21.04.2015

Energiewende: Wir brauchen verlässliche Energie

Analyse von Peter Heller

Wir sind von einer verlässlichen Stromversorgung existenziell abhängig. Die Energiewende gefährdet unsere Versorgungssicherheit. An konventionellen, regelbaren Energiequellen führt kein Weg vorbei, findet Peter Heller. Auf Windräder und Solarzellen ist kein Verlass.

Den meisten Lesern wird die Frage merkwürdig vorkommen, aber ich möchte sie trotzdem stellen: Wozu benötigen wir Strom? Die Menschheit ist schließlich fast während ihrer gesamten Existenz ohne Elektrizität ausgekommen. Trotzdem waren soziale, kulturelle und technische Fortschritte möglich, die man nicht geringschätzen sollte. Man denke allein an die Heroen aus Naturwissenschaft und Technik. Von Archimedes bis Newton haben diese im Schein von Öllampen gearbeitet.

Aber heute ist Strom eine der grundlegenden Säulen unserer Lebenswelt – eine Selbstverständlichkeit. Seine Anwendung geht weit über elektrisches Licht hinaus. Die Maschinen und Apparate aufzuzählen, die von der Kommunikation über die Produktion bis hin zur Mobilität und Gesundheit elektrisch – also mit Strom - betrieben werden, wäre ein niemals endendes Unterfangen. Ein Ausfall der Stromversorgung über einen längeren Zeitraum von Stunden oder Tagen würde ausnahmslos jeden Bürger hart treffen.

Dabei stellen moderne Versorgungsnetze Elektrizität immer und überall in ausreichender Menge zur Verfügung. Nur darum konnte sich diese Energieform auf eine Art und Weise in unser Leben integrieren, die sie heute unverzichtbar macht. Deshalb sollte es der selbstverständliche Anspruch einer modernen Gesellschaft sein, jede Nachfrage nach Elektrizität immer durch ein entsprechendes Angebot zu erfüllen. Versorgungssicherheit ist die einzig zwingende Bedingung, die für die Struktur der Stromproduktion gilt. Daran sollte auch die Energiewende gemessen werden.

„Wir brauchen verlässliche Energie, ob sie erneuerbar ist oder nicht“

Nach einem Bericht der Rheinischen Post[1] hat Kanzlerin Merkel in ihrer Eröffnungsrede zur Hannover Messe auf die Energiewende Bezug genommen. Man beachte die Wortwahl: „Wir sind im Augenblick in einer kritischen Phase, in der der Anteil der erneuerbaren Energien aus der Nische heraus zur Hauptsäule unserer Energieversorgung geworden ist” […] „Ohne berechenbare Energieversorgung keine Zukunft der Industrie”, sagte sie.“ Berechenbar? Da sollten bei den Industrievertretern alle Alarmglocken schrillen. Strommangel und Stromausfall werden nicht akzeptabel, weil man sie vorhersehen, mit ihnen „rechnen“ kann. Es sind 80 Gigawatt (oder 80.000 Megawatt) Kraftwerksleistung, die gegenwärtig und wohl auch noch in den kommenden Jahren in Deutschland zu jedem Zeitpunkt zur Verfügung stehen müssen. Das ist eine sehr einfach berechenbare Tatsache, die die Politik derzeit ignoriert.

Wie sich Windkraft und Photovoltaik in dieser Hinsicht schlagen, zeigt Rolf Schuster eindrücklich in seiner neuen Analyse für den Science Skeptical Blog[2]. Die minimal zur Verfügung stehende Leistung von Windkraft und Solarzellen zeigt im Verlauf der letzten Jahre trotz massiven Ausbaus gar einen Trend nach unten. Im Jahr 2011 lag dieser Wert bei durchschnittlich 0,194, im Jahr 2012 bei 0,171, im Jahr 2013 bei 0,141 und 2014 bei nur noch 0,111 Gigawatt.[3] Das bedeutet in der Umkehrung: Ganz gleich, wie stark man diese beiden Quellen noch ausbaut – die zu sichernde Leistung von 80 Gigawatt ist auch weiterhin durch konventionelle Kraftwerke bereitzustellen.



Tabelle 1: Insgesamt geht die mindestens durch Windkraft und Solarzellen gewonnene Energie in Deutschland in den letzten Jahren zurück. (Tabelle: Rolf Schuster)


Ja genau, durch „konventionelle” Technologien. Denn aus der Perspektive der Versorgungssicherheit ist die Trennung zwischen sinnvoll und nutzlos ganz einfach die zwischen regelbar und volatil – zwischen verlässlich und unzuverlässig. Konventionelle Kraftwerke liefern verlässlich Energie. Die Wasserkraft, die Biomasse, die Geothermie und die Müllverbrennung sind den konventionellen Technologien zuzuordnen. Auch die Solarthermie kann man hier einbeziehen, denn die mit ihr gewonnene Wärme lässt sich im Gegensatz zu Wind- und Solarstrom sehr gut speichern.

„Eine rationale Energiepolitik kann auf Windkraft und Photovoltaik verzichten“

Die beliebte Unterscheidung zwischen „erneuerbar“ und „nicht erneuerbar“ stellt in Wahrheit einen vernebelnden propagandistischen Trick dar. Er verführt die Menschen dazu, die Energiewende unter dem falschen Blickwinkel der Kosten zu betrachten. Von den Kosten her zu denken, eröffnet zu viel Raum für Schön- oder Schlechtrechnerei. Ein eindeutig definiertes Entscheidungskriterium ergibt sich daraus nicht.

Der Anspruch an die Versorgungssicherheit hingegen zeigt klar: Auf Windkraft und Photovoltaik hätte eine rationale Energiepolitik zu verzichten. Sie sind nutzlos, weil sie keine anderen Kapazitäten in der Stromproduktion ersetzen können. Die Frage nach dem Preis würde dann erst in einem zweiten Schritt durch den Wettbewerb der konventionellen Konzepte untereinander beantwortet. Die Kosten sind ebenso wenig entscheidend für den Erfolg der Energiewende, wie Fragen nach akzeptablen Umwelteinflüssen. Der moderne Mensch ist auf eine zuverlässige Stromversorgung angewiesen. Das Festhalten an volatilen Quellen ist die Idiotie, an der die gegenwärtigen Pläne wirklich scheitern können. Scheitern müssen. Scheitern werden.