11.09.2026

Moralische Bewährungsprobe nach 9/11 nicht bestanden

Von Brendan O’Neill

Titelbild

Foto: Eric J. Tilford via Wikicommons / US-Regierungsarbeit

25 Jahre nach dem 11. September grassiert die Krankheit des westlichen Selbsthasses. Islamistische Zivilisationsfeinde haben an Boden gewonnen. Es ist an der Zeit, dass der Westen sich behauptet.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten am 11. September 2001 jemandem gesagt, dass in 25 Jahren auf den Straßen von New York City Sympathie für den Islamfaschismus laut werden würde. Stellen Sie sich vor, Sie hätten zu einem der entsetzten Menschen gesagt, die mit ansehen mussten, wie amerikanische Leben durch islamistischen Abschaum in Schutt und Asche gelegt wurden, dass es im Westen eines Tages von Jugendlichen nur so wimmeln würde, die sich als islamistischer Abschaum verkleiden. Stellen Sie sich vor, Sie hätten erzählt, dass schon in einem Vierteljahrhundert selbst unsere schmucksten Universitätsgelände von „Dschihad-Chic“ überschwemmt sein würden, mit Studenten aus wohlhabenden Verhältnissen, die von einer islamistischen Armee (Hamas) schwärmen, die genauso hasserfüllt und mittelalterlich ist wie jene, die New Yorker bei lebendigem Leib verbrannt hat.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten an jenem apokalyptischen Tag erzählt, dass die verdrehten Überzeugungen von Osama bin Laden eines Tages in radikalen westlichen Kreisen gang und gäbe sein würden. Stellen Sie sich vor, Sie hätten erzählt, dass sein antisemitischer Ausruf, „die Gründung Israels sei ein Verbrechen, das ausgelöscht werden müsse“, zur Lieblingsüberzeugung jedes selbstgefälligen Aktivisten werden würde. Stellen Sie sich vor, Sie hätten erzählt, dass gerade die Rechtfertigung für das gnadenlose Massaker an unschuldigen New Yorkern an jenem Tag – nämlich, dass Amerika zum „Diener“ des „kleinen Staates der Juden“ geworden sei – bald die schnell rausgefeuerte Meinung jedes „woken“ Linken und jedes rechtsextremen Spinners in der christlichen Welt wäre. Stellen Sie sich vor, Sie hätten über den dumpfen Aufprall der in den Tod stürzenden WTC-Arbeiter erzählt, dass westliche Jugendliche eines Tages von Bin Ladens Schriften schwärmen und ihm dafür danken würden, dass er ihnen „die Augen geöffnet“ habe für das Böse in Amerika und Israel.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten erzählt, es werde weitere islamistische Gräueltaten geben – von geringerem Ausmaß, aber ebenso böswillig – und unsere Reaktion darauf wäre nicht Entsetzen, sondern Gleichgültigkeit. Stellen Sie sich vor, Sie hätten erzählt, Islamisten würden eines Tages Mädchen in Manchester/England, massakrieren, und die Leute würden sagen: „Zorn is hier fehl am Platz“. Stellen Sie sich vor, Sie hätten erzählt, es werde bald eine islamistische Gräueltat geben, bei der mehr Kinder ums Leben kommen würden als am 11. September – der Lkw-Anschlag in Nizza –, und unsere Reaktion wäre verlegenes Schweigen, gefolgt von feiger, weinerlicher Vergesslichkeit. Stellen Sie sich vor, Sie hätten erzählt, dass es eines Tages ein strafbares Vergehen sein würde, schlecht über die totalitäre Ideologie zu reden, die New York City solche Grausamkeiten zugefügt hat.

„Die Vorstellung eines zukünftigen Westens, der so sehr von Selbsthass zerfressen ist, dass er sich fragt, ob er den Terror und das Blutvergießen des Islamismus vielleicht verdient, wäre zu viel gewesen.“

Stellen Sie sich vor, Sie würden erzählen, dass es in naher Zukunft einem Verbrechen gleichkommen würde, den Islam zu kritisieren. Dass Kinder in Europa von der Polizei verhört würden, weil sie Seiten eines Korans zerknittert hätten. Dass Menschen verhaftet würden, weil sie Mohammed als Pädophilen bezeichnet hätten. Dass Polizeibehörden darüber diskutieren würden, den Begriff „Dschihad“ abzuschaffen, um Muslime nicht zu beleidigen. Dass Menschen ihren Arbeitsplatz – ja sogar ihr Leben – verlieren würden, weil sie den Islam „blasphemisch“ beleidigt hätten. Und dass die intellektuellen Kreise währenddessen feige jammern würden: „Na ja, wenn man unbedingt islamfeindlich sein will …“ Stellen Sie sich das einfach einmal vor: Sie wenden sich an jemanden, während die lodernden Flammen des religiösen Hasses zwei der größten Türme verschlingen, die jemals von Menschenhand erbaut wurden, und sagen: „Ich wette, bald wird es uns nicht mehr erlaubt sein, diese Religion zu kritisieren.“

Sie hätten Ihnen nicht geglaubt. Mehr noch: Deine düsteren Prophezeiungen hätten ihnen unermessliches Leid zugefügt. Es war schon schlimm genug, dass sie mit ansehen mussten, wie fast 3000 Menschenleben rücksichtslos dem islamistischen Gemetzel geopfert wurden. Das Wissen, dass Teil von deren Anliegen, bestimmte ihrer Grundsätze, eines Tages die Fantasie der Jugend und die offizielle Politik beherrschen würden, hätte sie völlig aus der Bahn geworfen. Die Vorstellung eines zukünftigen Westens, der so sehr von Selbsthass zerfressen ist, dass er sich fragt, ob er den Terror und das Blutvergießen des Islamismus vielleicht verdient, wäre zu viel gewesen. „Sie meinen also“, hätte man Sie gefragt, „dass die Feinde der Zivilisation, die heute New York City heimgesucht haben, am Ende doch gesiegt haben?“

Ja. Ja, das meine ich in etwa.

Denn hier stehen wir nun, 25 Jahre nach dem größten islamistischen Anschlag der Geschichte, und es ist ungefährlich, mit Islamisten zu sympathisieren, als sie als fremde Plage für unsere Zivilisation zu verurteilen. Beifall erwartet die bürgerlichen Jugendlichen, die sich Kufiyas umbinden und die islamistischen Feinde des Zionismus und seiner westlichen Unterstützer bejubeln. Schande und Ächtung erwarten die mutigen Seelen, die sagen, der Islamismus sei die größte Bedrohung für den Westen. Der Hass auf den Westen gehört zum intellektuellen Alltag der bürgerlichen Gesellschaft, während diejenigen von uns, die die westliche Zivilisation lieben und sie für unendlich überlegen gegenüber jeder Wüstenideologie halten, die Homosexuelle hasst und Frauen in schwarze Säcke steckt, Gefahr laufen, als Rassisten gebrandmarkt zu werden. Seht den schleichenden, widerwärtigen Sieg der islamistischen Fantasie, die Eroberung des Westens in Zeitlupe durch die ranzige, zivilisationsfeindliche Bigotterie eben jener Männer, die heute vor 25 Jahren Terror über New York City gebracht haben.

„Nichts beleidigt die in Höhlen lebenden reichen Jungs der islamistischen Seuche mehr als New York Fuckin’ City.“

Wir neigen dazu, uns auf den instinktiven Schrecken des 11. September zu konzentrieren. Jede Dokumentation, jedes Buch beschäftigt sich ausführlich mit dem schieren Leid dieses Tages. Die Menschen, die sich aus den Türmen stürzten. Die Sprachnachrichten, die Menschen hinterließen, bevor sie von den Flammen der Al-Qaida verschlungen wurden. Der Kampf ums Überleben an Bord von Flug 93, bevor er in ein Feld in Pennsylvania stürzte. All das ist wichtig – natürlich ist es das. Doch die Fixierung auf individuelles Leid kann uns von der fast unerträglichen moralischen Last dieses Tages ablenken. Emotionalität birgt die Gefahr, dass wir gegenüber der tieferen, härteren Wahrheit des 11. September abstumpfen. Und diese Wahrheit ist, dass es sich nicht nur um eine Tragödie handelte, nicht einmal nur um Terrorismus, sondern um einen Akt des kalkulierten und brutalen Krieges gegen die westliche Zivilisation selbst.

„Seid ihr Amerikaner bereit, für eure Zivilisation zu kämpfen?“ – das war der unausgesprochene Aufschrei dieses islamistischen Anschlags mitten ins Herz des Westens. Die Wahl von New York City als Hauptziel – neben dem Pentagon – war kein Zufall. Auf der einen Seite die selbsternannten Mudschaheddin einer Ideologie aus dem 7. Jahrhundert mit Tendenzen des 21. Jahrhunderts. Auf der anderen Seite die großartigste Stadt, die die Erde je gesehen hat: die pulsierende, kämpferische Metropole, mithin das schlagende Herz von westlicher Kultur, Verlagswesen und Lebenseinstellung. „Wer Amerika hasst, hasst die Menschheit“, sagte Brendan Behan. Der 11. September war dafür barbarischer Beweis. New York City wurde als Stellvertreter für den Westen selbst angegriffen, als strahlendes Zeugnis des Geistes der Vernunft, des Wachstums und der Selbstsicherheit des 20. Jahrhunderts. Nichts – und ich meine wirklich nichts – beleidigt die in Höhlen lebenden reichen Jungs der islamistischen Seuche mehr als New York Fuckin’ City.

Die Bedeutung dieser historischen Gräueltat liegt nicht nur darin, dass sie so viel kostbares Leben auf brutale Weise ausgelöscht hat, sondern auch darin, dass sie den Westen vor eine moralische Bewährungsprobe gestellt hat. Und während wir beim ersten Punkt unsere moralische Pflicht erfüllt haben – indem wir allen Verstorbenen in würdiger Weise gedacht haben –, haben wir beim zweiten Punkt katastrophal versagt. Seit 25 Jahren entziehen wir uns unserer generationenübergreifenden Verantwortung, die höhere moralische Tugend der westlichen Zivilisation gegenüber der infantilen, mörderischen Wut des Islamismus und seiner hirntoten Apologeten zu behaupten. Im Gegenteil, wir haben uns dem unwahren Credo des antiwestlichen Denkens gebeugt und stimmen damit fast schon mit den Todesverehrern des Islamismus überein, dass unser moralisches Universum in Wahrheit eine gewalttätige, umweltschädliche, plündernde und von Zionisten unterwanderte Horrorshow sei.

„Der Westen muss wieder lernen, sich selbst zu lieben.“

Das hat der 11. September offenbart: den bereits zuvor vorhandenen Selbsthass des Westens. Er brachte unsere Scham darüber, modern, mächtig, aufgeklärt und besonders zu sein, wie Schaum auf dem Wasser an die Oberfläche unserer Gesellschaften. Manche erkannten bereits, welche explosive Wirkung der 11. September auf die Verfestigung und Verschlimmerung unseres moralischen Unbehagens haben würde. Martin Amis bezeichnete ihn als einen Akt des „Horrorismus“, der „größten Boshaftigkeit“, des „reinen totalitären Bösen“. Alle hätten sich gegen diese „fantastische Vehemenz, die sich gegen [Amerika] richtete“, vereinen sollen, sagte er. Aber das taten wir nicht. Wir zögerten und zauderten. Wir sagten, der Westen habe auch schlimme Dinge getan. Wir fragten: „Was ist mit Vietnam?“ Zur Hölle mit eurer moralischen Äquivalenz, antwortete Amis. Was auch immer die unbestreitbaren Sünden des Westens sein mögen, die „paranoide, irrationale, todesverherrlichende, freiheitsfeindliche“ islamistische Ideologie ist schlimmer. Er hatte Recht. Andere hatten es auch. Doch ihre Worte zerfielen wie das World Trade Center und lösten sich im Staub der Geschichte auf.

25 Jahre später hat sich unser moralischer Verfall noch verschlimmert. Bin Laden ist tot und Al-Qaida ist zerschlagen, doch am 11. September haben diese religiösen Tyrannen einen Samen gesät, der weiter wächst. Den Samen des Zweifels. Den Samen der Selbstverachtung. Es war diese Krankheit der Selbstgeißelung, die vor 25 Jahren wie Frankensteins Monster zum Leben erweckt wurde. Der Westen muss wieder lernen, sich selbst zu lieben. Um der 3000 Toten willen, um New York City willen, um der Zivilisation selbst willen ist es an der Zeit, dass wir uns wieder an unsere Größe erinnern. Stimmen Sie ein: Wir sind besser als die.

jetzt nicht

Novo ist kostenlos. Unsere Arbeit kostet jedoch nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Unterstützen Sie uns jetzt dauerhaft als Förderer oder mit einer Spende!