07.09.2026
„Mangelnde Sicherheit ist unsozial“
Interview mit Nickolas Emrich
Steigende Kriminalität in manchen Bereichen und Gegenden bedroht die Chancengerechtigkeit, da nicht jeder gleich sicher aufwachsen und leben kann. Das beschreibt ein Ex-Polizist in seinem neuen Buch.
Novo: Sie waren Unternehmer, Polizist, Polizei-Ausbilder, zuletzt Fahrer bei der Berliner U-Bahn. Wieso haben Sie gerade da ein Buch über Kriminalität und Sicherheit geschrieben, nicht als Polizist?
Nickolas Emrich: Bei der Polizei hat mich dieses Thema gar nicht so stark tangiert. Ich habe ja nach der Polizei ein Buch geschrieben mit Geschichten aus dem Berliner Polizeialltag. Da hatte ich aber nicht das Bedürfnis, mich grundlegend zu Fragen der inneren Sicherheit zu äußern. Das ist als U-Bahn-Fahrer tatsächlich viel stärker zutage getreten, weil man dort die Verrohung und Verwahrlosung viel stärker mitbekommt. Als Polizist bekommt man noch verhältnismäßig viel Respekt entgegengebracht. Vor allem tut man ja immer etwas gegen schlechte Zustände, hat deswegen das Gefühl, da passiert was. Wenn in einem Unternehmen allerdings die Dienstanweisung gilt, möglichst schnell den Bahnbetrieb wieder aufzunehmen oder man sieht, dass Kollegen gar keine Lust haben, sich allzu lange mit Störungen aufzuhalten, Hauptsache, wir machen weiter, wenn sich die Schlägerei aufgelöst hat. Diese Hilflosigkeit merkt man dort tatsächlich stärker.
Gleich der Untertitel Ihres Buches liefert eine kühne These: „Warum innere Sicherheit die neue soziale Gerechtigkeit ist“ – Sozialpolitik wird selten als Sicherheitspolitik betrachtet. Warum bringen Sie die zusammen?
Tatsächlich auch aus den Erfahrungen bei der U-Bahn. Ich habe sowohl in den Pausenräumen als auch den Gesprächen mit meinen Lehrfahrern gemerkt, es wurde sehr wenig über Finanzen gesprochen oder darüber, wie dringend die Gewerkschaft 1,5 Prozent mehr Lohn fordern müsste. Natürlich gab es auch mal Gespräche über gestiegene Preise, aber das hielt sich in Grenzen. Was ich am meisten gehört habe, waren Klagen über aggressive Fahrgäste, über den unsicheren Weg zur Arbeit, insbesondere im Schichtdienst, also Freitagnacht, Samstagnacht.
Und dann gab es die Geschichten aus Schulen von den Kindern, dass man auf dem Schulweg aufpassen muss, auf wen man trifft. Oder dass Pausenhöfe keine sicheren Orte sind, dass es dort zu Gewalthandlungen kommt oder auch im Juristendeutsch zu Raubüberfällen. Dass man aufpassen muss als Kind, was man bei sich trägt und was man vielleicht am Ende des Tages nicht mehr hat. Genau diese Schilderungen haben mir gezeigt, das ist ein Thema der sozialen Gerechtigkeit. Was früher die Teilhabe am wirtschaftlichen Erfolg war, ist jetzt die Teilhabe am öffentlichen Leben. Nur wer sein Leben frei und unbeschwert leben kann, für den gilt auch das Aufstiegsversprechen. Wenn man nicht sicher in der Schule lernen kann und wenn man nicht das Gefühl hat, dass man sicher seiner Arbeit nachgehen kann, tangiert das das Aufstiegsversprechen und damit die soziale Gerechtigkeit.
Bei Umfragen zeigt sich, dass sich viele Sorgen machen um die innere Sicherheit im Lande und um ihre eigene. Das sei aber eher eine Sache von Gefühlen, so wird oft beruhigt. Sehen Sie die durch Fakten belegt?
Also erstmal muss ich sagen, Gefühle sind ja immer auch Ausdruck von Prioritäten. Selbst wenn es früher schon Probleme mit Kriminalität gegeben hat, aber daneben andere drängende Probleme, Existenzsorgen, hat man sich vielleicht weniger damit beschäftigt. Selbst wenn es keine maßgebliche Veränderung geben sollte, ist es völlig berechtigt, diesen Gefühlen nachzugehen. Wenn man gerne sicherer leben möchte, dann bringt es nichts, wenn man sagt, ja, früher gab es auch schon Kriminalität. Das stimmt natürlich. Auch als ich zur Schule gegangen bin in den 90er Jahren, hat es sehr viel Kriminalität gegeben, gerade an den Schulen. Damals gab es auch noch viele Eltern, die gesagt haben, ja, das ist halt so. Und viele Lehrer haben gesagt, wir holen hier nicht die Polizei. Das schadet dem Ruf der Schule. Heute verschiebt sich im Bereich Schulkriminalität durchaus etwas vom Dunkelfeld ins Hellfeld der Kriminalstatistik. Ich sage aber trotzdem, niemandem ist geholfen, wenn jetzt ein Kind traumatisiert nach Hause kommt und man ihm sagt, das hat es früher auch schon gegeben.
Ansonsten glaube ich, es ist tatsächlich nicht nur ein Gefühl, auch rein objektiv gibt es Deliktarten, die gestiegen sind. Ich weiß zwar, dass es einen allgemeinen Abwärtstrend gibt in der Gesamtkriminalität. Zum Beispiel durch Effekte wie die Legalisierung von Cannabis. Und es gibt auch wieder Verschiebungen vom Hellfeld ins Dunkelfeld. In der guten Gegend, wo das erste Graffiti an der Hauswand ist, wird man das schon allein aus Versicherungsgründen zur Anzeige bringen. Beim elften Graffiti an der Häuserwand in der schlechteren Gegend wird der Eigentümer sagen: Egal, die Wand wird in zwei Monaten sowieso gestrichen. Jetzt rufe ich nicht extra die Polizei. Also hat man gerade in den problematischen Gegenden eine Verschiebung vom Hell- ins Dunkelfeld. Ganz sicher ist bei Gewaltdelikten auf Bahnhöfen oder eben beim Thema Kriminalität an Schulen oder bei Sexualdelikten eine Steigerung zu verzeichnen. Dann hilft es nicht zu sagen, dass die Gesamtkriminalität im einstelligen Prozentbereich gesunken sei.
„Für mich hat der Staat sowieso nur drei wichtige Aufgaben. Das sind die innere Sicherheit, die äußere Sicherheit und die Wahrung des Aufstiegsversprechens.“
Das Gewaltmonopol des Staates ist ja eine Art Vertrag: Ich verzichte darauf, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen, zahle Steuern, damit der Staat meine Unversehrtheit, mein Eigentum sichert. Gilt der Vertrag noch?
Der Vertrag ist da, aber er wird schlecht erfüllt. Ich bin der Meinung, man zahlt zu viel für zu wenig Leistung. Entweder müsste man für das, was geleistet wird, deutlich weniger zahlen oder für das, was man zahlt, sollte man eigentlich deutlich mehr bekommen. Was nicht heißt, dass wir nicht trotzdem durchaus gut leben. Wir sitzen hier auch gerade draußen und führen dieses Interview und tun das in Sicherheit. Ich will Deutschland nicht schlechter reden, als es ist. Sonst wäre ich auch nicht mehr hier, glaube aber trotzdem, dass für das, was wir ausgeben, einfach tatsächlich mehr möglich wäre und dass es so nicht weitergehen kann. Ich habe ja auch, wenn ich es kurz anmerken darf, ein Vorgänger-Buch geschrieben, wo es um den ausufernden Staat ging, also um den Staat, der viel zu viel nimmt für das, was er leistet. Im Grunde ist das jetzt die logische Fortführung.
Halten Sie Sicherheit für die wichtigste Aufgabe des Staates, noch vor Umverteilung durch Steuern, Bildungsfinanzierung, Sozialtransfers?
Für mich hat der Staat sowieso nur drei wichtige Aufgaben. Das sind die innere Sicherheit, die äußere Sicherheit und die Wahrung des Aufstiegsversprechens. Das ist für mich auch der wesentliche Teil der sozialen Gerechtigkeit, nämlich, dass man bei Kindern und Jugendlichen darauf achtet, dass sie mit den gleichen Chancen ins Leben starten. Bei ausufernder Umverteilung an Erwachsene bin ich dagegen sehr skeptisch. Ich persönlich glaube, dass eine deutlich geringere Steuerlast mehr Kräfte entfesseln würde und dass der Staat sich darauf konzentrieren sollte, dass man sicher lebt und dass man mit vernünftigen Chancen ins Leben startet.
Wer es sich leisten kann, sorgt halt doch wieder selber für die eigene Sicherheit. Zieht in die Wohnanlage mit extra Wachschutz, schickt die Kinder auf die Privatschule. Wer Sicherheit politisch gering schätzt, handelt der letzten Endes unsozial?
Das ist tatsächlich genau meine Aussage. Sicherheit ist sozial. Mangelnde Sicherheit ist somit unsozial, letztendlich eine Form von Ungleichheit. Grundsätzlich bin ich ja gar nicht gegen Ungleichheit, weil Ungleichheit immer das logische Ergebnis von Freiheit ist. Wenn von zwei Menschen der eine sagt, ich möchte den ganzen Tag trainieren und der andere sagt, ich möchte gerne den ganzen Tag in der Sonne liegen, dann wird am Ende der eine sehr durchtrainiert sein und der andere sehr braun. Grundsätzlich kann jeder mit seinem Leben anfangen, was er möchte, aber es muss eine gewisse Chancengerechtigkeit da sein. Dass die Wohngegend nicht darüber entscheidet, ob man frei seine Ideen umsetzen kann.
Der Titel Ihres Buches, „Der Preis unserer Toleranz“, klingt nach einem Problem. Was ist der Kern? Stetig schwindendes Rechtsbewusstsein allgemein? Überforderte Polizei konkret? Am Ende zu milde Richter?
Der Gewaltmonopolist Staat fragt sich nicht oft genug, wie er seine Dienstleistung an die geänderte Lage anpassen kann. Es ist ja bei weitem nicht so, dass wir mit allgemeiner völliger Unsicherheit zu tun hätten, sondern große Teile Deutschlands sind sehr sicher. Womit wir aber zum Beispiel ein gewaltiges Problem haben, sind Wiederholungstäter. Aus irgendeinem Grund ist es in diesem Land möglich, dass es Intensivtäter mit 200 oder 300 Straftaten gibt. Die Wahrscheinlichkeit, einem solchen Intensivtäter zum Opfer zu fallen, ist natürlich nicht allzu groß bei über 83 Millionen Menschen. Trotzdem sage ich, dass es nicht sein kann, dass ein Staat einem einzigen Menschen erlaubt, 300 Menschen zu Opfern zu machen. Der Staat kann uns nicht vor allem schützen, muss er auch gar nicht. Kriminalität ist ein allgemeines Lebensrisiko. Aber ich sage, jeder Mensch, der einem Wiederholungstäter zum Opfer fällt, ist auch Opfer des Staates. Opfer eines Dienstleisters, den er bezahlt hat und der diese Dienstleistung nicht erbracht hat.
Ich weiß, das ist ein sehr, sehr umstrittenes Feld. Aber wenn ich zum Beispiel einen gewaltbereiten 13-jährigen wieder laufen lasse, weil er strafunmündig ist, obwohl ich weiß, der wird wahrscheinlich in den nächsten Tagen wieder jemanden ausrauben, dann verstehe ich zwar, dass man sagt, wir möchten keine Kinder im Gefängnis sehen. Auf der anderen Seite, wenn der dann wirklich zwei Tage später jemanden ausraubt und diese Person danach Monate oder Jahre in Therapie verbringt, dann ist diese Person eben auch Opfer des Staates. Ich möchte mit meinem Buch darauf hinweisen, dass hier eine erhöhte Schutzpflicht besteht und dass das nicht sein darf.
„Überwachung trifft überwiegend die Falschen und löst das Problem nicht.“
Sie schreiben, die Sicherheit der Bürger sollte Vorrang haben vor der Freiheit der Täter. Das gilt in weiten Teilen der politischen Landschaft als konservative Law-and-Order-Strategie. Wollen Sie den starken Staat, der überall Kameras aufhängt, das Internet überwacht und schon jede womöglich strafbare Äußerung hart verfolgt?
Überhaupt nicht. Deshalb habe ich mich auch sehr stark auf die Wiederholungstäter fokussiert. Um Ersttäter ging es mir in meinem ganzen Buch eigentlich fast gar nicht. Es gibt immer Menschen, die teilweise aus fehlender Erfahrung dumme Dinge tun und sie werden wahrscheinlich auch noch in vielen Jahrhunderten dumme Dinge tun. Manchmal ist das tragisch, was daraus resultiert. Wahrscheinlich ist das einfach der Lauf des Lebens. Aber wenn sich jemand deutlich gegen das Recht gestellt hat, muss eine Gesellschaft das Recht haben, sich zu wehren. Wir haben dem Staat dieses Gewaltmonopol übertragen. Das bedeutet, wir dürfen uns nicht selber wehren. Wir können nicht sagen, diese Person hat jetzt hier 100 Straftaten begangen, wir sperren die einfach selbst in den Keller, weil uns das Risiko zu groß ist. Wir müssen auf den Staat vertrauen. Und deswegen muss der Staat auch die Gesetze bereithalten, die es ermöglichen, solche tatsächlich gefährlichen Menschen von der Bevölkerung fernzuhalten.
Der häufig gehörten Behauptung, wir können das eindämmen, indem wir überall Videokameras aufstellen, der folgen Sie wahrscheinlich nicht.
Überhaupt nicht, weil eine Videokamera letztendlich nur Dokumentation betreibt. Ich kann die auswerten, um einen Tatverlauf zu rekonstruieren. Ich kann sie als Beweismittel verwenden. Sowohl be- als auch entlastend. Ich will damit nicht sagen, dass an ganz bestimmten Orten Videokameras nicht durchaus nützlich sein können. Das muss man immer abwägen. Ich glaube aber nicht, dass jede Wohnstraße mit Videokameras ausgestattet sein sollte. An großen Bahnhöfen macht das durchaus Sinn. Aber Überwachung trifft überwiegend die Falschen und löst das Problem nicht.
Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom Motto „aus Worten werden Taten“, wonach man schon Beleidigungen im Internet verfolgen muss, weil sie womöglich zu Straftaten führen können?
Das ist nicht mein Ansatz. Grundsätzlich gilt das Recht natürlich auch im Internet. Ich will jetzt tatsächlich nicht jeden pauschal in eine Ecke stellen, der eine Beleidigung oder Bedrohung im Internet anzeigt. Mir ist es aber sehr suspekt, wenn Spitzenpolitiker das machen. Gerade wenn sie es nicht selber machen, sondern Personal das Internet durchforstet, um hundertfach Anzeigen zu stellen. Wenn ein Kommunalpolitiker stumpf beleidigt oder bedroht wird, kann ich nachvollziehen, dass der sich eine Strafverfolgung wünscht. Ich glaube, das ist auch gesund und richtig. Aber Bundespolitiker, die hundertfach Anzeigen stellen, sind aus meiner Sicht lächerlich.
Gibt es Gerichtsurteile bei ganz realen Gewalttaten, die Sie als besonders unangemessen empfunden haben? Gerade aus Sicht des ehemaligen Polizisten und Ermittlers?
Davon gibt es so viele, dass ich Mühe habe, etwas Konkretes herauszugreifen, weil ich inzwischen sagen würde, dass in jeder Zeitung jeden Tag solche Urteile zu finden sind. Die Krönung war wahrscheinlich der erschossene Polizist aus Rheinland-Pfalz, wo es dann am 1. April dieses Jahres einen Freispruch gab vom Tatvorwurf des Mordes. Der Täter wurde wegen des Raubes verurteilt und dann quasi eine Angstsituation im Rahmen der Verfolgung angenommen. Das ist schon ein sehr täterfreundliches Urteil. Eine Justiz, die solche Urteile spricht, die entfremdet sich von der Bevölkerung. Das ist ein krasses Beispiel, aber es gibt auch zahlreiche andere. Wenn man sich anschaut, wie viele Gewaltdelikte es gibt, wo die Geschädigten sagen, dass sie bis heute darunter leiden und Gerichte trotzdem nur Bewährungsstrafen ausgesprochen haben. Für den Täter gab es also keine fühlbare Konsequenz. Da muss ich gar keine Beispiele nennen, weil das der Regelfall ist.
Wenn ich hier auf der Straße jetzt jemanden niederschlage, selbst wenn der drei oder vier Zähne verliert, selbst wenn er noch zwei oder drei Jahre in psychotherapeutischer Behandlung ist, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass ich dafür ins Gefängnis komme. Ich verstehe auch den Ansatz dahinter. Natürlich sind Gefängnisse teuer, und sie senken die Resozialisierungschancen. Aber es ist für die Geschädigten ein Schlag ins Gesicht, weil es kaum eine Tat gibt, die einen wirklich ins Gefängnis bringt.
„Wenn eine Tat das Leben einer Person so stark verändert hat oder möglicherweise sogar die Wahrnehmung der Gesellschaft tangiert hat, dann ist es nötig, den Täter härter zu bestrafen.“
Weil vor Gericht weniger Opferperspektive oder Rechtsempfinden eine Rolle spielt, sondern vor allem auf den Täter geschaut wird?
Es gibt ja durchaus Gründe dafür, dass das so ist. Die Justiz hat den Auftrag, sich mit dem Täter zu beschäftigen. Die Staatsanwaltschaft klagt an, es ist ein Verfahren des Staates und der Mensch, der dort den Schaden erlitten hat, darf als Zeuge auftreten. Aber im Grunde beschäftigt sich die Justiz mit der Schuld des Täters. Das ist allein schon eine Quelle dieser Täterzentrierung. Ansonsten sagt der Staat, durchaus zu Recht, Gefängnisse sind die Universitäten des Verbrechens. Gefängnisse dienen nicht unbedingt der Resozialisierung. Es kostet uns Geld und deswegen ist die Bewährungsstrafe sinnvoll.
Was dabei vergessen wird, ist das Bedürfnis nach Seelenfrieden beim Geschädigten und bei der Bevölkerung. Das ist aus meiner Sicht der entscheidende Aspekt, der höher gewichtet werden muss. Wenn eine Tat das Leben einer Person so stark verändert hat oder möglicherweise sogar die Wahrnehmung der Gesellschaft tangiert hat, dann ist es nötig, den Täter härter zu bestrafen, auch wenn es teurer ist, auch wenn das möglicherweise nicht zielführend ist. Das heißt nicht, dass man grundsätzlich härter straft, dass man einfach nur pauschal sagt, der Autodieb kriegt jetzt eine doppelt so hohe Strafe. Es geht nicht darum, allgemein die Strafrahmen zu verschieben, aber wenn eine Tat das Gerechtigkeitsempfinden erschüttert hat, muss die Wiederherstellung des Rechtsfriedens stärker berücksichtigt werden als pragmatische und ökonomische Aspekte.
Es gab in Berlin das Neuköllner Modell der Jugendrichterin Kirsten Heisig mit beschleunigten Verfahren und klaren Strafen, um jugendliche Täter möglichst vor einer kriminellen Karriere zu stoppen. Seit ihrem Tod 2010 ist davon nicht mehr viel zu hören. Wird ihr Ansatz noch verfolgt?
Der Ansatz wird noch verfolgt, aber nicht bundesweit. Im Erwachsenenstrafrecht wird er gar nicht verfolgt. Ich schlage im Buch explizit vor, die Macht der Geschwindigkeit viel stärker zu nutzen. Aus meiner Sicht wäre es auch bei vielen Erwachsenen hilfreich, gerade bei einfach zu ermittelnden Delikten. Wenn ein komplexes Betrugsverfahren erst nach einem halben Jahr oder nach einem Jahr zu einer Anklage führt, ist das noch nachvollziehbar. Aber wenn ich jetzt einen Ladendieb habe, einen notorischen Ladendieb, also einen Wiederholungstäter, dann verstehe ich nicht, warum es nicht möglich ist, eine Woche später eine Gerichtsverhandlung anzusetzen. Theoretisch ist es ja sogar möglich, wenn man einen entsprechenden Antrag stellt. Passiert aktuell aber nur in seltenen Ausnahmefällen, bei Wohnsitzlosen oder bei Tätern aus dem Ausland.
Dabei hat man in dem Fall meist eine Tat, die quasi schon ausermittelt ist. Ich habe eine Videoaufnahme. Ich habe einen schriftlichen Kurzbericht vom Ladendieb, möglicherweise sogar einen geständigen Täter. Damit habe ich alles in der Akte, was ich brauche. Diese Akte kann im Grunde direkt zum Gericht geschickt werden. Wenn man ins Guinness Buch der Rekorde wollte, wäre es theoretisch möglich, so eine Straftat drei Stunden nach der Tat vor Gericht zu verhandeln. Das ist jetzt vielleicht nicht nötig. Aber grundsätzlich wäre das möglich, wenn man dafür Staatsanwalt oder Richter bereithalten würde. Dann könnte man bei solchen Fällen, wo alle Beweise vorhanden sind, den Täter im Grunde direkt von der Wache in den Gerichtssaal fahren. Das wäre sogar fair gegenüber dem Täter. Gerade für Ersttäter, weil sie nicht monatelang darüber nachdenken müssen, was wird denn aus dem Verfahren? Ich habe die Tat zugegeben, es gibt eine Videoaufnahme, eine Zeugenaussage liegt vor und ich bekomme noch am gleichen Tag einen Urteilsspruch vom Richter.
Das klingt erstmal utopisch. Aber man kann sich ja mal anschauen, wie in der Wirtschaft agiert wird. Amazon zum Beispiel überlegt, wie es möglich ist, schon am gleichen Tag zu liefern. Eine Idee ist, wenn sich jemand dreimal ein Produkt anschaut, dann ist die Chance sehr hoch, dass der Kunde das kaufen will und Amazon schickt es schon los. Bei den wenigen, die dann doch nicht kaufen, wird das auf dem gleichen Versandweg wieder zurückgeleitet. Der Kunde merkt das gar nicht. Aber wenn er sich tatsächlich so verhält wie prognostiziert, dann kommt plötzlich das Paket schon eine Stunde nach der Bestellung an. Das lässt sich nicht vergleichen, aber solche Ideen, Dinge zu beschleunigen, die existieren ja in der Wirtschaft. Ich würde mich freuen, wenn auch der Staat solche Ideen angehen würde und tatsächlich als Pilotprojekt ausprobiert. Von der Wache in den Gerichtssaal.
Das klingt jetzt nicht so, als ob wir unbedingt 10.000 Polizisten mehr brauchen oder 2000 Staatsanwälte mehr, dass da wahnsinnig viel mehr Geld reingepumpt werden muss.
Genauso ist es. Berlin beschäftigt sowieso mehr Polizisten als New York City pro Einwohner. Aus meiner Sicht ist es kein Personalproblem, sondern eine Frage des Willens, eine Frage der Priorisierung und vor allem eine Frage des Umgangs mit Wiederholungstätern. Einfach nur mehr Personal fällt für mich in die gleiche Kategorie wie einfach nur mehr Videokameras. Immer nur mehr Ressourcen zu fordern in einem sowieso schon teuren Staat, ist erkennbar keine Lösung.
„Obwohl ich ein großer Verfechter der Freiheit bin, bin ich nicht der Meinung, dass Scheiben in der Bahn zu zerkratzen ein Ausdruck persönlicher Freiheit ist.“
Ich nehme an, dass Ihnen viele zustimmen werden und einen Verfall der inneren Sicherheit mit beklagen. Allerdings nehmen Sie auch alle in die Pflicht, selber etwas zu tun. Was wäre das?
Der einzelne Bürger kann vor allem Taten vom Dunkel- ins Hellfeld verschieben. Das bedeutet, dass man sich mit gewissen Zuständen eben nicht abfindet. Wenn sich irgendwo ein Kriminalitäts-Hotspot entwickelt, dann deswegen, weil es geduldet wird. Wenn jeder, der Verwahrlosung wahrnimmt, das meldet, dann wird sich das gar nicht erst in diese Richtung entwickeln. Es gibt bloß irgendwann immer diesen Punkt, an dem es akzeptiert wird, wo die Verschiebung vom Hellfeld ins Dunkelfeld einsetzt. So gut wie niemand ruft am Kottbusser Tor die Polizei, wenn er einen Drogendealer sieht. Ich könnte mir gut vorstellen, wenn am Bahnhof Zehlendorf ein Drogendealer beobachtet wird, wo das vielleicht seit Jahren nicht der Fall war, dass möglicherweise ein Bürger die Polizei rufen würde. Dann würde eine Streife kommen, würden vermutlich diese Personen dort wieder verschwinden. Das ist auch wichtig, um politischen Druck aufzubauen. Wenn Taten bekannt sind, dann kann auch entsprechend gegengesteuert werden und dann muss auch gegengesteuert werden. Wenn die Dinge im Dunkelfeld verschwinden, kann sich die Politik immer hinter Statistiken verstecken und sagen, aber wir sehen hier doch gar nichts.
Härte schon bei Schwarzfahren oder bei beschmierten Scheiben in der Bahn gilt vielen als spießig oder gar reaktionär, nicht nur erklärten Anarchisten. Sie streben nichts weniger als einen Mentalitätswandel an. Ist das realistisch?
Ja, ich will den. Ob er realistisch ist, weiß ich nicht sicher. Ich glaube aber schon, dass es viele Menschen gibt, die diesen sicheren Rahmen bevorzugen würden. Das heißt ja auch nicht, dass es keine Freiheiten gibt. Obwohl ich ein großer Verfechter der Freiheit bin, bin ich nicht der Meinung, dass Scheiben in der Bahn zu zerkratzen ein Ausdruck persönlicher Freiheit ist. Denn ich nehme damit anderen Menschen die Freiheit, unbeschwert durch diese Scheiben nach draußen gucken zu können und die Landschaft zu genießen. Ich glaube schon, dass das konsensfähig sein kann.
Was, wenn nicht?
Wenn der Mentalitätswandel nicht gelingt, dann schafft das aus meiner Sicht den Nährboden für weitere Delikte. Ich weiß zwar, dass die Broken-Windows-Theorie durchaus wissenschaftlich umstritten ist, wonach ein zerschlagenes Fenster weitere Zerstörung nach sich ziehen wird. Ich kann aber aus meiner eigenen, auch polizeilichen Erfahrung sagen, wenn es einen Ort gibt, an dem es üblich ist, dass dort unangenehme Personen rumlungern, dass es üblich ist, dass man von der Seite angepöbelt wird, dann wird das in den seltensten Fällen einen Polizeieinsatz auslösen. Sich damit abfinden, möglicherweise nicht mal mehr einen versuchten Raub anzuzeigen, weil ja nichts weggekommen ist, heißt aber, nichts kann sich bessern, es wird eher noch schlimmer werden. Womit wir wieder bei der Frage der sozialen Gerechtigkeit wären. Wer sich die besseren Wohnviertel leisten kann und die besseren Schulen, bekommt einen Startvorteil vor denen, die damit klarkommen müssen, in einer schlechten Gegend zu wohnen. Das ist genau der soziale Aspekt, den ich versuche, mit diesem Buch näher zu bringen.
Das Interview führte Gerd Dehnel.