18.07.2016

Mythos Energieeffizienz

Analyse von Peter Heller

Titelbild

Foto: Jordan Sanchez via Unsplash(CC0)

Das Bundeswirtschaftsministerium will den Primärenergieverbrauch bis 2050 halbieren. Dies würde Innovationen erschweren, Wertschöpfungspotentiale vermindern und schließlich Wohlstand vernichten

Können durch die Steigerung der Energieeffizienz die Einsparziele der Energiewende ohne Verzicht und ohne Wohlstandsverluste erreicht werden? Wer das glaubt, ist einem Mythos verfallen. Energieeffizienz ist ein Wachstumstreiber, der auf direkte und indirekte Weise immer einen Mehrverbrauch an Energie induziert. Wäre es anders, würde in effizientere Produkte nicht investiert. Das Werben der Bundesregierung für Energieeffizienz lenkt in Wahrheit nur von dem Problem der künftigen Energiearmut ab.

Unvermittelt und unerwartet tauchte das Flugzeug in unserem Leben auf. Ich erinnere mich nur mehr verschwommen und streiflichtartig an die ersten Urlaubsreisen mit meinen Eltern, die uns in einem immer kurz vor der Aufgabe stehenden Käfer über den Brenner nach Italien führten. Eines Tages in der Mitte der 1970er Jahre stiegen wir dann in einen Düsenjet und begaben uns nach Spanien. Was für ein Abenteuer, was für ein Luxus! Es folgten die üblichen jährlichen mehrwöchigen Pauschalreisen zu den bekannten und beliebten Zielen, Mallorca, die Kanaren, später dann Tunesien. Heute, wenige Tage bevor ich mit meiner Familie in die Ferien aufbreche, denke ich gerne an diese Zeit zurück. Für mein Kind ist die Flugreise eine Normalität.

Noch. Denn Deutschland hat sich der Energiewende verschrieben. Deren primärer Fokus auf der Reduzierung unseres Energieverbrauches liegt.  Das Ziel sei, den Primärenergieverbrauch bis zum Jahr 2020 gegenüber 2008 um 20 Prozent zu senken und bis 2050 zu halbieren“, sagt das Bundeswirtschaftsministerium in überraschender Deutlichkeit. Die Auswirkungen dieser Agenda auf unser Leben, auf die Erfüllung unserer Bedarfe nicht nur hinsichtlich Nahrung, Kleidung und Wohnraum, sondern eben auch in den Bereichen Kommunikation und Mobilität, scheinen allzu vielen Bürgern immer noch keine Beschwerde wert. Weil ein Nebel voller Mythen die klare Sicht auf die derzeitige Energiepolitik verdeckt. Da richten sich die Blicke auf „Energiespeicher“, obwohl diese keine Energie herbeizaubern, sondern nur den künftigen Mangel besser verwalten können. Da wird vor allem, unterstützt durch eine aktuelle Kampagne voller bemühtem Witz, eine Beruhigungspille namens „Energieeffizienz“ verabreicht.

Wenn man Versorgungssicherheit, also die zeitlich und räumlich uneingeschränkte Verfügbarkeit von Energie in bedarfsgerechter Menge, als das Fundament eines Gebäudes namens Wohlstand versteht, wäre Energieeffizienz der Fahrstuhl, mit dem in diesem Haus immer höhere Stockwerke zugänglich werden. Denn steigende Energieeffizienz bedeutet sinkende Kosten für den Betrieb von Maschinen aller Art und damit auch für die Produkte und Dienstleistungen, die sie möglich machen. Könnte am Ende eines Prozesses, in dem mit immer weniger Energie immer mehr erreicht wird, das Einsparziel der Energiewende tatsächlich erreicht werden? Könnte am Ende einer solchen Entwicklung tatsächlich das limitierte Angebot an solarer Einstrahlung, Wind- und Wasserkraft sowie Biomasse den heutigen oder gar einen besseren Lebensstandard sichern? Könnte Deutschland daher tatsächlich auf die Kernenergie und auf fossile Kohlenwasserstoffe verzichten, ohne einen Energiemangel zu bemerken?

„Je effizienter unsere Maschinen und Geräte werden, desto mehr Energie setzen wir um“

Auf den ersten Blick scheint dies logisch, ja zwingend, vergleicht man beispielsweise den Durst heutiger Automobile mit dem vergleichbarer Modelle vor drei Jahrzehnten. Oder den Stromverbrauch einer Glühbirne mit dem einer Leuchtdiode. Alles wird sparsamer und behält doch seinen Nutzen. Dem „Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz“, der die zu ergreifenden Maßnahmen zur (Zitat) „Senkung des Energieverbrauchs durch die Steigerung der Energieeffizienz“ beschreibt, liegt diese Vorstellung zugrunde.

Ist das eine von jeder Belastung durch ökonomische oder technische Kompetenzen befreite Naivität? Oder schlicht ein Irrtum? Oder gar eine absichtliche Täuschung? Tatsächlich gilt: Je effizienter unsere Maschinen und Geräte werden, desto mehr Energie setzen wir um. Diese Rückkopplung, neudeutsch auch unter der Bezeichnung „Rebound“ bekannt, thematisiert die Bundesregierung nicht.

Weil eben die LED so viel weniger an Strom bei gleicher Lichtausbeute verbraucht, werden manche in ihrer heimischen Umgebung zu Lichtkünstlern. Wo früher eine Glühbirne einen Raum erhellte, sind es nun hunderte kleiner Leuchtdioden, mehr oder weniger kreativ an Decken und Wänden, an Fußleisten, Treppenstufen und Möbeln verteilt, die die heimische Umgebung in eine Bühne verwandeln, auf der eine situationsabhängige Atmosphäre mittels computergesteuerter Farb- und Blinkspielereien erzeugt wird. Die Stromrechnung sinkt auf diese Weise nicht so stark wie eigentlich möglich, wenn überhaupt. Weil eben Automobile so viel weniger Benzin schlucken, benutzt man sie häufiger und für längere Strecken. Der Treibstoffbedarf bleibt gleich, wenn er nicht sogar steigt. Noch vor fünfzig Jahren füllten Computer ganze Zimmer und bedurften zu ihrer Versorgung kleiner Kraftwerke. Heute kann man damals unvorstellbare Rechenleistungen an der Steckdose betreiben, das ist Effizienzsteigerung. Aber Milliarden Desktops, Laptops, Tablets und Smartphones benötigen in Summe ein Vielfaches der Energie, die früher einer Handvoll Großgeräte genügte. Das ist der Rebound. Was an einer Stelle eingespart wird, fließt sogleich in eine Mehr- oder in eine andere Nutzung. Geringere Heizkosten eröffnen die Möglichkeit einer Fernreise. Oder den Ersatz der klassischen Stereo-Anlage durch ein digital gesteuertes Surround-System, das nach mehrwöchiger Umbauphase auf Basis dutzender Blu-Ray-Blockbuster-Testläufe dem Wohnzimmer zusätzlich zur Licht- auch noch eine fortgeschrittene Akustikinstallation verschafft.

Wer die Nachfrage nach Energie deckeln will, hat diese Rebound-Effekte durch die Abschöpfung der sich aus steigender Effizienz ergebenden Wohlstandsgewinne zu verhindern. Im Programm der Grünen zur Bundestagswahl 2013 (auf den Seiten 158/159) wird beispielsweise die Idee formuliert, dazu die „Preisgestaltung von Ressourcen“ zu beeinflussen. Anders ausgedrückt: Was auch immer man an Strom spart, wenn man effizientere Lampen oder Haushaltsgeräte kauft, wird durch einen höheren Strompreis wieder aufgefressen. Verbrauchsärmere Autos führen in dieser Logik nur zu höheren Steuern und Abgaben auf Benzin. Der Eindruck, auch die große Koalition folge diesem Konzept, ohne es jedoch klar zu benennen, täuscht nicht. Der Punkt ist nur: Regulativ gegen den Rebound vorzugehen, verhindert Effizienzsteigerungen schon im Ansatz.

Energieeffizienz fällt nicht vom Himmel

Einer der größten Kostenfaktoren für Fluglinien ist der Treibstoffverbrauch der Jets. An diesem richten sich daher primär die Ticketpreise aus. Effizientere Flugzeuge gestatten billigere Reisen, denn in einem wettbewerblich organisierten Umfeld werden Kostenvorteile an die Passagiere weitergegeben. Immer mehr Menschen können immer häufiger fliegen. Die wachsende Nachfrage induziert ein steigendes Angebot. Neue Strecken werden erschlossen, neue Dienstleistungen entwickelt. Ein Beispiel dafür sind die Pauschalreisen in die Ferienanlagen an sonnigen Stränden. Schließlich kaufen die Reiseanbieter mehr Flugzeuge und die Flugzeughersteller generieren Gewinne, die ihre Ausgaben für die Entwicklung effizienterer Maschinen am Beginn dieser Kette übersteigen. Seit den 1960er Jahren kann ein ungebrochener Trend beobachtet werden: Jahr für Jahr sinken die Treibstoffbedarfe ziviler Jets um durchschnittlich 1-1,5% je Passagierkilometer, während die Menge der tatsächlich geflogenen Passagierkilometer um 4-5% im jährlichen Mittel zunimmt. Das ist der Rebound, durch den eine Flugreise auf einmal auch für meine Eltern bezahlbar wurde.

Energieeffizienz fällt nicht vom Himmel. Sie ist das Ergebnis der Aufwendungen, durch die Unternehmen ihre Produkte verbessern. Solche Investitionen werden aber nur dann getätigt, wenn sie Gewinne durch Absatzsteigerungen versprechen, die die anfallenden Kosten übersteigen. Moderne und effiziente Passagierflugzeuge gibt es nur, weil ihre Entwicklung eine derartige Wachstumsoption bot. Diese Motivation treibt nicht nur die Fortschritte in der Luftfahrt oder in anderen Segmenten des Fahrzeugbaus. Man kann das Beispiel auf alle Branchen übertragen. Ob Maschinenbau, ob Bekleidung, ob Nahrungsmittel oder Informationstechnologie, die Steigerung der Energieeffizienz ist ein zentraler Innovationstreiber. LED-Lampen für den Hausgebrauch gibt es nicht, weil die Glühbirne verboten wurde. Es gibt sie, weil die Hersteller hoffen, mit ihnen durch höhere Absatzzahlen mehr verdienen zu können. Und immer steht am Ende ein Energiebedarf, der nicht sinkt, sondern eher wächst. In der Summe verbrauchen viele effiziente Düsenjets heute deutlich mehr Treibstoff, als die wenigen Spritschlucker der 1960er. Worauf natürlich auch die Ölbranche reagiert, beispielsweise mit effizienteren Fördermethoden, die mehr Vorkommen zu geringeren Kosten erschließen helfen.

Der Rebound ist kein Zufall, der nur in bestimmten Zusammenhängen manchmal auftritt. Er ist der Motor der Energieeffizienz. Schaltet man ihn ab, um einen gleichbleibenden oder höheren Energiebedarf als automatische Auswirkung zu vermeiden, werden schlicht keine effizienteren technischen Systeme mehr realisiert und an den Markt gebracht. Die Steigerung der Energieeffizienz und die Energiewende schließen sich gegenseitig aus. Gegenteiliges zu behaupten bedeutet, sich zu täuschen oder andere täuschen zu wollen. Die Energieeffizienz-Kampagne des Bundeswirtschaftsministeriums ist ein Sedativum, um die Bürger einzulullen und sie von den Zumutungen abzulenken, die in den kommenden Jahren in der nächsten Phase der Energiewende bevorstehen.

„Man fliege also besser, so lange es noch geht“

Noch mag man belächeln, wenn das Umweltbundesamt seinen schon traditionellen sommerlichen Aufruf wiederkaut, der uns von Flugreisen abhalten soll. Spätestens dann, wenn Steuern und Abgaben das Fliegen wieder zu einem den Reichen vorbehaltenen Luxus machen, wird vielen das Lachen im Halse stecken bleiben. Nicht nur den Reisewilligen, sondern auch den Reiseveranstaltern, den Fluglinien und den Flugzeugbauern. Denn wer sich partout den Geboten der Energiewende nicht unterwerfen will, der wird gezwungen. Im Ernstfall durch Produkt- oder gar Technologieverbote, wie sie im „Klimaschutzplan 2050“ vorgesehen sind. Das gilt für alle Sektoren im produzierenden Gewerbe, für die Land- und Ernährungswirtschaft, für Handel und Dienstleistungen, das gilt für alle Kunden entlang der Wertschöpfungsketten bis hin zum Endverbraucher. So bedeutet „den Primärenergieverbrauch bis zum Jahr 2020 gegenüber 2008 um 20 Prozent zu senken und bis 2050 zu halbieren“ den Eintritt in eine Abwärtsspirale, die sukzessive Innovationsoptionen ausschließt, Wertschöpfungspotentiale vermindert, Wettbewerbsfähigkeit reduziert und schließlich unseren Wohlstand vernichtet.

Man fliege also besser, so lange es noch geht. Ich werde meinen Urlaub in einigen Tagen jedenfalls mit einem Düsenjet beginnen und wünsche den Lesern von Novo ebenfalls gute Erholung, denn in einer Zukunft ohne Energie werden wir alle unsere Kräfte noch brauchen.