26.05.2017

Nach Manchester: Es ist Zeit für Wut

Kommentar von Brendan O’Neill

Titelbild

Foto: Olichel via Pixabay / CC0

Wir brauchen mehr als nur Trauer, um auf diese neue Grausamkeit zu antworten.

Nach dem Terror kommen die hohlen Phrasen. Und die Hashtags. Und die Nachtwachen im Kerzenschein. Und immer wieder die gleiche Botschaft: „Haltet zusammen. Fühlt Liebe. Gebt euch nicht dem Hass hin.“ Inhaltsleere Banalitäten und die seichte Fetischisierung von „Zusammenhalt“ ohne eine Erwähnung dessen, für was wir zusammenstehen sollten – oder auch wogegen. Genauso kam es auch nach der Barbarei von Manchester. Als Antwort auf die mehr als 20 Todesopfer bei einem Ariana-Grande-Konzert, als Antwort auf das Blutbad an Kindern, die Popmusik genießen wollten, sagen die Menschen tatsächlich: „Alles, was wir brauchen, ist Liebe.“ Das Missverhältnis zwischen dem Horror und unserer Antwort darauf – zwischen dem was passiert ist und dem, was wir sagen – ist enorm. Und das muss sich ändern.

Das von oben verordnete Werben für einen oberflächlichen „Zusammenhalt“ als Antwort auf den Terrorismus fördert nur Passivität. Starke Gefühle sollen aus der Öffentlichkeit verbannt werden. Es geht darum, uns auf eine Masse Trauernder zu reduzieren, deren einzige Aufgabe darin besteht, unsere Mitbürger zu beweinen – nicht aber zu fragen, warum sie starben, oder gar wegen ihres Todes wütend zu sein. Die große Angst von Bürokraten und Medien ist, dass sich die sprunghafte Massen als Reaktion auf den Terror vom Hass treiben lassen und unkontrollierbar werden.

Aus diesem Grund folgt jedem Anschlag die Warnung vor einer „islamophoben Gegenreaktion“ und die gesteigerte Überwachung von Twitter-Nachrichten und öffentlichen Zusammenkünften – denn am meisten befürchtet man den öffentlichen Ausdruck von leidenschaftlichen Gefühlen, von unseren Leidenschaften. Man will, dass wir passiv sind; empathisch und bestürzt, aber nicht wütend, aktiv und hinterfragend. Man sieht uns am liebsten als einsame Masse von pflichtbewussten, zusammenhanglosen Trauernden, nicht als echte Gemeinschaft von Bürgern, gar als Gemeinschaft, die wissen will, warum Mitbürger sterben mussten und wie das in Zukunft verhindert werden kann.

„Ich bin nicht traurig. Ich bin rasend vor Wut.“

Im Rahmen dieser gängigen Nachterrorerzählung werden unsere Emotionen genauestens kontrolliert. Einige Gefühle werden gefeiert, andere verteufelt. Empathie – gut. Kummer – gut. Trauer online zu teilen – großartig. Aber Hass? Wut? Zorn? Diese Gefühle sind schlecht. Sie sind minderwertige Formen von Gefühlen, die es zu verhindern gilt. Wenn wir diese Wut gegenüber dem Terrorismus zulassen, werden die Menschen Pogrome gegen Muslime starten, heißt es, oder Sikhs angreifen oder den nächsten Laden eines Hindus überfallen. So dumm und hasserfüllt sind wir anscheinend.

Zurzeit gibt es aber eine überzeugende Rechtfertigung für Hass. Sicherlich für Wut – in der Tat sogar für rasenden Zorn. Unsere Mitbürger wurden bei einem Popkonzert umgebracht. Ich hasse diesen Umstand, ich hasse die Person, die das getan hat, ich hasse diejenigen, die die Tat rechtfertigen werden. Und ich hasse die Ideologie, die diese Barbarei rechtfertigt. Ich will diese Ideologie zerstören. Ich bin nicht traurig. Ich bin rasend vor Wut. Anderen wird es ähnlich gehen, aber wenn sie dieses verbotene, post-terroristische Gefühl zeigen, riskieren sie, als Architekten des Hasses gebrandmarkt zu werden, als Wegbereiter zukünftiger Terrorakte, Rassisten und so weiter. Ihr Zorn wird zum Schweigen gebracht. „Trauere einfach. Das ist deine Rolle.“

Die Kultivierung von Passivität als Reaktion auf den Terror ist Ausdruck für eine tiefgreifende Krise der – und Angst vor – aktiven Bürgern. Unsere Rolle als Bürger wird beschädigt, wenn die einzige Reaktion, die uns auf ernsthafte Gewaltakte gegen unsere Gesellschaft zugestanden wird, das Versenden von Hashtags oder das Aufstellen von Kerzen sein soll. So werden das schonungslose Nachdenken und die tiefgreifenden Gefühle, mit denen sich die Bürger nach solchen Anschlägen auseinandersetzen sollten, unterdrückt.

„Die Machthaber wollen unsere Emotionen betäuben und unseren Zorn ruhigstellen.“

Dies weist  – wenn auch unbeabsichtigt – Ähnlichkeiten mit dem Terrorismus selbst auf. Der Terrorismus führt einen Zermürbungskrieg gegen unser soziales Gefüge; ihm geht es darum, unser Selbstvertrauen, unsere Offenheit und den Sinn für unser Selbst, als freie Bürger, Stück für Stück zu zerreißen. Als Reaktion greifen Bürokratie und Medien unsere Individualität und unsere soziale Rolle an, indem uns vorgeschrieben wird, was wir über solche Abscheulichkeiten zu fühlen, zu denken und zu sagen haben – ebenso wollen sie uns entmutigen, diese Schreckenstaten und die ihr zu Grunde liegende ideologische und gewalttätige Fäulnis ins Auge zu fassen. Die Terroristen versuchen unsere Entschlossenheit zu schwächen. Die hiesigen Machthaber wollen unsere Emotionen betäuben, unseren Zorn ruhigstellen und uns zu Darstellern mit feuchten Augen im post-terroristischen Trauerspiel degradieren. Es ist ein doppelter Angriff: Einmal auf das Individuum und einmal auf die Gesellschaft.

Bei diesem Post-Terror-Narrativ geht es im Wesentlichen um die Zügelung unsere Gefühle. Alle Fragen von Substanz werden von der Politik ganz bewusst an den Rand gedrängt. Wir werden aktiv davor gewarnt, schwierige Fragen über die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu stellen und warum sie diese Gewalt, diesen Nihilismus, hervorbringt. Hinterfragt man die Lehrsätze des Multikulturalismus – keine Kultur ist einer anderen überlegen, jeder soll in seiner Kulturblase glücklich werden – ist man ein Rassist. Fragst man sich, ob der obsessive Kampf gegen die „Islamophobie“ auch mit dazu beigetragen haben könnte, dass insbesondere junge Muslime bei ihrer eigenen Religion keinerlei Spaß mehr verstehen – und schon ist man „islamophob“. Und Immigration: Das ist das große, unaussprechliche Thema; man bist bereits ein Faschist, wenn man überhaupt nur darüber nachdenkt. Die Nachterrorerzählung fordert: „Du musst empathisch sein!“. Indirekt und manchmal auch ausdrücklich schwingt hier mit: „Du sollst nicht denken! Du darfst bestimmte Fragen nicht stellen oder überhaupt irgend etwas sagen.“ Und so errichtet sie, in ihrer Antwort auf den Terrorismus, ein intellektuelles Kraftfeld um einige Probleme, die vielleicht, nur vielleicht, zu diesem Terrorismus mit beitragen.

„Scheinbar ist es falsch, in einer Gesellschaft, die auf 'Vielfalt' beruht, Grundwerte zu haben.“

Wir brauchen Einigkeit, heißt es. Einigkeit ist das Modewort. Aber das ist genauso substanzlos. Einigkeit über was? Einigkeit gegen was? Was sind unsere Werte? Wer ist der Feind dieser Werte? Frag nicht. Denk nicht. Scheinbar ist es falsch, in einer Gesellschaft, die auf 'Vielfalt' beruht, Grundwerte zu haben. Und wir dürfen niemals auch nur andeuten, dass irgendeine bestimmte Ideologie eine Gefahr für diese Werte darstellt, denn so könnten sich ja Menschen unterdrückt oder an den Rand gedrängt fühlen. Wir bleiben mit einem oberflächlichen Gefühl zurück, einer Einheit von hochgradig vereinzelten Trauernden und nicht einer echten Einheit, die sich um Ideale, Werte und Visionen sammelt. Der Schrei nach Einigkeit ist eine Lüge. Fakt ist, dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die gewillt sind, uns anzugreifen, andere, die solche Attacken für gerechtfertigt halten, und wieder andere, die sie als Produkt von „Islamophobie“ oder westlichen Interventionen im Nahen Osten entschuldigen. Wir sind weit entfernt davon, geeint zu sein. Wir sind zutiefst gespalten. Aber das kann man nicht sagen. „Weine, aber denke nicht.“

Man halte nur einmal inne und denke darüber nach wie befremdlich, wie pervers das ist, dass mehr als 20 unserer Mitmenschen abgeschlachtet wurden und wir im Grunde genommen sagen: „Beruhigt euch alle. Liebe ist die Antwort.“ Wo ist die Wut? Wenn das Blutbad an Kindern und deren Eltern an einem netten Abend einen nicht wütend macht, macht einen nichts mehr wütend. Dann hat der Terrorist dich besiegt. Du bist bereits tot.