und Entwicklung zu betreiben, etwa Feldversuche mit neuen Nutzpflanzen durchzuführen, die z. B. beim Umgang mit Herausforderungen wie Dürre, Überschwemmungen oder der globalen Erwärmung sehr nützlich sein könnten. Die britische Abweichung vom EU-Ansatz nach dem Brexit ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch ein irritierend kleiner. Die F2F-Strategie würde, wenn sie im Vereinigten Königreich umgesetzt würde, zweifellos die britischen Landwirte benachteiligen, die Verbraucherpreise in die Höhe treiben und die Ernährungssicherheit schwächen.

Bio-Wende in Sri Lanka: Ein Scheitern mit Ansage

Während das Vereinigte Königreich seinen Kurs in dieser und vielen anderen Fragen festlegt und die EU sich noch weiter in ihrer unwissenschaftlichen, regressiven Agrarpolitik beim Thema ökologisch angebaute versus gentechnisch veränderte Pflanzen festfährt, scheint es ein günstiger Zeitpunkt zu sein, ein Extrembeispiel für eine vorhersehbar schreckliche Agrarpolitik Revue passieren zu lassen: Sri Lankas Entscheidung vom letzten Sommer, das Land vollständig auf ökologischen Landbau umzustellen. Was können wir von der Entscheidung dieses Landes lernen, als erstes der Welt 100 Prozent ökologisch angebaute Lebensmittel zu produzieren und die Verwendung aller chemischen Pestizide und Düngemittel zu verbieten?

„Die britische Abweichung vom EU-Ansatz nach dem Brexit ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch ein irritierend kleiner.“

Auf wie viele Arten buchstabiert man „Katastrophe“? Offenbar auf ziemlich vielen, denn die Einkommen der Landwirte, die Lebensmittelsicherheit und die Wirtschaft des Landes sind bereits ins Wanken geraten. Gemäß der Doktrin der neuen „Green Sri Lanka“-Task Force hat Sri Lanka die Einfuhr von synthetischen Düngemitteln und anderen chemischen Hilfsmitteln, einschließlich Pestiziden und Herbiziden, verboten. Infolgedessen ist die landwirtschaftliche Produktion zurückgegangen und die Armut auf dem Lande hat zugenommen. So sind beispielsweise die Teeproduktion um 35 Prozent und der Reisanbau um 25 Prozent zurückgegangen, da auf Bio-Dünger umgestellt wurde. Auch bei Kokosnüssen wird ein Ertragsrückgang um 30 Prozent prognostiziert. Im Durchschnitt könnte ein Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität um 20 Prozent zu einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um mehr als 3 Prozent führen.

Im Oktober nahm das agrarpolitische Durcheinander in Sri Lanka eine neue, bizarre Wendung. Zunächst verstieß die Regierung gegen ihr eigenes Verbot, indem sie 30.000 Tonnen Kaliumchlorid aus Litauen importierte und es (wahrheitswidrig) als „Bio-Dünger“ deklarierte – eine Bezeichnung, die an Neusprech erinnert, die von George Orwell in „1984“ geprägte fiktive Propagandasprache, die durch Euphemismen, Umschreibungen und die Umkehrung der üblichen Bedeutungen gekennzeichnet ist. Einige Tage später machte die Regierung einen förmlichen Rückzieher und hob das Einfuhrverbot für chemische Düngemittel auf.

Lyssenko lässt grüßen

Wie konnte es zu diesem anhaltenden Debakel kommen? Ganz einfach – uninformierte, fehlerhafte Entscheidungen, die auf Wunschdenken statt auf Wissenschaft beruhen. Die Task Force schloss viele Agrarwissenschaftler aus und ersetzte sie durch andere Personen mit fragwürdiger Glaubwürdigkeit. Dieser neuen „Task Force“ mangelt es offensichtlich an Respekt für evidenzbasierte Fakten; vielmehr ist die Quelle ihrer Logik und Argumentation unklar. Noch beunruhigender ist die Tatsache, dass diese Kehrtwende in der Agrarpolitik mitten in der Covid-19-Pandemie erfolgte, die mit höheren Lebensmittelpreisen, Handelsstörungen und einem Einbruch der Tourismusindustrie einherging. Das war nicht der richtige Zeitpunkt, um eine zweifelhafte, ungetestete und unwissenschaftliche Politik zu erproben.

„Im besten Fall liegen die durchschnittlichen Erträge der ökologischen Landwirtschaft etwa 20 Prozent unter denen der konventionellen Landwirtschaft.“

Die gescheiterte Umstellung auf eine extreme, primitive, rein ökologische Landwirtschaftspolitik sollte nicht nur der EU, sondern auch den unter ihrem Einfluss stehenden Entwicklungsländer eine Warnung sein. Länder, die dem gleichen Irrglauben verfallen, könnten sich schnell in ähnlichen Schwierigkeiten wiederfinden. Im besten Fall liegen die durchschnittlichen Erträge der ökologischen Landwirtschaft etwa 20 Prozent unter denen der konventionellen Landwirtschaft. Dabei handelt es sich um Szenarien, wo reichlich organische Abfälle wie Gülle oder Kompost vorhanden sind. Gegenwärtig gibt es in Sri Lanka nicht annähernd genug solche Abfälle, um die Landwirtschaft am Laufen zu halten.

Diese ideologische Idiotie erinnert an die Sowjetunion der 1930er Jahre, als der kommunistische Ideologe Trofim Lyssenko mit der Agrarpolitik des Landes betraut wurde. Er hielt die Pflanzengenetik für reaktionär und böse, weil sie seiner Meinung nach den Status quo zementierte und die Fähigkeit zu Veränderungen ausschloss. Er leugnete sogar die Existenz von Genen und verbot den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln. Lyssenko glaubte, dass Pflanzen und Tiere unter den richtigen Bedingungen und mit den richtigen Stimuli in nahezu unbegrenztem Maße umgestaltet werden könnten. Seine „Modernisierung“ der sowjetischen Landwirtschaft führte zu Ernteausfällen, Hungersnöten und dem Tod von mindestens sieben Millionen Menschen. Ohne aus der Katastrophe in der UdSSR gelernt zu haben, übernahm das kommunistische China in den späten 1950er Jahren Lyssenkos Methoden und erlebte noch schlimmere Hungersnöte. Historiker gehen davon aus, dass mindestens 30 Millionen Menschen verhungert sind.

Sri Lanka ist nur das jüngste Land, das die Lehren aus der Geschichte ignoriert. Die Verdrängung von Wissenschaft durch Ideologie und Wunschdenken verschärft die Ernährungsunsicherheit und Armut im ländlichen Raum, insbesondere in einem Land wie Sri Lanka, wo ein Großteil der Bevölkerung am Rande des Existenzminimums lebt. Ist es das, was Europa nachahmen will? Die jüngste Entdeckung, dass Kupfersulfat, ein von Biobauern in Frankreich und anderswo ausgiebig verwendetes Fungizid, die gesamte französische Bevölkerung und insbesondere Kinder, die Bioprodukte konsumieren, durchsetzt hat, sollte Europäern und anderen eine Warnung sein. Obwohl Kupfer in bestimmten Mengen sowohl für den Menschen als auch für die Umwelt giftig ist, wird es von den Biobauern, die nur wenige andere Mittel zum Schutz bestimmter Kulturen zur Verfügung haben, standardmäßig verwendet. Wenn diese giftige Verbindung weiterhin Teil der F2F-Biodiversitätsstrategie bleibt, wird sich die Situation zunehmend verschlechtern.

Politische Entscheidungsträger weltweit sollten die unglücklichen Beispiele der EU und Sri Lankas beherzigen und ihre Politik entsprechend anpassen, ganz im Sinne einer Warnung des verstorbenen spanischen Philosophen George Santayana (1863-1952): „Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“