07.11.2025

Nicht mehr alles so schön bunt hier?

Von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: Matt Hrkac via Flickr / CC BY 2.0

Die Begeisterung für Vielfalt hat in den letzten Jahren merklich abgenommen.

Die Robert Bosch Stiftung hat jüngst das „Vielfaltsbarometer 2025“ vorgelegt, Untertitel: „Zum Stand des Zusammenlebens in Deutschland“.

Der Report widmet sich der Frage, was die Leute von „Vielfalt“ halten. Im Vorwort werden zwei Phänomene konstatiert, die offenbar den Anlass bieten, rund 4800 deutschsprachige Personen im Alter ab 16 Jahren diese Frage zu stellen. Dort heißt es: „Die anhaltende Zuwanderung aus aller Welt führt zu mehr sprachlicher, kultureller und religiöser Vielfalt. Zudem befindet sich die deutsche Gesellschaft in einem Prozess der Pluralisierung und Individualisierung, in dem einstige ‚Randgruppen' wie etwa queere Menschen stärker ins Zentrum des öffentlichen Diskurses rücken.“ Es geht also nicht allgemein um Vielfalt, schon gar nicht um Meinungsvielfalt, sondern im Wesentlichen um zwei Dinge: Immigration und Regenbogengedöns.

Die Befragung zur Messung der „Akzeptanz von Vielfalt“ ist nicht die erste. 2019 wurde schon einmal gefragt. Und offenbar hat die Vielfaltsbegeisterung seitdem etwas gelitten. Ob man die zunehmende Vielfalt eher als Bedrohung oder als Bereicherung sehe, sollte auf einer Skala von 0 bis 10 bewertet werden. Während 2019 die durchschnittliche Antwort bei etwa 6,4 Punkten lag und Vielfalt somit deutlich als Bereicherung wahrgenommen wurde, schafften es die Befragten diesmal nur noch auf 5,2.

Das wird natürlich bedauert – und schon im Vorwort mit einer ordentlichen Portion Küchenpsychologie erklärt: „Und es ist ja nicht verwunderlich. Die angesprochenen Krisen und ständigen Veränderungen ermüden und überfordern viele Menschen. Verlustängste – gerade auch ökonomischer Natur – führen zu Abgrenzung gegenüber dem Fremden als einer Strategie zum Erhalt des Eigenen. Menschen fühlen sich übersehen oder als Bürger:innen zweiter Klasse, da es scheinbar immer nur die anderen sind, deren Interessen berücksichtigt werden. Diese Gefühle und Sorgen sind real und müssen ernst genommen werden. Sie dürfen aber nicht dazu führen, dass Vielfalt negiert wird, dass eine Gruppe höher als die andere gewertet oder Menschen ihr Recht auf Selbstentfaltung abgesprochen wird.“

„Wie erkläre ich es nur dem gemeinen Volk? Das ist die große Sorge des Vielfaltsexpert:ins.“

Neben der Überforderung sind natürlich auch „einige Parteien und Medien“ Schuld, die „bewusst die Unsicherheit von Menschen schüren, um die Gräben zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu vertiefen: indem sie Stimmung gegen all diejenigen machen, die ihnen nicht gefallen, und das zum Kampf gegen ‚Wokeness' erklären; indem sie die Rechte von Transgender infrage stellen; indem sie gegen Migrant:innen und Geflüchtete mobilisieren und über deren ‚Remigration' fantasieren.“

Trotz solcher Schuldzuweisungen verstehen die Autoren die eigene Arbeit „als einen konstruktiven und auf verlässlichen empirischen Daten beruhenden Debattenbeitrag, der zur Versachlichung der Diskussion beitragen kann.“ Pure Wissenschaft sozusagen. Aber das ist natürlich verdammt schwer: „Es ist ein Spagat, diese Themen auch mit den korrekten Begrifflichkeiten zu adressieren und gleichzeitig verständlich für und anschlussfähig an die große Mehrheit der Menschen zu bleiben, die keine Vielfaltsexpert:innen sind.“ Wie erkläre ich es nur dem gemeinen Volk? Das ist die große Sorge des Vielfaltsexpert:ins.

Was hat sich seit 2019 verändert?

Erstmal etwas Positives: Der Graben zwischen Ost und West hat sich aufgelöst. 2019 haben die Ossis deutlich weniger von Vielfalt gehalten als die Wessis. 2025 ist das nicht mehr so. Spitzenreiter ist mit 65 von 100 möglichen Vielfaltspunkten zwar Schleswig-Holstein und Schlusslicht der östliche Nachbar Mecklenburg-Vorpommern. Aber der Unterschied beträgt lediglich 6 Punkte. Und insgesamt hat sich der Westen in seiner Sicht der Dinge dem Osten angenähert. Daher der Rückgang der Vielfaltspunkte in der Gesamtstichprobe.

„Die Akzeptanz von Vielfalt ist in vier der sieben untersuchten Dimensionen teils sehr deutlich zurückgegangen.“

Zweites Ergebnis: Die Akzeptanz von Vielfalt ist in vier der sieben untersuchten Dimensionen teils sehr deutlich zurückgegangen. Behinderung ist kein Thema: 82 Punkte. Geschlecht und Lebensalter auch nicht: 75 respektive 71 Punkte. Abwärts ging es allerdings mit sexueller Orientierung: minus 8 Punkte, jetzt bei 69, ethnischer Herkunft: minus 17 Punkte, jetzt bei 56, sozioökonomische Schwäche:  minus 6 Punkte, jetzt bei 52, und Religion: minus 10 Punkte, jetzt bei 34. Letzteres wird von den Autoren mit „Islamfeindlichkeit“ erklärt.

Wer sind die Freunde und Feinde der Vielfalt?

Die Studie schlüsselt die Ergebnisse für alle Bundesländer auf, aber die Unterschiede dabei sind, wie schon erwähnt, nicht weltbewegend. Wenn die Ostdeutschen nicht (mehr) das Problem sind, wer ist es dann? Um zu sehen, wer die Guten sind und wer die Anderen, bilden die Autoren drei Gruppen, die sich in ihren Antwortmustern unterscheiden.

Die Guten, „Vielfaltsbefürwortenden“, nennen sie „Kosmopolit:innen“. Sie sind – wenig überraschend – überwiegend Frauen, Menschen jungen und hohen Alters, Westdeutsche, oft mit Migrationshintergrund, überproportional politisch links orientiert und durch eine „hohe Empathiefähigkeit“ gekennzeichnet. Knapp die Hälfte der Befragten gehört zu dieser Gruppe, die auf stolze 73 Vielfaltspunkte kommt.

Interessanter sind die Anderen. Denn sie unterteilen sich in zwei Gruppen. Die „Protektionist:innen“ lehnen insbesondere häufiger arme Menschen (wie z.B. die „die vermeintlich faulen Arbeits-Verweigernden“) sowie ethnische und religiöse Vielfalt ab. In dieser Gruppe sind seltener Migranten, dafür häufiger Ostdeutsche, und natürlich AfD-Wähler. Kennzeichnend sei zudem ein hoher „Wohlstandsprotektionismus“, definiert als „die Ablehnung, den vor Ort erwirtschafteten kollektiven Wohlstand mit anderen zu teilen“. Sie machen 21 Prozent aus und kommen auf 56 Punkte.

Weitere 30 Prozent sind sogenannte „Vielfaltsskeptiker:innen“, die mit 52 Punkten am wenigsten von Vielfalt halten. Sie sind „männlich und jung“, 43 Prozent migrantisch geprägt und „äußern sich besonders kritisch zu allen Vielfaltsdimensionen – mit Ausnahme von ethnischer Herkunft und Religion.“ Vor allem scheinen sie keine LGBTTIQ*-Fans zu sein. In der Dimension „sexuelle Orientierung“ trennen sie 54 Punkte von den „Kosmopolit:innen“ und ebenfalls noch satte 40 Punkte von den „Protektionist:innen“.

„Die Autoren scheuen sich aber auch nicht, auf die Grenzen der eigenen Toleranz in Sachen Meinungsvielfalt zu pochen."

Es drängt sich der Gedanke auf, dass den „Protektionist:innen“ vielleicht deshalb einige Punkte fehlen, weil sie sich mit Teilen der „Vielfaltsskeptiker:innen“ nicht recht anfreunden können. Oder allgemein gesprochen: P mangelt es an Toleranz für V, weil V noch weniger tolerant sind als P. K hingegen sammeln ordentlich Punkte, weil K weder mit P noch mit V viel zu tun haben und außerdem wissen, wie man korrekte Antworten auf Fragen gibt, die sich andere 1a-Kosmopolit:innen aka Vielfaltsexpert:innen ausgedacht haben.

Methodische Probleme

Der Barometer misst die Einstellung der Menschen durch drei bis vier Fragen zu jeder Vielfaltsdimension. Manche der Fragen sind hierfür geeignet. Wenn ich der Aussage „Mich stört der Anblick von behinderten Menschen“ zustimme, ist es okay, wenn ich dafür keine Punkte bekomme. Andere scheinen weniger geeignet. Man muss nichts gegen Behinderte haben, wenn man der Auffassung ist, dass die getrennte Beschulung von Behinderten und Nicht-Behinderten für beide vorteilhaft ist und daher der Aussage „Inklusion – also die gemeinsame Beschulung von behinderten und nicht behinderten Kindern – benachteiligt normal entwickelte Kinder“ zustimmt.

Auch bei folgenden Aussagen kann man bezweifeln, ob eine differenzierte Sichtweise zu Punktabzug führen sollte:

  • „Das Geschlecht zu ändern ist wider die Natur.“ Hat, wer zustimmt, wirklich etwas gegen sexuelle Vielfalt?
  • „Ich bin gegen die Frauenquote.“ Hat, wer zustimmt, wirklich etwas gegen Gleichberechtigung von Mann und Frau?
  • „Wer alt ist, ist alt und soll nicht immer so tun, als wäre er noch jung.“ Hat, wer zustimmt, wirklich etwas gegen Alte?
  • „Ich lerne immer etwas Neues, wenn ich mit Menschen aus anderen Ländern zusammen bin.“ Hat, wer nicht zustimmt, wirklich etwas gegen Einwanderer?
  • „Menschen, die nach Deutschland kommen, sollten darin unterstützt werden, ihre kulturellen Wurzeln zu bewahren.“ Hat, wer nicht zustimmt, wirklich etwas gegen Einwanderer? (Oder hält er einfach Integration für das wichtigere Ziel?)
  • „In Deutschland gibt es viele christliche Feiertage. Ich finde, dass es gesetzliche Feiertage auch zu den Festen anderer Religionen geben sollte.“ Hat, wer (wie 78 Prozent der Befragten) nicht zustimmt, wirklich etwas gegen Moslems, Hindus, Buddhisten?

Fun Fact

Interessanterweise unterscheiden sich die Cluster, also K, P und V, nicht nach Diskriminierungserfahrungen. Insgesamt sei die große Mehrheit der Befragten bereits selbst Opfer von irgendeiner Art von Diskriminierung geworden. Deutschland, das Land der Opfer.

Toleranz und Meinungsvielfalt

Die Autoren wollen es beim Befund nicht belassen, sondern gerne auch die Menschen verbessern – durch zivilgesellschaftliche, toleranzsteigernde Dialoge in der „Nachbarschaft als Handlungsraum für einen konstruktiven Umgang mit Vielfalt“ und dergleichen. Sie scheuen sich aber auch nicht, auf die Grenzen der eigenen Toleranz in Sachen Meinungsvielfalt zu pochen: „Wo Appelle allein nicht genügen, ist der Staat gefordert, die ihm zur Verfügung stehenden Mittel zur Verteidigung der Demokratie und des Rechtsstaats zu nutzen; wer sich selbst intolerant zeigt und allgemeine gesellschaftliche Werte nicht teilt, sollte nicht auf eine naive Toleranz sich selbst gegenüber bauen dürfen.“ Wer nicht hören will, muss fühlen.

jetzt nicht

Novo ist kostenlos. Unsere Arbeit kostet jedoch nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Unterstützen Sie uns jetzt dauerhaft als Förderer oder mit einer Spende!