09.09.2026

Missliebige Denkfabrik wird ausgetrocknet

Von Sabine Beppler-Spahl

Frank Furedi tritt als Direktor des kritischen Think Tanks MCC Brussels zurück. Er wirft der ungarischen Regierung, die die Organisation vor dem Regierungswechsel finanziert hatte, Vertragsbruch vor.

Der britisch-ungarische Soziologe Prof. Frank Furedi ist als Direktor des Brüsseler Think Tanks MCC Brussels zurückgetreten. Als Grund nennt er den Umgang der neuen ungarischen Regierung mit der von Budapest finanzierten Institution. Die Mitarbeiter seien seit zwei Monaten nicht mehr bezahlt worden, obwohl ihre Verträge bislang nicht gekündigt worden seien. Furedi spricht von einer „zutiefst unbefriedigenden und untragbaren Situation“. Von den zuständigen Behörden in Budapest habe es keine Informationen gegeben. Für die Mitarbeiter, darunter viele mit Familien, habe dies zu einer zunehmend verzweifelten Lage geführt.

Dass die Finanzierung ohne formelle Kündigung der Verträge eingestellt worden sei, wertet Furedi als Ausdruck eines unprofessionellen Vorgehens. Die neue Regierung habe selbstverständlich das Recht, Institutionen der Vorgängerregierung abzuwickeln. Sie müsse dabei jedoch bestehende Verträge einhalten und den Mitarbeitern eine ordnungsgemäße Kündigung oder Abfindung ermöglichen. Stattdessen seien die Gelder ohne Ankündigung eingestellt und die Betroffenen weitgehend im Unklaren gelassen worden.

Furedi geht noch weiter und sieht hinter dem Vorgehen eine politische „Kultur der Rache“. Nach dem Regierungswechsel gehe es seiner Einschätzung nach darum, mit früheren politischen Gegnern abzurechnen, die nun als Feinde betrachtet würden. Die Mentalität, wonach der Wahlsieger alles bekomme, sei mit dem demokratischen Prinzip unvereinbar. Seit dem Ende des stalinistischen Regimes habe es seiner Ansicht nach kein derart aggressives Vorgehen gegen politische Gegner mehr gegeben.

„In den vergangenen vier Jahren sei das MCC Brussels dadurch zu einem der einflussreichsten konservativen Think Tanks der EU-Hauptstadt geworden.“

Den Vorwurf, das MCC Brussels sei ein Sprachrohr der früheren Regierung von Viktor Orbán gewesen, weist Furedi zurück. Der Think Tank habe nicht, wie andere Lobbyorganisationen im Umfeld des EU-Parlaments, „herumgelungert“, um Einfluss auf einzelne Parlamentarier zu nehmen. Man habe sich stattdessen ganz auf die eigene Arbeit konzentriert: Podiumsdebatten organisiert und zu aktuellen Themen publiziert.

Im Dezember 2025 trafen sich zahlreiche Wissenschaftler und politische Kommentatoren zum „Battle for the Soul of Europe“. Dabei wurde ein breites Themenspektrum diskutiert – von Wirtschaft und Migration bis hin zum Missbrauch juristischer Mittel („Lawfare“), mittels dessen Kritiker des Establishments eingeschüchtert werden sollen. Zu den Rednern gehörten unter anderem Václav Klaus, der ehemalige Präsident Tschechiens, die britisch-israelische Autorin Melanie Phillips, der polnische Philosoph Ryszard Legutko und der italienische Journalist Thomas Fazi.

In den vergangenen vier Jahren erschienen zahlreiche Papiere, darunter der vielbeachtete Bericht zum „NGO-Komplex“ vom Februar 2025. Der Bericht zeigte nach Darstellung von MCC Brussels „den Missbrauch von Steuergeldern durch die Europäische Kommission, die Milliarden in ein undurchsichtiges Netzwerk aus NGOs und Denkfabriken schleust, um ihre eigene politische Agenda voranzutreiben“. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit lag auf der zunehmenden Einschränkung der Redefreiheit in Europa sowie auf den Ursachen der stagnierenden Wirtschaft. In den vergangenen vier Jahren, so Furedi, sei das MCC Brussels dadurch zu einem der einflussreichsten konservativen Think Tanks der EU-Hauptstadt geworden.

„Die politische Arbeit, für die MCC Brussels stand, ist noch längst nicht beendet.“

Mit seinem Rücktritt verbindet der bisherige Direktor zugleich eine politische Kampfansage. Das MCC Brussels sei zwar am Ende, die Arbeit dahinter jedoch nicht. Er und seine Kollegen wollten weiterhin für jene Positionen eintreten, die der Think Tank vertreten habe – unter anderem für die Bedeutung von Nationen und Grenzen sowie für die Verteidigung dessen, was Furedi als gesunden Menschenverstand bezeichnet. Dazu gehört für ihn auch die Vorstellung, dass es nur zwei Geschlechter gebe. Die europäische Zivilisation, so der Soziologe, sei kein Museumsstück, das von Menschen kuratiert werden könne, die diese Zivilisation eigentlich ablehnten.

„Wir wurden nun gecancelt, aber wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen“, so Furedi. Er fügt hinzu: „Man kann uns nicht zum Schweigen bringen, denn wir waren nie bloß eine Denkfabrik. Wir haben der europaweiten Forderung nach einer Alternative eine Stimme verliehen.“ Der bedeutende Intellektuelle sieht Europa an der Schwelle zu einem echten populistischen politischen Wandel. „Dieser Wandel verlangt nach einer erstklassigen, mutigen Denkfabrik, die in Brüssel die Wahrheit ausspricht. Der Bedarf daran war noch nie so groß wie heute.“

Wie es weitergehen soll, wird sich in den nächsten Wochen klären. Fest steht für Furedi jedoch: Die Arbeit wird weitergehen. Die politische Arbeit, für die das MCC Brussels stand, ist noch längst nicht beendet.

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