05.11.2021

Mein Freund und Helfer?

Von Mona Aranea

Um das Versammlungsrecht ist es nicht zum Besten bestellt. So kommt es, dass man auf einer Corona-Protestdemo nicht nur angenehme Polizeikontakte macht. Ein Erfahrungsbericht.

Viele Mitmenschen in Uniform werden aktuell zu Tätern, die wehrlose Menschen mit unverhältnismäßiger Gewalt von ihrem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung und friedliche Versammlung abhalten. Und doch sind viele von ihnen auch Opfer – ihrer Zeit, ihrer Gesellschaft, der Politik, und ihrer eigenen Jugend und Unerfahrenheit ausgeliefert. Ende August hatte ich am Rande oppositioneller Kundgebungen zur Corona-Politik in Berlin die Gelegenheit, das Verhalten von Angehörigen einer Polizeihundertschaft hautnah erleben zu dürfen. Es war eine bedrückende und teils beängstigende, aber auch lehrreiche und ermutigende Erfahrung. Ich bin Soziologin. Meine Aufgabe ist die Beobachtung, Beschreibung und Analyse menschlichen Verhaltens in Gruppen. Ich will Verhalten verstehen, nicht verurteilen. In vielen Gesprächen mit den durchweg blutjungen Uniformierten hatte ich Gelegenheit zur Reflektion über ihr Verhalten – und das meine. Jedes Gespräch war ein kleiner Sieg der Kommunikation über die Aggression, und der Empathie über die Angst. Mein nachdenkliches Gedächtnisprotokoll aus Berlin erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Objektivität.

Es ist Samstag, der 28. August 2021. Zehntausende Menschen sind in der Stadt, um von ihrem Grundrecht auf Versammlungsfreiheit Gebrauch zu machen und friedlich für Rechtsstaat und Demokratie zu demonstrieren. Die Berliner Polizei hat dutzende maßnahmenkritische Demonstrationszüge für diesen Tag verboten. Gerichte haben sämtliche Eilanträge gegen die Verbote abgelehnt. Nur eine einzige oppositionelle Kundgebung am Nachmittag bleibt genehmigt, ohne Demonstrationszug. Vormittags schaffen die Verbote wenig überraschend viele kleine Spontanversammlungen an verschiedenen Orten und unangemeldete Demonstrationszüge, mit allen dazugehörigen Risiken für Demonstranten, Passanten, Verkehrsteilnehmer, Uniformierte und Pressevertreter.

An jenem Samstag entsteht also in Berlin das, was nach dem Willen und Handeln von Innensenator Geisel entstehen sollte und musste: eine unübersichtliche Versammlungslage. Kundgebungen und Demonstrationszüge werden im ordnungsliebenden Deutschland gerade deshalb angemeldet, um Chaoten, Extremisten und Gewalttäter, die unübersichtliche Versammlungslagen zur Eskalation nutzen können, zu entmutigen. Eine unübersichtliche Versammlungslage behindert kollektive Meinungsäußerung, erzeugt Unsicherheit und Verwirrung auf allen Seiten, provoziert Frustration und Aggression. Innensenator Geisel gefährdet die öffentliche Ordnung sowie Leib und Leben aller Beteiligten, indem er angemeldete oppositionelle Kundgebungen zu unübersichtlichen Versammlungslagen transformiert. Eine Menschenmenge lässt sich mit Gewalt zerstreuen. Nicht zerstreuen lässt sich der Unmut der Menschen über den Maßnahmenwahn, die übergriffige Pharmaindustrie und die Plünderung unseres Mittelstandes. Der Unmut der Menschen findet seinen kollektiven Ausdruck, so oder so.

Spazieren statt demonstrieren

Ich bin Demokratin und finde, ein bisschen Opposition muss sein. Maßnahmenkritikern wir mir bleibt an jenem wolkigen Sommertag nur, in kleinen Gruppen spazieren zu gehen und durch unsere schiere Anwesenheit unseren Unmut über die Pandemiepolitik kund zu tun. Spazieren gehen ist in Deutschland soweit noch erlaubt, zumindest außerhalb von Ausgangssperren und Quarantäneanordnungen. Nach einem kleinen Spaziergang durch ein Wohngebiet zusammen mit freundlichen Menschen der außerparlamentarischen Opposition ereilt mich ein menschliches Bedürfnis: Ich muss mal. Der nette Kellner im Hofbräuhaus in der Karl-Liebknecht-Straße winkt mich freundlich durch. Als ich kurz darauf aus dem Restaurant trete, sehe ich mehrere Hundert Menschen auf der Karl-Liebknecht-Straße in meine Richtung laufen – winkend, singend, und unter fröhlichen Freiheitsrufen. Offensichtlich ein weiterer kleiner Spaziergang, der sich zu einer Spontanversammlung mausert. Am Hofbräuhaus vorbei bewegt sich die Menge Richtung Kreuzung Karl-Marx-Allee. Weit und breit zeigt sich keine Polizei. Viele Autofahrer bemerken den Demonstrationszug erst, als sie mitten auf der Kreuzung auf Spaziergänger treffen, reagieren aber zum Glück umsichtig.

Als Soziologin weiß ich: Menschen haben eine natürliche Neigung zur Kooperation, auch in größeren Gruppen. Ich hole ein kleines Handmegafon aus meiner Handtasche und sensibilisiere die heranfahrenden Autofahrer durch de-eskalierende Ansprache für die auf die Kreuzung strömenden Menschen: „Liebe Autofahrer, bitte entschuldigt die kurze Unterbrechung des Verkehrs, aber ein bisschen Opposition muss sein, findet ihr nicht auch? Bitte nehmt Rücksicht, seid Demokraten, es geht gleich weiter für euch.“ Der Verkehr wartet.

„Als gesetzestreue Bürgerin sehe ich es grundsätzlich nicht ein, vor Polizisten wegzulaufen. Außerdem läuft meine achtjährige Tochter schneller als ich.“

Als mehrere Einsatzwagen der Polizei eintreffen, ziehe ich mich zügig auf die andere Seite der Kreuzung zurück, fernab des Demonstrationszuges und überlasse die Verkehrsregelung den Mitbürgern in Uniform. Ich möchte vermeiden, dass die Polizei mein deeskalierendes Eingreifen in die unübersichtliche Versammlungslage als Versammlungsleitung interpretiert. Ich will keine Versammlung leiten, schon gar keine unangemeldete. Außerdem sind ja nun die Leute hier, die für den Schutz der Bürger und der öffentlichen Ordnung bezahlt werden. Wer braucht da schon eine Soziologin.

Zu meinem Entsetzen verursachen die Uniformierten Chaos. Sie bilden eine überall durchlässige Kette, durch die weiter einzelne Demonstranten strömen und winken gleichzeitig den Verkehr auf die Kreuzung. Beinahe-Unfälle sollen bewirken, was die in der Unterzahl befindlichen Uniformierten nicht leisten können: die Zerstreuung der Menge und Auflösung des oppositionellen Spaziergangs. Eine für alle Beteiligten lebensgefährliche Strategie. Mit einem frustrierten Seufzer nehme ich mein kleines Handmegafon erneut aus der Tasche. Ich atme tief durch und lenke mit erneuter fröhlicher Ansprache die Aufmerksamkeit der Uniformierten auf mich, und damit weg von Verkehrsteilnehmern und Demonstranten. Es funktioniert. Die Kette löst sich und ein Trupp Uniformierter begibt sich auf die Suche nach mir und meinen Megafon, leicht zu entdecken auf der anderen Straßenseite. Der Demonstrationszug läuft geschlossen zügig über die Kreuzung. Der Verkehr bleibt stehen. Niemand wird verletzt. Ich verstaue das Handmegafon in meiner Tasche, trinke einen Schluck Wasser, und warte auf die Gelegenheit zum Gespräch mit der Polizei.

Im Griff der Polizei

Ich versuche, eine betont entspannte und deeskalierende Haltung einzunehmen, während ein halbes Dutzend maskierte, behandschuhte Männer in schweren Uniformjacken und metallbeschlagenen Schuhen über die Straße auf mich zustürmen. Ich rechne damit, dass man meine Personalien feststellt, mir die Nutzung des Megafons untersagt, und vielleicht auch das Megafon einbehält. Ich rechne mit einer Belehrung über die verbotene Nutzung von Megafonen im Umfeld unangemeldeter Versammlungen. Ich hoffe auf ein konstruktives Gespräch über Verkehrssicherung im Rahmen von unübersichtlichen Versammlungslagen. Ich bin allein, abseits der Menge auf dem Bürgersteig stehend, einfach zu finden, offensichtlich unbewaffnet und ungefährlich. Ich mache keinerlei Anstalten, mich den herannahenden Uniformierten durch Flucht zu entziehen. Als gesetzestreue Bürgerin sehe ich es grundsätzlich nicht ein, vor Polizisten wegzulaufen. Außerdem läuft meine achtjährige Tochter schneller als ich. Ich warte.

Ich rechne nicht damit, dass die maskierten und uniformierten Männer, die allesamt einen Kopf größer sind als ich, mich wortlos umringen, an den Armen packen und in eine kaum einsehbare Unterführung zerren. Meine einigermaßen alarmierte Ansage „Ich kooperiere“ ignorieren sie. Die offene Aggression und absolute Verweigerung jeder Kommunikation erwischen mich kalt. Ich reagiere nicht überlegt, sondern instinktiv, also völlig unangemessen. Ich rufe panisch „Wohin bringen Sie mich?“ und „Ich kooperiere doch!“ während fünf Männer mich vom Bürgersteig weg drängen und ziehen. Ich bin nicht achtsam, und absolut nicht in meiner Mitte. Meine Arme zittern und meine Stimme überschlägt sich als ich rufe „Sie machen mir Angst! Warum machen Sie mir Angst?“. Mein unbewusster Panikmodus eskaliert die von den Uniformierten bereits ziemlich konfrontativ angegangene Situation unnötig weiter. Angst provoziert weitere Aggression. Direkt vor mir dreht sich ein uniformierter blonder Hüne plötzlich um, stellt seinen metallbeschlagenen Schuh schmerzhaft auf meinen bunten Turnschuh, bringt sein Gesicht auf wenige Zentimeter zu meinem herunter, und raunt mir zu „Du hältst jetzt besser die Fresse, sonst nehmen wir dich mit, und dann werden wir richtig ungemütlich.“ Spätestens bei dieser Androhung von Straftaten im Amt, vor Zeugen, sollte ich erkennen: Hier sind Anfänger im Amt am Werk, deren Aggression nichts ist als Hilflosigkeit. Doch die Panik bleibt mein Steuermann. Ich rufe schrill „Warum bedrohen Sie mich? Sie machen mir Angst!“ Der blonde Hüne verschwindet aus meinem Blickfeld und ich versuche vergeblich, mich zu beruhigen.

„Filmaufnahmen haben großes Deeskalationspotenzial, denn sie regen alle Beteiligten zur Reflektion des eigenen Verhaltens an.“

Schon sind wir um die Ecke und in der von der Straße schwer einsehbaren Unterführung verschwunden, fernab der belebten Straße. In der Unterführung drehen mich zwei blutjunge Uniformierte, einer dunkelhaarig, einer blond, mit dem Gesicht zur Wand und pressen meine Arme dagegen. Meine bloßen Unterarme unter ihren behandschuhten Händen zittern, was mich beschämt und wütend macht. Mit viel zu hoher Stimme frage ich den dunkelhaarigen Polizisten neben mir empört, ob er denn Polizist geworden sei, um Frauen herum zu schubsen und zu bedrohen. Der Dunkelhaarige sieht mir nicht in die Augen, aber ich sehe ihn schwitzen und spüre seinen Stress. Ich sehe, dass hinter ihm ein mutiger Passant die Szene filmt. Ich frage mich kurz, wie mein angstvoll verzogener Mund, meine schrille Stimme und meine unbewusst fließenden Tränen wohl wirken. Ich bin eine studierte Kompetenz in menschlichem Sozialverhalten, die sich zutraut, in eine unübersichtliche Versammlungslage mit Anregungen zur Kooperation deeskalierend einzugreifen. Und nun stehe ich hier inmitten einer aggressiven Konfrontation mit Mitmenschen in Uniform. Unfähig, den beiden Männern neben mir ein überzeugendes Kooperationsangebot zu machen. Ich atme tief durch und reiße mich zusammen. Ich bin dem unbekannten Filmer sehr dankbar. Filmaufnahmen haben großes Deeskalationspotenzial, denn sie regen alle Beteiligten zur Reflektion des eigenen Verhaltens an.

Identitätsfeststellung

Reflektion erlaubt Deeskalation. Leise, nur für die beiden sichtbar gestressten Uniformierten neben mir hörbar, weise ich darauf hin, dass der unnötig feste Druck der behandschuhten Hände auf meinen nackten Armen mir Angst macht, und bitte um Rücksicht. Ich schaue den Blonden neben mir ruhig an und er kontert ungerührt „Sie machen mir auch Angst. Das Gedankengut, dass Sie hier verbreiten, macht mir Angst.“ Ein ehrliches Wort, das sitzt. Ich denke einen Moment nach und frage leise „Haben Sie jetzt gerade Angst vor mir?“ Meine Stimme zittert nur noch leicht, meine Tonlage ist deutlich tiefer als zuvor. Der Blonde antwortet nicht, aber der behandschuhte Griff um meinen Arm lockert sich. Puh. Wir kommen langsam komme raus aus der Angst und rein in die Kooperation. Der Dunkelhaarige fragt mich ruhig, ob ich einen Ausweis dabei habe. Habe ich nicht. Also müssen die Uniformierten mich einer Identitätsstelle zuführen, wo meine Identität einwandfrei festgestellt werden kann. Das behagt mir nicht, aber ich will Kooperationswillen signalisieren und keinerlei Angst mehr zeigen. Ich lasse mich bereitwillig zum wartenden Einsatzwagen führen und erlaube mir gegenüber den beiden jungen Männern neben mir sogar einen flotten Spruch. „Keine Sorge Jungs, ich gehe dorthin, wo ihr mich haben wollt“, sage ich lächelnd. Niemand tritt mir auf den Fuß oder droht mit Gewalt. Die behandschuhten Hände geben meine bloßen Unterarme frei und ich darf selbstständig in den Einsatzwagen einsteigen. Geht doch.

Ich setze mich bereitwillig auf den zugewiesenen Platz ganz hinten und schnalle mich automatisch an. Die beiden jungen Uniformierten, die meine Arme kurz zuvor gegen die Wand drückten und mich dann vor dem Einsatzwagen losließen, bleiben in meiner direkten Nähe. Der blonde junge Mann setzt sich mir schräg gegenüber, der Dunkelhaarige steht halb neben, halb über mir. Keiner von beiden strahlt mehr Stress oder Feindseligkeit aus. Der stehende Uniformierte fragt, ob ich eine Maske dabei habe. Natürlich, sage ich, ziehe eine blaue OP-Maske aus meinem Bauchbeutel und setze sie auf. Ich verkneife mir jede Diskussion über Testpandemie, Inzidenzhumbug oder Maskenwahn. Kooperation statt Konfrontation. Weitere Uniformierte sitzen in den Reihen davor, außerdem ein Fahrer und ein Beifahrer. Soweit ich ihre Gesichter sehen kann scheinen alle Mitfahrer junge Männer unter 30 zu sein. Alle sind betont ruhig und deeskalierend. Alle bis auf einen.

„Während wir aus dem Wagen steigen, rate ich dem aggressiven jungen Polizisten vom Beifahrersitz, zeitnah ein Anger-Management-Seminar oder Deeskalationstraining wahrzunehmen.“

Der blutjunge Beifahrer ganz vorne schüttet, sobald die Tür des Einsatzwagens zufällt, einen Schwall verbaler Aggressionen gegen mich aus. Er sieht mich dabei nicht an. Ich solle auf der Fahrt gefälligst nicht „plappern“, sagt er, denn ich sei ja nicht zum Aushalten. Und ich solle nur ja nicht wieder Angst heucheln, und die Zitternde spielen, denn niemand hier würde mir das abnehmen. Wegen „solchen Leuten“ wie mir müsse er heute arbeiten. Die maskenverdeckten Gesichter um mich herum sind nicht eindeutig zu interpretieren, aber die verbale Aggression aus der ersten Reihe scheint niemanden zu überraschen. Ich fühle mich sicher genug, um vorsichtig eine gesunde Portion Empörung zu zeigen. Ich weise den Beifahrer bissig darauf hin, dass sich bis auf ihn alle Kollegen im Einsatzwagen vorbildlich deeskalierend verhalten, ich also trotz seiner Aggressionen keinen Grund zur Angst habe, schließlich sitze ich außerhalb seiner Reichweite.

Meine Maske trage ich aus Gewohnheit unter der Nase. Meinen Sicherheitsgurt habe ich ebenfalls aus Gewohnheit seitlich an der Schulter vorbeigeführt, damit mir der Gurt nicht in den Hals schneidet. Ich bin nicht besonders groß. Der Uniformierte neben mir fordert mich nach kurzer Zeit höflich auf, die Maske über die Nase zu ziehen, und den Gurt richtig über die Schulter zu führen. Ich bin nicht überzeugt, dass es meiner Gesundheit dienlich ist, Plastikfäden einzuatmen, und den Sicherheitsgurt an meinem Hals entlang zu tragen – aber dies ist nicht der Ort und der Zeitpunkt, um Kooperationsangebote zu verweigern. Ich komme beiden Aufforderungen kommentarlos nach, irgendwie dankbar für die freundliche, fast fürsorgliche Ansprache des jungen Mannes. Der aggressive Beifahrer ruft höhnisch von vorne, ich wisse wohl nicht einmal, wie man eine Maske richtig aufsetzt und könne mich auch nicht richtig anschnallen. Ich schweige gedemütigt, schaue aus dem Fenster und frage mich, wo das noch enden soll.

Gott sei Dank herrscht an unserem Ankunftsort ein anderer Ton. Die Identitätsstelle am Friedrichshain ist eine provisorische Ansammlung von Einsatzwagen direkt neben dem Park, abseits des Trubels der vielen Spontanversammlungen. Hier geht es entspannt zu. Die Atmosphäre ist absolut zivilisiert, sofern man von der Tatsache absieht, dass hier regierungskritische Demonstranten festgehalten und durchsucht werden, um Ordnungswidrigkeitsverfahren mit schmerzhaften Geldbußen gegen sie in die Wege zu leiten. Während wir aus dem Wagen steigen, rate ich dem aggressiven jungen Mann vom Beifahrersitz, zeitnah ein Anger-Management-Seminar oder Deeskalationstraining wahrzunehmen. Ich erhalte keine Antwort, aber wie aufs Stichwort taucht der blonde Hüne neben mir auf, der mir vorhin auf den Fuß getreten ist. Er sieht mich beiläufig und ohne großes Interesse an. Mir fällt auf, dass das Band seiner Maske ein Ohrläppchen nach vorne zieht. Ich sage freundlich, „Vorsicht. Wenn Sie die Maske weiter so tragen, bekommen Sie abstehende Ohren. Passen Sie auf sich auf.“ Sein Gesichtsausdruck unter der FFP2-Maske ist schwer zu deuten – auf mich wirkt er erstaunt. Wie schlimm die Zeiten wirklich sind, erkennt man daran, dass Menschen überrascht bis misstrauisch auf Empathie und Fürsorge reagieren. Ich bin wild entschlossen, mich davon nicht abhalten zu lassen. Wo kommen wir denn da hin.

„Neben mir bemerkt eine Uniformierte trocken, man sehe ja wohl, dass ich eine Frau sei. Wenigstens hat der grüne Genderwahn bei ihr keine Chance.“

Ich darf mich in den Schatten hinter einem Einsatzwagen stellen, zwischen zwei weibliche Uniformierte. Beide wirken entspannt, wenn auch nicht unbedingt freundlich. Meine Maske kann ich abnehmen, ohne dass dies Reaktionen provoziert. Ermutigt informiere ich die maskierte junge Blonde rechts neben mir, dass in meiner Nähe niemand Mund und Nase bedecken müsse. Schließlich habe die Aerosolforschung eindeutig festgestellt, dass das Risiko einer Ansteckung mit dem Sars-Cov2-Virus draußen an der frischen Luft verschwindend gering ist. Die Uniformierte antwortet, sie behalte ihre Maske lieber auf, denn sie habe Großeltern und bevorzuge, dass diese weiterleben. Ich denke an die Kinder in den Grundschulen, die glauben, sie töten ihre Großeltern, wenn die Maske unter die Nase rutscht. Über Aerosolforschung lernen diese Kinder nichts. Nachdenklich antworte ich „Natürlich. Wir alle wollen unsere Familien beschützen. Eben deshalb muss ich ja weiterhin an oppositionellen Kundgebungen teilnehmen – weil ich meine Kinder vor den Maßnahmen schützen will.“ Die junge Frau neben mir reagiert so höflich wie ahnungslos. Sie sagt, das sei mir ja unbenommen, denn als freier Mensch könne ich ja tun, was ich möchte. Ich verkneife mir jeden Hinweis auf den Grund meines Aufenthaltes in der Identitätsstelle. Ich nicke nur freundlich, dankbar für unsere freundliche Kommunikation, besonders angesichts unserer von A bis Z unvereinbaren Wahrnehmung der Realität.

Meine Identitätsfeststellung zieht sich über eine Stunde hin. Ein Grund für mein langes Verweilen in der Identitätsstelle ist sicherlich die nicht ganz einfache Schreibweise meines Nachnamens. Mein Doktortitel verkompliziert die Sache zusätzlich. Als promovierte Soziologin ist mein Titel Dr., also weder Frau noch Fräulein. Nach einer Weile steht ein jugendlich wirkender Beamter, der meine Identitätsangaben von einem anderen entgegen genommen hat, grübelnd vor mir und erkundigt sich bei der Beamtin neben mir, wo denn Herr Aranea sei. Aranea ist kein besonders häufiger Nachname, und außerdem meiner, also bin wohl ich gemeint. Ich weise schmunzelnd darauf hin, dass man hinter einem Doktortitel leicht einen Mann vermuten kann, und dieser Fehler mir auch schon passiert sei. Ich versichere, definitiv eine Frau zu sein – nur eben eine mit Doktortitel. Neben mir bemerkt eine Uniformierte mit stahlblauen Augen trocken, man sehe ja wohl, dass ich eine Frau sei. Die junge Dame mag nicht sehr warmherzig sein, aber wenigstens der grüne Genderwahn hat bei ihr keine Chance. Ich lächle sie erleichtert an.

Arbeitsbedingungen der Polizei

Berlins Innensenator hat durch das Verbot oppositioneller Kundgebungen erfolgreich die friedliche politische Auseinandersetzung über die Maßnahmen zu einer einigermaßen handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen Bürgern und Staatsgewalt gewandelt. Ich frage mich, wer eigentlich die Interessen dieser jungen Menschen vertritt, die völlig unerfahren und auf sich gestellt als menschliche Blitzableiter für die Politik herhalten müssen, dem Unmut der Bürger ebenso ausgesetzt wie Wind und Wetter. Ich erkundige mich bei dem jungen Polizisten von höchstens Mitte 20, der mir schließlich meine Handtasche und Wasserflasche aushändigt, ob auch Arbeitnehmervertreter, also Personalräte, hier im Einsatz seien. Er erklärt mir, Personalräte seien bei der Polizei zu 100 Prozent vom Dienst freigestellt. Ich runzele die Stirn. „Als Arbeitssoziologin garantiere ich Ihnen, das ist nicht gut für Sie. Wer nicht in den Außendienst muss, den betreffen die Dienstbedingungen schlicht nicht.“ Die Freistellung macht Mitarbeiter zu Funktionären, entfremdet sie also von der Belegschaft, die sie vertreten sollen. Der junge Uniformierte nickt: „Genau. Dann wundert es Sie sicherlich nicht, dass ich heute anstatt meines geplanten freien Tages hier einen Zwölfstunden-Einsatz habe.“ Oha. Das erklärt, warum die meisten Uniformierten hier zwischen Teilnahmslosigkeit und Gereiztheit schwanken. Ihre Jugend, ihre Arbeitsbedingungen und die konsequente Abwesenheit sowohl von Führung als auch von Interessenvertretung sind der perfekte Nährboden für Aggressionen in der Hundertschaft. Die von Innensenator Geisel provozierte, gefährlich unübersichtliche Versammlungslage macht das Chaos perfekt. Kein Wunder, dass die jungen Uniformierten sich hier allein auf weiter Flur fühlen. Sie sind allein.

„Die Erziehung der Arbeitnehmer zu unbedingter Systemtreue und strebsamer Gehorsamkeit übernimmt in der Regel der Arbeitgeber. Gewerkschaften und Personalräte sollen nach der Idee der Verbändedemokratie dagegen halten.“

Als ich vorsichtig nach der Gewerkschaft der Polizei (GdP) frage, winkt der junge Mann nur abwertend ab. Ich nicke verständnisvoll. Im Frühjahr hatte die GdP verlauten lassen, dass sie Mitglieder mit AfD-Parteibuch aus der Gewerkschaft ausschließt. Die AfD hat ein viel diskutiertes Problem mit rechtsextremem Gedankengut in ihren Reihen – die Polizei, mit Verlaub, allerdings auch. Aufgabe von Gewerkschaften ist es, die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten. Die Erziehung der Arbeitnehmer zu unbedingter Systemtreue und strebsamer Gehorsamkeit übernimmt in der Regel der Arbeitgeber. Gewerkschaften und Personalräte sollen nach der Idee der Verbändedemokratie dagegen halten, damit die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse in der Waage bleiben. Heute stehen in der Polizei wie in den meisten Betrieben Personalvertreter und Gewerkschaften offen auf Seiten des Arbeitgebers, oder gleich nach chinesischem Vorbild treu und kritiklos an der Seite der Regierung. Die jungen Uniformierten empfinden ihre Arbeitssituation zu Recht als einen unübersichtlichen Dschungel von Feinden. Viel zu oft provozieren Demonstranten mit Rufen („Schämt euch!“) und demütigenden Sprechchören („Ohne Helm und ohne Knüppel seid ihr nichts!“). Und so stehen wir hier, der junge Uniformierte ohne Personalvertretung und die maßnahmenkritische Mutter ohne politische Lobby, einander ausgeliefert in einem unlösbaren Patt.

In Deutschland muss alles seine Ordnung haben. Zum Abschluss überreicht mir ein anderer junger Uniformierter den Durchschlag seines Kurzberichts. Der Dunkelhaarige schaut mich aus freundlichen Augen über seiner FFP2-Maske an und spricht sachlich und entspannt mit mir. Kaum zu glauben: Derselbe Mensch hatte ungefähr eine Stunde zuvor mit unnötiger Härte meinen linken Unterarm gegen eine Wand gedrückt und mir jede Kommunikation verweigert. Unser Gespräch zum Abschluss ist ein kleiner Sieg der Kommunikation über die Aggression, deshalb mache ich kein Aufheben um das Megafon, obwohl ich es wirklich gern wiederhätte.

Kontrastprogramm in Brüssel

Ein paar Wochen später nehme ich an einer angemeldeten Kundgebung in Brüssel teil. Engagierte Flamen und Wallonen haben einen internationalen Demonstrationszug durch das EU-Viertel organisiert. Als „Europeans United“ ziehen Angehörige vieler Nationen, vor allem aber Deutsche, Belgien, Niederländer und Franzosen, friedlich singend und Parolen rufend durch die Straßen Brüssels. Kurz vor unserem Endpunkt am Jubelpark trete ich aus dem Demonstrationszug heraus auf den Bürgersteig und nutze die stark frequentierte Ampel auf der städtischen Zufahrtsstraße Avenue de Cortenbergh zur Ansprache an Passanten. Ich rufe auf Englisch kurze Parolen von Mut, Freiheit, Demokratie und Machtbegrenzung.

Als der lange Demonstrationszug vollständig hinter mir vorbeigezogen ist, tritt ein lächelnder Mann von Anfang 40 an mich heran. Er trägt schwarze Hosen, einen schwarzen Pullover, und den Hörer eines Funkgeräts im Ohr. Ich lächle automatisch, denn er sieht sympathisch aus, und schultere mein Megafon, als er mich auf Flämisch anspricht. Ich entschuldige mich auf Englisch, dass ich kein Flämisch spreche, und auch nur grottenschlechtes Französisch. Er erklärt freundlich in fließendem Englisch, dass ich mich dem angemeldeten Demonstrationszug Richtung Jubelpark anschließen müsse, da ich keine eigene Kundgebung angemeldet habe. Ich sage, klar, kein Problem, und lächle weiter. Wir treten gemeinsam von der Ampelkreuzung zurück und kommen ins Gespräch.

Der freundliche Flame sagt, er sei von der Polizei. Ich lache laut auf und rufe „No way - you are too nice!“ Schmunzelnd zeigt er mir seine Marke. Ich scherze, wäre er ein deutscher Polizist, läge ich jetzt wahrscheinlich mit dem Gesicht auf dem Asphalt. Ja, sagt er, von der deutschen Polizei habe er gehört. Ich füge beinahe verteidigend hinzu, die deutschen Polizisten auf Kundgebungen seien einfach zu jung und unerfahren, nämlich alle deutlich jünger als er, höchsten Ende 20. Da passierten eben Fehler. Der nette Flame sagt, er sei seit sieben Jahren Polizist und begleite fast täglich Kundgebungen. Die höfliche Ansprache sei routinemäßig immer der erste Schritt. Augenzwinkernd fügt er hinzu, er hätte mich natürlich auch gewaltsam entfernen dürfen, hätte ich mich ganz und gar uneinsichtig gezeigt. Wir lachen gemeinsam über die abwegige Vorstellung, dass ein Mann wie er eine Frau wie mich gewaltsam über die Straße zerrt. Absolut lächerlich. Ich bedanke mich überschwänglich bei ihm für das freundliche Gespräch, stelle das schwere Megafon ab und geselle mich zu einer Gruppe Kundgebungsteilnehmer, die auf der Straße vor dem Jubelpark „Jerusalema“ tanzen. Der Polizist geht entspannt weiter und mischt sich unter die Menge.

Es könnte alles so anders sein.